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Test
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15.08.2018

Moog Grandmother Test

Modularer analoger Synthesizer

Vintage Moog Modular für alle

Mit dem Moog Grandmother setzt der US-amerikanische Hersteller dessen Reise in die Vergangenheit fort und verwendet Vintage Moog Modular Module in einem kleinen Standalone Synthesizer. Hier werden die Klänge der 1960er mit einer 2 1/2 Oktaven-Tastatur und Eurorack Patchpoints vereint.

Der Grandmother-Synthesizer ist also eine Mischung aus Minimoog/Subs, Mother-32 sowie Moog Modular und ist so nicht nur ein völlig neuer Synthesizer, sondern auch einer, wie nur Moog in bauen kann.

Ob die "Großmutter" ein „Frankenstein“-Synth oder ein richtig tolles Gerät geworden ist, erfahrt ihr hier im Test.

Details

Auspacken

Mit überraschenden sieben Kilogramm Gewicht hebe ich den Moog Grandmother aus der wie immer sehr schön gestalteten Kiste. Da er nicht wie die meisten Moogs edel in schwarz-silbernen Outfit erscheint, fühlt man sich gleich ein wenig an den einzig wirklich bunten Synthesizer von Moog erinnert: Den Moog Source. Und was wird im Netz nicht alles über Farbgebungen diskutiert: Die einen stehen auf Arp Quadra, Studio Electronics ATC-X oder EMS Polysynthi, die anderen bekommen einen Vogel. 

Das ist dann allerdings tragisch, denn so fallen nicht nur die fantastischen Produkte von Buchla weg, sondern auch die meisten Module, die im Eurorack-Format so angeboten werden. Deshalb - und weil es fast scheint, als ob die Farbgebung das einzig Wichtige an dem Gerät sind - sei hiermit gleich gesagt: Die meisten Fotos im Internet wirken viel zu bunt und knallig. Die vier Farben des Grandmother sind pastellfarben und das Grün kein Giftgrün, sondern ein leichtes mintgrün. Es ist im doppelten Sinne des Wortes eine auffallend dezente Farbigkeit. 

Module? Ja, der Moog Grandmother Synthesizer gibt vor, eine Ansammlung unterschiedlicher Module von Moog zu sein, und es werden auch konkrete Daten genannt, aus welchen Geräten die Technik stammt: Mixer CP3, Filter 904, Envelope Generator 911, VCA 902 und Hallspirale 905. Das sind also alles Module, wie sie in den alten Moog Modulars vorkommen und für die man sehr viel Geld auf den Tisch legen muss.

Die Oszillatoren sind übrigens die des Minimoogs. Wer nun erwartet, dass im Grandmother tatsächlich Module wie im Moog System 55 verbaut sind, wird enttäuscht werden: Unter der Oberfläche werkeln keine Steckplätze mit einzelnen Modulen sondern es gibt zwei Leiterplatten mit ICs und SMD Technik. Through Hole kann man bei dem Preis allerdings auch nicht wirklich erwarten, aber so viele Beschwerden gab es bei Taurus, Mother-32 und Sub-37 ja auch nicht und die sind alle in SMD Bauweise hergestellt.

Mitgeliefertes Zubehör

Was ist jetzt eigentlich alles in der Kiste? Zum einen natürlich der Synth, aber Moog hat erkannt, dass Synthesizer heute auch ein bisschen ein Livestyle-Produkt sind und hat frühen Exemplaren der Grandmother auch schon mal Jeansjacken beigelegt. 

Dieser Großmutter lag ein Slinky bei, also dieses Spielzeug, dass aus einer sehr langen Feder besteht und Treppen steigen kann. Weiterhin gibt es sechs Patchkabel in drei unterschiedlichen Längen. Und schließlich liegt dem Gerät eine wirklich wunderschöne Bedienungsanleitung bei: DIN A4, aus dickem Papier, mit einem Einband aus Pappe, der innen mit alten Schaltplänen bedruckt ist … wirklich schön. Und auch der Vertrieb hat sich nicht lumpen lassen und die deutschsprachige Anleitung ist fast genauso schön. Und das hat schon was, es gibt einem gleich das Gefühl, ein echtes Musikinstrument in den Händen zu halten und nicht nur irgendein Gerät.

Ausstattung

Der Synthesizer selbst bietet nur eine 2 1/2 Oktaven Tastatur und zwei kleine Modwheels links davon. Was mich bei der geringen Baubreite schon mehr verwundert ist, wie schwer, hoch und tief das Gerät ist. Die Seitenteile bestehen aus Plastik, aber der Rest ist solides Metall und so fühlt sich auch das ganze Gerät an. Die Tiefe ist der großzügigen Anordnung der Bedienelemente der einzelnen „Module“ geschuldet. Hier wird zwar nicht die Original Moog Unit Größe verwendet, aber 20 cm inklusive dem Grandmother Schriftzug sind schon ordentlich. Die Knöpfe ähneln in Aussehen und Größe denen des Sub 37 und mit der Wuselbild Fummelei, wie man es von Euroracks kennt, hat das also nichts zu tun, sondern mehr mit einem schön ausgebreiteten Synthesizerpanel. Die weißen Kippschalter sind allerdings den kleinen 3,5 mm Ein-und Ausgängen angeglichen. Alles in allem ist Moog da ein ziemlicher Spagat gelungen: Einerseits soll alles an die alten großen Moog Modulars erinnern, gleichzeitig benutzt man aber Eurorackelemente wie die Miniklinke und kleine 3,5 mm Schalter. Diese Schalter sind übrigens als Hebel ausgeführt und nicht als Wippe, was bei diesem Format auch sinnvoll ist.

Aufbau

Gehen wir das Gerät einmal durch: Vorne also die Tastatur in Normgröße, leider ohne Aftertouch. Links davon die Bedienhilfen in Form von zwei moog-typischen Rädern aus grauem geriffeltem Plastik. Direkt darüber der Regler für das Glide und drei Druckknöpfe mit doppelter Belegung für Oktavwechsel und als Steuerung für den Arpeggiator/Sequenzer. 

Auf dem Panel selber wechseln die Module zwischen farbig und schwarz ab. Gelb, ganz links, der Arpeggiator und der Stepsequenzer, der Speicherplatz für drei Sequenzen mit bis zu 256 Schritten bietet. Pausen und Akzent gehören da natürlich genauso dazu, wie unterschiedliche Richtungen und Oktaven beim Arpeggiator. Wie immer, wichtig sind die Patchpoints, welche die Kontrollspannungen für Gate, Keyboard und Velocity ausgeben: Sowohl Arpeggiator/Sequenzer- als auch die Keyboardsignale liegen hier an und können an weitere Module der Grandmother sowie an andere Geräte weitergereicht werden. Das Ganze funktioniert natürlich auch über MIDI.

Auf schwarzem Hintergrund rechts daneben findet sich die „Modulation“ genannte Sektion, die aus einem einzelnen LFO mit einer Spannbreite von 0,7 Hz bis 1,3 kHz, besteht. Das reicht weit in den Audiobereich hinein und ist um einiges schneller als z. B. der LFO des Moog Sub 37. Der LFO bietet an Wellenformen Sinus, Sägezahn, Rampe und Rechteck und kann direkt auf die Tonhöhe und Pulsweiten beider Oszillatoren gemeinsam, und auf die Filterfrequenz des Filters einwirken. Fest verschaltet ist hierbei die Verbindung zwischen der Modulations Sektion und des Modulationsrades: Die Modulation greift erst, wenn auch das Modwheel auf ist. Das Modwheel kann leider nicht anders geroutet werden, ein extra Modwheel Patchpoint wäre toll gewesen. Dafür gibt es aber andere Schmankerl: Wenn man den Keyboard CV-Ausgang des Arpeggiator/Sequenzer Moduls in den Pitch Eingang des LFO routet, lässt sich der LFO genau so spielen wie die beiden Oszillatoren. Die Großmutter kann Dreiklänge, ach was, Vierklänge spielen, denn der Filter kann ja auch noch oszillieren. 

Auf hellblauem Hintergrund rechts daneben, liegen die beiden Oszillatoren mit den vier Wellenformen Dreieck, Sägezahn, Rechteck und 25% Pulswelle, zwischen denen man allerdings nicht überblenden kann. Die Bauweise der Oszillatoren ist die des Minimoog, auch wenn nicht gesagt wird, um welche Generation des Minimoog es sich handelt. Das alte Modularmodul 901 war vielleicht doch zu instabil in der Tonhöhe, als dass man es einem neuen Gerät zumuten wollte. Jeder Oszillator kann in vier verschiedenen Oktaven eingesetzt werden, wobei in der Grundeinstellung der erste Oszillator von 32’ bis 4’ und der zweite von 16’ bis 2’ reicht. So ist es auch auf der Frontplatte aufgedruckt, kann aber auch via MIDI CC 75 verändert werden. Wie bei Moog üblich, folgt Oszillator 2 im Prinzip immer der Frequenz von Oszillator 1, kann aber über einen eigenen Frequenzregler im Rahmen einer Quinte nach oben oder unten gestimmt werden. Außerdem kann Oszillator 2 zu Oszillator 1 synchronisiert werden. Beide Oszillatoren besitzen Patchpoints für ihren separaten Ausgang und auch separate Pitch Eingänge. Oszillator 1 hat darüber hinaus einen Patchpoint für die Pulsbreite und Oszillator 2 einen Patchpoint für lineare Frequenzmodulation.

Die Mixer und die Utility Sektion sind beide wieder in schwarz gehalten. Im Mixer werden die Signale von Oszillator 1 und 2 zusammengebracht, außerdem gibt es hier auch noch Weißes Rauschen zum dazu mischen. Der Mixer ist der berühmte CP3, quasi die geheime Sauce von Moog. Der Mixer ist in keiner Weise clean sondern schickt das Signal schon ab einer Reglerstellung von 13 Uhr in einen sanften Overdrive bis hin zu heftigem Clipping der Wellenformen. Der Sägezahn bekommt mehr Bass, und wofür ist Moog berühmt? Genau, für Sägezahn mit viel Bass! Das passive Design des CP3 sorgt im Übrigen auch dafür, dass die Levels sich ein wenig angleichen, also so etwas wie ein passiver Kompressor. Geheime Sauce halt, jetzt auch bei der Großmutter. Jeder der drei Inputs, also Oszillator 1, Oszillator 2 sowie der Rauschgenerator können durch eine andere Quelle ersetzt werden, indem man ein Signal an den jeweiligen Patchpoint anlegt. Und einen weiteren Patchpoint gibt es, um das Signal direkt am Ende des Mischers abzugreifen. Natürlich werden auch die externen Signale der Bearbeitung durch den CP3 unterzogen, man erhält also nicht nur einen Mixer sondern auch einen Overdrive.

Das Utility Modul vereint gleich drei verschiedene Dinge: Zum einen ein passives vierfaches Multiple, mit dem man ein Signal vervielfachen kann. Das ist zum Beispiel dann nützlich, wenn man den Sample & Hold Ausgang des LFO sowohl auf einen Oszillator als auch auf den Filter routen will: Man steckt ein Kabel aus dem Sample & Hold Ausgang in das Multiple und schwupps hat man gleich drei identische Kopien davon. Hervorragend ist, dass das Multiple aber auch Audiosignale mischen und vervielfältigen kann. Hier werden viele klangliche Möglichkeiten durch Patchen erst ermöglicht. Auch der 6 db Hochpassfilter ist nur durch patchen erreichbar. Auch hier stehen viele Möglichkeiten offen, so können der Hochpass- und der Tiefpassfilter in Reihe oder in Serie geschaltet werden und auch die getrennte Bearbeitung der zwei Oszillatoren ist möglich. Schließlich gibt es auch noch einen Attenuator, mit dem Signale abgeschwächt und auch umgedreht werden können. Außerdem kann der Attenuator als DC Quelle von +/- 8 Volt genutzt werden.

Man sieht: Es gibt viel zu erzählen. Fast jedes Modul ist nicht nur einfach das, was es vorgibt zu sein, sondern hat auch noch viele andere Tricks oder sogar Geschichten auf Lager. Mit der Grandmother bekommt man wirklich ein bisschen Synthesizergeschichte ins Haus und vor allem auch den einzelnen Zugriff auf Module, die sich die Mehrzahl wohl nie hätte leisten können.

Der grün hinterlegte Tiefpassfilter ist natürlich der Moog‘sche 24 db Kaskadenfilter, dessen Frequenz selbstverständlich auch diesmal den größten Knopf spendiert bekommen hat. Ach was, Knopf, hier sind ja wirklich alles Potentiometer. Das Filter arbeitet von 10 Hertz bis 20 Kilohertz, geht also vollständig auf. Offensichtlich basiert das Filter auf einer späteren Version des 904 denn es resoniert recht heftig schon ab einer Reglerstellung von 15 Uhr.

Über einen kleinen Kippschalter kann das Keyboardtracking auf 1:2, 1:1 oder Aus gestellt werden und schließlich gibt es noch einen bipolaren Drehregler für den Envelope Amount. Dabei sei allerdings jetzt schon angemerkt, dass es überhaupt nur einen Envelope gibt. Auch der Filter bietet natürlich Patchpoints, in diesem Fall sind das Eingang, Ausgang, Frequenz und Envelope Amount. Das ist natürlich hervorragend, denn so kann man mit der Anschlagsstärke kontrollieren, wie weit der Filter aufgeht. Vom Aussehen her erinnert der Filter noch mit am meisten an die alten Module der 900 Serie, und hier fällt auch besonders die symmetrische Anordnung auf, was dem ganzen Gerät eine retrofuturistische und gleichzeitig aufgeräumte Oberfläche bietet. 

Kommen wir zum klassischen ADRS Envelope, der auf dem Moog 911 basiert. Interessant ist hier die Anordnung der Bedienelemente, bei denen die zeitbasierten Faktoren Attack, Decay und Release einen Drehregler, das Niveau der Sustainphase dagegen durch einen sehr leichtgängigen Schieberegler beeinflusst werden. Auch der Envelope ist durch Patchpoints komplett separat steuerbar und bietet einen Trigger Eingang sowie zwei Ausgänge für das positive und das negative Signal.

Und damit sind wir beim Output, wo uns zwei weitere Überraschungen erwarten: Zum einen ist da die Auswahl, wie der Verstärker reagieren soll. Hier kann man zwischen Drone, Envelope und Keyboard Release wählen, wobei das Letzte eine Art SR Envelope darstellt: Bei Tastenanschlag geht es sofort in die Sustainphase mit 100% Sustain und beim Loslassen wird der Releasewert aus dem ADSR Envelope übernommen. Das hat man doch nur selten gesehen.

Ebenso selten ist heute ein Standalone Synthesizer mit Hallspirale und was wäre diese Großmutter ohne ihre Hallspirale? Getreu dem Motto: "Dreh' mal die Hallspirale rein, dann wird der Sound recht retro sein".

Anschlüsse

Zuletzt noch ein Blick auf die Rückseite, die auch sehr gut gefüllt ist: Hier finden wir das gesamte MIDI-Trio samt einer MIDI-Aktivitätsleuchte, außerdem den MIDI USB Anschluss. Geboten werden weiterhin CV-Anschlüsse für den Arpeggiator/Sequenzer mit Clock In, On/Off In, Reset In und Clock Out. In Großklinke und unbalanced gibt es Audio Out und Audio In. Und per Miniklinke wird Eurorack bedient, einmal als Audio Out auf den eurorack-typischen Levels und einmal als direkter Ausgang der Hallspirale. Dazu kommt ein Kensington Lock und der Stromanschluss, der durch ein externes Netzgerät mit DC-Stecker bewerkstelligt wird.

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