Hersteller_ProjectSAM Software
Test
10
20.09.2013

Praxis

Stories statt Multis

Viele Libraries, die NI Kontakt als Sample-Player verwenden, bieten von Haus aus Multi-Programme an, die einzelne Teile der entsprechenden Library kombinieren, sie über der Klaviatur des Masterkeyboards verteilen und zum Teil natürlich auch layern. Solche Zusammenstellungen finden sich beispielsweise auch in Symphobia. Für Lumina hat der Hersteller dieses Konzept jedoch neu durchdacht und mit den sogenannten Stories echte Patches kreiert, die selbst wiederum mehrere Einzelpatches der Library beinhalten.

Dies bietet mehrere Vorteile: Ein dicker Pluspunkt der Stories ist die übersichtlichere Benutzeroberfläche. Man jongliert nicht mehr mit vielen einzelnen Programmen, die für sich wiederum eine Vielzahl an eigenen Parametern anbieten, sondern kann alle Einstellungen (wie beispielsweise das Laden und Entladen von Bestandteilen) bequem über ein einzelnes Interface erledigen. Der größte Vorteil ist meiner Ansicht nach die Integration von Keyswitches. So können einzelne Bestandteile über eine ansonsten unbelegte Taste auf dem Masterkeyboard aktiviert oder deaktiviert werden, was ein schnelles Umschalten zwischen Orchestrierungen direkt am Instrument ermöglicht. Eigene Multi-Programme können natürlich trotzdem nach wie vor erzeugt werden.  

Im folgenden Beispiel wurde ausschließlich eine der in Version 1.1 sechzehn vorhandenen Stories verwendet, die jeweils bis zu sieben einzelne Patches in sich vereinen. In diesem Fall fiel die Wahl auf einen nicht ganz so umfangreichen Vertreter, der sich Majestic nennt und ein einzelnes Chor- und Orchester Patch mit einigen Percussion-Samples und einem auf den tieferen Tönen gelayerten Subbass-Synth vereint. Letzterer ist übrigens nicht als einzelnes Programm in der Library zu finden und bildet damit eine Ausnahme. In der zweiten Version des Beispiels wird die Dynamik über das Modulationsrad bzw. den dazugehörigen MIDI-Parameter gesteuert, und wie man hört, ändert sich damit nicht nur die Klangfarbe sondern auch die Orchestrierung. 

Vor allem für das Erstellen von Skizzen ist diese neu erdachte Form des Multi-Programms das Mittel der Wahl, und da ProjectSAM die Anzahl der Stories schon mit dem letzten Update auf Version 1.1 verdoppelt hat, darf man gespannt sein, ob in dieser Hinsicht noch etwas nachkommt. 

Playable Instruments 

Die einzeln spielbaren Kontakt-Patches aus der Kategorie Playable Instruments tatsächlich als Einzelinstrumente zu bezeichnen, würde in einigen Fällen wie ein deutliches Understatement wirken. Ein nicht unbeträchtlicher Anteil der insgesamt 25 Programme, die in diesem Bereich zu finden sind, kombiniert mehrere Instrumentengruppen in sich, und an solchen Orchestrierungen lässt sich aufgrund der Tatsache, dass es sich um fest stehende Samples handelt, natürlich auch nicht mehr viel ändern – von der oben beschriebenen Möglichkeit, über die Dynamik zu arbeiten und die Instrumentierung auf diesem Weg anzudicken, einmal abgesehen. Davon, dies als Minuspunkt zu bezeichnen, würde ich persönlichen aber absehen, denn hier handelt es sich schlicht und einfach um eine Facette des ProjectSAM-Konzepts.

Neben der bereits verwendeten Kombination aus Chor und Orchester sind hier einige sehr gut funktionierende Zusammenstellungen wie zum Beispiel Piano, Harfe und Vibraphon, Piano und gezupfter Kontrabass oder auch ein spezielleres Unisono aus Streichern, Harfe, Vibraphon und Celesta (ausschließlich in Tremolo- und Triller-Artikulation) zu finden. Als eines der Aushängeschilder der Library ist der Chor auch in einer Variante ohne Orchester und sogar einer höheren und leichter wirkenden Version vorhanden, in der sechs Sopranistinnen einen Elfenchor mimen. Die Sängerinnen sind laut ProjectSAM eindeutig Menschen aus Fleisch und Blut, gemessen am Höreindruck könnte es sich aber durchaus auch um echte Elfen handeln! Die gesungenen Silben sind für alle Chor-Programme auf ein „Uuh“ und ein „Aah“ beschränkt. Zum Umschalten zwischen solchen Artikulationen kann man (auch bei den meisten anderen Programmen) entweder die Anschlagdynamik oder das Modwheel wählen, wodurch die Dynamik vom jeweils anderen Parameter kontrolliert wird. Pro Patch sind bis zu vier Velocity-Layers und vier Round-Robin-Samples vorhanden. 

Echte Einzelinstrumente sind unter den Playable Instruments jedoch ebenfalls zu finden. So ist ein Solo-Kontrabass vorhanden, der in gezupfter, gestrichener und Flageolett-Artikulation gespielt werden kann, und dem man über separate Slaps und Slides realistische Nebengeräusche verpassen kann. Eine keltische Harfe schlägt in getrennten Varianten für Akkorde und Einzeltöne klar in die Kerbe des Fantasy-Genres, und auch in den Programmen für Streich- und Holzblasquartett lassen sich bei Bedarf die Einzelinstrumente ansteuern. Sogar ein Glockenturm, der über fünf Oktaven umschließt und sich nicht nur als interessante Alternative zu Tubular Bells verwenden lässt, wurde aufgenommen, und wenn es jemals eine Rekord-Disziplin für das größte gesampelte Instrument geben sollte, dann stehen die Chancen für ProjectSAM nicht schlecht. 

In Sachen Percussion ist die Ausstattung (ähnlich wie bei Symphobia) sehr grundlegend gehalten, und außer einer im Tiefbass sehr mächtigen Gran Cassa und Becken bzw. Chimes ist hier nicht viel zu finden – die komplett spielbare Celesta, die ebenfalls unter Percussion eingeordnet wird, einmal ausgeklammert. Der Grund ist genauso einfach wie verständlich: Da ProjectSAM mit den beiden Teilen von True Strike zwei Spezialisten für Orchester- und World-Percussion im Angebot hat, soll hier der Kaufreiz nicht gemildert werden. 

Im folgenden Beispiel wurden die Akkorde der mit der Story skizzierten Idee dem separaten Orchestra & Choir Patch zugewiesen, um die Basstöne von der Dynamikbearbeitung auszuschließen und somit das Fundament stabiler zu halten. Weiterhin kommen der oben gehörte Chor aus dem Einzelpatch, die angesprochene Kombination aus Streichern, Harfe, Vibraphon und Celesta in Triller- und Tremolo-Artikulation sowie separate Percussion-Instrumente inklusive Glockenturm dazu.  

Textures and Gestures

In der Kategorie der Textures and Gestures zeigt die Lumina-Library ihr wahres Gesicht. Eine auf den ersten Blick endlos wirkende Auswahl an hervorragend arrangierten und zum Teil äußerst komplexen Orchester-Texturen steht hier zum Abruf bereit und verleiht dem Anwender die Möglichkeit, mit nur wenigen MIDI-Noten komplette Filmszenen zu untermalen. Seit Version 1.1 kann man alternativ zu den echten Tutti-Aufnahmen sogar einzelne Bestandteile vieler Textures isolieren, die für das Update neu aufgenommen wurden. Das steigert die Flexibilität natürlich in erheblichem Maß.

Hier erwachen definitiv Erinnerungen an die komplexeren Patches von Spectrasonics Omnisphere – mit dem Unterschied, dass es sich im Falle von Lumina um Harmonien, Glissandi, rhythmische Motive und zum Teil auch atonale Effekte handelt, die von echten Orchestermusikern eingespielt wurden. In vielen Fällen sind sogar melodische Fragmente zu hören. Bei dem Gedanken, dass hierfür zweifelsfrei echte Arrangements geschrieben und an die Musiker verteilt wurden, erscheint der Gedanke, solche Samples einzusetzen, fast ein wenig so, als hätte man die Rechte an einer kleinen Komposition erworben, würde diese über einen Film ablaufen lassen, und sich dann auch noch als Komponist bezeichnen wollen. Unter dem Strich steht aber wohl, dass sich ein professionell denkender Filmkomponist, der wie immer unter Zeitdruck steht, derlei Fragen zur Künstlermoral kaum stellen wird. Vor allem wird er sich darüber freuen, mit den Textures and Gestures in so kurzer Zeit ein so gut klingendes Ergebnis erreichen zu können. 

Gerade im Fall vieler Textures & Gestures bietet es sich an, die auf der Elements-Seite beheimatete Attack/Release-Hüllkurve einzusetzen, um Fade-ins und Fade-outs liegender Harmonien auch ohne viele MIDI-Parameter zu bearbeiten. Von allen Patches gibt es zudem Versionen, die in einer separaten Kategorie namens Speed Control zu finden sind und sich über den Time-Stretch Algorithmus von Kontakt im Tempo an die eigenen Bedürfnisse anpassen lassen. Eine Orientierung an der Tempospur des Projekts, so wie sie noch in Version 1.01 für einige Textures möglich war, wurde zugunsten des einfacheren Speed-Parameters mit dem Update auf Lumina 1.1 wieder verworfen.

Legato Soloists

Ein seit längerem angesagter Trend im virtuellen Orchestergraben ist die Verwendung von Legato-Samples. Es werden also nicht nur einzelne Töne aufgenommen, sondern auch die Übergänge dazwischen, was im Falle von Solo-Stimmen für ein weit realistischeres und gebundener wirkendes Ergebnis sorgen kann. Konnte man in Symphobia 2 noch unisono spielende Legato-Ensembles bestaunen, legt Lumina den Schwerpunkt in diesem Bereich ausnahmsweise tatsächlich auf Einzelinstrumente, und vor allem die Holzbläser werden hier gefeatured. Neben Alt-Flöte, Oboe, Klarinette und Fagott finden sich verschieden hohe Blockflöten und eine Tin Whistle. Eine Sopranistin und eine einsame Trompete sind hier die einzigen Patches, die ein wenig aus dem Rahmen fallen. Außergewöhnlich ist, dass es für die Legato-Solisten jeweils zwei verwendbare Spielweisen gibt. Größtenteils handelt es sich dabei um eine Staccato-Artikulation, die als Endpunkt einer Legato-Phrase verwendet werden kann.

Wie die meisten Lumina Samples wurden auch die Textures and Gestures aus drei Mikrofonpositionen heraus aufgenommen, deren einzelne Lautstärken sich über einen kleinen Mixer auf der Benutzeroberfläche oder auch über einen darunter liegenden Quick-Control artigen Schieberegler steuern lassen. So kann man mit nur einem Bedienelement stufenlos zwischen Nahabnahme und breitem Raumklang hin und her faden, wobei einzelne Mikrofonpositionen natürlich bei Bedarf entladen werden können, um Arbeitsspeicher zu sparen. Zusätzlich hat jedes Programm einen Faltungshall an Bord, der über einen einzelnen Drehregler ohne zusätzliche Parameter dazugefahren wird, wunderschön klingt, beim gleichzeitigen Verwenden von vielen Instrumenten aber gerne zum Performance-Fresser wird und in solchen Fällen am besten abgeschaltet wird. Selbstverständlich ist NI Kontakt in der Lage, mehrere Mixer-Kanäle einer DAW mit separaten Signalen zu beschicken, und von diesem Punkt aus mit einem einzelnen Effekt-Send zu arbeiten, ist in umfangreichen Projekten natürlich wesentlich ökonomischer.

Im folgenden Beispiel wurde eine der bereits verwendeten Textures and Gestures mit der eben gehörten Melodie versehen, die zugegebenermaßen einer allseits bekannten und epischen Fantasy-Saga entlehnt ist. Alt-Flöte und Tin Whistle teilen sich das Motiv, worauf Oboe, Fagott und Trompete kurz zusammen einsetzen. Ein leider klarer Kritikpunkt an den Legato Soloists ist, dass die Sample-Startpunkte einzelner Töne zum Teil sehr unterschiedlich sind, und eine Phrase, deren Midi-Noten man mit Mühe so hingerückt hat, dass sie überzeugend klingt, auf einem anderen Legato-Instrument aufgrund von unregelmäßig  einsetzenden Samples oft nicht mehr stimmig wirkt. Insgesamt liegt die Stärke der Legato Soloists in Lumina bei schwebenden Melodiebögen, die nicht zu schnelle Tonfolgen beinhalten. In Sachen Dynamik könnten die Sounds ebenfalls etwas flexibler sein.

Dystopia

Einen Bereich namens Dystopia findet man in den meisten Libraries von ProjectSAM, und in der Regel zeichnet dieser sich dadurch aus, Samples aus der Haupt-Library zu verwenden, die aber erheblichem Sound Design unterzogen wurden. In Lumina finden sich zusätzlich aber auch vergleichsweise viele Sounds, die nicht aus einer der bisher veröffentlichten Libraries stammen, und dabei handelt es sich vor allem um stark bearbeitete Gitarren-Sounds. Die üblichen perkussiven Klänge oder schwebenden Klanglandschaften sind natürlich trotzdem auch wieder mit an Bord, und mit dem sogenannten Vintage Orchestra wurden sogar einige der Lumina-Samples in das klangliche Gewand eines Mellotrons gesteckt.  

Die Dystopia-Instrumente bieten aufgrund ihrer synthetischen Natur zwar keine alternativen Artikulationen oder mehrere Mikrofonpositionen, das Modulationsrad kann stattdessen aber genutzt werden, um ein Low- bzw. High-Pass Filter zu steuern. Ein Sättigungsalgorithmus, Hall und Stereo-Breite sind ebenfalls vorhanden, und weiteren Effekten im DAW-Mixer steht natürlich nichts im Wege.

Um den Testbericht abzuschließen, habe ich die bisher erzeugten Einzelteile zu einem kleinen Demo-Soundtrack zusammengesetzt, der von mehreren gelayerten Dystopia-Sounds beendet wird. Abgesehen vom internen EQ (nur Glockenturm) und ein wenig Limiting auf der Summe wurden keinerlei weitere Effekte verwendet.

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