Gitarre Hersteller_Line6
Test
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02.07.2009

Praxis

Die angebotene Modeling-Palette ist in diesem Sinne keine neue Erfindung, sondern bereits bekannt aus anderen Spider-Modellen. Auch das Konzept, mehrere Effekte auf einem Regler unterzubringen, kennt man zum Beispiel schon vom Pocket POD Express.



Wirklich interessant ist hier die Frage, wie die Röhrenpower diese Palette klanglich beeinflusst. Und das ist wirklich bemerkenswert. Bereits bei leisen Lautstärken klingen die Presets wirklich gut und man erahnt die Sinnhaftigkeit der Line6-Bognerschen Verbindung. Ein beherzter Dreh am Master-Volume sorgt für Schub, ordentliche Soundsubstanz und einen kräftigen Ton, was nicht zuletzt der gut mitschwingenden, offenen Gehäusekonstruktion zu verdanken ist. Das Verhältnis zwischen Röhrenanteil und Modeling-Sound ist sauber abgestimmt, wurde doch nicht zuletzt darauf geachtet, die simulierten Gainstufen prozentual am Röhrenzerren zu beteiligen. Ein Stück weit ist die Zerrung also „echt“ und das wiederum spiegelt sich in einer schönen Dynamik, in Klangtiefe und vor allem Soundwärme wider.

Im Prinzip klingt er nicht großartig anders als ein Vollröhrenamp mit vorgeschalteten Effektpedalen. Die Unterschiede finden höchstens in subtilen klanglichen Details statt. Und natürlich ist dies kein Amp für Vintage-Freaks und Soundpuristen, denen es gerade um diese Details geht, dennoch generiert dieser Hybrid wirklich gute Ergebnisse, die sich absolut hören lassen können.

Aber nun hinein ins Detail. Zuerst knöpfen wir uns die Zerrstufen vor, die sich an bekannten und bewährten Verstärkermodellen anlehnen sollen.

Clean:

Im „orangenen“ Mode findet man die cleanste Stufe, die der Amp hergibt. Dieser Sound ist angelehnt an einen Roland JC-120, der für warme, kristallklare,  
höhenreiche und absolut verzerrungsfreie Sounds sorgt. Für den blauen Mode – also den höheren Reglerbereich -  lieferte ein 73er Hiwatt Custom 100 das Vorbild. Neben ebenfalls präsenten Höhen steuert dieses Modell dem Ton ein angenehmes Knistern in Form von leichten Übersteuerungen bei. Klingt sehr geschmackvoll, und je mehr die Endstufenröhren gefordert werden, desto deutlicher kehrt der Spider die wichtigen Details heraus.

Twang:

Fans des Fender Twin Reverb kommen bei orangener LED auf ihre Kosten. Die
Adaption des Klassikers kommt durch den satten Röhrensound sehr nah ans  
Original. Hier darf man sich zusätzlich an geschmackvollen Zerreigenschaften freuen, die einen warmen und cremigen Vintage-Sound zutage fördern. Dreht man weiter auf Blau, kommen wir mit der Kombination der besten Eigenschaften eines 53er Tweed Deluxe, eines 58er Bassman und eines 60er Gibson Explorer bereits in bluesige Gefilde. Wie der Name schon sagt, gibt’s hier jede Menge Twang und das Beste aus der dafür typischen Dekade. Single-Coil Vertreter finden so eine gute Grundlage für hohlklingende und charakterstarke Soloeinlagen, die mithilfe Drive-Reglers noch etwas sägiger gestaltet werden können.

Blues:  

Ein Mix aus gleich vier verschiedenen Amp-Modellen bildet die Grundlage für den
Sound des orangefarbenen Reglerbereichs. Und zwar keine geringeren als ein 65er JTM-45, ein 58er Bassman, ein 63er Vibroverb und ein Supro. Wer also auf richtig erdigen Texas-Blues und auf Südstaaten-Sounds steht, kommt hier voll auf seine Kosten. Am besten zu genießen mit Single-Coil Pickups und guter Endstufenpower, die dem Blues-Dirt die nötige Wärme beisteuert. Eine wirklich gelungene Umsetzung, die richtig Spaß macht. Unter dem Zeichen der blauen Diode wird es dann britisch. Die klassische Vox AC-30 Simulation ist super umgesetzt und verfügt über alle wichtigen Klangmerkmale,  die man von diesem Amp kennt und liebt. Der Drive-Regler spricht auf dieses Modell sehr genau an und erlaubt so von minimal angezerrt bis hin zu sattem Crunch alles, was man erwartet. Der Sound ist sehr präsent und reichlich dynamisch - mit anderen Worten: er lebt.

Crunch:

Was heute Crunch ist, war damals Metal. So mag man zumindest denken, wenn
man hört, welches Modell Line6 und Bogner zum Vorbild nahmen. Leuchtet die  
Diode orange, feuert die Simulation eines 68er Marshall Plexi aus den Röhren.
Einen astreinen Sound liefert dieser Geselle, wie man ihn von Bands wie Iron
Maiden oder Judas Priest kennt, die damit die Metal-Fahne hochhielten.
Schlussendlich klingt auch diese Simulation sehr gut, verfügt über reichlich Power und spricht sehr gut an. Die Mitten besitzen bei diesem Modell große Reserven und lassen sich an jeden Geschmack anpassen. Hinter dem blauen Mode versteckt sich ebenfalls ein Plexi, diesmal aber in der 100 Watt Version. Dahinter steckt ordentlich Dampf, der über den Spider auch extrem deftig rüberkommt. Satt, ausgewogen, durchsetzungsstark und dank der Simulation gebrückter Inputs fährt das Modell richtig Schub,  sodass die Röhren klingeln. Beide Modelle eignen sich also bestens für einen relativ großen Einsatzbereich im Rocksektor. Die Drive-Regelung spielt dem ganzen Sound sehr dienlich zu und erlaubt den Zugriff auf ein breites Spektrum an Varianten.

Metal:     

Die Metal-Ikone unserer Zeit, der Mesa Boogie Rectifier, bedient die ersten 50% des Regelbereichs - hier in der Dual-Version: Druckvolle Bässe, die umso mehr zur Geltung kommen, je lauter man den Spider fährt. Die Simulation ist gut ausgeführt und versorgt die moderne Rockabteilung mit Power, schneller Ansprache und fetten Hi-Gain-Sounds.
Wenn die blaue Diode leuchtet, wird es noch ein wenig zorniger. Besonders bei
diesem HiGain-Modell lässt sich der Klangcharakter der Verzerrung über den Mitten-Regler justieren. Dieser eine Regler schafft die große Brücke zwischen Fuzz-Sounds und Class-A-Eigenschaften unkompliziert und leicht. Die Vielfalt bei diesem Modell lässt sich stufenlos steuern.

Insane:

Dieser Auszug aus dem Rectifier-Modell liefert mit ausgeprägten Mitten und brizzeligen Höhen ein gutes Fundament für Speed-Freaks und Shredder.
Es beruht auf dem roten Kanal des Rectifiers und wurde in seinen Soundeigenschaften noch ein wenig modifiziert. In der zweiten Hälfte des Reglers ist die Verzerrung bis ans Limit getrieben und der Drive-Regler entscheidet nur noch zwischen viel und ganz viel. Trotzdem bleiben wichtige Eigenschaften wie druckvolle Bässe und klare Klangwiedergabe nicht hinter einer Distortion-Mauer zurück, sondern artikulieren sich immer noch klar und deutlich.

Was während der ganzen Testphase auffällt, sind die immensen Lautstärkereserven des Spiders. Alle Models klingen bei Zimmerlautstärke schon sehr gut und detailliert. Proberaumlautstärke ist vom ersten Viertel des Master-Reglers schon komplett abgedeckt, wenn man von halb aufgedrehter Vorstufe ausgeht. Alles, was danach kommt, ist nahezu infernal und lässt sich selbst auf großen Bühnen noch nutzen. Der Spider entwickelt hier richtig Druck und die Röhren zeigen, was sie können. Den Unterschied stellt man fest, wenn man über den XLR-Out nur auf die Modeling-Abteilung zugreift. Das sind zwei Welten. Die Röhren haben also einen sehr großen Anteil am Klang der ganzen Kiste. Die 40 Watt Power des Spiders sind bis zum letzten Watt super genutzt und garantieren einen großen Einsatzbereich. Und wem das nicht reichen sollte, für den gibt es ihn schließlich noch als 100 Watt Head mit 2x12“ Variante.

Die vorgestellten Amp-Modelle lassen sich mithilfe der benachbarten Regler zusätzlich mit Effekten anreichern. Chorus und Flanger liegen zusammen innerhalb eines Drittels auf dem ohnehin schon etwas kleinen Bereich des Reglers. Als problematisch erweist sich dabei, dass sich trotz recht gut klingender Modulation die Grenze zwischen den beiden wirklich schwer ausmachen lässt. Hier hätte man dem Flanger durchaus einen eigenen Bereich spendieren können.



Es verändern sich beim Drehen des Reglers immer mehrere Parameter gleichzeitig und man greift nicht auf einen voll ausgestatteten Modulationseffekt zu. Das geschieht wiederum sehr ausgewogen und lässt die Effekte in jeder Position gut klingen. Die Parameter-Vielfalt, wie man sie zum Beispiel von den üppig ausgestatteten POD-Geräten kennt, wird hier allerdings nicht geboten. So leidet auch die Qualität ein wenig, dennoch erfüllen die Effekte ihren Zweck und bieten die wichtigsten Sounds der jeweiligen Effektgattung. Auch die Beimischung zum Grundsound erfolgt stufenlos und ist nicht übertrieben. Alles in allem eine kleine, aber feine Abteilung.

Die Delay-Sektion unterteilt sich in drei Bereiche, in denen ein normales Delay, ein Bandecho und ein Sweep Echo zur Verfügung stehen - allesamt sauber ausgeführt und in sich stimmig. Geregelt wird in erster Linie die Intensität und die Feedback-Rate, wobei das Tempo per Tap-Taster gesteuert wird.

Über das Reverb muss man nicht viele Worte verlieren, außer, dass es sich um eine Simulation handelt und Herrn Bogner die Installation einer Feder erspart.
Die Simulation ist absolut sauber, klingt rund und ist auch bei hoch eingestelltem Hallanteil nicht lästig und überproportioniert.

Was die Röhren angeht, empfiehlt Line6, bei einem Wechsel ausschließlich auf die Standardbestückung zurückzugreifen, um den gewohnten Klang zu erhalten. Wer sich auskennt, der darf natürlich auch experimentieren. Nur die richtige Spannung sollte man beachten.

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