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06.07.2021

Gemischte Hi-Hat-Becken: Die Lieblings-“Mixed Hi-Hats“ unserer Redaktion

Hi-Hats kombinieren

„Darf man das?“

Steve Jordan dürfte einer der am häufigsten aufgenommenen Schlagzeuger sein, sein Sound und die scheinbar simple, leichtfüßige Art zu spielen sind legendär. Da ist es kein Wunder, dass sich viele Bewunderer auch sein Instrumentarium genau ansehen. Speziell Hi-Hat-Becken gelten als essentiell für die klangliche Balance innerhalb eines Grooves, umso erstaunter war die Fachwelt, als Steve schon vor Jahren erklärte, dass er erstens oft extrem große Hi-Hats und zweitens selbst gemixte Versionen bevorzugt. Und es kommt noch besser, denn Steve's Lieblingsgröße, 17 Zoll, gab es damals nicht als Hi-Hats zu kaufen, also griff er kurzerhand auf Crashbecken zurück. 

Speziell Drummer, die viel im Studio arbeiten oder sich selbst aufnehmen, wurden durch Kollegen wie den New Yorker Supertrommler inspiriert, sich von fertigen Werkskonfigurationen zu lösen und selbst kombinierte Hi-Hat-Becken zu spielen. Wer heute in den sozialen Medien herumsurft, entdeckt oft schon nach kurzer Zeit spannende Beispiele für einzigartig klingende Hi-Hats, die es nicht von der Stange zu kaufen gibt. Der Knackpunkt dabei ist die Frage, welche Becken besonders gut zusammenpassen. Hier hilft natürlich ein kleines bisschen Grundlagenwissen, vor allem aber braucht es Experimentierfreude und eine ungefähre Vorstellung davon, was ihr eigentlich hören möchtet, wenn ihr auf eure Hi-Hats haut. In diesem Artikel haben wir euch nicht nur die wichtigsten klangbestimmenden Faktoren zusammengetragen, wir stellen euch auch unsere aktuellen, selbstgemixten Lieblings-Hi-Hats vor. 

Warum sollte man Hi-Hat Becken überhaupt mixen?

Die Frage liegt tatsächlich auf der Hand, denn warum sollte man überhaupt andere Becken miteinander kombinieren anstatt die bereits vorhandenen Hi-Hats zu nutzen? Die einfachste Antwort lautet: Weil es Spaß macht! Es gibt aber noch viele weitere Vorteile, die der eingangs erwähnte Steve Jordan auch für sich erkannt hat. Da wäre zunächst die Möglichkeit, einen Hi-Hat-Sound zu kreieren, den niemand anderes spielt, was für Musiker immer ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal ist. Je mehr Erfahrungen ihr mit Becken sammelt, desto zielgenauer könnt ihr sie auswählen und kombinieren. Mit etwas Glück landet ihr irgendwann bei einer Hi-Hat, die einfach besser klingt als das, was ihr bisher von der Stange gehört habt. Oder ihr findet speziell für einen Song, ein Projekt oder ein instagram-Video genau das, was dem Beat das i-Tüpfelchen verleiht. 

Von den Werks-Hi-Hats lernen – welche Becken passen zusammen?

Selbstverständlich könnt ihr alles kombinieren, was irgendwie auf eure Hi-Hat-Maschine passt, im Zweifelsfall kommen dann eben keine besonders schönen oder vielseitig verwendbaren Sounds heraus, den Spaß und die Inspiration ist es aber immer wert. Soll es aber in eine bestimmte Richtung gehen, hilft es, sich die Factory-Hi-Hats genauer anzusehen. Hier werdet ihr in den allermeisten Fällen zunächst auf eine mehr oder weniger deutliche Gewichtsdifferenz zwischen dem oberen und dem unteren Becken stoßen. Das untere, schwerere Becken liefert dabei nicht nur glockigere Tonanteile, es verleiht der Hi-Hat auch klangliche und physische Stabilität. Das obere Becken hingegen hat eine dünnere Materialstärke und damit eine bessere Ansprache sowie einen tieferen Grundton. 

Nicht die physikalischen „Beckengesetze“ außen vor lassen

Wie bei anderen Becken auch, lässt sich der Klang einer Hi-Hat schon anhand der technischen Eckdaten der einzelnen Becken ungefähr vorhersagen. Da ist zunächst die Größe, welche nicht nur ganz entscheidend das Spielgefühl prägt, sondern auch die ungefähre Tonhöhe. Eine 12er Hi-Hat klingt einfach viel höher als eine 16er. Die 16er wird sich zudem weicher anfühlen und träger ansprechen. Ein weitere, essentielle Rolle spielt auch das Gewicht. Sehr leichte Hi-Hats werden ebenfalls tiefer klingen als schwere, meistens sind sie auch leiser und weniger aufdringlich im Attack. Das Wissen darum könnt ihr euch zunutze machen, wenn ihr ein gleich großes Crashbecken in eurem Fundus habt. Vergleicht ihr dessen Gewicht mal mit dem des Top-Beckens einer normalen 14“ Medium-Hi-Hat, werdet ihr feststellen, dass das Crash trotzdem meist noch deutlich leichter ist. Dann habt ihr gleich zwei Optionen, den Hi-Hat-Klang milder zu gestalten. Für die erste Option tauscht ihr einfach das Top-Becken gegen das (fast immer) leichtere Crash. Noch sanfter wird es, wenn ihr das Bottom- durch das Top-Becken austauscht. Richtig spannend wird es natürlich, wenn ihr noch weitere gleich große Becken parat habt. Dunkle, nicht abgedrehte Becken werden auch als Hi-Hat einen etwas bedeckteren Klang liefern, eine starke Hämmerung sorgt bei Top-Becken meistens für eine schnelle Ansprache und „schlürfige“ Aufzieher – ein Effekt, der mit gelochten Becken noch deutlich gesteigert werden kann. So hat der Autor dieser Zeilen neulich sein 18er Zildjian Uptown Ride mit einem Sabian HHX Ozone Crash kombiniert, was zu einem ultratiefen, sehr trashigen und höchst inspirierenden Resultat führte. Von subtiler Modifikation hat das dann natürlich nur noch wenig, aber das ist ja auch das Tolle an der Thematik. Für ein bisschen Inspiration kommen hier nun die aktuellen Favoriten der bonedo-Autoren.

Die Favoriten unserer Redaktion

Jonas Böker

Wenn es darum geht, den richtigen Drumsound für einen Song zu finden, habe ich vor allem gern verschiedene Snare- und Hi-Hat-Modelle bei mir. Bei der Auswahl der passenden Hi-Hat geht es mir nicht nur um Klangfarbe und Tonhöhe, sondern auch um das Spielgefühl, das mir im besten Fall dabei hilft, den jeweiligen Drumpart zu spielen. 

Für breitere Achtel-Grooves spiele ich gern eine Kombination aus einem Paiste 16“ Traditional Extra Thin Crash (Top) und einem Paiste 16“ Dark Energy Crash (Bottom). Die Idee, genau diese beiden Beckenmodelle zu kombinieren, habe ich mir eins zu eins von Steve Jordan abgeguckt, der dieselbe Kombi in 17 Zoll spielt. Das Paiste 16“ Dark Energy Crash mischt sich als Bottom-Becken aber auch sehr gut mit anderen Top-Becken.

Max Gebhardt

Hi-Hats sind meine Lieblingsbecken und – ähnlich wie bei Snaredrums – kann ich nicht mehr zählen, wie viele Modelle und Kombinationen ich im Verlauf meines Drummerlebens schon gespielt und besessen habe. Zwei Faktoren sind mir bei einer Hi-Hat wichtig: Sie sollte einerseits exakt schließen, um im geschlossenen Zustand ein wirklich tightes Spielgefühl zu vermitteln und diesen leicht holzigen, „tickigen“ Sound zu erzeugen. Andererseits sollte sie nicht zu leicht und labil sein, denn dann geht oftmals die Definition flöten. Jetzt wird es allerdings kompliziert, denn ich bin gleichzeitig ein großer Freund dieser leicht brüchigen, rauchigen Sounds, die viele vermutlich mit Adjektiven wie „retro“ oder „vintage“ beschreiben würden. Die wiederum finden sich natürlich meistens bei sehr leichten Hi-Hats. Ein Teufelskreis! Zum Glück habe ich aktuell ein paar Modelle in meinem Fundus, die sowohl „reinrassig“ als auch gemixt genau das tun, was ich mir wünsche. Mein neuestes Experiment möchte ich euch heute vorstellen. Es handelt sich um ein Zildjian A Fast Crash in 14 Zoll, welches bei einem kürzlich erworbenen Zildjian City Pack dabei war, das ich unter anderem auch deswegen gekauft habe. Es wiegt nur 760 Gramm, klingt aber aufgrund der Bearbeitung und Anatomie schön straff und passt perfekt zu dem Top-Becken meiner alten Zildjian K „EAK“ Hi-Hat von 1980. Dies verwende ich als Bottom, mit 1030 Gramm liefert es eine sehr gute Gewichtsdifferenz zum Fast Crash und seine klare, aber tiefe Tonalität liefert im Kontext genau die Rauchigkeit, die ich mag. Gleichzeitig fühlt sich die Kombination sehr kompakt und schnell an. Ein Nachteil ist sicherlich der Umstand, dass die EAK Becken sehr selten sind, denn hier handelt es sich um die ersten in den USA hergestellten und noch handgehämmerten K Becken. Und sie klingen alle ziemlich unterschiedlich. Aber das sollte euch nicht vom Nachbauen abhalten. Das Rezept lautet: Ein stark gehämmertes, relativ schweres Becken als Bottom und ein leichtes, schnell ansprechendes, klares Fast- oder Thin Crash als Top. 

Alex Höffken

Während viele Jazzdrummer auf der Suche nach dem einen perfekten Ridebecken sind, habe ich jahrelang verschiedenste Hi-Hats angespielt, um einen möglichst crispen, nicht zu vordergründigen, musikalischen Klang zu finden, der sowohl eine große dynamische Bandbreite, als auch einen eigenen Charakter liefert. Verschiedenste Hersteller haben mich mit vielversprechenden Attributen wie dark, light, traditional und natural gelockt und auch alte, teilweise viel zu teure Hi-Hats fanden den Weg in mein Setup, nur um kurz darauf missmutig wieder verkauft zu werden. Da ich grundsätzlich eine tiefere Stimmung bevorzuge und dementsprechend auch größere Becken mag, habe ich irgendwann einfach ein altes 16“ Anatolian Expression Crash mit meinem 16“ Masterwork Jazz Master Crash kombiniert. Schon beim ersten Herunterlassen der Hi-Hat Clutch nach der Montage wusste ich, dass ich fündig geworden bin. Das dünne Masterwork Crash war mir als solches eigentlich tonal zu hoch, ist aber als Hi-Hat Top einfach perfekt. Das etwas dickere Anatolian Expression Crash würde ich als klassisches Rock/Pop-Becken einstufen. Einen leicht singenden Oberton der Bell konnte ich durch eine ordentliche Schicht Tape von innen und außen zähmen. Seit einigen Jahren ist diese Crash-Kombination nun meine Go-To Hi-Hat. Insbesondere im Studio und bei Singer-Songwriter Gigs ist es für mich der perfekte Sound, an dem ich nie die Freude verliere. Aktuell sind beide Becken für circa 320 Euro erhältlich. Gebraucht dürfte es nochmal deutlich günstiger werden. Ich denke aber auch, dass das Bottom durchaus ein anderes Modell sein könnte, da der Klangcharakter meiner Meinung nach hauptsächlich vom Masterwork Becken kommt.

Christoph Behm

Auch nach mehr als 25 Jahren hinterm Schlagzeug kann ich mich immer noch am meisten an gut gestimmten akustischen Trommeln und organisch klingenden Becken erfreuen. Abgesehen vom Herumprobieren mit diversen Fellen, Trommeln und Spannreifen, unternehme ich keine extremen Modifikationen an meinen Instrumenten. In der Hinsicht bin ich also ziemlich konservativ. Nachdem ich vor Jahren eine 15“ Zildjian Avedis aus den 60ern gekauft hatte, die sehr leicht ist, –  beide Becken wiegen um die 1000 Gramm – kam ich langsam auf den Trichter, auch noch größere Teller miteinander zu kombinieren, um noch tiefer in die schlürfigen und breiten Sounds einzutauchen. Oft spiele ich dieser Tage ein Setup aus einem großen, crashbaren Ride und einer Hi-Hat. Da macht es Spaß, wenn die Hi-Hat ein erweitertes Klangspektrum aufweist. Das 16“ Medina Top habe ich schon sehr lange, es besteht aus chinesischer B20-Bronze und wurde wohl früher von GEWA vertrieben. Das Becken ist sehr dünn, sehr hoch im Pitch und als Crash gespielt eine absolute Zumutung. Aber als Hi-Hat Top ist es super, da es sich sehr weich spielt und super schnell anspricht. Ich hatte es einige Zeit mit einem 16“ Meinl Byzance Thin Crash kombiniert, aber die Kombi hatte immer etwas wenig Cut, auch war der getretene Klang einfach zu matt, also nicht ganz das, was ich mir vorgestellt hatte. Nach ein paar erfolglosen Versuchen mit anderen 16“ Becken als Bottom wollte ich das Projekt schon beiseite legen, aber dann sah ich letztes Jahr ein Video auf Instagram von Paul Mabury, dem australischen Studio-Drum-Guru von „That Sound“. Er nutzt ein 16“ Zildjian K (Custom?) Thin Crash in Kombination mit einem 16“ A-Custom Projection Crash als Bottom, also ein eher dickes und hell klingendes Crash. Da ich das Medina super finde und ehrlich gesagt auch ein bisschen zu geizig war, mir beide Becken zu leisten, habe ich mir kurzerhand nur das Projection Crash gekauft. Und siehe da: Bingo! So hat die „MedinAvedis“-Kombi mehr Cut, einen satten Chicksound und insgesamt mehr „Sparkle“. Danke, Paul! Probiert’s mal aus, vielleicht findet ihr ja auch eure Traum-Hi-Hat?

Lars Horl

Die Rolle der Hi-Hat am Drumset kann meines Erachtens gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Für mich ist sie mindestens ebenso wichtig wie die Snare und hat entscheidenden Einfluss auf meine Spielweise. So haben sich im Laufe der Jahre dann auch einige schöne Exemplare bei mir eingefunden, allerdings waren die Ambitionen, Becken zu tauschen oder gar eigene Kreationen aus Crashbecken zu erstellen, bei mir ehrlich gesagt nie übermäßig stark ausgeprägt. Ausnahme sind zwei Paiste-Modelle, die für mich jeweils nach einem Upgrade riefen: Eine relativ leichte und fein klingende 14“ 2002 Medium Hi-Hat, die allerdings einen etwas zu schwachen Chicksound hatte und eine schwere 14“ Twenty Hi-Hat, die einen sehr eigenständigen Charakter hat, mir insgesamt aber ein wenig zu scharf klang. Als Grund hierfür waren schnell die Bottom-Becken ausgemacht, das 2002 mit rund 1000 Gramm relativ leicht und das Twenty mit 1400 Gramm ziemlich schwer. Also besorgte ich mir ein einzelnes Paiste 14“ Innovations Bottom, das mit 1200 Gramm in der goldenen Mitte lag, und nun verwende ich es als „Problemlöser“ für beide Hi-Hats und bin rundum zufrieden. Geht es um etwas breitere Sounds, habe ich in meinem Fundes eine weitere, tolle Kombination gefunden: die 16“ Sabian „APX Control“ Hi-Hat, bestehend aus einem kräftigen APX Solid Crash und einem sehr leichten HH Sound Control Crash. Als jemand, der eher einen artikulierten als einen „sloshy“ Hi-Hat-Sound schätzt, fungiert in diesem Fall das schwerere Becken als Top, wodurch eine präzise Ansprache entsteht, während das leichtere Bottom bei halboffener Spielweise dafür sorgt, dass der Gesamtsound nicht zu hell und scharf wird. Fazit: Es lohnt sich durchaus, zu experimentieren, also probiert es aus!

Was sind eure Lieblings-Kombinationen, habt ihr weitere Tipps oder Anregungen? Schreibt es einfach in die Kommentare.

P.S. Wenn ihr wissen wollt, welche die Lieblings-Snares unserer Autoren sind, dann schaut mal hier entlang.

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