Gitarre Hersteller_Fender
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28.04.2018

Eine Liebeserklärung an die Fender Telecaster

Die Fender Telecaster – E-Gitarre pur und schnörkellos

Als Leo Fender mit seiner kleinen südkalifornischen Firma im Jahr 1950 die Esquire auf den Markt brachte, hatte er damit die erste in Serie gefertigte Solid-Body-E-Gitarre der Welt erschaffen. Aber die hatte damals nicht unbedingt auf eine Brettgitarre gewartet und so ließ der Erfolg zunächst auf sich warten. Der Hauptgrund für den anfänglichen Misserfolg war das für die damalige Zeit ziemlich futuristische Aussehen der Gitarre. Die ungewöhnliche Form in Kombination mit der superflachen Solidbody-Konstruktion sorgten anfangs für herablassende Kommentare, in denen das Modell bei seiner Vorstellung als Paddel oder Schneeschaufel verhöhnt wurde.

Ein weiterer Grund war der fehlende Halstonabnehmer, denn obwohl viele Musiker den Vorteil einer rückkopplungsfrei verstärkbaren Gitarre durchaus erkannten, bot ihnen ein einzelner Tonabnehmer einfach zu wenig Soundmöglichkeiten. Der fehlende Stahlstab sorgte für zusätzlichen Unmut, weil viele der ersten Esquire-Gitarren schon mit verzogenen Hälsen ausgeliefert wurden. So blieben die Verkäufe zuerst einmal weit hinter den Erwartungen zurück und brachten die Firma kurz vor den Ruin. Erst nachdem Leo Fender schweren Herzens entsprechende Modell-Updates durchführen ließ und die Gitarre auf den Namen Broadcaster umtaufte, ging es mit den Verkäufen allmählich bergauf. Allerdings war damit immer noch keine Ruhe im Karton. Der Name Broadcaster sorgte nämlich für weitere Unruhe, weil die Firma Gretsch ein Schlagzeug mit der Bezeichnung Broadkaster in Sortiment hatte. Deshalb kam es aus rechtlichen Gründen Anfang 1951 zu einer erneuten Namensänderung in Anlehnung an das damals supermoderne Fernsehzeitalter. Seitdem ist die Telecaster als "Mutter der Brettgitarren" auf allen Bühnen und in allen Musikgenres präsent. Wegen der bis heute ungebrochenen Nachfrage wird der Klassiker seit 1951 nonstop gebaut und gilt als eine der meistgespielten und meistkopierten E-Gitarren aller Zeiten.

Gab es Vorbilder?

Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, ob die Idee der Brettgitarre wirklich von Leo Fender stammt, denn bereits in den 40er Jahren hatte ein gewisser Paul A. Bigsby Solidbody-Gitarren gebaut. Einer seiner bekanntesten Kunden war der damals angesagte Country- und Western-Gitarrist Merle Travis, der bis 1949 drei seiner "Bigsby Birdseye Maple Solid Body" E-Gitarren kaufte. Neben der Solidbody-Konstruktion war die Gitarre mit einer ganz besonderen Kopfplatte ausgestattet, bei der die Saiten an einer Seite des Kopfes befestigt wurden. Obwohl die Grundidee der einseitig angeordneten Wirbel ursprünglich vom Wiener Geigen- und Gitarrenbauer Johann Georg Stauffer stammt, kommt das abgewandelte Design der späteren Stratocaster- und Jazzmaster-Kopfplatten denen der Bigsby-Gitarren unverschämt nahe. Merle liebte Paul Bigsbys Handwerkskunst übrigens so sehr, dass er von ihm sogar einen neuen Hals für seine Martin D28 anfertigen ließ. Auf den Fotos denkt man zuerst, es handele sich um eine akustische Gitarre von Fender, aber die gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Unbestritten ist jedoch, dass die Telecaster die erste in Serie produzierte E-Gitarre der Geschichte ist und andere Hersteller dazu inspirierte, ebenfalls Modelle mit massivem Korpus herzustellen.

Konzept und Aufbau

Von allen Fender-Gitarren ist die Telecaster am einfachsten aufgebaut. Bei ihrer Konstruktion ließ man sich von der Lap Steel inspirieren, die Fender bereits seit 1945 herstellte. Deshalb kommt hier erstmals in der Geschichte des Gitarrenbaus ein massiver Gitarrenkorpus zum Einsatz. Weitere Merkmale, die von der Lap Steel übernommen wurden, sind die "Aschenbecher"-Brückenabdeckung, die gerändelten Chromknöpfe, die Kluson-Tuner und die Kombination von Steg- und Stegtonabnehmer in einer Einheit. Bei der Einführung der Telecaster gab es noch kein kompliziertes Tremolo, sodass man den Zusammenbau dank der unkomplizierten Konstruktion auch von ungelernten und billigen Arbeitern vornehmen lassen konnte. Eine möglichst effiziente und industrielle Fertigung ermöglichte nicht nur höhere Gewinnchargen. Dank vorgefertigter Bauteile konnte man im Gegensatz zu den weitaus komplexer aufgebauten Instrumenten des Erzrivalen Gibson eventuell anfallende Reparaturen schneller ausführen. Ersatzteile, wie beispielsweise ein neuer Hals, konnte unkompliziert per Post verschickt und im Gegensatz zu Instrumenten mit verleimten Hälsen auch ohne Gitarrenbau-Kenntnisse vom Kunden selbst getauscht werden. Obwohl die ersten Telecaster-Modelle traditionell aus Esche gebaut wurden, hat man später auch Erle zum Bau des Klassikers verwendet. Auch wenn sich die Geister darüber streiten, welches der beiden Hölzer besser oder schlechter klingt, kommt es letztlich darauf an, ob alle am Bau beteiligten Komponenten klanglich miteinander harmonieren und dem Instrument einen soliden und authentischen Grundsound bescheren.

Was ist das besondere an einer Telecaster?

Obwohl die Telecaster zuallererst mit Country-Musik in Verbindung gebracht wird, findet man sie in so gut wie allen Stilepochen wieder. Eine gute Telecaster, bei der neben einem hochwertigen und gut verarbeitetet Hals und Korpus auch erstklassige Hardware verbaut ist, bringt einen mächtigen Primärton hervor. Der Klang ist stählern und klar mit einem ausgeprägten und langen Sustain. Der Anschlag ist kraftvoll und fleischig, was der einfachen Konstruktion und den durch den Korpus geführten Saiten zu verdanken ist. So gelangt die Saitenschwingung direkt und ohne Umwege über ein mögliches Tremolosystem in den Korpus. Dem fetten Twäng der Telecaster sind übrigens mindestens so viele Blueser, Rocker und Jazzmusiker verfallen wie virtuose Chicken Pickin' Gitarristen. Deshalb gehören zu den bekanntesten Telecaster-Spielern nicht nur singende Cowboys und Cleanfetischisten, sondern viele klassische Rock- und Bluesgitarristen. Wer hätte beispielsweise gedacht, das Jimmy Page viele Led-Zeppelin-Songs und das Solo von Stairway To Heaven mit seiner 1959er Telecaster eingespielt hat? Die schlichte Klarheit der Telecaster ist geradezu prädestiniert für den Blues und Rock der sechziger Jahre, der ja auch auf jeglichen Schnickschnack verzichtete. Weil die alten Blueslegenden die Rockmusiker der aufkommenden Hippiebewegung inspirierten, liest sich die Lister der Telecasterspieler wie das Einmaleins der Rockgeschichte, denn so gut wie alle Gitarrenhelden spielten während ihre Karriere die Telecaster, oder tun es immer noch. Dazu gehören Muddy Waters, Roy Buchanan, Jimmy Page, Keith Richards, Eric Clapton, George Harrison, Francis Rossi, Rick Parfitt, David Gilmour, Andy Summers, Danny Gatton, Albert Lee oder Pete Townshend, um nur einige wenige zu nennen.

Sound und Praxis

Stellvertretend für die vielen unterschiedlichen Modelle wie Custom, Thinline, Deluxe, Nashville, Telecaster HH, Cabronita usw. soll es hier um das Grundmodell in Anlehnung an die ersten Modelle des Klassikers gehen. Kommen wir zu den cleanen Sounds am Stegpickup - bei vielen Modellen muss man aufpassen, dass einem die Höhen nicht das Trommelfell zerreißen. Auch wenn genau das bei vielen Klassikern zum "guten Ton" gehört, ist es nicht jedermanns Sache. Falls man eine Eierschneider-Tele hat, kann man das Ganze entschärfen, indem man die Bridge tauscht. Oft bewirkt alleine der Wechsel zu Messingreitern Wunder.

Bei der Verwendung beider Tonabnehmer denkt man schnell an die Jazzmaster, bei der man ja einen ähnlichen Sound hinbekommt. Allerdings klingt die Jazzmaster konstruktionsbedingt bei weitem nicht so spritzig und direkt wie die Telecaster. Ähnlich ist es bei der Les Paul, die wegen der kürzeren Mensur, der verwendeten Holzarten und der Pickups im A/B-Vergleich komplett anders klingt.

Der Halstonabnehmer einer alten Telecaster klingt anders als der einer Stratocaster. Das liegt daran, dass man für den Halspickup der Telecaster einen dünneren Draht verwendet. Im Gegensatz zu früher kommen auch wegen ihrer klangverändernden Eigenschaften keine Messingkappen mehr zum Einsatz, sondern solche aus Neusilber, wodurch der Tonabnehmer offener und höhenreicher klingt als in den Anfangsjahren. Wem der Halspickup seiner Tele zu "belegt" klingt, kann das durch das Entfernen der Kappe kompensieren.

Auch im verzerrten Bereich kann die Telecaster punkten, wenn sie denn nicht zu spitz klingt. Sollte das der Fall sein, kann man mit dem Tone-Poti dagegenhalten, indem man es leicht zurückdreht, sodass gerade die oberen spitzen Frequenzen abgemildert werden.

Beide Pickups zusammengeschaltet bringen einen interessanten Sound, den man meiner Meinung nach viel zu selten hört. Ich habe meine Stratocaster zwar so modifiziert, das ich Steg und Hals gleichzeitig spielen kann, aber an die Klarheit der Tele kommt der Sound nicht heran. Aber hört selber.

Auch der Halstonabnehmer profitiert von dem fetteren Primärklang der Telecaster-Konstruktion. Mit viel Gain kommen beinharte Bluesrocker schnell auf ihre Kosten.

Fazit

Eine Telecaster ist zwar eine sehr einfach gestrickte Gitarre, aber bei weitem keine abgespeckte Stratocaster, bei der einfach nur das Tremolo und der mittlere Tonabnehmer fehlen. Sie ist ein ganz besonderes Instrument mit einem unglaublich fetten Primärklang und diesem berühmten Ansprechverhalten, das besonders Countrygitarristen und Cleanfetischisten in seinen Bann zieht. Ermöglicht wird ihr direkter und stählerner Ton durch die einfache Konstruktion, bei der die Saitenschwingung ungehindert in den Korpus übertragen wird. Weniger ist hier also mehr! Trotz ihrer scheinbar ewigen Verbundenheit zur Countrymusik ist ihr Einsatzgebiet im Grunde universell und so gibt es kaum einen Gitarrenhelden, der nicht schon einmal mit der Telecaster auf der Bühne gestanden hat.

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