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Test
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30.10.2013

Nord Lead 4 Test

Virtuell-analoger Synthesizer

Alles im roten Bereich

Einige Keyboarder sahen sicher rot bei der Ankündigung des Nord Lead 4, des neuesten virtuell-analogen Synthesizers aus dem Hause Clavia, aber rot wie in: vorfreudig verliebt. Denn der Nord Lead gehört zum Gründungsmythos dieser besonderen schwedischen Keyboardschmiede, deren Markenzeichen die knallrote Lackierung ist. Mitte der 90er Jahre sorgte er als einer der ersten VA-Synths für ein gewaltiges klangliches Ausrufezeichen.

Die Bezeichnung „Nord Lead“ hat in den letzten fast 20 Jahren einen so starken Eindruck hinterlassen, dass er für Nichtkenner offenbar zum Synonym für rote, gut klingende Keyboards geworden ist. Nicht selten musste sich mein armes Nord Stage deshalb „Nord Lead“ nennen lassen. Abgesehen von den Empfindungen meines E-Pianos, ist dies natürlich ein überaus positives Markenfeedback und zeigt, welch besonderen Platz der Nord Lead in der Reihe bekannter Synthesizer einnimmt. Bis heute ist der Ausnahmestatus dieses Instruments unbestritten, und nun soll die Erfolgsgeschichte mit der neuesten Inkarnation, dem Nord Lead 4, fortgeschrieben werden.

Details

Geschichte

Die Historie dieses Virtuell-Analogen ist, wie so vieles im Leben, eine etwas verschlungene Sache. Dem ersten Modell folgte konsequenterweise der Nord Lead 2, der die Features der ersten Generation zwar grundlegend (mit z. B. 16 statt vier Stimmen) aber behutsam erweiterte. Der Nord Lead 3 hingegen wartete mit sehr maßgeblichen Änderungen auf, darunter 3 statt 2 Oszillatoren, einem zweizeiligen Display, LED-gestützten Endlosdrehreglern, 24-stimmiger Polyphonie und Arpeggiator. Offenbar war die Gemeinde aber nicht bereit, Clavia in diese neue Richtung zu folgen – der Nord Lead 3 war längst nicht so erfolgreich wie seine Vorgänger und die Firma brachte in der Folge den bis heute erhältlichen Nord Lead 2X heraus, der mit 20-facher Polyphonie, deutlich mehr Speicherplätzen und verbesserten Wandlern eine Arte Deluxe Version des Nord Lead 2 darstellt.

Ähnlich turbulent wie die Änderungen der Features verlief auch die Geschichte des Echos, das die jeweiligen Versionen auslösten. Zwar blieb der Ruf dieser außergewöhnlichen Kiste nie unerhört, aber im Vergleich der einzelnen Versionen gab und gibt es die wildesten Debatten. Für einige klingt der klassische Nord Lead immer noch am besten und bissiger als Version 2. Manche mögen die Endlosdrehregler des Nord Lead 3 (oder halten sie gar für die beste Erfindung der Instrumentengeschichte), andere wollen doch gerne am Ende des Reglers sein, wenn das Filter voll geöffnet ist. Nummer 3 wiederum hängt beim Sound der Ruf des zwar ultraflexiblen, aber letztlich blutleer und austauschbar klingenden VA-Synth an. Wie dem auch sei: Im Hause Nord Lead geht es saftig und wild zur Sache, was die Vorfreude auf den Neuesten erheblich macht.

Gehäuse und Anschlüsse

In bewährter Weise nähern wir uns dem Objekt der Begierde auch diesmal von außen nach innen. Über die Verarbeitungsqualität der Clavia-Produkte muss man, denke ich, nicht mehr viele Worte verlieren – schlicht gesagt: alles top. Ein solides Stahlgehäuse, sehr schöne Holzabschlüsse an den Seiten, griffige Gummipotikappen, straffe Schalter, die fast mythisch aufgeladenen Spielhilfen aus Holz und Stein sowie eine 49er-Tastatur auf der Höhe der Kunst (die allerdings keinen Aftertouch erzeugt). Besonders gefällt mir die ins Weinrote abgesetzte Farbe der Holzteile an den Seiten, die dem Synthesizer eine modern anmutende Wertigkeit geben. Immer noch unverständlich ist mir allerdings, dass sich die schwedischen Farbmischer offensichtlich nie auf ein Haus-Rot einigen konnten, so dass mein Nord Wave ganz anders rötelt als mein Nord Stage, und die Zugabe des aktuellen Nord Lead 4 erzeugt dann ein Trio, das die Netzhaut auf eine arge Probe stellt.

Die Äußerlichkeiten der Rückseite bringen wenig Überraschungen: einen Kopfhörerausgang, MIDI-In und -Out, Anschlüsse für ein Sustain- und ein Control-Pedal sowie einen USB-Port, der anders als beim Vorgänger endlich auch USB-to-MIDI beherrscht. Erstaunlich sind höchstens die vier Klinkenausgänge, die beim Routing z. B. im multitimbralen Betrieb eine schöne Zugabe darstellen. 

Klangerzeugung

Was aber hält die rote Schönheit unter dem Deckel bereit? Ganz schön viel, möchte man sagen. Aber der Reihe nach. Ganz seinem Erbe gemäß, ist der Nord Lead 4 ein 20-stimmig polyphoner, virtuell-analoger Synthesizer. Erwartungsgemäß verfügt er grundsätzlich über zwei Oszillatoren pro Stimme, ein Filter, eine Amp-Envelope, eine Modulation-Envelope und zwei LFOs. Man kann sich denken, dass es im Jahre 2013 dabei nicht bleiben wird, aber die Raffinesse der Möglichkeiten, die der Synthesizer bietet, macht es gar nicht so leicht, in halbwegs verständlicher Weise einen Überblick zu geben.

Fangen wir bei den Oszillatoren an. Beide bieten alle gängigen Schwingungsformen. Oszillator 1 kann darüber hinaus auf 128 Wavetables zurückgreifen, während Oszillator 2 wahlweise auch Noise erzeugt – welches genialerweise über Regler für Frequenz (praktisch wie ein zusätzliches Filter extra für das Rauschen) und Resonanz verfügt. Dreht man die Resonanz voll auf, entsteht eine Eigenschwingung des Filters. Dass der Nord Lead 4 über Pulsbreitenmodulation verfügt, versteht sich von selbst. Die beiden Oszillatoren können im Hard- und Soft-Sync betrieben werden, und es stehen drei verschiedene Arten von FM zur Verfügung, deren Unterschiede in der ansonsten hervorragenden Bedienungsanleitung leider nicht beschrieben sind. Übrigens liegt diese zwar nur auf Englisch vor, ist aber ansonsten nur zu rühmen. Alle Details des Gerätes sind gut verständlich und gründlich beschrieben, oftmals auch in Form kleiner „Lernaufgaben“, mit denen man durch die Bedienung der verschiedenen Sektionen geführt wird. Damit nicht genug: Am Ende offeriert Clavia gleich eine kleine Einführung in die Grundbausteine der (virtuell-)analogen Klangerzeugung. Vorbildlich!

Wem zwei Oszillatoren nicht fett genug sind, der kann auf den Unison-Mode zurückgreifen, bei dem leicht verstimmte Duplikate des jeweiligen Oszillators dem Sound hinzugefügt werden. Beim Nord Lead 4 lassen sich wahlweise ein, zwei oder drei dieser „detunten“ Varianten draufpacken, so dass sich ein zunehmend breiter und chorusartiger Sound ergibt.

Zweifellos ein Highlight der vierten Inkarnation des Nord Lead ist seine Filtersektion. Zwar wartet er nicht mit (frei) parallel schaltbaren Filtern auf, dafür aber überzeugt er durch Vielfalt: Neben Tiefpassfiltern mit Flankensteilheiten von 12 dB/Okt., 24 dB/Okt. und sogar 48 dB/Okt. sind ein Bandpass- und ein Hochpassfilter im Angebot. Besondere Prunkstücke der Sammlung aber sind das dem Minimoog nachempfundene Filter mit der Bezeichnung „Ladder M“ und eines mit dem Namen „Ladder TB“, welches man, ohne große Geheimnisse zu verraten, einem vielgeliebten Produkt der Firma Roland zuordnen kann. Leuchtende Augen macht auch ein Poti der Filtersektion mit der Beschriftung „Drive“. Mit diesem wird das Filter angenehm in die Sättigung gefahren.

Die beiden LFOs können mit einer Vielzahl von Schwingungsformen betrieben werden, und sie können gleichermaßen viele Ziele modulieren. Besonders bemerkenswert fand ich gleich vier verschiedene Sägezahnvarianten bei LFO 1, eine hart stufige und eine weichere Zufallsform bei LFO 2 und die Möglichkeit, den Effektanteil per LFO 2 zu modulieren – sehr schön. Noch außergewöhnlicher ist, dass der Nord Lead 4 über eine größere Anzahl von Patterns verfügt, die beide LFOs (und auch der Arpeggiator) reproduzieren können. Somit kann zum Beispiel das Filter nicht nur im Rhythmus von Viertel- oder Achtelnoten geöffnet werden, sondern nach Maßgabe einer Vielzahl fest einprogrammierter Rhythmen. Die Bandbreite dieser Patterns ist groß und beinhalten sogar Odd Meters, also „schräge“ Metren. Dies eröffnet noch einmal ganz ungewöhnliche Optionen bei der Modulation von Parametern.

Beide LFOs können übrigens neuerdings auch zu einer Masterclock synchronisiert werden, für welche das Tempo nicht nur eingestellt, sondern auch getappt werden kann. Dieses vom Nord Stage bekannte Feature hat mir sehr gefallen, und Clavia hat es zu Ende gedacht und auch das Delay-Tempo und den Arpeggiator wahlweise diesem Taktgeber unterworfen. Somit lässt sich leicht ein rhythmisch aufeinander abgestimmtes Gesamtgefüge bauen, indem jeweils nur noch auf Notenwerten basierende Teilungsverhältnisse bestimmt werden (also z. B. Tempo 120, Delayzeit Viertel oder Achtel oder Achteltriolen in diesem Tempo).

LFO 1 kann sich auf Knopfdruck in einen sehr potenten Arpeggiator verwandeln. Dieser bietet alle üblichen Tricksereien, aber noch einiges mehr. Sehr schön fand ich den Poly-Modus, in dem gedrückte Akkorde nicht wie üblich zerlegt werden, sondern in Gänze gespielt. Weitet man den Oktavbereich des Arpeggiators in diesem Modus aus, werden Umkehrungen des Akkordes zum Besten gegeben. Einfach, aber ein dicker Pluspunkt.

Morphing

Ein zunächst kompliziert klingendes Konzept des Nord Lead 4 ist das sogenannte „Morphing“. Da mittlerweile diverse Synthesizer und Plug-ins über Möglichkeiten verfügen, nahtlos zwischen zwei Sounds hin- und herzumorphen, kann man sich unter dem Begriff etwas vorstellen. Clavias Spielart dieser Technik ist aber auf verblüffende Weise gleichzeitig hochkomplex, einfach zu programmieren und zu bedienen. Zunächst kann man sagen, dass man beim Morphing innerhalb eines Programms quasi zwischen einem Ausgangszustand und einem veränderten Zustand hin- und herwechselt. Dabei kann der geänderte Zustand beliebig viele veränderte Parameter aufweisen. Das ist gewaltig, denn man ist mithin nicht auf so banale Änderungen wie Filter auf und zu beschränkt, sondern kann, wenn man will, den gesamten Sound umkrempeln. Um aber vom Ausgangspunkt – also dem „eigentlichen“ Sound – zum gemorphten Sound zu kommen, gibt es verschiedene Wege beziehungsweise unterschiedliche Quellen für diese Veränderung. Mit Hilfe des Modulationrads oder der Anschlagsdynamik lässt sich stufenlos zwischen den beiden Zuständen überblenden, während man unter Zuhilfenahme der sieben „Impuls-Morph“-Tasten (das sind drei Taster, die man in sieben Kombinationen betätigen kann) zum veränderten Sound springt. Für jeden dieser Controller lassen sich eigene Morph-Zustände definieren. Im Endeffekt heißt dies, dass mir innerhalb nur eines Programms bei Bedarf ein Grund- und sieben Morph-Sounds, also insgesamt acht Sounds zur Verfügung stehen. Damit sollte beim Live-Spiel nun wirklich keine Langeweile aufkommen, denn das Potential dieser Soundmanipulation ist praktisch unbegrenzt.

Effekte

Im Nord Lead 4 sind zum ersten Mal in der Nord Lead Serie Effekte an Bord. Und die können sich hören lassen. Zur Auswahl stehen zwei Module, eines mit Verzerrer, zwei „Talk“-Effekten, die klingen wie die bekannten Vocal-Filter, einem Combfilter-Effekt, einem Kompressor und einem Bit-Crusher und ein weiteres mit Delay und Reverb, wobei es bei letzterem die Spielarten Room, Hall und Stage gibt. Delay und Reverb sind leider eine Frage von Entweder-Oder. Schön ist, dass sich das Reverb in seiner Helligkeit regulieren lässt. Mit einem Dry/Wet-Regler steuert man erwartungsgemäß den Effektanteil.

Soundverwaltung

Schauen wir uns nach so vielen Details noch die Soundverwaltung an. Der Nord Lead 4 verfügt über nicht weniger als vier mal 99 Programmspeicherplätze. Die Programme können in vier Slots (A bis D) geladen werden, welche sich über einen jeweils eigenen Taster aufrufen lassen. Auf diese Weise kann man sehr schnell zwischen vier frei wählbaren Programmen hin- und herschalten. Generell geschieht die Anwahl der Programme über einen recht schlanken Drehregler. Hier fehlen mir auf jeden Fall zwei Taster für Programm rauf und runter. Jeder, der beim Gig schon mal schnell eine Nummer höherschalten wollte und dabei auf einen Drehregler angewiesen war, weiß, dass das nicht sonderlich praktikabel ist, da man sehr leicht mindestens ein Programm zu weit dreht.

Spannend wird es, wenn man versteht, dass man nicht nur zwischen den vier Slots wechseln, sondern diese auch gleichzeitig spielen kann. So lassen sich bis zu vier Programme layern, oder man splittet das Ganze anhand eines frei wählbaren Splitpunkts auf, so dass A und B auf der linken, C und D auf der rechten Tastaturhälfte liegen. Da wird man als Nord Wave Besitzer schon neidisch, dem dieses einfache, aber wichtige Feature leider fehlt. De facto ist es im Übrigen wohl so, dass alle Slots ständig aktiv sind und nur der jeweils angewählte von der Tastatur getriggert wird. Lässt man nämlich mit Hilfe der Hold-Funktion in Slot A ein Arpeggio laufen, kann man ohne Probleme in Slot B einen Leadsound aufrufen und darüber solieren. Ziemlich gut. Darüber hinaus kann man den Slots auch eigene MIDI-Kanäle zuweisen und den Nord Lead 4 somit vierfach timbral betreiben.

Das so zusammengebaute Konstrukt lässt sich überdies auf einem von 99 Performance-Speicherplätzen ablegen, die dann also feste Split-Sounds oder Arpeggio-Orgien aus vier verschiedenen Sounds enthalten. Auch hier hat Clavia wieder mitgedacht: Speichert man einen solchen Performance-Sound ab, werden die Programme der einzelnen Slots kopiert (und nicht nur referenziert). Damit bleibt der Performance-Sound immer erhalten, auch wenn man ein verwendetes Programm im Nachhinein ändert.

Display

Wer schon andere Nord-Tests von mir gelesen hat, wird das nun Folgende schon kennen, aber ich kann es leider niemandem ersparen. Stichwort: Display. Clavia hat es erneut für ausreichend befunden, dem armen Nord Lead 4 eine Anzeige zu schenken, die ganze DREI Zeichen anzeigen kann. Ein Display, mit dem sich kein Nachttischwecker zufrieden gäbe, soll also für diesen komplexen, ansonsten raffiniert konzipierten Synthesizer ausreichen. TUT ES NICHT! Sicher, ich habe alle Parameter in Form von Drehknöpfen und Tastern vor Augen, und für das Tempo der Master-Clock oder den Wert des Cutoffs (denn die Parameterwerte zeigt das kleine, unscheinbare Display immerhin an) reichen mir drei Zeichen. Aber man möchte einfach keine 400 Programme anhand ihrer Nummern auswendig lernen. Und wenn ich auf der Bühne stehe, möchte ich – selbst wenn ich mir sicher bin, dass Programm Nummer 2.57 für den Song korrekt ist – doch gerne im Klartext sehen, dass tatsächlich das smoothe Pad und nicht der verzerrte Lead-Sound rauskommen wird, wenn ich gleich eine Taste drücke! Mir ist diese Unterlassung auch wirklich unverständlich: Der Nord Lead 3 hatte ein zweizeiliges Display, der Nord Wave hat eines, warum fehlt es hier? Ich wüsste auch keinen ernstzunehmenden Konkurrenten, der auf das Display eines Armbanduhrtaschenrechners aus den 80ern setzt. Bitte, Clavia, bitte: Streicht dieses Drei-Zeichen-Ding aus dem Portfolio und macht es wie alle anderen vernünftigen Hersteller.

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