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20.12.2019

Kultige Sounds: Digitale Pianos der 1980er Jahre

Roland MKS-20, Korg SG-1 und Yamaha TX1P im direkten Hörvergleich.

So klingen die frühen erfolgreichen Digitalpianos bekannter japanischer Hersteller.

Jedes Klavier ist anders – so auch digitale Instrumente. Das ist auch gut so, denn eine Ballade, ein Rocktitel und ein Ragtime sollten nun einmal mit unterschiedlichen Klängen performt werden. Allgemein sind Presets von Digitalpianos nicht so wandlungsfähig und animierend wie bei Synthesizern. Schon einige der bekanntesten Werksounds des Yamaha DX7, Roland D-50 und Korg M1 zeigen eine überraschende Fülle an klanglichen Möglichkeiten auf. Richtig spannend wird es, sobald die Sounds aus mehreren MIDI-Tonerzeugern zusammenkommen.

Neuer Klangbreitensport dank MIDI

Eine Klangsymbiose, die in den 1980ern erstmals etabliert worden ist, sind „Keyboard Stacks“, die du vielleicht auch als Layer kennst. Ein Akustikpiano wird kombiniert mit einem FM-Rhodes und teilweise mit Synthbrass oder Flächenklängen aufgefüllt. Solche vielschichtigen Layer-Sounds sind für Keyboarder dank MIDI ziemlich einfach realisierbar geworden. Sie werden öfter auch als “MIDI Grand“ (ein Layer aus Flügel, Pads und anderen Sounds) bezeichnet. Auch zur Sound-Optimierung in der Konzertsituation ist das Stacking ein probates Mittel. Aber sollten wir den Sound besser nicht überbewerten? Beim Pianospiel kommt es doch bekanntlich auf Fingerfertigkeit und auf eine gefühlvolle Interpretation an. Nicht ganz, auch der Pianosound inspiriert seinen Spieler – manchmal auch zu großartigen Werken.

Drei Pianos auf einen Blick

Irgendwann sollte ein Wettlauf um das beste Digitalpiano beginnen. Am Wettbewerb teil nehmen allen voran die japanischen Konzerne Roland, Korg und Yamaha. Roland stellt 1986 das RD-1000 vor. Seine Tonerzeugung basiert auf der SA-Technologie. Was der Begriff „Structured Adaptive“ technisch im Detail bedeutet, wird vermutlich ein für immer behütetes Firmengeheimnis bleiben. Mit dem MKS-20 und dem preiswerteren P-330 folgen zwei Expander-Versionen mit SA-Klangerzeugung. Tatsächlich kostete ein MKS-20 über 3.000 DM – ein stolzer Preis für ein Modul mit acht Sounds, das sich überwiegend Profis leisten. Roland hält übrigens bis heute am Kürzel RD fest, es steht für „Road“ und bezeichnet so die transportablen Stagepiano ohne aufwändige Verkleidung und ohne interne Lautsprecher. Aktuell ist das seit 2017 verfügbare Roland RD-2000. Die Entwicklung des Roland RD-1000 erläutert Jun-ichi-Miki in diesem Youtube-Video:

Roland RD-1000 development story by Jun-ichi Miki

Einen respektablen Urgroßvater hat auch das heute erhältliche Korg Grandstage. Es ist das 1987 erschienene Korg SG-1 Piano mit 12 bit Samplingtechnologie, das später in mehreren Produktvarianten, auch als SG-Rack, und nochmals 1997 als SGproX mit 16 bit Sampling gebaut worden ist. Yamaha setzt in den 80er Jahren vor allem mit FM-Pianos und den semiakustischen Flügeln CP-70 und CP-80 deutliche Akzente. Ein wenig Schattendasein fristet das kleine Soundmodul Yamaha TX1P, das 1987 in den hiesigen Shops auftaucht. Seine Piano-Simulation kommt echten Klavieren eigentlich erstaunlich nahe, wie du noch hören kannst.

Für Gospelmusiker zeitlos: Roland MKS-20

Das RD-1000 und dessen 16-stimmige Rackversion MKS-20 sind im Pop und Rock der späten 80er Jahre prominent vertreten. Du wirst viele Studioproduktionen finden, auf denen dieser MKS-Sound samt der Chorus-Sektion verewigt ist. Offenbar hat Elton John es live mit seinem MIDI-fizierten Flügel kombiniert und jedenfalls das Roland RD-1000 höchstpersönlich gespielt.  Hier siehst du Elton John bei einem seiner Konzerte in 1992: „Your Song“ mit dem RD-1000 interpretiert: 

Elton John - 17) Your song

Für traditionellen Jazz und generell für Musik, die wir als „Unplugged“ bezeichnen, ist es aber nicht zu gebrauchen. Warum das so ist? Nun, das MKS-20 ist akustisch überhaupt kein perfektes Abbild eines Konzertflügels. Es hat einen harten, obertontreichen, synthetischen, drahtigen und insgesamt sehr präsenten Klang, der sich im Studio- und Live-Mix praktisch immer durchsetzt. Entfernt mag es auch ein bisschen wie ein Clavinet oder HonkyTonk-Piano klingen. Ein solch bissiger Pianoklang bietet sich jedenfalls auch fürs Stacking mit weicheren Sounds an. Gefeiert wird das Roland MKS-20 bis heute in der amerikanischen Gospelszene. Seit über zwei Jahrzehnten lieben Keyboarder der Gospelmusik und verwandten Sparten diesen einzigartigen Piano-Sound. Auf der Preset-Liste stehen ursprünglich auch E-Pianos und ein Vibraphon, wie unsere Hörbeispiele aufzeigen.

Die acht klassischen Sounds des Roland MKS-20 bekommst du im folgenden Youtube-Video präsentiert:

Roland MKS-20 - the eight classic sounds

Kantiger Eigenklang: Korg SG-1 StageGrand

Kenner wussten es schon damals und reagierten intuitiv mit Kommentaren wie „Das ist typisch Korg!“. Tatsächlich ist der etwas „giftige“ Sound eines Korg-Pianos und erst recht der Klang des SG-1 nahezu unverwechselbar. Gleiches trifft ebenso auf die Rhodes-Imitation der Korgianer zu. Angespielt haben wir zwei verschiedene Akustikpianos und ein E-Piano des Korg StageGrand. Selbstverständlich möchten wir dir auch ein Stacking aus Korg-Piano und FM-Rhodes nicht vorenthalten.

Das Korg SG pro X aus dem Jahr 1997 mit verschiedenen Keyboard-Sounds angespielt hörst du in diesem Youtube-Video: 

KORG SG pro X

Ein neutraler Vertreter: Yamaha TX1P

Es ist anders als die beiden Charakter-Darsteller von Korg und Roland. Das Yamaha TX1P wirkt geradezu verhalten, natürlich und ein wenig räumlich. Es drängt sich selbst nicht in den Vordergrund, sondern verhält sich harmonisch, so auch beim Layering und besonders auch beim MIDI-Arrangement einer Studioproduktion. Du hörst zunächst den Basisklang des Yamaha TX1P solo. Danach kombinieren wir ihn zweifach: in einem Stack aus Piano, FM-Rhodes und Jupiter-Brass sowie als eine Kombination mit einem LA-Sound des Roland D-50.

Frédéric Chopin mit dem Yamaha TX1P? Mit diesem Youtube-Video hörst du eines seiner berühmtesten Werke:

Yamaha TX1P Piano

Wie komme ich an diese Sounds heran?

Keineswegs müssen die Originale aus den 1980er Jahren angeschafft werden. Auf der Suche nach den Pianos des MKS-20 hältst du bei deinen Roland-Geräten einfach Ausschau nach Patchnamen, die das Kürzel „SA“ enthalten. Schon fündig geworden? Bei vielen Synthesizer-Workstations und anderen Produkten von Korg wirst du auf Programs stoßen, die sich quasi als eine Hommage ans StageGrand verstehen und diesen besonderen Klangcharakter bewusst tradieren. Noch viel entspannter klappt der Soundkonsum per Software. Erste Wahl für artikulativ spielbare Klänge des MKS-20 ist 'Spectrasonic Keyscape'. Der Anbieter Gospel Musicans bietet mit 'MKSensation' das kultige Roland-Piano auch für NI Kontakt sogar als iOS-App. Bei 'Keysuite Digital' von UVI sind Kopien des Korg SG und Yamaha TX1P enthalten.

Schlusswort

Nicht so laut bejubelt wie die Presets der Synthesizer DX7, D-50 und M1 aus der gleichen Epoche, aber noch immer eine starke Nummer: Ganz besonders die Sounds des Roland MKS-20 solltest du einmal probieren, mit verschiedenen aktuellen Synthesizerklängen kombinieren und das Mixing mit hochwertigen Effekten verfeinern – da geht noch einiges! In diesem Sinn wünschen wir „Happy Stacking“ mit den Vintage Digitalpianos!

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