Hersteller_Marshall Gitarre
Test
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28.12.2015

Praxis

Sound/Bedienung:

Vor vielen Jahren (als selbst noch die Zukunft besser war) besaß ich auch diverse 2203 und 2204 Topteile, die ich leider im Zuge geistiger Umnachtung gegen ein kühlschrankgroßes Racksystem mit drei Boxen tauschte. Eine Aktion, die ich nur kurze Zeit später sehr bereute, denn diese Amps klangen einfach spektakulär. Ich übertreibe sicherlich nicht, wenn ich behaupte, dass man als Gitarrist automatisch besser wird, wenn man sich mit seinem Equipment auseinandersetzt und versucht, eine breite Palette an Sounds herauszuholen anstatt Presets durchzusteppen. Auf einmal spielen Anschlagsdynamik, verschiedene Plektrumstellungen und vor allem die Tonformung mit der linken und rechten Hand eine gewichtige Rolle.

Ich habe den 2555x an eine mit 2x12" Vintage 30 Speakern bestückte Box angeschlossen und diese ganz klassisch mit einem SM57 abgenommen. Als Preamp kommt ein Tube Tech MP1a zum Einsatz, von dem es dann ohne Umwege in ein Avid HD I/O geht. Natürlich kommen weder EQs noch Kompressoren zum Signal, denn wir wollen den Amp ja in seiner ganzen Reinheit hören. Los geht es mit dem ersten Kanal und einer Strat in der 5. Position, also dem Halspickup, alle Regler befinden sich in Mittelstellung.

Da ist er, der altbekannte, mittige Cleansound. Die Strat wird straff und akzentuiert wiedergegeben.

Ich behalte die Einstellungen am Amp bei und schalte auf Position 4 der Strat.

Auch hier wird der glockige Sound der Strat marshalltypisch wiedergegeben. Im Gegensatz zu einem Fender-Amp ist der Ton insgesamt etwas kantiger und rauer, besitzt aber jede Menge Persönlichkeit.

Jetzt bringe ich den Input-Gainregler in die Maximalstellung und spiele im ersten Beispiel in der 100 Watt (High), im zweiten dann in der 50 Watt Stellung (Low).

Sehr interessant, wie sich der Klang verhält. Es lässt sich sehr gut heraushören, dass sich das Obertonspektrum, aber auch das Verhalten im Bassbereich innerhalb der beiden Modi verändert.

Im High Mode wirkt der Klang offener und auch tighter, im Low Mode dafür kompakter. Es lassen sich auf jeden Fall beide Klangwelten hervorragend nutzen, denn sie setzen sich im Bandkontext oder natürlich auch im Studio perfekt in Szene.

In den nächsten zwei Audiofiles möchte ich kurz auf den Rythm Clip eingehen, der sich ja mit dem Herausziehen des Input-Gain-Reglers aktivieren lässt.

Im ersten Beispiel ist der Regler deaktiviert, alle Potis stehen bei beiden Files auf 5, also in der Mittelstellung.

Mit dem Rythm Clip Mode hat Marshall quasi einen weiteren Kanal hinzugefügt, wobei man sich entscheiden muss, ob der Rythm Clip aktiv ist oder nicht. Sobald der Input-Gainregler gezogen wird, verändert sich auch die Lautstärke, es muss also nachgeregelt werden.

Jetzt geht es mit dem Lead-Kanal und der Strat in der Position 1 weiter, der Gainregler des Amps befindet sich auf 2, der Rest zeigt steil nach oben.

Auch hier schalte ich zwischen 50 und 100 Watt um, wobei im ersten Beispiel die 50 Watt zu hören sind.

Womit wir dann auch schon bei den klassischen Trademark-Sounds des Amps angelangt sind. Das Topteil geht ungemein direkt zur Sache und lässt die Strat förmlich aufleben. Tighte Bässe und die geliebten Marshall-Mitten verschmelzen dank der frischen Obertöne beim Anschlag zu einem durchschlagstarken Sound. Dabei wirken die 100 Watt offener und direkter, beim Halbieren der Leistung

Es wird Zeit für die Les Paul. Ich verändere auch hier nichts an der Einstellung des Amps, im ersten Durchgang läuft das Topteil mit 100, im zweiten dann mit 50 Watt.

Wie nicht anders zu erwarten, wird der Sound insgesamt dicker und breiter. Er behält seine Agilität, die er schon bei der Strat unter Beweis gestellt hat, drückt aber in den Mitten ordentlich. Damit dürfte jeder Classic-Rocker mehr als glücklich werden, denn dieser Klang hat Geschichte geschrieben und ist auf unzähligen Alben zu hören.

Die Les Paul bleibt, der Gainregler bewegt sich auf die 5. Im ersten Durchgang läuft der Amp auf 50 Watt, im zweiten auf 100.

Natürlich wird der Klang jetzt dichter, die Les Paul bekommt aber mehr Biss. Man muss diesen Sound schon physisch erleben, denn die Paula ist meiner Meinung nach mit diesem Amp einfach die perfekte Wahl. Auch hier wird der Klang im 100 Watt Modus luftiger und im Bass strammer, dafür komprimiert er bei 50 Watt schneller und verleiht dem Ton die bekannte Kompaktheit.

Jetzt ist es so weit, der Gainregler befindet sich fast in der Maximalposition, alle anderen Potis stehen auf Mitte. Durchgang eins mit 100 Watt, Durchgang zwei mit 50 Watt.

Trotz des hohen Gain-Settings ist dieser Amp weit davon entfernt, sich mit modernen High Gain Amps messen zu wollen. Wer mehr Gain braucht, muss zum Overdrive- oder Distortion-Pedal greifen, die sich übrigens wunderbar mit ihm verstehen! Wie der 2555x mit einem Tubescreamer reagiert, zeigt sich im Abschluss beim letzten Audiobeispiel.

Siebensaitige Gitarren gehören mittlerweile zum Standard in der modernen Rock- und Heavy-Musik, daher habe ich ein paar Audiofiles mit einer solchen aufgenommen. Da bekanntlich der EQ bei diesem Marshall sehr konsequent in das Klangverhalten eingreift, habe ich es mir nicht nehmen lassen, ein wenig an den Reglern zu drehen. Genauer gesagt steht Presence auf 7, Bass auf 9, Mid auf 3 und Treble auf 9. Das ganze zuerst mit 50 Watt, dann mit 100 Watt.

Allein gespielt mag der eine oder andere sicherlich das typische High-Gain-Geballer vermissen, im Kontext mit weiteren Instrumenten jedoch bekommt die Gitarre mit diesem Sound einen ganz neuen Stellenwert. Sie setzt sich schlicht und ergreifend besser durch und klingt wuchtiger als mit einem überverzerrten Amp. Eine Erfahrung, die man spätestens im Studio macht und sich dann fragt, warum sich eine bestimmte Gitarre am High-Gain Monsteramp nicht so richtig durchsetzen mag. Auch hier lässt sich gut heraushören, dass die 100-Watt-Einstellung straffere Bässe liefert, die aber auch dringend benötigt werden. Ansonsten verliert der Sound an Kontur und das wäre in diesem Genre schlicht und ergreifend fatal.

Zurück zu den sechs Saiten. Für das nächste Beispiel verwende ich eine Music Man Reflex, die ein sehr breites Spektrum moderner Gitarrensounds abdeckt. In den folgenden Beispielen möchte ich die klangliche Vielseitig des EQs näher beleuchten. Der Gainregler am Amp steht in allen folgenden Beispielen auf 7, die Klangregelung schaut geschlossen nach oben.

Jetzt steht Mid auf 6 und Treble auf 7:

Bass zeigt auf Rechtsanschlag, Mid auf 2 und Treble ebenfalls auf Maximum.

Hier steht Presence auf 6, Bass auf 1, Mid auf minimal und Treble auf maximal.

Bevor ich zum abschließenden Songfile komme, folgt ein letztes Beispiel. Dafür stehen Presence auf 7, Bass auf 6, Mid auf 6 und Treble auf 3.

Ganz deutlich ist zu hören, wie weitgehend der EQ den Sound zu formen vermag. Marshall sagt zu Recht, dass jeder, der sich mindestens zwei Wochen mit diesem Amp auseinandersetzt, ihn kennt. Wer es nicht getan hat, hat ihn nie kennengelernt. Das kann ich nur bestätigen.

Wie der 2555x im Bandkontext klingt, kann man im folgenden Beispiel hören. Alle Gitarren sind frei von Equalizer oder/und Kompressor, lediglich ein Delay befindet sich auf der Lead-Spur. Für diese habe ich auch ganz klassisch einen alten TS9 Tube Screamer verwendet, der dem Signal einen Hauch Gain hinzufügt.

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