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Feature
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07.06.2018

Interview und Gear-Chat: Christian Bass

Ein Gespräch mit dem Drummer von „Heaven Shall Burn“

Seit einiger Zeit steht Heaven Shall Burn ganz weit oben auf den Line-Ups der Festivals und spielt Konzerte in aller Herren Länder. Christian Bass ist nach jahrelanger Vertretung 2013 zum festen Mitglied der melodischen Todesgiganten geworden, die zu den wichtigsten Vertretern des deutschen Metalcore zählen. Dabei treibt er mit seinen massiven Grooves die Band an und setzt sich mit den präzisen Doublebass-Attacken durch das Gewitter der schweren Gitarren durch.

Besonders interessant ist, dass der sympathische Mann aus dem Ruhrgebiet nicht unbedingt der typische Drummer ist, der ständig in Tourbussen, Studios oder schicken Hotels abhängt. Er ist eigentlich Oberstufenlehrer und schafft es trotzdem, große Headliner-Touren zu spielen und auf den gigantischen Main Stages der größten Festivals im Flammenmeer der Pyrotechnik die Bühne vor zigtausenden von Fans zum Beben zu bringen, um dann am Montagmorgen wieder im Klassenzimmer zu stehen. Wir sprachen mit ihm über den Spagat zwischen Lehrerberuf und Top-Drummer, sein effektives Zeitmanagement und die kreative Arbeit mit der Band.

Hallo Christian, erzähl doch mal kurz, wie du zur Musik gekommen bist.

Ich habe im Alter von 11 oder 12 Jahren das Schlagzeug für mich entdeckt, nachdem erste Versuche mit der Gitarre nicht gelungen sind. Mein Bruder, der fünf Jahre älter ist, hat in Coverbands getrommelt, weshalb wir ein Drumset im Keller hatten. Irgendwann habe ich dann auch einfach angefangen zu spielen und bin dann da reingewachsen. Ich habe vor allem Metal in verschiedenen Bands gespielt, und als ich 18 war, habe ich dann mit meiner damaligen Band Night in Gales bei Nuclear Blast den ersten Plattenvertrag unterschrieben. Daneben habe ich auch weiterhin in anderen Projekten gespielt und viel ausgeholfen und bin so irgendwann auch bei Heaven Shall Burn gelandet. Nach der Schule habe ich erstmal eine Ausbildung als Mediengestalter gemacht und dann als Grafiker gearbeitet. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich das Freistellen von Familienfotos oder das Erstellen von Oster- und Sommerschlussverkaufswerbung diverser Einkaufszentren nicht so erfüllend fand und habe dann aufbauend ein Lehramtsstudium begonnen. So wurde ich am Ende zum Lehrer für Medientechnik/Mediengestaltung und Deutsch und unterrichte in einem Oberstufenzentrum hier in Berlin.

Also war das gar kein Plan B zur Musik, sondern die Musik immer nur ein Hobby?

Früher wäre ich schon gern Vollzeitmusiker geworden, aber mittlerweile bin ich sogar sehr froh, dass wir uns bandintern geeinigt haben, Heaven Shall Burn als „zeitintensives Hobby“ zu sehen. Es läuft ja wirklich sehr, sehr gut, aber wir haben uns irgendwann gesagt, dass wir das gar nicht hauptberuflich machen wollen, um starke Abhängigkeiten zu vermeiden. Deshalb gibt es in der Band einen Ergotherapeuten, einen Juristen, einen Krankenpfleger auf Intensivstation, einen Musik-Produzenten und eben mich als Lehrer.

Das nimmt natürlich den finanziellen Druck von der Arbeit als Musiker.

Total. Das entspannt auch die Stimmung in der Gruppe sehr, weil man nicht jeden Euro zusammenhalten und bei der prozentualen Beteiligung feilschen muss. Bei uns wird fair geteilt, und das ist toll. Wir haben uns jetzt auch bis mindestens Ende 2019 eine Pause von Festivals und Tourneen genommen und arbeiten erstmal in Ruhe an neuem Material. Früher hatten wir zwischen den ganzen Reisen immer nur so drei Monate Zeit und mussten in der Phase gucken, dass wir ein Album schreiben. Das wollen wir einfach nicht mehr. Stattdessen ist es schön, wenn das Gefühl auf Tour wie bei einer Klassenfahrt ist. Natürlich geht man sich nach drei Wochen im Bus auch mal kurz gegenseitig auf den Geist, aber es überwiegt die Freude, dass man zusammen unterwegs sein kann. Wir hatten vor der letzten Headliner-Tour ein halbes Jahr gar keine Konzerte, und wenn man dann wieder zusammen kommt, haben alle natürlich richtig Bock.

War Heaven Shall Burn schon so groß wie jetzt, als du dazu kamst?

Naja, ich habe neben meinem Studium seit 2006 immer wieder ausgeholfen, und die Shows wurden eigentlich währenddessen immer größer. Seit 2013 bin ich jetzt festes Mitglied, und seitdem hat sich alles wahnsinnig gut entwickelt.

Wie bekommst du das denn zeitlich hin? Immerhin hast du ja eine volle Stelle als Lehrer.

Ich habe mit der Schulleitung einen Weg gefunden, wie es rechtlich passt und ich durch Mehrarbeit Kolleginnen und Kollegen im Vorfeld entlaste, die während der Tourneen mehr Aufwand haben. Deshalb bin ich auch hier in Berlin gelandet, weil die Schule sich recht flexibel gezeigt hat. Eigentlich wäre natürlich eine Schule in Thüringen am besten gewesen, da dort der Rest der Band wohnt, aber da hat mir das Kultusministerium einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wenn ich unterwegs bin, bereite ich für den ganzen Zeitraum meiner Tour schon den Unterricht vor, telefoniere aber auch viel unterwegs. Während in der Halle alles aufgebaut wird, bearbeite ich dann beispielsweise Praktikumshefte oder telefoniere mit meiner Abteilungsleiterin. Ich bin auch kein Nutznießer und greife nur das Gehalt ab, sondern bin wirklich gerne Lehrer und mache auch viel an der Schule. Ich brauche das auch als Ausgleich zu Musik. Aus dem Traum, dass der ganze Musikbereich nur geil ist, wacht man ja schnell auf, und von so einigen hochnäsigen und aufgeblasenen Typen will ich einfach nicht abhängig sein. Es ist auch gut, dass der ganze Trubel vom Festivalwochenende oder der Tour am Montagmorgen keinen mehr interessiert und im Unterricht Schillers „Die Räuber“ aufgeklappt wird. Natürlich gibt es auch ein paar interessierte Schüler oder Kollegen, aber es ist nicht so, dass ich mich von Montag bis Freitag dafür feiern lasse, dass ich Musiker bin.

Wie sieht ein ganz normaler Tag für dich aus?

Das kommt natürlich drauf an, wann ich in der Schule sein muss. Wenn um acht Uhr Unterrichtsbeginn ist, stehe ich so gegen 5:30 Uhr auf und gehe um 6:45 Uhr aus dem Haus. Dann bin ich erstmal in der Schule und komme zwischen 15 und 16 Uhr wieder nach Hause. Danach plane ich entweder den nächsten Unterricht, korrigiere Sachen von Schülerinnen und Schülern oder telefoniere mit Betreuern und Eltern. Wenn wir mit der Band proben, versuche ich etwas vorzuarbeiten und fahre dann nach dem Unterricht drei Stunden nach Thüringen, dort proben wir zwei Stunden, und dann geht es für mich schon wieder zurück, damit ich morgens wieder pünktlich auf der Matte stehen kann. Also ist alles recht eng geplant, aber das Gute ist, dass wir durch die räumliche Trennung klare Verabredungen haben und es deshalb nicht zu spontanen Proben kommen kann, die bei mir alles durcheinander bringen könnten.

Bleibt bei so einem Tag noch Zeit zum Üben?

Schon. Ich spiele momentan in meiner Wohnung auf einem Roland TD-30 E-Drumset, an dem ich mich auch für die Double Bass fit halten kann. Wenn ich nur zur Probe, bei Konzerten oder im Studio am Schlagzeug sitzen würde, wäre mir das einfach zu wenig. Demnächst ziehe ich aber mit meiner Freundin in ein Haus etwas außerhalb vom Stadtkern. Dafür habe ich mir eine Studiobricks Box besorgt, in der ich dann mein akustisches Drumset aufbauen und wieder richtig spielen kann. Ein E-Drumset ist schon etwas komplett anderes, macht aber auch wirklich Spaß.

Gab es Momente, in denen du das Gefühl hattest, dass du das Pensum einfach nicht mehr durchhalten kannst?

Eigentlich nicht. Ich versuche das klar zu trennen, wie viel Zeit ich in die Schule, beziehungsweise in die Musik, investiere. Momentan machen wir ein bisschen weniger Musik, weshalb ich mich viel mehr auf die Schule konzentriere. Wenn in der Vergangenheit irgendwas stressig war, dann wäre es das auch ohne die Musik gewesen. Dann muss ich eben die Zeit im Zug zur Probe oder im Bus zur Show nutzen und dort arbeiten. Während meines Studiums gab es aber den Moment, an dem ich dachte, dass ich das alles einfach nicht schaffen kann. Aber die Band hatte damals dafür auch vollstes Verständnis, weshalb ich dann für anderthalb Jahre nicht dabei war. Während meines Studiums wusste ja keiner so richtig, wo das genau hinführen würde, und das galt auch für mich. Irgendwann war dann aber auch klar, dass der bisherige Drummer Matthias Voigt es aus gesundheitlichen Gründen einfach nicht mehr schaffen würde, als volles Bandmitglied zurückzukehren. Zwischendurch hat deshalb Dan Wilding aus England ausgeholfen, der eigentlich bei Carcass spielt. Da Dan aber hauptberuflich in einer Band spielen wollte, war für ihn natürlich dauerhaft Heaven Shall Burn ein bisschen zu wenig. Wir haben deshalb das alles erstmal auf Basis von Vertretungen laufen lassen und den offiziellen Besetzungswechsel erst relativ spät gemacht.

Hältst du dich vor einer Tour auch körperlich fit?

Ich war während meines Studiums viel Laufen und hoffe, dass ich das wieder aufgreifen kann, wenn wir bald im Grünen wohnen. Wir proben allerdings auch vor einer Tour sehr viel, was einen ja immer in Form hält oder bringt. Mit der richtigen Technik ist das aber auch gar keine so unglaublich hohe Belastung. Mittlerweile habe ich einen guten Weg gefunden und haue nicht mehr wie ein Berserker rein. Früher war das ein Problem, weil die erste Hälfte des Konzerts unglaublich laut und energetisch war und dann irgendwann einfach die Kraft nachließ. Wenn ich bei einer Mid-Tempo Alternative Band spielen würde und die ganze Zeit nur reindreschen müsste, wäre das wahrscheinlich viel anstrengender.

Wie funktioniert bei euch die kreative Arbeit? Immerhin wohnt ihr ja an verschiedenen Orten. Beschäftigt ihr euch nur gemeinsam in Proben mit den Songs oder schickt ihr euch Material hin und her?

Ich war ja bisher nur beim letzten Album dabei. Da habe ich die Ideen der beiden Gitarristen ergänzt. Die beiden haben sich erst zu zweit getroffen und die Richtung vorgegeben. Natürlich arbeiten wir dann gemeinsam am Feinschliff, aber damals habe ich insgesamt 14 Songs im Vorfeld bekommen und dazu mit meinem E-Drumset von zuhause noch ein paar Ideen eingebracht. Anschließend haben wir uns im Hamburger Chameleon-Studio zwei Tage Zeit für die Sounds genommen, bevor ich dann innerhalb von fünf Tagen die Drums zu 14 Songs eingespielt habe. Die Songs standen zwar schon, aber wir haben im Studio auch noch einige Sachen ausprobiert. Für das neue Album nehmen wir die Drums bei unserem Gitarristen im Studio auf und schauen, wie es sich anfühlt. Wenn wir dann merken, dass wir vielleicht noch Input von einem Produzenten brauchen, sehen wir das als Demo-Phase und nehmen die Platte in einem anderen Studio auf, oder aber die Songs sind im Verlauf so gut geworden, dass wir sie nur noch zum Mixen und Mastern schicken.

Spielst du auch noch für andere, kleinere Bands und Projekte?

Ja, immer wieder. Vor allem im Studio mache ich das sehr gerne. Das sind beispielsweise kleinere Grindcore Platten, von denen dann vielleicht nur 500 Stück verkauft werden, aber das macht mir großen Spaß.

Nutzt du dann im Studio ein anderes Setup als das, was du live spielst?

Ja. Natürlich kommt es immer auf die Produktion an, aber beim letzten Heaven Shall Burn Album waren die Toms bei der Produktion größer, nämlich 12“, 14“ und 16“. Live spiele ich dagegen 10“, 12“ und 16“ Toms, die sich für mich besser spielen lassen und sich auch in Absprache mit unserem Soundmann einfach besser durchsetzen. Bei einer Albumproduktion kann man das natürlich anders mischen, und da haben sich die größeren Toms wiederum gut eingefügt. Außerdem war der Aufbau der Becken anders, weil wir sie tonal ganz klar getrennt hatten und ich 16“, 18“ und 20“ Crashes verwendet habe. Live benutze ich 17“, zwei 18“ und ein 20“ Crash.

Spielst du wie im Studio auch live zum Click?

Von 17 oder 18 Songs sind es nur acht, bei denen ich momentan live zum Click spiele. Bei der Mehrzahl der Songs kommen keine Flächen oder Add-Ons vom Band, weshalb ich dann auch keinen Click brauche. Zudem möchten wir die Shows nicht statisch oder maschinell durchplanen und uns das echte Live-Feeling beibehalten.

Hättest du Lust, auch in anderen Genres aktiv zu sein?

Ja, total. Das ist nur momentan vor allem zeitlich nicht realistisch. Mir gefallen aber einfach so viele unterschiedliche Sachen. Trommlerisch gesehen bin ich bei Jazz und Free Jazz oder Drum'n'Bass komplett raus, weil das überhaupt nicht meine Baustelle ist, aber ich spiele auch zuhause gerne zu vielen unterschiedlichen Sachen aus Pop, Rock & Alternative, improvisiere und komme so auf neue Ideen. Ich bin da wirklich nicht ausschließlich auf Metal fokussiert, aber natürlich fehlt mir für eine große Pop-Produktion die Referenz. Interessant ist es definitiv und auch auf meiner „To-Do“-Liste.

Die Heaven Shall Burn Liveshows sind mittlerweile wirklich ein Erlebnis und im wahrsten Sinne des Wortes feurig. Entwickelt ihr das Konzept selbst?

Wir arbeiten da mit zwei Firmen zusammen und entwickeln die Ideen gemeinsam. Martin Kames übernimmt den ganzen feurigen Teil und das Licht und setzt das gemeinsam mit der Firma Kulissenwelt um. Martin ist mittlerweile ein langjähriger Freund, und er kommt immer mal mit neuen Ideen, die wir dann einfach ausprobieren und entweder übernehmen oder wieder rauswerfen. Bei dem ganzen Feuer ist es auf jeden Fall schön warm auf der Bühne. (lacht)

Vielen Dank für's Gespräch!

  • Christians Equipment:
  • Drums: Tama Starclassic Maple
  • 22“ x 18“ Bassdrum
  • 10“ x 8“ Tom
  • 12“ x 10“ Tom
  • 16“ x 14“ Floortom
  • Snare: 14“ x 6“ Warlord Arthenian Snare
  • Becken: Meinl
  • 14“ Byzance Brilliant Heavy Hammered Hi-Hat
  • 17“ Byzance Brilliant Medium Thin Crash
  • 18“ Byzance Brilliant Medium Thin Crash
  • 18“ Byzance Brilliant Heavy Hammered Crash
  • 20“ Byzance Brilliant Heavy Hammered Crash
  • 18“ Byzance Brilliant China
  • 18“ Classic Customs Extreme Big Bell Ride
  • Hardware: Tama und Tama Speed Cobra Pedale
  • Felle: Remo
  • Bassdrum: Powerstroke 3
  • Toms & Floor Toms: Emperor Vintage Clear / Ambassador Clear
  • Snare: Controlled Sound Coated
  • Sticks: Wincent Drumsticks Signature Stick
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