Hersteller_Presonus DAW Software
Test
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25.02.2012

PRAXIS

Meine Test-Version lade ich aus dem Netz herunter. Ich habe fast den Eindruck, als würde der frisch gefallene Schnee auf dem Gehweg über dem Telekom-Kabel durch die vielen Daten anfangen zu schmelzen, denn immerhin rattern durch die ganzen Libraries, die zum großen Paket gehören, hohe zweistellige Gigabytes an Daten in meinen Rechner. Die Zeit bis zum Start muss ich mir wohl anders vertreiben.

Nicht nur beim ersten Öffnen des Programms erscheint die “Start-Page”, von der sich viele andere Hersteller “inspirieren” lassen sollten. Diese versorgt einen mit allen wichtigen Informationen und Optionen. So kann man hier mit einem Klick aus den sonst in einem Menü verborgenen Recent-Files auswählen und wird über das aktuelle informiert. News-Feed und Tutorials gibt es hier ebenfalls im Schnellzugriff. Top, Leute, hier habt ihr echt mal nachgedacht! “Create New Song” hat zur Folge, dass ich auf einen sich öffnenden Main-Screen blicke, bei dem sich meine inneren Fragezeichen eigentlich im Rahmen halten. Offenbar wollten die Macher des Programms hier nicht das Rad neu erfinden (und direkt auch das Feuer und überhaupt gleich die ganze Welt), sondern haben sich an Bewährtem und Bekanntem orientiert. Die Icons, beispielsweise für die Werkzeuge, sind selbsterklärend. Und falls nicht, ist fast alles mit einer Roll-Over-Information und dem vergebenen Shortcut versehen. Nur Ableton machen es da mit seinem “Ich-erklär-dir-das-alles”-Fenster besser. Warum bei Studio One allerdings die Hilfe nicht auswählbar ist, wenn man die Settings geöffnet hat, verstehe ich nicht so ganz.

Ich versuche direkt, ob Drag-and-Drop so funktioniert wie versprochen und ein – ich hasse diesen abgelutschten Begriff eigentlich – „intuitives“ Bedienen möglich ist. Zunächst muss ich aber noch die Hardware einstellen. Kinderspiel. Songs beinhalten hier übrigens sogar ihre Hardware-Einstellungen – und verwerfen sie nicht, wenn dann doch einmal umgestellt werden musste! Ich kann also auf dem Laptop arbeiten, dann auf dem großen System, dort das Audiointerface wechseln, wieder zurück auf den Laptop, etwas bei einem Kollegen am anderen Ende der Welt bearbeiten lassen und hin und her und hin und her, ohne immer umständlich umschalten oder gar in der Session herumdoktern zu müssen. Danke dafür!

In den Settings kann ich gleich noch die “External Devices” einstellen und habe daher im Song meine MIDI-Synths mit Klarnamen. Zwar gibt es hier eine Presetliste, allerdings sollte sich Presonus für diese schämen, so löchrig, wie sie ist. Aber Manufacturer´s- und Device-IDs kann man sowieso nicht vergeben, die Sache mit den verfügbaren MIDI-Channels und den Receive-Modes bekommt man sicher auch so auf die Reihe. In den weiteren Presets – übrigens wie es sich gehört, klar verständlich nach Song- und Programm-Einstellungen unterteilt – findet man viele wesentliche Settings, allerdings nicht in dem Umfang, den man von Logic, Nuendo oder Pro Tools kennt. Die MIDI-Filter beschränken sich aber beispielsweise auf das, was man im Betrieb auch wirklich benötigt. Unter “Advanced” gibt es einen Settings-Bereich, vor dessen Betreten man erst per Belehrung über die dort lauernden Gefahren aufgeklärt wird und in welchen man erst nach Klick auf die Schaltfläche “I`ll be careful, I promise!” gelangt. Das ist nicht nur charmant, sondern auch richtig so, denn wie oft klicken User in der Hoffnung, ihr Problem dadurch zu lösen, wild in empfindlichen Voreinstellungen herum (mit eher homöopathischer Erfolgsquote).

Jetzt aber los: Ich arbeite wild drauflos und werde durch das mir neue Programm eigentlich kaum gebremst. Timesign, Tempo, Click-Funktionen, Audio-Routing, Monitoring, alles habe ich im Handumdrehen eingestellt. Ganz so, als würde ich schon lange mit dem Programm arbeiten. Das Erstellen neuer Tracks ist ein Leichtes oder kann einfach automatisch geschehen, wenn man Audiofiles, Instruments oder ihre Presets in den Arrangierbereich zieht. Selbst das Einbinden von ReWire-Slaves funktioniert 1A. So soll es sein! Einzig die Navigation im Song dürfte etwas üppiger sein, doch hat das mit Gewohnheiten zu tun: Ich kann ohne Lupen-Werkzeug kaum überleben. Positiv anmerken muss ich den Inspector-Bereich, welcher ganz im Geiste der alteingesessenen deutschen DAWs Informationen über den selektierten Track zeigt. Warum ich dort und im Mixer mit meinem Mauszeiger allerdings ein kleines Plus suchen muss, um Effekte oder Sends einzurichten, will mir nicht in den Sinn kommen. Was spricht dagegen, einfach in die leere Fläche einen Doppelklick machen zu können? Nichts, oder?

Das Bussystem funktioniert wie es soll, insbesondere was das Übernehmen von Benennungen angeht. Auch einfachere Gruppierungsfunktionen und sogar Folder-Tracks fehlen nicht, was das Arbeiten mit umfangreicheren Sessions vereinfacht. Punches und andere Recording-Notwendigkeiten finde ich schnell dort, wo ich sie erwarte. Außerdem funktionieren sie auf eine schnell zu verstehende Art und Weise.

Weil im Recording alles so nett und gut funktioniert, geht es schnell ans Editing. Im Eifer des Gefechts habe ich einen Knackser in einem Audio-Recording nicht bemerkt, aber der Take ist zu gut zum Wegschmeißen und nicht wiederholbar. Die übliche Vorgehensweise lautet wie folgt: Bis auf Sample-Ebene zoomen (je nach Programm ist das nur in einem Editor möglich), einen Stift zücken, den es bei eigentlich allen DAWs als Werkzeug gibt, und das oder die Samples von Hand korrigieren. Wenn es eine überschaubare Anzahl Clicks ist, ist diese Vorgehensweise effizienter und hochwertiger als mit De-Clicker-Plugins. Nach kurzer Zeit staune ich den Bildschirm an: “Wie, das geht nicht?”. “Nein, das geht wirklich nicht… sorry…” scheint mir das Programm zu antworten. Ein Tutorial-Video auf der offiziellen Webseite pflichtet mir bei und zeigt den Weg über Copy-Paste-Funktionen und Crossfades. Nein, danke. Hier muss schließlich nicht eine zu einem Zeitpunkt zu lasch gespielte Snare mit einer anderen ersetzt werden, sondern ein technischer Fehler von weniger als einer Zehntausendstelsekunde Dauer korrigiert werden. Nun ja.

Die weiteren Editierungen sind viel besser möglich, nach kurzer Einarbeitungszeit und unter Nutzung der Shortcuts kann man mit Studio One 2 sehr hohe Editing-Geschwindigkeiten erzielen. Das ist nicht nur für die dauereditierenden Radio- und Ton-zum-Bild-Leute interessant, sondern auch für die musikalisch arbeitenden User. Dreh- und Angelpunkt im Editing ist die Infobox für die Clips, in denen man numerisch arbeiten und auch Parameter wie “Speedup” und “Tune” festlegen kann – mit ordentlich klingenden Ergebnissen. Die Fade-Funktionen sind selbsterklärend und ermöglichen schnelle Anpassungen der Kurven. Fehlen tun mir allerdings lieb gewonnene Verknüpfungsfunktionen à la Ghost Copies und Region-Loops. Das Comping übrigens – also das Zusammenführen der besten Ausschnitte mehrerer Takes zu einem einzigen – ist in Version Zwei ordentlich implementiert - auch die Transientenerkennung und Audio-Quantisierungen funktionieren vorzüglich.

Als jemand, der noch viel mit reinen MIDI-Sequencern gearbeitet hat, vermisse ich etwas: Verschiedene, spezialisierte Editoren. Verschmerzen kann ein Großteil der Klientel sicher den Score-Editor. Dieser ist für viele (mitbezahlter!) Ballast und schafft es oft nicht, gegen die spezialisierten Score-Programme anzustinken. Einen Listen-Editor mit Darstellungsfiltern, insbesondere aber einen logischen Editor benutze ich recht häufig, sei es für bestimmte Operationen (z.B. im 7-Minüter alle offenen Hi-Hats ein Stückchen kürzer machen, wenn die Velocity zwischen 40 und 110 liegt und das Event nicht auf der Zählzeit 3-und). Wo ich gerade die Velocity anspreche: Warum man in der Piano-Rolle die Note-On-Velocity von 0 bis 100 und mit zwei Nachkommastellen einstellen kann, ist mir nicht so ganz klar. Es gibt so gut wie keinen sinnvollen Parameter, der an die Velocity gekoppelt werden könnte, bei dem eine so hohe Auflösung Sinn macht. Unsere Pegelempfindlichkeit jedenfalls ist für alle Arten von Signalen deutlich geringer als 10000 Schritte. Außerdem bewegt sich die MIDI-Auflösung bei der On-Velocity im Bereich von 1 bis 127, nicht von 0 bis 100. Hmm. Insgesamt gilt aber beim MIDI-Editing wie im ganzen Programm, dass die meistgenutzten Werkzeuge und Möglichkeiten alle vorhanden sind und “nah am User programmiert” wurden. Quantize-Funktionen wie Freeze, Groove Quantize, aber auch Humanize finden sich darunter genauso wie die Option, MIDI-Events aus verschiedenen Tracks gemeinsam zu editieren (beispielsweise Pad, Bassline und Melodiestimme).

Jetzt habe ich aber viel gepetzt, doch die Talsohle meiner Kritik ist durchschritten, denn jetzt möchte ich mich wieder den Sonnenseiten des Programms zuwenden! Dazu will ich kurz zu den Clips (die bei manchen Programmen auch “Regions” heißen) zurückkehren. Es ist zwar nicht neu, hier aber schön implementiert: Es sind nicht nur einfache Parameter auf Clips anwendbar, sondern es gibt clipbasierte Effekte! Davon sind sogar mehrere einsetzbar, zudem hat man die Möglichkeit, das Clip-Gain pre oder post Processing zu setzen. Weil sich ja unter den nutzbaren Plug-Ins auch Verzögerungseffekte befinden, fehlt auch ein Tail nicht, welches man in Sekunden einstellen kann – auf Hundertstel genau, um etwa bei Bedarf einzelne Delay-Repeats mitzunehmen oder auszuschließen. Gekrönt worden wäre das alles noch von einer optischen Entsprechung in der Spur gewesen, sodass man anhand eines Schattens die für einen Clip eingestellte Länge erkennen kann.

Eine richtige Wohltat ist die Automation, denn hier gibt es keinerlei Fußangeln, Ungewöhnlichkeiten oder zu starke Beschränkungen. Ausnahme: In den Voreinstellungen ist die Möglichkeit deaktiviert, per Touch, Write oder Latch automatisierte Parameter direkt als Linie anzeigen zu lassen – das fand ich unpraktisch. Angenehm ist hingegen das “Automation Transform Tool”, welches die Arbeit an den Automationskurven in angenehme Nähe zur Editing-Arbeit mit den Clips bringt.

Mit dem eigentlichen Knaller habe ich bislang hinter dem Berg gehalten: Es ist mit dem Shortcut Command-M möglich, direkt aus dem Track heraus mit Celemony Melodyne zu editieren, als wäre es Bestandteil der DAW und ihr ganz normaler Editor! Na, wer hat sich das nicht gewünscht? Es geht aber noch weiter, denn je nach Melodyne-Version kann man API nutzen, um polyphone Audiodateien zu bearbeiten. Alleine die Analyse kann man schnell dafür verwenden, um ein Stereofile mit Background-Chor mit einem Pad eines Plug-In-Synths anzudicken. Dauer: wenige Sekunden. Auch Drum Replacement bekommt so eine ganz andere Selbstverständlichkeit.

Und es geht noch weiter: Presonus Studio One 2 verfügt nicht “einfach nur” über integriertes Melodyne-Editing, sondern es wurde direkt eine komplette Third-Party-Editing-Schnittstelle entwickelt, die zudem für andere Hersteller keine Lizenzgebühren kostet! Ich nutze eigentlich nie fortlaufende Großschreibung in meinen Tests, um etwas zu betonen. Jetzt schon: DAS IST EIN KILLERFEATURE, LEUTE! Wir werden also in Zukunft spektrales Editing als Plug-In nutzen können, vielleicht auch speziell programmierte Drumtrack-Editioren. Und wer weiß, vielleicht wurde ja hier ein Stein ins Rollen gebracht und wir können bald endlich nach Lust und Laune Spuren nach Art der verschiedenen DAWs in einem Projekt nutzen. Vielleicht findet sich eine derartige Schnittstelle bald überall? Allerdings werden sehr wahrscheinlich Firmenrivalitäten und Blockdenken diesen Usertraum einen Traum bleiben lassen.

Aus der Welt der Effekte benutze ich zunächst – wen wundert´s – die Standards. Ich freue mich über den charakterlich vornehm zurückhaltenden, aber zuverlässig arbeitenden “Pro EQ”, den man durchaus immer in der höheren Qualitätsstufe nutzen sollte. Auch der mitgelieferte Kompressor tut, was er soll, doch spätestens hier vermisst man klangliche Alternativen, zum Beispiel einen Opto-, einen VCA- und einen Tube-Mode.

Gut gefällt mir der Faltungshall “Open Air”, welcher ebenfalls das Drag-and-Drop-Prinzip mit der Muttermilch aufgesogen hat. Somit ist es ein Leichtes, nicht nur vorhandene Raum- und Hallgerät-Responses über das Signal zu falten, sondern auch krankes Zeug zu veranstalten, indem man Vocals über Snares, ganze Mixes über Bässe oder Impulse aus dem Inneren eines Saxophons über den Sound knisternden Butterbrotpapiers faltet: digitales Origami für Fortgeschrittene, aber bei einfacher Handhabung. Allerdings konnte ich hier auch den einzigen Absturz des Programms produzieren. Vielleicht sollte ich ehrlicher sein und “provozieren” sagen, denn das trifft die Sache besser, so wie ich manchmal mit dem bewussten Ziel einen Klick- und Shortcut-Beschuss auf die armen Testkandidaten loslasse. Also Schwamm drüber. Ansonsten kann ich der DAW nämlich eine hervorragende Performance bescheinigen und – immer noch nicht unwichtig – einen angenehm geringen Ressourcenbedarf.

Man meint ja, dass Wortneuschöpfungen für bestimmte Produkte langsam rar werden, doch bei Presonus hat man noch einen Neologismus gefunden, der wie die berühmte Faust aufs Auge passt: Der Name des Simulations-Plugs “Ampire” strahlt Größe, Macht und Erhabenheit aus. Schön. Nur wird das schnell ein Eigentor, wenn nachher dünne, unecht klingende Suppe aus den Lautsprechern tröpfelt. Dem ist aber nicht so, denn mit der Auswahl an Amps und Cabinets kann man schnell den Wunschsound kreieren, bei Bedarf sogar IRs für eigene gesampelte Cabinets laden.

Etwas vernachlässigt werden Nutzer, die den “Ich bring euch alle um, weil ich so ultrafies böse bin!”-Sound haben wollen – ein “Rectifier”-Stack ist nicht dabei, aber das ist vielleicht auch halb so wild. Die Auswahl an Stomp-Boxes ist etwas mau, denn gerade Overdrives und Modulationseffekte gibt es nicht umsonst in unzähligen Variationen auf den Gitarristen-Tretplatten des Erdenrundes. Bei der Wahl der Mikrofonierung ist es gut, zwischen dreien frei die Pegel wählen zu können, allerdings wäre es sinnvoll, verschiedene Typen zur Wahl zu haben – und sei es nur Tauchspule, Bändchen, Großmembran-Kondenser. Ich hatte mich auch erst gefreut, bei zweien den Abstand wählen zu können, doch einen dicken Kammfilter als natürlichen EQ-Ersatz zum Einstellen des Grundsounds bekommt man leider nicht hin.

Das Groove-Delay leistet gute Dienste, muss sich aber wie so viele One-Effekte ein wenig hinten anstellen, wenn man es mit dem vergleicht, was auf dem Markt sonst im Lieferumfang ist. Apples Ausführung beispielsweise kann bedeutend mehr! Insgesamt würde ich die mitgelieferten Effekte als “uneingeschränkt tauglich” bezeichnen, aber wirklich umwerfende Verdreher und spezialisiertes Werkzeug sollte dann über eine der Schnittstellen angedockt werden. Und das ist nicht schlimm, denn schließlich ist das ja auch im Sinne der Erfinder.

Von den mitgelieferten Instrumenten habe ich als ersten Vertreter den Drum-Sampler “Impact” per Drag-and-Drop zum Leben erweckt. Und dieses Leben ist wirklich lebenswert!  Alles, was man üblicherweise benötigt, ist da und sofort verständlich: Start- und Stoppunkte, Triggering, Pitch, Stretch, Mapping, Output-Assignment, Filter, Hüllkurven. Was man üblicherweise nicht benötigt, das gibt es hier auch einfach nicht. Dem gleichen Credo folgen der Synth Mojito und der Sample-Player Caipirinha… äh… wie heißt er noch gleich? – ich meine “Presence”. Allen dreien gemein ist wirklich guter Klang (auch der der Filter) und eine ordnungsgemäße Library.

Switcht man in ein Project, werden einem ebenfalls keine Hindernisse in den Weg gelegt. Master-Edits, Effektierung, MS-Matrizierung, Levelling, Fades, PQing – alles klappt, eigentlich nichts muss man suchen. Sicher: Für bessere Ergebnisse ist man mit zusätzlichen Plugs (oder sogar Hardware) im Bereich Frequenz- und Dynamikbearbeitung gut beraten, Scopes habe ich auch schon bessere gesehen. Aber insgesamt muss ich konstatieren, dass auch hier das offensichtliche Konzept der DAW nicht nur eingehalten wurde, sondern dass schon eben genau dieses Konzept wohlüberlegt und ausgefeilt ist!

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