Feature
5
23.11.2017

Der Club-DJ der Gegenwart: Vom uniquen Trendsetter zur austauschbaren Bespaßungs-Jukebox?

Was für den Hochzeits-DJ zum musikalischen Alltag gehört, bekommt mittlerweile auch der Club-DJ zu spüren: Immer mehr diktiert das Publikum den von DJs aufgelegten Sound. Das DJing in den Party-Tempeln entwickelt sich zur musikalischen Dienstleistung einschließlich verbaler Animation. Nur ein temporärer oder gar absehbarer Trend bis in die Zukunft?

Früher war man noch jemand!

In den goldenen 1990er schwelgend, besinnt man sich der aufblühenden Discotheken-Landschaft, wo die Gäste unvoreingenommen nach der Pfeife des DJs tanzten. Die Clubs waren nicht nur samstags, sondern an bis zu fünf Tagen in der Woche gefüllt. Der Verzicht des Besuchs kam einer Katastrophe gleich, denn man würde dieses gemeinsame Feiern in den von Scheinwerfer gefärbten Nebelschwaden samt bombastischen Soundsystem verpassen. Nebenbei baggerte man ohne Hemmungen an der Bar und auf dem Dancefloor.

Diese Form der nächtlichen Unterhaltung ist zwar nicht ausgestorben, aber sie kränkelt, wie auch die Befugnis eines DJs, seinen eigenen, von ihm geprägten Sound ohne Kompromisse durchzusetzen. Die Mehrheit passt sich dem Publikum an, um es nicht zu verprellen und damit die halbvollen Locations vor dem finanziellen Kehraus zu bewahren. Schließlich zählt jeder Gast! Musikalisch geht man auf Nummer sicher, sodass unabhängig des jeweiligen DJs der Sound, gar die Playlisten recht identisch sind. Wie konnte es soweit kommen?!

Verlust des analogen Kopierschutz

Vor mehr als 20 Jahren gehörte es zum guten Ton und zur Credibility eines Club-DJs, nur mit Vinyl aufzulegen. Dance-Tracks wurden größtenteils nur oder einige Wochen vor dem CD-Release auf 12-Inch veröffentlicht. Die Auflagen waren streng limitiert, daher schnell vergriffen oder erst gar nicht käuflich erhältlich. Ein DJ definierte sich über seine aufgelegten Platten und seinen Musikstil. Mit dem Einzug der MP3 und Musikerkennungs-Apps wie Shazam ist fast jedes Set von einer Tracklist und damit jeder DJ stilistisch kopierbar.

Veränderung der Medienlandschaft

Einst hörte man neue Tracks als erstes nur in den Clubs und auch Discotheken. Der DJ als Testimonial, auch zum Teil im Auftrag der Schallplattenlobby, checkte mit dem Auflegen der Promo-Platten die Reaktion des Publikums. Nicht allein der volle Dancefloor, sondern auch Nachfragen zu den aufgelegten Tracks, galten als Indikatoren für einen potentiellen Club-Hit. Entsprechend tippten ihn die DJs in die Dance-Charts. Positionierte er sich an deren Spitze, folgte ein Videodreh für MTV und VIVA, um ihn per Heavy-Rotation auf den Sendern zu promoten und damit den Verkauf anzukurbeln. Dies funktionierte solange gut, wie auch die Musik gut war. Letztlich wurde auch viel Schund in die DJ-Charts getippt. Das stank VIVA. Letztlich stoppte der Musiksender 2003 diese Promo-Maschinerie, indem sie Dance-Music komplett aus ihrem Musik-Programm verbannte. Dance-Music besann sich ihrer Wurzeln. Die Sets der DJs waren wieder einzigartiger und nicht ausschließlich von den Promos der Plattenindustrie durchzogen. Die aufgelegte Musik verdiente sich wieder den Stempel: independent und credibil.

Mittlerweile ist sie nicht mehr den Clubs vorbehalten, sondern ständig verfügbar. Spartensender, Streaming-Dienste und Plattformen wie YouTube, Sound- oder Mixcloud, aber auch Online-Music-Shops stopfen hungrige Ohren sofort und kostengünstig. Damit hat der kommerzielle Club als Quelle für den neuesten musikalischen Trend ausgedient. Auch mancher Gast ist musikalisch mehr auf dem Laufenden als der DJ, was er ihn auch durch penetrantes Musikwünschen samt Besserwisser-Phrasendreschen spüren lässt.

Jeder kann ein DJ sein

Die monetäre Hemmschwelle zum DJing ist mit billigen DJ-Apps, DJ-Controllern und kostenlos gesaugten Tracks überwunden. Anscheinend kann jeder auflegen, der eine App beziehungsweise Konsole besitzt. Selbst mit Equipment auf Spielzeug-Niveau ist es heut schon fast kinderleicht. Faszinierte Blicke über die Schulter der DJs in der Discotheken-Kanzel weichen geklopften Sprüchen, wie: „Das kann ich auch!“ oder „Du spielst doch eh nur einen Stick ab“. Denn anscheinend gilt für alle: Wir sind DJ, zwar nicht im Club, aber dafür im Bedroom, in der Garage oder auf der privaten Party.

Der Club als Flirtzone Warum für Eintritt und den Ladies ausgegebene Getränke blechen und Interesse heucheln, wenn es doch bequemer, günstiger und anonymer per App oder online vom Sofa geht. Allerdings beginnt durch Social Networks gleichzeitig auch die Entsozialisierung von der realen Welt und wir verlernen es, miteinander zu kommunizieren. Darauf möchte ich nicht verzichten. Ebenso nicht, mit einer Unbekannten in den dunklen, nebligen Katakomben dirty zu tanzen.

Aber wie beeinflusst dies den gegenwertigen Stellenwert eines Club-DJs?

Das einst beliebte Clubbing gerät bei der jetzigen Generation ins Hintertreffen. Clubs kämpfen um Besucherzahlen und ums Überleben. Booker und auch DJs schieben lieber musikalisch eine sicherere Kugel. Denn mehr denn je zählen auch bei einem Club-DJ nicht nur die Skills oder gar der Anspruch, sondern verstärkt die Tugenden der sogenannten und leider zu wenig geschätzten Hochzeits-DJs.

Stilistische Flexibilität

Vom DJ wird erwartet, musikalisch auf den Moment und das Publikum zu reagieren, selbst bei wenigen Gästen eine „gute Miene zum bösen Spiel“ aufzusetzen. Musikalische Experimente? Lieber nicht, denn damit vergrault man womöglich seine letzten Gäste. Besser Charts in-the-mix, vom Gast gewünscht. Oder wie wäre es mit Schlager, die jeder kennt, die alle mitsingen und man sich gegenseitig in den Armen liegt. Ein Szenario mit Gänsehaut und Schüttelfrost für einen vom musikalischen Anspruch getriebenen Club-DJ. Aber genau an diesem Gemeinschaftsgefühl erfreut sich mittlerweile die jüngste Generation. Denn dies bietet keine private Garagenparty.

Dramaturgie

Das Publikum lesen, um genau zu wissen, was sie gerade möchten, aber dabei trotzdem stets die Dramaturgie des Sets im Auge behalten. Man setzt ein paar Höhepunkte am Abend, in denen alle frenetisch schreien, klatschen oder mitsingen. Diese Fähigkeit ist nur schwer zu erlernen und das übernimmt auch keine DJ-Software oder ein Controller. Spätestens diese Eigenschaft trennt die Spreu vom Weizen und begründet die Daseinsberechtigung eines professionellen, erfahrenen DJs.

Entertainment

Mit dem Publikum zu agieren, bezieht sich nicht nur auf das Musikalische. Galt es noch vor ein paar Jahren als uncool, das Mikrofon in die Hand zu nehmen, ist es jetzt mittlerweile wieder angesagt. Denn nicht jeder kann sein Publikum mit professioneller Attitüde unterhalten, animieren oder anheizen.

Eure Meinung

Sicher trifft das beschriebene Szenario nicht auf jeden DJ oder jeden Club zu. Es gibt noch die elitären Plattenaufleger, von denen man erwartet, ihren Stil durchzuziehen, begründet in eigens produzierten Veröffentlichungen und dem damit untermauerten Künstlerstatus. Auch beugt sich nicht jede Location ausschließlich der Massenbefriedung. Aber jenseits der Musikmetropole Berlin können es sich nur sehr kleine Clubs, oft als e.V. geführt, leisten, mit Anspruch dem Mainstream zu kontern.

Wie sind eure Erfahrungen und wie ist eure Meinung zur Thematik? Teilt es uns gern via Kommentarfunktion mit.

Verwandte Artikel

DJ-Sets in der virtuellen Realität

Virtual Reality ist in aller Munde. Die US-Firma WaveVR arbeitet an einer künstlichen Club-Umgebung, in der DJs virtuell und in 3D für ein Publikum auflegen, das sich von überall auf der Welt einloggen kann. Schon Ende 2016 soll sie als Beta-Version verfügbar sein. Ein Ausblick in die Zukunft.

Gear-Chat 2pole im Interview

Das deutsche Techno-Duo 2pole arbeitet analog und digital in seinen zwei Studios. Hier erzählen uns die beiden, wie sie es schaffen, in zwei unterschiedlichen Städten eine musikalische Einheit und eine gemeinsame Handschrift zu erzielen.

User Kommentare