Gitarre
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06.12.2020

Eine Liebeserklärung an den Booster

Der Booster und sein Platz in der Rock-History

7 Booster-Pedale, ihre Geschichte und ihr Sound

In dieser Folge soll es um eine Pedalkategorie gehen, die selbstverständlich jeder Gitarrist kennt, besitzt, und vermutlich auch benutzt: den Booster.
Viele wissen vermutlich aber nicht, dass der Booster zu den ältesten Gitarreneffekten überhaupt gehört, sich seine ursprüngliche Konzeption aber stark von der aktuellen unterscheidet. Er war in der Vergangenheit wesentlich prägender für die frühen Gitarrensounds der Rockgeschichte als dies später der Fall war.

Der Grund dafür liegt zum einen in den speziellen Ampmodellen, die damals zur Verfügung standen, aber natürlich auch an Spieltechnik und -stil jener Zeit. Wir wollen euch heute auf eine kleine Zeitreise durch die Geschichte des Boosters mitnehmen und euch auch zeigen, wie verschiedene Modelle in Kombination mit diversen Amps klingen!

1. Geschichte

Unsere Geschichte beginnt in den frühen 60ern mit den ersten Amps, die in Großbritannien damals auf den Markt kamen. Die stammten zum einen aus dem Hause Vox, aber auch Jim Marshall entwickelte auf Basis des Fender Bassmans seine ersten Ampmodelle, die als JTM45 oder Bluesbreaker in die Geschichte eingehen sollten.
Dick Denney, dem technischen und geistigen Vater von Vox, damals auch als JMI (= Jennings Musical Industries) bekannt, fiel bereits 1961 auf, dass die übersteuerte Endstufe eines Röhrenamps zu Intransparenz neigt, etwas muffig im Sound wird, und dadurch das Gitarrensignal an Durchsetzungsfähigkeit im Bandgefüge einbüßt. Die Bässe, die bei den frühen Ampmodellen ohnehin schon sehr dominant waren, ließen das Gesamtklangbild verwaschen und unpräzise wirken, was den Wunsch einiger Gitarristen nach brillanteren Höhen weckte, die sie z.B. von manchen Fenderamps gewohnt waren.
Denney behalf sich zunächst mit einem Low-Cut-Filter vor der Endstufe, der die Bässe minderte und so den Klang der Gitarre ausglich, bei der die Basssaiten ohnehin immer lauter als die Diskantsaiten waren. Da viele kleinere Amps Anfang der 60er Jahre auch keine effektive Klangregelung besaßen, schlug er damit zwei Fliegen mit einer Klappe. Der sogenannte „Brilliant Channel“ des Vox AC30 war geboren, und zwei Jahre später, 1963, folgte der Top-Boost-Schaltkreis samt Klangregelung. Das Lowcut-Verhalten des Ibanez Tubescreamers ist übrigens eine direkte Kopie des Brilliant-Hochpasses des 1961er Vox AC30.

Der Vox V806

Als im Laufe der 60er Jahre der Sound aggressiver und auch lauter wurde, kamen die gebräuchlichen 15-30 Watt-Amps an ihre Grenzen. Das brachte Vox auf die Idee, den Hochpassfilter samt Verstärkung in eine eigene, separate Box zu verpacken. Zum Zug kamen damit die neu entwickelten Siliziumtransistoren, die in der Folge übrigens auch zu den ersten Vox-Transistoramps wie z.B. dem „Defiant“ führten.
So war mit dem Vox V806 der erste Treble-Booster geboren, allerdings noch nicht in Pedalform, sondern als kleine verchromte Box mit angebautem Klinkenstecker, der in den Input des Amps gestöpselt wurde. Die Höhen waren beim V806 zwar stark ausgeprägt, aber die Boostfunktion fiel eher moderat bis niedrig aus. Das war für die Beatmusik ausreichend und verhalf z.B. Roger McGuinn von den Birds in Kombination mit einer zwölfsaitigen Rickenbacker auch zu seinem klassischen „Jingle-Jangle“-Sound, aber für deutlich mehr Verzerrung aus dem Amp taugte es wenig.

Der Dallas Rangemaster und Hornby-Skewes Treble Booster

Um der aufkommenden härteren Gangart der Rockmusik Genüge leisten zu können, musste erst 1965 der Dallas Arbiter Rangemaster mit seinem OC44 Germanium-Transistor auf dem Markt erscheinen. Bei ihm handelte es sich um ein relativ großes silbernes Kästchen mit einem Regler für den Ausgangspegel. Das Ausgangskabel war fest am Gerät verbaut und relativ kurz, sodass der Rangemaster meist auf dem Amp platziert wurde.

Rangemaster Treble Booster:

Prinzipiell waren die Treble-Booster darauf ausgelegt, das Volume-Poti an der E-Gitarre immer nur so weit aufdrehen zu müssen, wie es die gewünschte Lautstärke in der jeweiligen Situation verlangte. Sprich, das Lautstärkepoti wurde in diesem Fall seinem eigentlichen Namen tatsächlich gerecht. Dabei stellte sich jedoch heraus, dass nur bis ca. Potistellung 8 die Höhen stark betont wurden und danach mehr die Mitten in den Vordergrund traten, wozu sich auch noch eine stärkere Verzerrung gesellte. Bei der Potistellung auf 10 wurden dann nicht nur die Bässe abgesenkt, sondern auch Anteile der Höhen. Ein Mittenboost hingegen erzeugt harmonische Obertöne im Amp, was bedeutet, dass die Brillanzen nicht mehr von der Gitarre, sondern vom Verhalten des Röhrenverstärkers herrühren.

Herrschte bis Mitte der 60er Jahre noch eine gitarristische Ko-Existenz zwischen den Beatbands, die eher weniger Zerre brauchten, und den frühen Rockbands wie z.B. „Cream“, so kippte gegen Ende des Jahrzehnts der Trend immer mehr in Richtung Hard Rock mit Bands wie Led Zeppelin, Black Sabbath oder Deep Purple. Toni Iommi schwor dabei auf einen modifizierten Range Master Treble Booster, während Ritchie Blackmore den selteneren Hornby-Skewes mit Siliziumtransistor einsetzte.

Hornby - Skewes Treble Booster

Kenner früher Ampmodelle wie die von Vox, Laney Supergroup, Fender Bassman oder Marshall JTM45 wissen natürlich auch um die Beschaffenheit des Tonestacks dieser Boliden. Regler-Settings, bei denen der Bass auf Potistellung 2 und Treble und Mitten auf Rechtsanschlag stehen, sind dabei keine Seltenheit. Gerade Spieler dieser Ampkategorie sahen den Treblebooster als eine Art Wunderwaffe. Neben Blackmore und Iommi wäre natürlich der Sound eines Brian May oder Rory Gallaghers ohne den Einsatz eines Boosters, in diesem Fall des Rangemasters, nicht vorstellbar. Dabei stöpselten viele Gitarristen übrigens ihre Treble Booster in den Normal Channel ihres Amps.

Entwicklung ab den 70ern

In den Siebzigern und den frühen 80ern wandelte sich die Musik und auch die Amp-Technologie reagierte auf den stilistischen Wandel, wobei vor allem Jim Marshall dem Wunsch seiner Kunden nach mehr Gain und mehr Höhen nachkam. Schon 1965/66 hatte er den Super Lead Plexi kreiert, bei dem ein großer „Bright“-Kondensator von 5nF an das 1Mega-Ohm Volume-Poti angelötet wurde, sodass von Haus aus mehr Höhen zur Verfügung standen. Diese Entwicklung setzte sich nun fort und mit dem Super Lead Mk II, später auch als JCM800 bekannt, lieferten die Amps auch ohne zusätzliche Eingriffe den gewünschten Grad an Höhen und Zerre. Auch wenn die klassischen Treble-Booster zu dieser Zeit nach wie vor in diversen Genres und vor allem bei Playern klassischer Amps Anwendung fanden, entstanden Ende der 70er bis Mitte der 80er auch die ersten wirklichen Overdrive- und Distortionpedale wie der Boss OD-1, der Ibanez Tubescreamer oder die Pro Co Rat. Schnell reichten den Protagonisten der aufkommenden Heavy-Metal-Bewegung die Gainreserven ihrer Amps und Bodentreter vor allem für Leadsounds nicht mehr, sodass Overdrive-Pedale, die ursprünglich eigentlich nur den warmen Drive-Sound eines lauten Röhrenamps emulieren sollten, als Booster zweckentfremdet wurden. Der Tubescreamer hatte hier den tollen Nebeneffekt, dass die Beschneidung der Bässe und die Anhebung der Mitten neben der Erhöhung des Gain für mehr Durchsetzungskraft im Bandgefüge sorgte.

Der Booster heute

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass aufgrund der Bauweise moderner Amps Booster und insbesondere Treble-Boostern nicht mehr zwingend zur Ausstattung gehören müssen, wie das in den 60ern noch der Fall war – mangelnde Höhen, Durchsetzungskraft, fehlende Gainreserven oder fehlende Flexibilität sind nicht mehr das große Thema. Dennoch: Wer den klassischen Sound liebt, wird um bestimmte Boost-Pedale nicht herumkommen, und Brian May oder The Edge setzen aus gutem Grund auch heute noch ihre Rangemaster ein. Letzten Endes bietet der aktuelle Markt eine Vielzahl an Booster-Typen. Manchen Gitarristen geht es dabei um eine relativ lineare Boostfunktion, d.h., das Gitarrensignal wird um einige dB angehoben, der Grundsound bleibt dabei aber, vom höheren Gain abgesehen, halbwegs unbeeinflusst. Andere wiederum schwören auf Booster, die Einfluss auf den Klang und das Spielgefühl nehmen. Dazu gehör(t)en Richie Blackmore mit seiner AIWA-Bandmaschine, die er als Booster einsetzte, aber auch Angus Young, der das Schaffer Vega Sendersystem mit seiner Kompander-Funktion auch im Studio benutzt und nicht zuletzt Stevie Ray Vaughan, der den Tubescreamer häufig mit aufgerissenem Level-, aber zurückgedrehtem Gain-Regler einsetzte, um die Boostfunktion in Kombination mit Lowcut und Mittenboost zu verwenden.

Im folgenden Kapitel möchte ich euch ein paar noch heute erhältliche Booster zeigen, wobei auch Nachbauten der historischen Modelle inkludiert sind.

1. BSM - V-TB

Der deutsche Treblebooster-Spezialist Bernd Meiser mit seiner Company BSM stellte erst unlängst den V-TB vor, ein Replikat des ersten erhältlichen Vox Treble-Boosters von 1964. BSM hat einen Schalter hinzugefügt, mit dem die tiefen Frequenzen um 10 dB angehoben werden können. Im normalen Modus erhält man sehr authentisch den "Jangle"-Sound von Roger McGuinn, wohingegen im Bass-Mode der Sound etwas moderner wird und in die Richtung von Mike Campbell von "Tom Petty and the Heartbreakers" schielt.

2. Fulltone - CS-Ranger

Der CS-Ranger aus dem Hause Fulltone ist eine modernisierte Version des klassischen Dallas Arbiter Rangemasters, das zu einem integralen Bestandteil der Effektboards von Gitarristen wie Brian May, Rory Gallagher und Toni Iommi wurde.
Insgesamt stehen hier sechs verschiedene Boostmodi zur Verfügung, wobei die Stellung RM-1 die ursprüngliche Rangemaster Version darstellt und RM-2 eine spätere Auslegung mit etwas höher angesetzter Cut-Off Frequenz.

Test auf bonedo.de:

3. BSM - HS-S

Der HS, ebenfalls aus der Pedalschmiede BSM, steht natürlich für "Hornby-Skewes", jenem legendären Treble Booster, der kurz nach dem Rangemaster erschien und von Gitarristen wie z.B. Ritchie Blackmore eingesetzt wurden. Nach einer kurzen Germanium-Periode wurde der Transistor im Inneren gegen eine Silizium-Version ausgetauscht, was den Zusatz "S" im Produktnamen der BSM-Auslegung erklärt.

4. MXR - Micro Amp

Der MXR Micro Amp gilt bereits als Klassiker unter den Boost-Pedalen und zeigt sich relativ spartanisch. Lediglich ein Gain-Poti wurde dem Pedal gegönnt, das den Pegel um satte 26 dB boosten kann. Einer der bekanntesten User dieses Pedals dürfte John Frusciante sein.

  • Test: n/a

5. TC Electronic - Spark

Der dänische Hersteller TC Electronic legt mit dem Spark einen sehr flexiblen Booster aufs Parkett, der auch noch zu einem extrem günstigen Kurs den Besitzer wechselt. Drei Modi stellt das Pedal zur Auswahl, nämlich Fat für einen Bassboost, Mid für den Midboost und Clean für ein neutrales Signal. Neben Level und Gain steht noch ein rudimentärer EQ für Bässe und Höhen bereit.

6. Xotic - RC Booster

Der Xotic RC Booster liegt mittlerweile in seiner zweiten Version mit zwei unterschiedlichen schaltbaren Boost-Schaltkreisen vor und ist auch in einer Bassversion erhältlich. Wie beim TC Electronic Spark stehen hier die Regler Volume, Treble und Bass zur Verfügung, und Gain 1 und Gain 2 lassen sich getrennt für jeden Kanal regeln. Ein bekannter User dieses Pedals ist Scott Henderson, der sogar eine Signature-Version sein Eigen nennen darf. Im Audiovergleich und im obigen Bild kam die V1-Version mit nur einem Gainpoti zum Einsatz.

Test auf bonedo.de:

7. Seymour Duncan - Killing Floor

Der Killing Floor von Seymour Duncan ist ein wahres Kraftpaket, denn hier gibts satte 34 dB Pegelanhebung. Zusätzliche Flexibilisierung schafft zum einen die Tatsache, dass das Pedal zwischen 9 V und 18 V betrieben werden kann, und ein Dreifach-Kippschalter, der in der oberen Stellung einen 7 dB Höhenboost bei 10 kHz generiert. Die mittlere Position hält das Frequenzbild linear, wobei die untere Stellung einen High Cut bei 4,8 kHz vornimmt.

Klangbeispiele

Für die Klangbeispiele setze ich zwei klassische Amps ein, die bereits in den frühen Tagen der Treble-Booster ein perfektes Match ergaben, nämlich einen Marshall JTM45 und einen Vox AC30 Nachbau aus dem Hause Redstuff. Der Audiovergleich lässt sich extrem schwer in einem identischen Amp-Setup umsetzen, da die alten Treble-Booster, wie in der Einleitung erwähnt, eher für die bassigeren Normal-Channels ausgelegt waren und in den Bright- bzw. Top-Boost-Kanälen oft zu viele Höhen bereitstellen. Im Falle der linearen Pegelanheber gestaltet sich das Problem umgekehrt: Die Normal-Channels sind zu dunkel und werden durch das Boosten noch wuchtiger in den Bässen.
Aus diesem Grund werde ich die Klangbeispiele für den VT-B, den CS-Ranger und den HS-S in den normalen Kanal spielen, während ich die Klangbeispiele für den Micro Amp, Spark, RC Booster und Killing Floor über die Treble- bzw. Top-Boost-Kanäle erstelle. Ihr hört jeweils am Anfang den cleanen Amp sowohl im dunklen Normal-Channel als auch im helleren Bright- bzw. Top-Boost-Channel.

a) JTM45 - Humbucker – Low Gain

Hier geht es mit einer Maybach Les Paul in einen Marshall JTM45, dessen Volume relativ niedrig ist, aber bereits eine leichte Zerre liefert.

b) JTM45 - Humbucker – Amp im Break Up

Erneut eine Maybach Les Paul in den JTM45, aber diesmal cruncht der Amp schon deutlich mehr.

c) AC30/Fab30AC30/AC30/Fab30 - Single Coil – Clean Amp

Nun spiele ich eine Fender Stratocaster in der Bridge-Position und stöpsele sie in einen Redstuff FAB30, ein AC30 Klon, der noch im Cleanbereich ist.

d) AC30/Fab30 - Single Coil – Amp im Break Up

Ihr hört wieder eine Fender Stratocaster in der Bridge-Position , doch diesmal fährt der Redstuff FAB30 deutlich in den Break-Up.

e) Songkontext

Zum Abschluss müssen sich die Pedale in einem Backingtrack behaupten. Der Amp ist ein JTM45 und die Gitarre eine Maybach Les Paul.

Fazit

Da alle hier vorgestellten Booster vollkommen unterschiedliche Zwecke verfolgen und je nach Amp-Kombination ihre Qualitäten auch unterschiedlich ausspielen, fällt es schwer, eine qualitative Empfehlung auszusprechen. Grundsätzlich lässt sich allerdings sagen: Wer primär einen glasigen und prägnanten „Shimmer“-Sound auf ein cleanes Signal zaubern will, wird mit dem BSM V-TB im Vintage-Sektor punkten. Wer sich flexibler aufstellen und auch die Vorstufe ordentlich anblasen will, findet im RC Booster oder dem TC Electronic Spark gute Weggefährten. Geht es um eine reine Pegelanhebung ohne viel Schnickschnack, kann man zum MXR Micro Amp oder zum Killing Floor greifen, wobei letzterer sicherlich flexibler ist. Wahre Vintage-Gefühle kommen mit dem CS-Ranger und den beiden BSM Boostern auf, vorausgesetzt, man hat die entsprechenden Amps, bei denen diese Pedale ihre Stärken ausspielen können.  

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