Hersteller_NativeInstruments
Test
3
11.02.2011

Praxis

Installation
Installation und Aktivierung verlaufen ohne nennenswerte Vorkommnisse. Nach einer freundlichen kleinen Startup-Lightshow wird der Testkandidat von Traktor S4 automatisch eingebunden. Der neue Besitzer muss lediglich den Kopfhörer einstöpseln, ein paar Songs laden und kann sofort losmixen. Plug & Play par excellence. Die Idee ist nicht ganz taufrisch, denn XONE:DX, Vestax VCM-300, Numark NS7 und Co. arbeiten mit Serato Itch nach einem ähnlichen Prinzip. Im Gegensatz zu Serato lässt sich die S4-Software allerdings auch in Kombination mit anderen Konsolen- oder Interfaces betreiben oder mit selbst gemappten zusätzlichen Gerätschaften erweitern. Diese Art der Individualisierung ist für Itcher bis zum heutigen Tag ein Fremdwort. Hat der DJ auf dem Rechner auch ein Traktor (Scratch) Pro installiert, fragt der Neuankömmling beim ersten Start ab, ob die bestehende Kollektion mitsamt ihren Playlisten und Auswertungen kopiert werden soll. Das ist ganz praktisch, denn wer schon eine Musikbibliothek aufgebaut hat, kann diese quasi unmittelbar nutzen. Die Sache hat allerdings noch einen kleinen Haken, denn potentielle Änderungen sind unter TSP später nicht verbucht. Umgekehrt verhält sich das genauso. Hier sollte eigentlich schnell nachgebessert werden, allerdings bleibt vielleicht noch abzuwarten, wie und wann sich die zukünftige Produktpalette darstellen wird.

Traktor S4 Software
Traktor ist ein Programm zum Abspielen und Mixen digitaler Musikdateien der Dateiformate MP3, WAV, AIFF, Audio-CD, FLAC, Ogg Vorbis auf bis zu vier Softwaredecks. Version S4 bietet die vertraute Arbeitsumgebung der Pro-Fassung mit kleineren kosmetischen und inhaltlichen Updates. Hoch im Norden sind die Master-und Recording-Sektion mit dem juvenilen Loop-Rekorder und die Effektgeschwader arrangiert. 28 unterschiedliche Klangverbieger verbergen sich in den Tiefen der Software und lassen manches Set zu einem außergewöhnlichen Erlebnis werden. Arbeitet der DJ mit zwei FX-Units, praktizieren diese wahlfrei auf sämtlichen Decks. Kommen statt dessen vier zum Einsatz, ist jede Gruppe standardmäßig einem Kanal fest zugeordnet. Nach wie vor können die Effekte als Sends oder Inserts genutzt werden. Die Bezeichnungen der Betriebsmodi sind nun Single statt Advanced und Group statt Chained.

Unter den Panels sitzen die Abspieleinheiten mit ihren MOVE-, CUE und GRID-Paletten sowie die neu hinzugekommenen Sampleplayer. Ganz im Süden befindet sich die Musikverwaltung mit linksseitigem Browsertree, Preview-Deck und inkrementeller Suchmaske sowie zentraler Playlisten-Ansicht mit 12 Favoriten-Shortcuts. In der Tabelle springen sofort zwei neue Symbole ins Auge. Loops sind analog zu den Abspielmodi im Sampledeck durch eine hellgrüne Schleife gekennzeichnet, One-Shots durch einen blauen Pfeil. Die Zuweisung lässt sich jederzeit per Rechtsklick ändern. Für die unterschiedlichen Einsatzszenarien wurden vier in meinen Augen sehr passende Layout-Vorlagen implementiert, die bequem von der Hardware auszutauschen sind. ESSENTIAL zeigen lediglich die Basisfunktionen für eine klassische Mix-Session mit vergrößerter Playlistenansicht an und verzichtet auf weitreichende Abbildung der Remix-Features. Sie kommen stattdessen bei EXTENDED zum Vorschein. MIXER bringt das interne Mischpult auf den Screen. BROWSE schrumpft die Player auf Zigarettenformat um der Musikbibliothek den hauptsächlichen Bildschirmanteil einzuräumen - was nicht nur Ideal für Deejays ist, die den traditionellen Genremix propagieren oder Plattenwünsche sammeln. Auch wer elektronische Beats und Samples in der Playlist stapelt, profitiert hier enorm.

Klassische Decks versus Sample Decks
Decks A und B sind als Standardplayer deklariert und zeigen BPM, Phasenmeter und relevante Informationen zum aktuellen Song an. Auffälligstes Merkmal ist zunächst die neue Farbgebung der Wellenformen. Nicht mehr gelb ist die Koloration der Wahl, sondern grau. Laut Webteaser könnten sie aber schon bald von bunten Diagrammen abgelöst werden, welche die Frequenzbänder mit unterschiedlichen Tönungen darstellen. Die beiden übrigen Decks können ebenfalls im Normalzustand operieren, als Sampleplayer fungieren oder externe Signalquellen durchschleifen. Um den Arbeitsmodus umzuschalten, ist ein Ausflug in die Preferences nötig. Die grafische Anzeige des Platter-Scopes ist dort noch deaktiviert, sollte aber mit dem Einzug der DVS-Steuerung freigeschaltet werden. Auch beim Mix-Rekorder fehlt zurzeit noch die Möglichkeit, einen externen Eingang direkt anzuwählen.

Jede Samplebrigade besitzt vier Speicherplätze mit einer maximalen Länge von je 32 Beats oder 48 Sekunden. Satte 122 Beipack-Sounds aus den Bereichen Drums, Instruments, Vocals, Percussions und Effects haben die Hersteller auf die CD gepackt, damit lassen sich erste Proberunden drehen. Beim Befüllen eines Sampleplayers stellt sich dieser automatisch auf den Modus des Audioschnipsels ein, sodass eine One-Shot-Sirene nicht ungewollt zum dauerhaften Fliegeralarm mutiert. Die Units lassen sich ebenfalls per Drag-Drop mit dem Inhalt des Loop-Rekorders füttern. Jedem Platz stehen Gain-Regler und ein Kombifilter zur Seite. Live erstellte Audiozyklen speichert Traktor automatisch mit Datum und Uhrzeit ab und reiht sie in die Track-Collection ein. Zur besseren Übersicht empfiehlt es sich, ein eigenes Verzeichnis für mitgeschnittenes Material anzulegen.

Loop-Rekorder und Mixer

Der Loop-Rekorder zeichnet eine Schleife in einer voreingestellten Länge von vier bis 32 Beats auf. Für das Mischungsverhältnis ist ein Dry/ Wet-Regler zuständig, der bei 100 Prozent Effektanteil sämtliche Decks mutet. Als Eingangsquellen stehen die Stereosumme und die individuellen Kanäle via CUE zur Verfügung. Ferner kann das Signal eines anliegenden Audiostroms abgegriffen werden. Der Loop-Rekorder taktet automatisch ein. Man kann immer wieder mit der Quelle der Wahl overdubben. Vorsicht ist allerdings geboten, wenn man mit einem zweiten Deck in-the-mix arbeitet und letztgenanntes nach einem Mikro-Loop einen Upscaling-Versatz produziert. Auch die Phasenverschiebung zweier identischer Songpassagen ist zu beachten.

Im gewohnt charismatischen Layout muss sich der Softwaremixer in einem Punkt der Konsole unterwerfen, denn im Zuge des Drei-Band-Equalizers ist die Xone-Emulation mit geteiltem Mittenband dem Rotstift zum Opfer gefallen. Außer der Classic-Variante sind demnach noch P-600 und Nuo an Bord. Alle Signalquellen werden grundsätzlich intern gemischt. Der externe Modus wurde gestrichen. Wer mit Traktor S4 spielen will, muss also bis dato auch dann mit dem internen Mixer Vorlieb nehmen, wenn er ein Audio-8 anschließt. Andersherum ist es möglich, den S4 als Fernsteuerung unter Traktor Scratch Pro zu betreiben - allerdings wird der Proband aktuell (1.2.7) noch gar nicht unterstützt. Für Scratch Pro-User bietet sich nach wie vor der Kontrol-X1 an.

In den Preferences lässt sich das S4-Erlebnis noch ein wenig individualisieren, zum Beispiel in Punkto Kalibrierung, Effekt-Presets für den Direktzugriff, Arbeitsweise der Tempofader, LED-Intensität oder die Verwendung der Sampler-Buttons.

Klang - AUDIO INTERFACE
Was die Soundqualität angeht, braucht sich der S4 nicht hinter seinen Konkurrenten zu verstecken. Die Wandler-Einheiten stammen von Cirrus-Logic und liegen auf dem Level einer Audio-4-DJ. Aus dem Masterausgang kommt ein transparenter und druckvoller Sound mit sattem Pegel, dem man uneingeschränkte Clubtauglichkeit attestieren kann. Ein separat regelbarer Booth-Out ist nicht am Start, was manchem vielleicht unangenehm aufstößt. Sicherlich lässt sich die Lautstärke auch an der Monitorendstufe oder direkt an den Aktivboxen regeln, aber ein Booth-Poti ist einfach viel komfortabler. Vor allem bei schwankender Besucherzahl und Akustik. Etwas enttäuscht bin ich vom Kopfhörerausgang. Zugegeben, er spielt einen glasklaren Sound aus, ist aber für meinen Geschmack ein wenig zu leise geraten.

Preamps
Besonders interessant sind natürlich auch Klang und Leistung der Phono-Vorverstärker. Wichtig ist dabei unter anderem, dass die Reproduktion authentisch klingt und rauscharm eingebracht wird. Im Tonträgermix ist es zudem von Vorteil, wenn der Pegelunterschied zwischen externen Zuspielern und internen Decks nicht unkorrigierbar groß wird.

Das Signal der Schallplatte wird souverän wiedergegeben - hier haben wir für euch einige Audiobeispiele zum Vergleich aufgezeichnet. Der Pegelunterschied zwischen der intern abgespielten MP3-Datei und der Test-Schallplatte (auf Vestax-PDX2300 mit Ortofon-Scratch) liegt bei etwa bei 8-10 dB, die per Gain-Encoder nachzuregeln sind.

Die Mikrofonwandler hinterlassen einen für den angestrebten Verwendungszweck potenten Eindruck. Das Signal klingt recht neutral und ist zudem rauscharm. Eingepegelt wird per rückseitigen Gain, die Lautstärke selbst ist am Frontpanel geregelt. Wahlweise kann das Mikrofon durchgereicht oder im USB-Modus als Live-Feed auf einen Kanal geroutet werden, wo ihm dann die volle Palette von EQ, FX und Filter zur Verfügung steht. Da freut sich auch der DUB-Deejay und schraubt am Delay und Hall. Phantomspeisung ist nicht verbaut und eine Talkover-Funktion fehlt leider ebenfalls.

Mit oder gegen den Strom
Aus Gründen der Betriebssicherheit empfiehlt es sich, den S4 mit einem angeschlossenen Netzteil zu betreiben, denn immerhin befindet sich ja nicht nur ein hochwertiges Interface im Bauch, sondern auch noch eine Armada an Frickelwerkzeug on Top. Die externe Spannungsversorgung bringt beim S4 noch zwei weitere Vorteile. Erstens wird die Intensität der Button-Beleuchtung nicht wie beim USB-Betrieb gedimmt. Zudem legt auch die Lautstärke des Kopfhörerausgangs etwas zu. Beim Hot-Plug-Test stellte sich heraus, dass der S4 nach einer versehentlichen Trennung vom USB-Port natürlich Stille auf die Anlage projiziert, wieder angestöpselt aber innerhalb weniger Sekunden alles in den Normalzustand versetzt. Als ich das Netzteil abziehe, kommt es mit dem Versorgungswechsel per USB nicht zu Dropouts, sondern der Sound läuft ohne Pause weiter.

Workflow und Handling
Ein Kriterium für eine flüssige Performance ist der Zugriff auf alle relevanten Softwarefeatures von der Konsole aus. Dazu gehört auch die Navigation in der Musikbibliothek. Mit dem Push-Encoder gelingt dies sehr effizient. Er scrollt durch die Playlist, befördert die aktuelle Auswahl auf Knopfdruck ins Preview-Deck, spult obendrein in diesem und blättert in Kombination mit SHIFT durch die Favoriten. Sobald die Taste für den Browser-Modus betätigt wird, leiten Move- und Loop-Encoder die Navigation für das entsprechende Deck. Ferner wird die Tracksteuerung per Jogwheel deaktiviert, so dass es sich zum Browsen verwenden lässt.

Via LOAD landet die Auswahl im Deck. Schnell sind zwei Tracks eingestartet und warten auf Befehle. Sämtliche Player lassen sich via Multicue separat abhören, mit den Channelmetern und +/- 12 dB Gain sollte das Einpegeln auch für Greenhorns keine Hürde darstellen. Falls doch, hilft vielleicht Autogain. In der Mixpraxis fällt sofort der angenehm große Abstand zwischen den Bedienelementen positiv auf. Das ist wirklich auch für uns Europäer vorbildlich umgesetzt. Der Pitch lässt sich im absoluten und relativen Modus betreiben. Mit einer Auflösung von ein bis zwei hundertstel Prozent bei +/- 8 sollte er manuellen Beatmatchern ein gutes Arbeitswerkzeug darstellen, wenngleich er mit 60 Millimetern nur knapp halb so lang ist, wie am Vestax oder Technics-Turntable. Außerdem liegt er etwas nah am Loop-Encoder. „Automatcher“ verwenden stattdessen SYNC. Zwei Indikatoren zeigen nach einer computergesteuerten Synchronisation an, in welcher Richtung der Offset des Pitchfaders zum Softwaredeck liegt. Wer seine Songs in Originalgeschwindigkeit abspielt, kann diesen auch gegen versehentliches Verschieben ausschalten. Damit das Erlebnis so authentisch wie möglich erfolgt, verwenden die Produzenten ein proprietäres Steuerprotokoll, das laut eigenen Angaben etwa die dreißigfache (!!) Menge an MIDI-Daten zwischen Rechner und Kontroll-Einheit hin- und her schaufeln kann.

Wer nun ein richtiger Knopfkämpfer ist, der könnte mit vier Hotcue-Schaltflächen durchaus unterfordert sein und freut sich vielleicht zu hören, dass er die Schnellstarter fünf bis acht anstelle des Samplers nutzen kann. Samples lassen sich auf unterschiedliche Weisen von der Musikbibliothek ins Deck befördern. Entweder der DJ wählt die Datei mit dem Encoder aus und nutzt die LOAD-Taste, was automatisch den nächsten freien Slot belegt. Oder er drückt auf SHIFT und ein nicht belegtes Sample-Pad, um einen Slot direkt zu belegen. Am Sampledeck selbst besteht ebenfalls die Option, die gewünschte Abspieleinheit individuell zu steuern (SHIFT + Hotcue). Der Audioschnipsel kann dann wie ein herkömmlicher Track gescratcht, getriggert, gefiltert und gekürzt oder ganz einfach hinsichtlich der Lautstärke eingestellt werden. Ein erneuter Tastenhieb hebt den Modus auf. Die Remix-Buttons sind angenehm groß und lösen präzise aus. Sie liegen oberhalb der Transportsektion, was bei intensivem Gehämmer mit flummiartigen Luftsprüngen ein kleines Risiko bergen könnte. Doch Hand aufs Herz – für den überwiegenden Teil der Anwender ist das Arrangement sehr gut gewählt. Känguru-Artisten hilft ein MIDI-Keyboard oder Triggerpad gern weiter.

Jedem Hänsel dieselbe Gretel?
Bliebe vielleicht noch zu klären, für wen sich die Anschaffung eines Traktor-Kontrol-S4 Paketes anbietet. Mobile Discotheken, Moderatoren und Wedding-Deejays, die auf Ducking verzichten können finden im TRAKTOR KONTROL S4 eine durchaus interessante Lösung für den Arbeitsalltag. Das Setup ist in Windeseile einsatzbereit und aufgrund der geringen Maße im Vergleich zu einem Clubmixer mit Twin-Turntable- oder Dual-CD-Setup ein deutlich kompakteres Werkzeug. Novizen und ambitionierte Hobbyisten bekommen ein einsteigerfreundliches Layout an die Hand und profitieren während ihrer ersten Trainingsphasen von exzellenten Mixhilfen.  Ausgebuffte Profis schätzen die Möglichkeit, beatsynchrone Initialzündungen direkt auf die Meute abzufeuern. Das schnelle Protokoll und die Soundqualität tragen das Ihre dazu bei. Auch Im Studio macht der Bursche eine gute Figur. Ich bin schon sehr gespannt, wann Native Instruments die Steuerung über Timecodes freischaltet. Timecodes im Bauch der CDJs oder auf dem Turntables, dazu Deck drei und vier für Loops und Samples, das hat schon was. Für die Moderation ist ein Mikrofon-Anschluss dabei, daher könnte die Kiste ebenso für MP3-Webcaster eine gute Wahl darstellen - denn sie schafft es auf kleinstem Raum viele tolle Features zu integrieren. Zum einen gibt es eine integrierte Broadcast-Funktion, zum anderen bieten sich für Jingles die Samplebänke an. Gleichwohl wäre auch hier eine Talkover-Funktion erforderlich und ferner eine Alternative zum Icecast-Stream.

Und dann wäre da noch der schnöde Mammon
Da es bereits MIDI-Controller mit Interface um die 199 Euro gibt, gehen 899 Euro auf den ersten Blick nicht gerade als Schnäppchen durch, soviel ist klar. Allerdings spielt der S4 auch nicht in der Hobbyliga, das sollte fairerweise an dieser Stelle betont werden. Subtrahiert man vor dem geistigen Auge den Anschaffungspreis ebenbürtiger Einzelkomponenten, wie einer Audio-4-DJ (199 Euro) und einer Traktor Pro Lizenz (199 Euro), bleiben etwa 499 Euro für die „nackte“ Bedieneinheit über. Das ist ein Betrag, der vor kurzem für einen VCI-100 oder TR1 zu entrichten war. Vergleicht man ferner mit den neuen Konsolen-Generationen Marke Denon, Pioneer, A&H und allen anderen Fischern im angesagten und lukrativen Vierkanal-Gewässer, liegt Native hier nicht sonderlich über dem Schnitt. Zumal bei einigen Mitbewerbern noch ein kostenpflichtiges Software-Update anstehen könnte. Im Serato-Lager platziert sich ein Allen & Heath Xone:DX (Test hier) mit einem ähnlichen Marktpreis wie unser Proband und mischt übrigens ebenfalls nur mit einer Software. Hört, hört! - Zeit für´s Fazit...

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