Test
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14.05.2021

Praxis

Soundcheck: Einfacher geht’s nicht!

Das Aufnehmen mit dem iZotope Spire Studio gestaltet sich sowohl im Standalone-Betrieb als auch in Verbindung mit einem Smartphone oder Tablet ausgesprochen simpel. Ein Druck auf den Soundcheck-Taster (bzw. den entsprechenden Button in der App) ruft sozusagen einen künstlich intelligenten Tontechniker herbei. Dieser hört in einem gut zehn Sekunden langen Vorgang den Eingangssignalen zu, passt den Aufnahmepegel entsprechend an, erkennt die Art der Klangquelle (z.B. Vocals oder Gitarre) und kümmert sich sogar um eine passende Klangbearbeitung. Dabei kommt die Sculptor-Technologie aus dem Plug-in Neutron zum Einsatz, und diese geht nicht gerade zimperlich mit Equalizer und Kompressor ans Werk. Insbesondere Vocals werden gehörig aufpoliert und verdichtet, was ganz direkt für einen beeindruckend hochproduzierten Klang sorgt, der für manche Genres genau das Richtige ist, für betont akustische Aufnahmen aber möglicherweise etwas über das Ziel hinausschießt. Falls es einmal zu viel des Guten sein sollte, lässt sich die automatische Klangformung aber natürlich auch deaktivieren.

Sobald der Soundcheck abgeschlossen ist, lassen sich weitere Effekte anwenden (Reverb, Vocal-FX und Amp-Simulationen), die genauso wie EQ und Kompressor latenzfrei arbeiten und in jedem Fall mit aufgenommen werden. So wie in den guten alten Zeiten der Tontechnik müssen hier also echte Entscheidungen gefällt werden, die sich nicht rückgängig machen lassen. In Verbindung mit dem allgemeinen Konzept und der Beschränkung auf acht Spuren entsteht dadurch ein ganz anderer Workflow als in einer großen DAW-Software, bei dem man weitaus weniger Gefahr läuft, sich in technischen Details zu verlieren. Gerade beim Erarbeiten von Song-Demos empfinde ich diesen Fokus auf das Musikmachen selbst als ausgesprochen stimmig. Musiker, die sich nicht erst jahrelang mit Tontechnik auseinandersetzen wollen, werden das zu schätzen wissen.

Demo-Recording mit dem Spire Studio

Bei der Aufnahme der Audiobeispiele fühlte ich mich ein wenig an meine frühen Gehversuche mit meinem alten Vierspurgerät erinnert, das noch mit Audiokassetten arbeitete. Die Klangqualität fällt beim Spire Studio aber natürlich weit, ja wirklich weit besser aus. Da sich pro Song eine Audiodatei importieren lässt, verzichtete ich auf eine mit zwei Mikrofonen ohnehin nur begrenzt mögliche Schlagzeugaufnahme (mein eigentliches Hauptinstrument) und zog stattdessen einen Drum-Track in den Speicher des Recorders, der mit der Rooms of Hansa SDX für den Toontrack Superior Drummer 3 erzeugt wurde. Darauf spielte ich ein Fender Rhodes ein und nahm zusätzlich einen Bass und Gitarren-Backbeats durch die internen Amp-Simulationen auf, die klanglich zwar nicht in der absoluten Oberliga mitspielen, ihre Funktion jedoch grundlegend erfüllen.

Die verbleibenden vier Spuren verwendete ich für Lead-Vocals mit einer zusätzlichen Dopplung (aufgenommen über ein externes Kondensatormikrofon) und zwei Backing-Vocals (aufgenommen über das interne Mikrofon, das mehr Raumanteil einfängt). Da das Reverb aus dem Spire Studio auch bei Minimaleinstellungen einen recht hohen Effektanteil bietet, der für mein Empfinden nicht in den Kontext des Songs passt, entschied ich mich bei den Vocals für trockene Aufnahmen. Obwohl ich die Reduktion auf das Wesentliche als sinnvoll empfinde, wären etwas umfangreichere Eingriffsmöglichkeiten an dieser Stelle durchaus hilfreich.

Im letzten Track des Players ist ein schneller Roughmix aus den Einzelspuren mit etwas zusätzlichem Hall und einigen weiteren Bearbeitungen zu hören, den ich über importierte Einzelspuren in der DAW-Software Cubase Pro 11 angefertigt habe. Unter anderem empfand ich einen De-Esser auf den Vocals als extrem sinnvoll.

Zur Nachbearbeitung der Aufnahmen können einzelne Spuren getrimmt und beispielsweise an ihrem Anfang oder Ende von unerwünschten Nebengeräuschen befreit werden. Und auch das Stummschalten einzelner Spuren ist möglich. Wenn einzelne Stellen nicht optimal gespielt oder gesungen sein sollten, gibt es zudem die Möglichkeit, diese über nachträgliche Aufnahmen (Punch-Ins) auszubessern, wobei das Originalmaterial ähnlich wie bei der Arbeit mit Tonband überschrieben wird. Was ich aus sentimentalen Gründen ein wenig vermisse, ist eine Bounce-Funktion, mit der sich mehrere Tracks auf einen neuen freien Track des gleichen Projekts heruntermischen lassen, um das Limit von acht Spuren zu umgehen.

Mischen, Mastern, Exportieren

Da die Effektbearbeitung in der kostenlosen Version der zugehörigen App ausschließlich vor der Aufnahme stattfindet, sind die Mixing-Funktionen entsprechend rudimentär ausgelegt. In der Mix-Ansicht werden einzelne Spuren in einer übersichtlichen Matrix dargestellt, die es erlaubt, die Lautstärke und die Panoramaposition ganz intuitiv zu bearbeiten. Die nach sechs Monaten kostenpflichtige Pro-Version der App (iOS only) ist in dieser Hinsicht weit umfangreicher ausgestattet und bietet beispielsweise zusätzliche Vocal-FX aus iZotope Nectar (einschließlich Intonationskorrektur), eine automatische Funktion zum Unterdrücken von Nebengeräuschen aus iZotope RX und vieles mehr.

Sobald ein Song fertig gemischt ist, lässt er sich entweder als hochaufgelöste Stereo-Datei, als Anhang zu einer Kurznachricht oder Email oder direkt in ein soziales Netzwerk exportieren. Auch das Erzeugen eines ZIP-Archivs mit allen Einzelspuren bzw. das Teilen als vollständiges Spire-Projekt ist möglich, und gerade in diesen Fällen ist die direkte Anbindung an Cloud-Dienste wie Dropbox oder OneDrive hilfreich. Beim Export von Stereo-Dateien bietet sich die Nutzung der Enhance-Funktion an, die ein automatisches Mastering vornimmt, wobei der hier genutzte Algorithmus aus iZotope Ozone kommt und sich gezielt in seiner Intensität steuern lässt. Eine solche Möglichkeit zur Dosierung von Effekten wäre für die Klangformung im Soundcheck-Modus ebenfalls sinnvoll.

Der Vollständigkeit halber habe ich auch meinen Roughmix aus Cubase einem schnellen Mastering unterzogen. Da hier weitere Effekte verwendet werden, ist ein objektiver Vergleich zwischen beiden Versionen natürlich kaum möglich. Grundsätzlich kann man dem Spire Studio aber ein sehr solides Ergebnis bescheinigen, das möglicherweise ein wenig Vibe vermissen lässt, im Gegenzug aber hochgradig optimiert wirkt. Da es bei der Musikproduktion mit dem kleinen Achtspur-Recorder vorrangig um Demos geht, spielen solche Punkte meiner Ansicht nach jedoch eine untergeordnete Rolle.

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