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Test
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11.09.2013

Pioneer XDJ-R1 Test

All-in-One DJ-System

Pro-Workstation für den mobilen Einsatz?

Man nehme zwei CD-Einheiten im Stile des CDJ-350, einen Anschluss für einen USB-Stick, dazu einen auf zwei Kanäle eingedampften DJM-750 Clubmixer samt dessen Color FX, würze das Ganze mit den Kreativabteilungen eines XDJ-Aero, packe alles in ein kompaktes Gehäuse und spicke dieses mit professionellen Audioschnittstellen. Anschließend programmiere man eine App zur drahtlosen Fernsteuerung und heraus kommt der Pioneer XDJ-R1, mein heutiger Testkandidat. Ein Gerät, das eine weitere Entwicklungsstufe für das (mobile) DJing einläuten könnte.  

Die Workstation verfügt über ein USB-Audiointerface und MIDI-Funktionalität, um eine DJ-Software im fliegenden Wechsel mit den externen und internen Zuspielern zu bedienen. Mit der Remotebox-App kann der DJ alternativ zur Hardware durch seine Musikdatenbank navigieren, die Player beladen und den Mixer steuern sowie Effekte, Samples und Loops abfeuern. Komfortabel, fürwahr. So erscheint dann auch der Preis von 999 Euro pro Einheit, denn er liegt deutlich unter dem vergleichbarer Einzelkomponenten, aber über dem eines Numark Mixdeck (ab etwa 600 Euro) oder einem Gemini CDMP-7000 (ab circa 800 Euro). Im Testparcours soll uns die „eierlegende Wollmilchsau“ aus dem Hause Pioneer nun zeigen, was sie drauf hat.

Details

Im Karton finde ich neben dem Gerät selbst einen iPhone-Halter, der mittels zweier Schrauben an der Rückseite des XDJ arretiert wird, dazu ein Netz- und USB-Kabel sowie ein Faltblatt mit WLAN-Hinweisen. Eine Treiber-CD (Win), die Lizenzkarte für VDJ7 LE und der Quickstart-Guide waren bei unserem Testmuster zwar nicht dabei, gehören aber laut Aussage des Kundensupports zum Lieferumfang. Die erste visuelle Inspektion zeigt eine ordentlich verarbeitete Konsole mit fest sitzenden Anschlussbuchsen und Bedienelementen in typischer Pioneer-Qualität. Nur bei den Fadercaps hätte ich lieber den bewährten P-Lock-Mechanismus gesehen. Das Layout selbst orientiert sich am marktbeherrschenden Design mit einem zentralen Mixer, flankiert von den beiden Abspieleinheiten. Der Hersteller setzt bei seinem neuesten Baby auf Kunststoffverkleidung und Plastikzierblenden, was in Anbetracht des Mobilitätsfaktors bzw. des resultierenden Gesamtgewichtes verständlich ist. Mit einem Gewicht von 6,7 Kilogramm bei Maßen von 62 x 107 x 30 Zentimetern ist der Pioneer jedoch alles andere als ein Backpack-Kandidat, sondern er verlangt nach adäquaten Transport-Tools wie der Tasche DJC-SC3, damit er auf Reisen vor äußerlichen Schadeinwirkungen geschützt ist. Diese ist optional zu erstehen und verschlingt satte 179 Euro aus der „Portokasse“. Nicht gerade wenig, aber in Anbetracht des wertvollen Equipments eine Überlegung wert. Alternativ bietet sich ein hartes Flightcase an, das etwa zum gleichen Preis erhältlich sein dürfte. Wer das Gerät im Partykeller, in einer Bar oder einem kleinen Club fest installieren möchte, kommt vielleicht mit einem Kunststoffdeckel oder einer Staubschutzhülle aus.

Front- und Backpanel

An der Vorderseite sind zwei Kopfhörerausgänge zu finden, ausgeführt als 3,5- und 6,3-Millimeter-Klinkenbuchsen, so dass es nicht weiter schlimm ist, sollte der DJ in der Hektik der Nacht den Adapter im Hotel vergessen haben. Dass hier gleich zwei Ausgänge präsent sind, hat aber auch den Vorteil, mal eben eine zweite Einheit einstöpseln zu können, wenn man im DJ-Verbund aufspielt oder auf einer Veranstaltung gegen Ende des eigenen Gigs bereits der Nachfolger anrückt. Dem Kopfhörerausgang möchte ich – wie man so schön sagt – uneingeschränkte Partytauglichkeit attestieren, denn zum einen klingt er transparent, zum anderen ist er auch ziemlich laut und arbeitet bis kurz vom Regleranschlag verzerrungsfrei mit dem angeschlossenen HDJ-500 zusammen.  

Rechts und links daneben befinden sich die beiden Einflugschneisen für die CDs: Der XDJ liest Standard CD-Rohlinge und (finalisierte) Daten-CDs, wobei letztgenannte bei maximal acht Ordnerebenen sowie maximal 999 Ordnern und 999 Tracks, mit den Formaten MP3, Wave und AIFF bespielt sein dürfen. AAC hingegen läuft nur über den USB-Stick oder die DJ-Software. Der CD-Einzug ist sanft, die Silberlinge in wenigen Sekunden eingelesen und Laufwerksgeräusche sind während des Abspielvorgangs quasi nicht vorhanden.  

Am hinteren Anschlussfeld warten zwei Master-Outs (Stereo-Cinch, XLR-Stereo) und ein Booth-Ausgang (Stereo-Cinch) auf Verbindung mit dem Hi-Fi-Verstärker, Poweramp oder auf den Anschluss an ein professionelles PA-System bei simultanem Einsatz einer Monitoranlage für den DJ – so gewünscht. Die Signalwege „Master“ und „Booth“ werden über separate Regler auf der Oberfläche ausgesteuert, sodass der DJ (falls nötig) selbst auf unterschiedliche Lautstärkeanforderungen reagieren kann. Auch die (leisere) Beschallung eines Nebenraums oder dem vorderen Teil einer Tanzbar ist so denkbar. Eingangsseitig stehen gleich drei Signalwege zur Verfügung. Zwei Stereo-Cinch-Eingänge mit Line/Phone-Umschalter (samt Erdungsschraube für Turntables) sind für externe Zuspieler angedacht, die alternativ zu den „Decks“ bei Verwendung des vollständigen Mixerkanals nutzbar sind. Der Aux-Weg mit seiner separaten Lautstärkesteuerung landet hingegen direkt auf dem Master und verzichtet auf eine eigene Klangregelung. Wer mag, kann hier Gerätschaft wie ein Smartphone oder iOs-Device, einen Sampler oder eine Drum Maschine anschließen und die Eingangsverstärkung von 0 auf 12 dB umschalten.  

Die Mikrofonsektion verzichtet leider auf eine Talkover-Absenkung zum Übersprechen der Musik, hat aber neben dem obligatorischen „Level“-Regler einen Hi/Low-Q und einen praktischen Einschaltknopf spendiert bekommen. Schließlich finden sich hier noch eine USB-Buchse Typ-B zur Rechneranbindung, eine Netzteilbuchse ohne Kabelaufhängung sowie eine Ausfräsung für eine Kensington-Diebstahlschutzvorrichtung für Messen und ähnliche Veranstaltungen, wo man seine Gerätschaft zeitweise unbeaufsichtigt lassen muss. Dass einem ein Langfinger das Teil im Diskobetrieb unter den Fingern wegmopst, ohne dass dies einer der Beteiligten oder Partygäste mitbekommt und sich dann noch während des wahrscheinlich eintretenden Pfeifkonzerts ob des musikalischen Vakuums an den Türstehern vorbeischleicht, ist dagegen schon eher unwahrscheinlich.  

Layout

An zentraler Position logiert der Zweikanal-Mixer, erwartungsgemäß ausgestattet mit 45-Millimeter langen Linefadern (Fadercaps ohne P-Lock) und einem sanft gleitenden, ebenso langen Crossfader, der mittels Switch deaktiviert wird oder die Kurvenausprägungen Cut oder Mix annehmen kann. Scratchern sei gesagt, dass der Fader bereits nach etwa eineinhalb Millimetern voll öffnet. Der maximale Boost der Equalizer liegt bei neun Dezibel. Im Cut erfolgt eine vollständige Auslöschung des entsprechenden Frequenzbereichs. Mancher DJ elektronischer Stilrichtungen steht ja auf Filterfahrten oder verwendet Filter, wenn er einen neuen Titel rein mixt. Umso mehr erfreut es mich zu berichten, dass Pioneer den Color-Regler zur Soundfärbung aus der Clubmixer-Serie übernommen hat. Neben dem bipolaren Filter – gegen den Uhrzeigersinn operiert er als Lowpass, entgegengesetzt als Hipass – gibt’s aber on-top noch einen Bitcrusher, Rauschen und einen Pitch-Shifter. Selbstverständlich dürfen auch die obligatorischen Gain-Regler unterhalb der Quellwahlschalter (Deck/Phono) nicht fehlen. Dazwischen logieren die Drehregler zur Aussteuerung des Hauptausgangs und der Kabine sowie die LED-Meter (sieben Einteilungen: viermal grün, zweimal orange, einmal rot) für die Einzelkanäle mono (Pre-Fader/Post-EQ) und den Master in stereo. Der Monitor-Mix erfolgt über zwei Regler (Cuemix, Lautstärke) auf der linken Seite. Darüber sitzt die USB-Schnittstelle für Wechseldatenspeicher. Rechts blicke ich auf die bereits erwähnten Bereiche „Mikrofon“ und „Aux“.

Decks’n’FX

In der Decksektion springt mir zuerst das blau beleuchtete Jogwheel ins Auge, das mit einer Auflagefläche von 120 Millimetern auch Scratchern gefallen sollte. Turntablisten würden wohl einen größeren Durchmesser bevorzugen. Leider ist der Teller jedoch nicht in seinem Laufverhalten regelbar und er könnte mir ruhig etwas mehr Widerstand entgegenbringen. Doch hier hat jeder wohl seine eigene Betrachtungsweise. Wie üblich bei Pioneer finden sich links die CDJ-typischen runden Tasten für „Cue“, „Play“ und „Track Select“ ein, die von „Shift“ zum Aufruf der Zweitfunktionen begleitet werden. Hier genutzt, um Hotcues zu löschen oder auch mittels Jogwheel schnell im Track zu navigieren. Unter dem Teller ermöglichen drei Buttons das direkte Anlegen und Anfahren von maximal drei Hotcues (auch quantisiert). „Sync“ und „Master“ sitzen gleich rechts daneben, direkt bei der Hand. Nicht verschweigen möchte ich noch, dass die drei Hotcue-Buttons optional als live extrahierender Vier-Beat-Sampler eingesetzt werden können. Der so entstandene Loop (-Speicher) lässt sich für dramatische Stakkatos in seiner Länge stutzen, zum Beispiel mit der iPhone-App.  

Zwar fällt der Tempofader mit 60 Millimetern nicht sehr lang aus, doch er operiert je nach Auflösung im Hundertstel-Bereich. Gegen Tonhöhenänderungen beim Manipulieren der Abspielgeschwindigkeit schützt die Mastertempo-Funktion, indem sie die ursprüngliche Tonlage eines Titels bei null Prozent Pitch einfriert. Der Timestretch-Algorithmus funktioniert bis etwa sechs Prozent sehr gut. Für einen 126er-Housetrack bedeutet dies, ich kann ihn mehr oder weniger gefahrlos auf über 130 BPM oder unter 120 BPM pitchen, womit eine ziemlich große Tempospanne zur Verfügung steht – mehr, als manch einer für sein DJ-Set benötigt. Ist der Vinyl-Modus aktiv, unterscheiden die Teller zwischen Seiten- und Oberflächenkontakt. Mit dem Rand beschleunige oder bremse ich den Musiktitel, wohingegen der Touch-Sensor auf der Oberfläche es mir ermöglicht zu scratchen.

Effekte und Loops

Kaum eine DJ-Workstation kommt heutzutage noch ohne kreative Bordmittel aus. Die Color FX hatte ich ja bereits eingangs erwähnt und möchte an dieser Stelle die Audiofiles mit der Anmerkung nachreichen, dass „Filter“, „Crush“ und „Pitch“ meiner Meinung nach gut abgestimmt sind, der „Noise“-Effekt allerdings zu laut aufschlägt, was mir schon beim Test des CDJ-850 auffiel und auch vom Bonedo-Kollegen Christian Kalinowski in seinem Review zum CDJ-750 angemerkt wurde. Ebenfalls würde ich mir für die Color FX eine optionale Hallfahne zum sanften Ausklang bei der Effekt-Deaktivierung und eine Post-Fader-Option wünschen.

Es gibt noch ein weiteres FX-Geschwader, nämlich die Beat FX, namentlich Trans, Flanger, Echo und Roll. Sie verfügen über einen „Beat“-Regler für das Timing und einen Dry-Wet-Regler für den Effektanteil am Gesamtsignal. Die beiden XDJ-FX-Klassen dürfen kombiniert werden, sodass je ein Color und Beat Effekt simultan dem Sound auf die Pelle rücken. Bei den taktabhängigen Vertretern reicht das Timing von 1/16 bis 8 Beats. Zudem sind Taktungen von 3/16, 1/3, 3/4 möglich. Der Flanger darf sogar über 64 Beats modulieren. Aufgefallen ist mir, dass der Roll-Effekt auf halber Regelstrecke (Dry/Wet) schon voll da ist, womit nur die Hälfte der Intensitätsspanne vorliegt und dementsprechend die Lautstärke schon bei leichter Zumischung intensiver ist. Da der Bereich ab Nullstellung bis zum Rechtsanschlag hier nicht genutzt wird, wie wäre es mit einem Firmware Update für einen Reverse-Roll ab der 12-Uhr-Position? Ansonsten arbeiten die Beat-FX entsprechend der BPM zuverlässig. Bei 100 Prozent Echo tritt eine leichte Verzögerung ein, wenn ich den Effekt einschalte. Die Audiobeispiele für die Combo-FX wurden mit der Remotebox-App (später mehr dazu) auf dem iPad „getweakt“.  

Autoloops gehören heutzutage sicherlich ebenfalls zum Stammrepertoire eines DJ-Controllers, wobei zu erwähnen ist, dass ihre manuellen Vertreter, meist anzutreffen in Form von drei Tasten mit den treffenden Bezeichnungen IN, OUT und RELOOP, in letzter Zeit häufiger das Zeitliche segnen. Gerade für das Einfangen von Acapellas oder Solo-Instrumenten ist dies ein wenig schade, wie ich finde. Beim XDJ-R1setzt ein Push-Encoder eine taktgenaue, optional quantisierte Wiederholschleife in voreingestellter Länge von 1/32 bis 32 Beats, die sich dann im gleichen Rahmen per Linksdrehung halbieren oder per Rechtsdrehung verdoppeln lässt. Und das alles in nur einem Encoder.

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