Gitarre Hersteller_Neural_DSP
Test
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03.05.2021

Praxis

Amp Models

Für den Praxisteil habe ich das Quad Cortex direkt an das Audio Interface (Universal Audio Apollo) angeschlossen und wir starten komplett rudimentär mit nackten Tatsachen, nämlich einem Amp-Modell, einem passenden Cab-Modell und einem dezenten Ambience-Reverb für einen leicht dreidimensionalen Klang. Die Neural Capture-Amps kommen später, hier erst einmal eine Auswahl unterschiedlicher Modelle aus der Amp-Sektion.

Das klingt sehr ordentlich und fühlt sich auch gut beim Spielen an. Auch ist das Reaktionsverhalten der Original-Amps sehr gut getroffen - der Plexi reagiert sehr authentisch auf den Anschlag und der Friedman löst erstklassig auf, auch bei hohen Zerrgraden. Man merkt, dass die Entwickler schon reichlich Zeit mit dem digitalen Amp-Modeling verbracht haben. Auch die Detailtreue zum Original ist bei den virtuellen Amps zu sehen und zu hören, zum Beispiel sind beim Friedman alle zusätzlichen Schalter mit entsprechender klanglicher Auswirkung vorhanden. Jetzt geht es mit den Amp-Modellen aus der Neural Capture Abteilung weiter. Das sind digitale Modelle, die vom Hersteller mit der Neural Capture Funktion erstellt wurden. Auch hier gibt es eine satte Auswahl an unterschiedlichen Amp-Modellen, die ebenfalls mit sehr gutem Sound und Spielgefühl punkten.

Die Lautsprecher in der Cab-Sektion lassen sich mit zwei virtuellen Mikrofonen abnehmen. Sechs Mikrofontypen stehen zur Auswahl, die Mikrofone selbst können in ihrer Position verändert werden, auch im Panorama. Alternativ dazu ist es auch möglich, eigene IRs zu laden. Die klanglichen Auswirkungen der Mikrofonposition hört ihr nun im nächsten Beispiel. Zuerst ein Mikrofon (SM57) mit unterschiedlicher Position (weit weg/seitlich - nah/seitlich - nah/mittig, nah/leicht aus der Mitte), dann das zweite Mikrofon (M160) hinzu. Der Sound der unterschiedlichen Mikrofonpositionen ist absolut authentisch.

Mit der sehr variablen Signalführung können natürlich auch zwei Amps miteinander kombiniert und nach Belieben im Panorama verteilt werden. Hier sind drei Beispiele dazu:

Effekte

Nach der recht trockenen Amp-Analyse geht es nun mit ein paar Effektsounds weiter. Das Quad Cortex hat die Standardpalette in guter Qualität im Angebot und mit dem starken Prozessor sowie der variablen Signalführungen lassen sich diverse Effekte parallel einsetzen - Wet Dry Wet ist auch mit zwei Ausgängen möglich -, und zwar das Direktsignal in der Mitte und die Effekte hart links und rechts im Panorama verteilt. Man kann sich hier von den Factory Presets sehr gut inspirieren lassen, denn es wird sehr kreativ und effektiv mit den Schaltmöglichkeiten gearbeitet. Hier sind ein paar Beispiele, basierend auf Presets, die leicht verändert wurden.

Erstellen einer Neural Capture von einem Marshall Plexi

Jetzt geht es ans Eingemachte und wir testen die Möglichkeit, eine Neural Capture von einem echten Röhrenamp zu erstellen. Das Prinzip ist fast identisch mit dem Profiling von Kemper. Man schaltet das Quad Cortex zwischen Gitarre und Amp-Eingang und aus dem Mikrofon vor der Lautsprecherbox geht es zurück ins Quad Cortex. Hier ist die genaue Signalreihenfolge:

Gitarre > Quad Cortex Return IN > Quad Cortex Capture Out > Amp Input > Cab Cab Mikrofon > Quad Cortex Input 1

Dann wird beim Quad Cortex im Hauptmenü die Funktion "Create New Capture" angewählt und am Display wird man noch einmal Schritt für Schritt durch alle Verkabelungsschritte geführt. Deshalb ist ein Blick ins Handbuch eigentlich überflüssig - gut gemacht! Wenn alles klar und bestätigt ist, kann es losgehen: Die grüne Fläche drücken und die Testsignale werden an den Amp geschickt und analysiert. Das Ganze dauert ca. 4:30 Minuten. Anschließend kann man Amp- und Capture-Signal miteinander vergleichen und bei Bedarf als New Capture speichern. Ein Neural Capture hat immer die gleiche Parameterstruktur: Es gibt einen Gain-Regler, eine Dreibandklangregelung mit Bass, Middle und Treble und den Volume-Regler für die Gesamtlautstärke.

Und dieses Prozedere habe ich jetzt mit meinem Marshall Plexi gemacht. Der Amp läuft über eine Marshall 4x12 Box, die mit einem Neumann TLM 103 abgenommen wird. Von dort geht es in einen Neve Preamp (neutral eingestellt) und zurück in das Quad Cortex. Für einen zusätzlichen Vergleich habe ich mit diesem Setup außerdem ein Profil mit dem Kemper Profiler erstellt und dabei absolut nichts an Amp, Mikrofon und Preamp verändert, sondern einfach nur die Kabel umgesteckt. Die Eingangspegel waren allesamt relativ identisch, sodass wir hier einen neutralen und direkten Vergleich haben. Ihr hört zuerst Akkorde mit hartem, dann mit leichtem Anschlag. Danach wird das Volume an der Gitarre auf 7 zurückgedreht und es gibt noch ein Powerchord-Crescendo mit voller Gitarrenlautstärke.

Die beiden digitalen Abbildungen klingen etwas dünner als das Original, wobei das Neural Capture im unteren Mittenbereich etwas schwächer ist. Das Kemper-Profil klingt für mein Empfinden in den oberen Frequenzen auch ein wenig wärmer. Aber generell lässt sich auch mit dem Quad Cortex der Geist eines Röhrenamps recht gut und unkompliziert einfangen.

Bei dieser Form der Neural Capture wurde die komplette Signalkette (Amp, Cab, Mikrofon) digital erstellt. Es besteht auch die Möglichkeit, den Amp einzeln zu analysieren, wofür der Verstärker aber einen DI-Ausgang haben muss. Den Speaker-Output sollte man auf keinen Fall zum Erstellen einer Neural Capture benutzen. Was auch noch digital eingefangen werden kann, ist der Sound eines Overdrive- oder Distortion-Pedals, und das wird jetzt ebenfalls ausprobiert. Dafür darf der Klon KTR antreten, wobei der Aufbau hier wesentlich überschaubarer ist. Man sollte das Pedal zuerst vor das Quad Cortex schalten, die gewünschte Einstellung am Pedal vornehmen und dann zur Analyse neu verkabeln:

Gitarre > Quad Cortex Return 1 > Quad Cortex Capture Out > Overdrive In >Overdrive Out > Quad Cortex (Input 1)

Das Ergebnis kann sich hören lassen! Klar, der Klon wird nicht 1:1 geklont, aber der Charakter ist auf jeden Fall getroffen und ich kann mir vorstellen, das dies mit Sicherheit sehr häufig genutzt wird. Denn so kann man seine Lieblings-Overdrives zuhause lassen und mit ganz leichtem Gepäck reisen. Einige klangliche Abstriche muss man machen, aber das muss jeder selbst entscheiden.

Zum Abschluss hört ihr das Quad Cortex noch mit mehreren Sounds im Bandkontext.

Kritik - Alternativen - Erbsenzählerei

Die Frage stand natürlich seit der Vorstellung des Quad Cortex im Raum: Ist das die neue Wunderwaffe, der Alleskönner, und die Mitbewerber können einpacken? Wie meist lässt sich diese Frage pauschal nicht beantworten. Sehr weit vorne ist zweifellos die Bedienung über das Touch- Display, denn meines Erachtens ist hier kein Editor oder eine Tablet-App mehr nötig, denn das Display ist mit 7" nur geringfügig kleiner als ein iPad Mini (7,9"). Auf ihm lässt sich wirklich einiges an- und fast alles einstellen und vor allem darstellen. Und gegenüber den großen Floorboard-Gerätschaften von Line 6 (Helix) oder Kemper (Stage) punktet unser Testkandidat mit kompakten Maßen. Der Sound der Amp-Modelle ist sehr gut und von besser oder schlechter im Vergleich zur Konkurrenz kann man nicht sprechen: Die Modelle und die Factory Captures klingen sehr transparent und haben eine erstklassige Ansprache. Unterm Mikroskop betrachtet haben mir die High-Gain-Modelle beim Quad Cortex besser gefallen als die der klassischen Amps. Viele virtuelle Amps klingen beim Quad Cortex in den Höhen etwas härter, wenn man sie ohne zusätzliche Effekte oder EQ-Bearbeitung anspielt. In dieser Hinsicht bringt der Kemper Profiler im direkten Vergleich gerade bei den klassischen Amps meines Erachtens ein etwas satteres Spielgefühl und einen wärmeren Breakup-Ton. Aber da muss ich auch zugeben, dass ich den Profiler seit Jahren im Einsatz habe und meine Lieblingsprofile gefunden und die quasi eingespielt habe. Das ist dann wie ein paar gut eingelaufene Schuhe: Wenn etwas neues kommt, fühlt es sich immer anders an und benötigt eine gewisse Zeit zum Eingewöhnen. Was die Höhen anbetrifft, gibt es natürlich mit einem zusätzlichen EQ genügend Möglichkeiten, die Frequenzen etwas zu verdrehen. Was im Vergleich zu den Mitbewerbern beim Quad Cortex ein wenig abfällt, ist die Auswahl und Qualität der Effekte. Da ist meines Erachtens noch Luft nach oben. Es fehlt ein Harmonizer und auch ein paar spezielle Hall- oder Echo-Algorithmen wären klasse. Da gibt es bei Line 6 und auch Kemper eine wesentlich größere Auswahl. Auch ist die Klangqualität der Effekte noch nicht auf dem Level der Amp-Modelle. So klingt der Pitch Shifter zum Beispiel etwas klinisch und harsch, wenn man höhere Intervalle einstellt und den Effektlevel etwas weiter aufdreht. Das ist zwar Nörgeln auf sehr hohem Niveau, aber es geht ja um Erbsenzählerei und die Frage, worin sich das Quad Cortex von den Mitbewerbern im ähnlichen Preissegment unterscheidet. Wer aber jetzt keinen Wert auf abgefahrene, durch den Wolf gedrehte, gefilterte Pitch-Delays legt, der kommt mit den Effektsounds auf jeden Fall locker zurecht.

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