Hersteller_ElectroVoice Mikrofon
Test
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27.01.2012

Praxis

Robust und Alltagstauglich!

Das Electro-Voice RE20 ist für Tauchspulenmikro-Verhältnisse ein außerordentlich schnelles, transparent und vor allem natürlich klingendes Mikrofon. Zwar gibt es Schallwandler, die auf den ersten Blick brillanter klingen mögen, doch nach genauem Hinhören entpuppt sich deren Klang als Hochmittenboost und resonierend-unnatürlich. Das muss nicht unpassend sein, wie AKG D112 und Sennheiser MD 421 eindrucksvoll unter Beweis stellen. Eine vergleichbare Leistung ist außer dem RE20 im Grunde nur seinen Geschwistern (RE320 und RE27) und dem MD 441 zuzuschreiben. Die Vorteile gegenüber Kondensatormikrofonen liegen auf der Hand, denn ein dynamisches Mikrofon wie das 20er ist weitaus unempfindlicher gegenüber hohen Schalldrücken (generiert also nicht so schnell üble Verzerrungen), ist vom Vorhandensein und der Qualität einer Speisespannung unabhängig und wirklich extrem robust. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass ein EV RE20 Schläge mit dem Schlagzeugstock so unbeeindruckt einsteckt wie Bud Spencer die Fäuste seiner zahlreichen Gegner. Sicher kann der Frontkorb sich bei einem Sturz etwas verbiegen, doch ein wirklich mit voller Wucht und mit rechts ausgeführter Schlag, der eigentlich das China-Crash hätte treffen sollen wie ein Peitschenhieb, landete auf dem RE20 - nicht einmal die Lackierung des Stahlgehäuses war in irgendeiner Form beeindruckt. Die Fotos in diesem Artikel stammen übrigens von meinem eigenen Mikrofon, das seit sechs Jahren mit Bravour seinen Dienst verrichtet. Alltagstauglichkeit: check!

Nicht nur für Sprecher im Broadcastbereich geeignet

Bei Verwendung vor dem vokalisierenden Menschen fällt auf, dass das amerikanische Mikrofon angenehm unbeeindruckt von Popplauten, Wind-, Handling- und Strömungsgeräuschen bleibt, und auch die rückseitigen Schalleintrittsöffnungen sind offenbar ordentlich geschützt. Es ist zudem klar erkennbar, weshalb das RE20 ein beliebtes Broadcast-Mikrofon ist: Der verhältnismäßig große Aktionsradius des Sprechers ist deutlich von Vorteil, denn er kann sich dank der nicht zu engen Niere in einem recht ordentlichen Radius vor dem Mikro bewegen und sich auch mal in seinem Sessel nach hinten setzen. Wird angemessen komprimiert, sind die geringen Pegeländerungen wieder aufzufangen. Um auffallende Klangfarbenänderungen muss man sich keinen Kopf machen, die Gründe hatte ich genannt. Stimmen – auch gesungene – wirken angenehm normal: Es gibt nichts, was sich charakterlich stark in den Vordergrund schieben würde, obwohl der Einbruch um die 4 kHz herauszuhören ist. Das Song-File mit den ausschließlich mit dem RE20 aufgenommenen Signalen verdeutlicht diesen Zusammenhang. Kein EQ wurde hier verwendet, nicht komprimiert, nix, nada. Hält man sich allerdings vor Augen, dass ein MD 421 genau diesen Frequenzbereich stark überbetont, kann man ahnen, weshalb diese beiden Mikros eine ideale Kombination sind. Auffällig wird das auch vor dem Amp, und dort besonders bei dem breitbandigen, vollen Signal der verzerrten Gitarre. Vergleicht mal die beiden Files – die Membranen der Mikros befanden sich an exakt gleicher Position bei identischem Winkel!

Natürlicher, ausgewogener Bass

Im Bassbereich geschieht beim RE20 auch so einiges, ohne dass das Signal jemals überbasst, dumpf oder ohne Spitzen klingt. Die Tatsache, dass der Proximity-Effekt so gut wie ausfällt, kann bei Close-Miking genau richtig sein. Keine Bassanhebung im Nahbereich bedeutet übrigens nicht bassarm, wie mir das Audiofile dieses Instruments beipflichtet. Gerade für Single-Miking ist ein RE20 auf Höhe des Resofells im Loch (mit der Membran etwas weiter im Inneren) oft eine sichere Sache und liefert meist ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Attack und tiefem “Kawumm” – live und im Studio. Ist einem dieses “Kawumm” dann doch einmal zu viel, hilft das hervorragend arbeitende Filter.

Robustes und zuverlässiges Arbeitstier

Um mal wieder typische Floskeln zu untergraben, stelle ich folgende Aussage auf: Das RE ist keine Allzweckwaffe. Eine Waffe ist es schon mal gar nicht. Es ist ganz einfach ein Allzweckmikrofon, ein hervorragend gearbeitetes und arbeitendes Werkzeug, das in so gut wie jeder Situation brav seinen Dienst verrichtet und ohne viel Aufhebens ordentliche Signale an das Pult liefert. Ob es sich um niederpegelige, fragile Signale handelt oder das Mikro geradezu barbarische Schalldrücke verarbeiten muss – das RE20 macht das. Nie muss man fürchten, dass das Signal sich im Rauschen verliert (denn das ist gering!), der Frequenzgang “nicht passt” oder sonstige technische Restriktionen die Suppe versalzen. Ich bin geneigt zu behaupten, dass ich das RE20 wählen würde, wenn ich mein Tontechnikerdasein fortan mit nur einem einzigen Mikrofontypus bestreiten müsste, der alles abdeckt. Den kleinen Einbruch bei 4 kHz können eigentlich alle Signale verkraften.

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