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Test
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31.10.2019

Manley Massive Passive (Mastering) Test

Dual-Mono-Equalizer

Fetter Kasten mit noch fetteren Sound

Der Massive Passive und sein amerikanischer Hersteller Manley stehen für dicken Ami-Sound. Anfang der 90er bauten Manley Pultec-inspirierte Designs, obwohl „digital“ bereits stark im Kommen war. Das hat Eve-Anna Manley aber nicht weiter gestört. Sie hat ihr „analoges“ Ding durchgezogen und so manchen Hardware-Hit gelandet. 

Der Variable-Mu, der Massive Passive und auch die Vox-Box kennt jeder mit etwas Liebe für heiße Röhren und dicke Trafos. Aber auch nicht ganz so teure Geräte kann die Firma mittlerweile bauen: Allen voran der Channelstrip Core, der vierkanalige Preamp Force und der Nu-Mu Compressor

Hinweis: Dieser Test bezieht sich auf dem Manley Massive Passive in der Mastering-Ausführung. Klanglich ist dieser zur "normalen" Version aber grundsätzlich identisch, es gibt nur kleinere Handling-Unterschiede auf die wir an der entsprechenden Stelle auch eingehen werden.

Details

High-End Dual-Mono-Equalizer

Der Manley Massive Passive ist ein hochwertiger Dual-Mono-Equalizer auf 3 HE. Er bietet acht quasiparametrische Bänder sowie zusätzliche Hoch- und Tiefpassfilter. Den Massive Passive gibt es seit Mitte der 90er und er ist neben dem Vari-Mu Compressor „DER Manley“ schlechthin – und damit eines der bekanntesten Studiogeräte überhaupt.

Hergestellt wird der 9,5 kg schwere Kasten mit dicker Front nach wie vor von Hand in Chino, Kalifornien. Und damit ist er nicht ganz billig. Der aktuelle Straßenpreis liegt bei üppigen 5965 Euro für die „normale“ Version und bei 6499 Euro für die Mastgering-Version. Zu den Unterschieden aber lieber später mehr.

Passive Bauweise


Die meisten assoziieren Manley-Sound mit fettem Ami-Sound – und das heißt meist dicke Röhren und fette Trafos – und grundsätzlich ist das auch richtig. Manch Neuling mag sich dann aber an dem Passus „passiv“ irritieren, denn wie kann ein Gerät mit Röhren passiv sein, also ohne Stromzufuhr auskommen? 

Die Lösung ist denkbar einfach: Der Massive Passive als Ganzes ist natürlich nicht passiv, nur die einzelnen Bänder sind es. Wie beim alten Pultec, der auch als Vorbild dient. Passiv bedeutet , dass ohne Transistoren, OP-Amps und ICs gearbeitet wird. Bei unserem Testgerät kommen in den Bändern nur handgewickelte Spulen, Metallfilm-Widerstände und Folien-Kondensatoren zum Einsatz, klassische LC-Schwingkreise eben.

Das typische Ladeverhalten der Kondensatoren und die Spulensättigung passiver Designs sorgt für eine verhältnismäßig „gemütliche“ Arbeitsweise – im Kontrast zu aktiven Elementen, die man als „sehr schnell“ ansieht. Die Bänder des Massive Passive arbeiten zudem parallel, wodurch sie miteinander agieren anstatt nur aufeinander aufzubauen und Fehler zu addieren. Die fetten Manley-Ausgangsübertrager tragen natürlich ebenfalls zum Sound bei. Im Ergebnis entstehen jedenfalls sehr „musikalische“ Kurven, ordentlich Phasendrehungen, ein sehr „smoothes“ Ansprechverhalten sowie cremiger Sound und eine bemerkenswerte Plastizität. „Shit in, Gold out“ sozusagen.

Allerdings frisst die passive Bauweise Pegel – und deswegen gibt es auch eine Make-Up-Röhrenstufe, um das Signal wieder auf Level zu bringen. Ich will nun nicht weiter auf Definitionen und oller Geschichte rumreiten, nur soviel sei noch gesagt: Es gibt keine fixen dB-Beschriftungen, weil Position 11 am Gain-Poti nicht in jedem Fall 11 dB Hub bedeuten muss. Das bedeutet andererseits auch: Nur weil alles rein gedreht ist, muss dass Lehrbuch-mäßig nicht zwangsläufig schlecht sein.

Bei strenger Auslegung der Definition ist der Manley auch gar kein „richtiger“ vollparametrischer Equalizer, da es keinen Q gibt. Dafür aber Bandwidth, was vergleichbar, aber nicht dasselbe ist. Beispielsweise darf der Q eines Bandes laut Definition nicht den Q eines andere Bandes beeinflussen – aber genau das ist beim Manley ja der Fall. Gain und Bandwidth sind auch nicht unabhängig voneinander und so variiert die Anhebung bzw. Absenkung in Verbindung mit Bandwidth erheblich: Nur mit der engsten Bandwidth sind die maximalen 11 dB (Mastering-Version) bzw. 20 dB (Standard-Version) Boost/Cut möglich. Mit der breitesten Bandbreite hingegen werden teilweise nur maximal 2 dB angehoben.

Vier Bänder, zwei Filter

Jetzt haben wir über das Innere gesprochen und gar nicht die sexy Front bestaunt. Das Design ist wuchtig und filigran zugleich. Die dicke blau/lila-eloxierten Front ist gekennzeichnet von schwarzen Inlays sowie reichlich versenkten Schräubchen. Jedes Band ist auf einer getrennten Platine untergebracht und von denen stecken acht hochkant im Inneren – und das lässt die Front erahnen. Man kann auch in das Gehäuse schauen, ohne es zu öffnen, da der Klotz unten und oben gelocht ist – für eine bessere Atmung, denn Hitze strahlen allein die sechs Röhren kräftig ab!

Dual-Mono bedeutet, dass die linke Seite identisch zur rechten ist – einen Link gibt es nicht. Will man ein Stereo-Signal bearbeiten muss links wie rechts gemeinsam bedient werden. Die Potis für die Bänder sind dabei schön groß und an der Spitze schmal, besser kann ein Poti nicht geformt sein! Man weiß, wo es hinzeigt und packt es gleich ordentlich an – und es wird einem klar, hier kann man ordentlich reinlangen – klanglich wie bedienerisch. Beide Seiten sind übrigens nicht spiegel-symmetrisch, auf jeder Seite ist links ist also immer das Bass-Band. 

Jedes Band bietet drei Potis und zwei Kippschalter, in der Mitte kommen sieben weitere Drehschalter und zwei Bypass-Taster hinzu. Die mittigen Drehschalter stellen den wohl größten Unterschied zwischen Mastering und normaler Version dar. Das maximale Gain ist mit -6 dB bis +4 dB bei der normalen Version größer als bei der Mastering-Version, die nur +/- 2,5 dB kennt. Außerdem sind die Eckfrequenzen der steilen Low- und High-Cuts breiter gestreut als bei der Mastering-Version, deren Einsatzfrequenzen schon sehr spezifisch gelagert sind. Umso höher das Filter ansetzt, umso steiler ist es außerdem. Konkret:

  • Low-Cut „Normal“: Off, 22, 39, 68, 120 und 220 Hz
  • Low-Cut „Mastering: Off, 12,16, 23, 30 und 39 Hz
  • High-Cut „Normal“:  Off, 18k, 12k, 9k, 7k5 und 6k 
  • High-Cut „Mastering: Off, 52K, 40K, 27K, 20K und 15K

Wie man erkennen kann, schließt die normale Version per se Mastering nicht aus, ist also viel flexibler. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass die wichtigste Cut-Frequenz ohnehin der gemeinsame 39 Hz Low-Cut ist. Bevor die Kurve abfällt, boostet sie zuvor noch ein wenig – und bringt gefühlt mehr Bass. Per Default ist dieser bei mir immer an.  Ach, da fällt mir ein: Ich besitze die Mastering-Version und gebe zu, manchmal schiele ich schon auf die High-Cuts der normalen Version, um beim Mixen noch kreativer sein zu können.

Und damit wären wir schon beim letzten Unterschied zwischen „Mix“ und Mastering-Variante, angekommen: dem maximalen Hub der Bänder. Die normale Version schafft bis zu 20 dB, Mastering hingegen „nur“ 11 dB – aber ihr wisst ja bereits: alles relativ hier. „Der Normale“ grätscht bei Bedarf also deutlich härter rein – die Reserve sollte man nicht unterschätzen. Die Mastering-Variante hingegen besitzt als Alleinstellungsmerkmal „clickable“ Potis – keine Drehschalter also, wie oft falsch vermutet. Das Poti ist von einem Ring mit kleinen Löchern umgeben – und in diesen Löchern dreht sich eine kleiner Metall-Ball hinein, sodass die Postionen fein gerastert sind. Im Recall lasen sich so schneller Positionen wiederfinden. Ferner ist die Auflösung bei halben Hub natürlich auch doppelt so groß, theoretisch sind hier noch feinere Einstellungen möglich. Ich sage es mal so: Nur wer wirklich NUR Mastering macht, sollte sich dieses Extra gönnen – alle anderen gucken im Zweifelsfall mal genauer hin – denn so feine Abweichung zwischen Links und Rechts sind eigentlich eh egal – und ob der Kunde den Unterschied zwischen halben Strichen hört, zweifle ich ganz stark an.

Arbeitsweise

Fangen wir exemplarisch bei dem 22 Hz bis 1 kHz Bass-Band links oben an: Der erste Drei-Stufen-Kippschalter kennt die beleuchteten Positionen Boost, Cut und Out. In der Out-Position ist das komplette Band deaktiviert und auch aus dem Signalweg entfernt. Schaltet man auf Boost und dreht am Gain – das obere, große Poti – wird mehr hinzugefügt, schaltet man auf Cut und dreht dann Gain rein, wird weggenommen. Es gibt also keine unzuverlässige Center-Position beim Gain und so natürlich mehr Regelweg und Präzision. Ein Linksanschlag ist quasi auch „off“ – allerdings ohne die Schaltung des Bandes aus dem Signalweg zu nehmen.

Der zweite kleine Kippschalter, der leider unbeleuchtet bleibt, kennt die Positionen Shelf und Bell, und ändert entsprechend die Charakteristik des Bandes. Bemerkenswert ist, dass jedes Band diesen Umschalter kennt. Es gibt bei Bedarf also gleich zwei Low-Shelvings und auch zwei High-Shelvings. Üppig! 

Bell ist bei allen EQ-Bändern identisch und mit dem Bandwidth-Regler kann man die Glocke breiter oder enger machen – besondern chirurgisch eng wird es aber nie. Bei dem Shelf ändert sich die Charakteristik auch, wenn man an Bandwidth dreht. Das kleine Symbol rechts vom Regler mag aber irritieren, da Bandwidth natürlich keinen Knoten in das Filter macht, sondern nur dafür sorgt, dass der Boost-Shelf einen Undershot und der Cut-Shelf einen Overshot erhält. Ein bewusstes Ripple also – oder eben der „kleine Pultec-Trick“ mit nur einem Band in „light“, wenn man so will.

Zu guter Letzt: Das unterste Poti bestimmt die Einsatzfrequenz des Bandes. Diese sind bei jedem Band anders, aber mit großen Überlappungen versehen. Im Folgenden werde ich sie nur aufzählen:

  • Low: 22, 33, 47, 68, 100, 150, 220, 330, 470, 680 und 1k Hz
  • Low Mid: 82, 120, 180, 270, 390, 560, 820, 1k2, 1k8, 2k7 und 3k9 Hz
  • High Mid: 220, 330, 470, 680, 1k, 1k5, 2k2, 3k3, 4k7, 6k8 und 10k Hz
  • High: 560, 820, 1k2, 1k8, 2k7, 3k9, 5k6, 8k2, 12k, 16k und 27k Hz
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