Backstage-Quickie Serie_Interview
Feature
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06.11.2014

Backstage-Quickie: 10 Fragen an Christoph Deckert (Jennifer Rostock)

Der Bassist der deutschsprachigen Rockband "Jennifer Rostock" im Interview

Ob man diese Band mag oder nicht: Jennifer Rostock sind aus dem Kosmos deutschsprachiger Rockbands einfach nicht mehr wegzudenken. Nach unzähligen Festivalgigs und Tourneen durch Deutschland, Österreich und die Schweiz hat die Band um Frontfrau Jennifer Weist zuletzt ihr aktuelles Album „Schlaflos“ veröffentlicht.

Inmitten dieser Band steht Bassist Christoph Deckert, der die teilweise etwas seichten Popsongs gekonnt mit einer drahtigen Basszerre aufwertet und dem Bandsound so seinen eigenen Stempel aufdrückt. Wir haben Chris, im Rahmen des Festivalsommers 2014, in Köln getroffen.

1) Wie wurde Musik zum Dreh- und Angelpunkt deines Lebens und deiner Karriere?

Bei mir ist das eine Verkettung von Versehen! Tatsächlich hatte ich nie vor, mein Geld mit der Musik zu verdienen. Irgendwann wurde mir die Frage gestellt, ob ich nicht Bock hätte, zusammen mit ein paar Freunden Musik zu machen: „Du spielst einfach Bass, das ist nicht so schwer, und du bist dann halt immer mit dabei!“ Auf diese Art bin ich beim Bass gelandet. Wir haben das Ganze etwa zwei bis drei Jahre betrieben. Als die Band schließlich in die Brüche ging, dachte ich zunächst nicht, dass ich überhaupt noch einmal viel Bass spielen würde.

Irgendwann kam jedoch ein Anruf aus Berlin: „Christoph, wir brauchen jetzt sofort einen Bassisten und gehen ein Jahr lang auf Tour! Du bist doch ein guter Typ, und Bass spielen kannst du auch – komm einfach mit!“ Ich stand damals nur zwei Semester vor meinem Diplom und hatte entsprechende Zweifel, ob es eine gute Idee wäre, genau jetzt alles stehen und liegen zu lassen. Letztendlich habe ich mich dann aber doch dafür entschieden. Anfangs habe ich ein Urlaubssemester genommen, aber tatsächlich habe ich das Studium bis heute nicht wieder aufgenommen. Seitdem bin ich dabei und bereue nichts! Andererseits: hätte ich mein Studium damals beendet, würde ich jetzt voraussichtlich deutlich mehr Geld verdienen... (lacht)

2) Was war das für ein Studium?

Grafikdesign, was im Grunde ganz gut passt: Auf diese Weise kann ich mich heutzutage in die Band auch noch durch Design-Arbeiten wie Artwork, Merch etc. einbringen.

3) Was würdest du machen, wenn du kein Musiker geworden wärst?

Wahrscheinlich wäre ich hochgradig depressiv und auf Kokain in irgendeiner Werbeagentur beschäftigt und würde mit meinem Leben nicht klarkommen, weil ich meinen Job so hassen würde! (lacht) 

Nein, ernsthaft: In einer nicht ganz so überspitzen Form wäre ich wahrscheinlich irgendwo im Grafikbereich gelandet. Aber ich bin wirklich aufrichtig dankbar dafür, dass mich die Musik davor bewahrt hat! Inzwischen könnte ich derartige Jobs mit mir selbst auch nicht mehr vereinbaren. Ich könnte nicht irgendeinen Job machen, wo ich Produkte vertreibe oder bewerbe, hinter denen ich  nicht stehen kann. Bei der Band ist das ja im Prinzip genauso. Es muss für mich immer ein Produkt geben, hinter dem ich stehen kann. Deshalb ist das klassische Mugger-Dasein auch absolut nichts für mich. Wenn die Band mal nicht mehr ist, könnte ich nicht hinter einer Helene Fischer stehen und dort Bass spielen. Wobei die Aussicht bei einem derartigen Job ja sogar ganz gut ist! (lacht)

4) Was ist für dich das Besondere am Bassspielen?    

Das ist eine schwierige Frage, da ich eigentlich gar keinen Vergleich habe. Um ehrlich zu sein hat es bei mir auch etwas gedauert, bis das Ganze richtig gut gelaufen ist. Ich glaube, ich würde nicht mit einem anderen Instrument tauschen wollen. Bass macht mir auf der Bühne einfach irre Spaß, da man durchaus auch schon mal etwas Verantwortung abgeben und sich auf die Performance konzentrieren kann.

Das ist schon ein wenig „style over content“, aber lass das mal besser nicht unseren Soundmann hören. Der meckert immer, wenn irgendwo noch mal eine Leerseite mitschwingt, während ich gerade showmäßig abdrehe. Meiner Meinung nach läuft das aber unter Kollateralschäden. Dafür bekomme ich für jeden Verspieler auch mindestens einen blauen Fleck!

5) Deine erste Studioerfahrung – wie war die für dich?

Mit meiner alten Band ging es noch für ein paar Euro in ein Homestudio. Die erste richtig professionelle Studioerfahrung kam erst wesentlich später. Man steht da und denkt sich: Das kostet hier gerade richtig viel Geld, also solltest du es besser nicht vergeigen! Seit dem dritten Album läuft es aber richtig gut. Ich habe anfangs noch Unterricht bei ein paar Basslehrern genommen, um mich weiterzuentwickeln.

Das Problem ist, dass unser Schlagzeuger auch so ein „One-Take-Penner“ ist! Es fühlt sich nie besonders gut an, nach ihm einzuspielen. Aber mittlerweile machen mir Studioaufenthalte richtig Spaß; es ist Routine eingekehrt.

6) Gibt es ein Album, das du eingespielt hast, auf das du besonders stolz bist?

Für die letzte Egotronic-Scheibe habe ich einen Song geschrieben, das war schon etwas Besonderes für mich! Ansonsten bin ich aber nicht der Typ, der sich selbst für sein Spiel abfeiern würde. Ich versuche immer, meine Funktion als Bassist zu erfüllen und den Song zu tragen. Natürlich gibt es immer wieder Parts, in denen man mehr spielt als in anderen, aber in der Regel bin ich eher ein Freund des straighten Durchachtelns.

Ich muss allerdings sagen, dass ich den Bassound auf „Schlaflos“ konstant gut finde. Daran habe ich auch ziemlich lange herumgebastelt. Das Setup ist sehr inspiriert vom Bassisten von Heisskalt. Gerade bei Songs, in denen bassmäßig nicht viel passiert, wie beispielsweise bei „Schlaflos“, finde ich es toll, wenn man mit einem schönen rotzigen Sound ankommt. So habe ich bei den poppigsten Songs – z.B „Hollywood“ – versucht, den dreckigsten Sound zu machen. Ich wollte den Songs mit dem Basssound ein wenig Kante geben und denke, das ist mir auch ganz gut gelungen.

7) Deine schönste bzw. schlimmste Erfahrung live?

Es gibt nach hunderten von Shows natürlich sehr viele Eindrücke. Aber 2008 auf dem „Hurricane“-Festival hatten wir um 12 Uhr einen Opening-Slot. Unser Gitarrist hatte jedoch Verspätung, weil er im Stau stand. Wir standen dann also auf der Bühne und mussten anfangen – ohne Gitarre! Entgegen unserer Erwartungshaltung, dass eh niemand bereits um 12 Uhr vor der Bühne stehen würde, strahlten uns auch schon einige tausend Leute an. Nach zehn Minuten kam er dann an, er wurde von der Autobahn mit einem Motorrad direkt auf die Bühne geholt. Da spielst du also bei deinem ersten fetten Festival und versaust es, weil du die ersten Songs ohne Gitarre durchziehen musst!

Dann habe ich noch eine Erinnerung an eine Verletzung: Wir spielten in Münster im „Skaterspalace“. Ich rutschte auf einer Bierpfütze aus und stieß mir das Kinn auf. Das Resultat war eine Platzwunde in Kombination mit einem weißen T-Shirt, das schnell voller Blut war! Ich habe die Show zu Ende gespielt und bin direkt ins Krankenhaus gefahren, um genäht zu werden. Das war auf jeden Fall meine krasseste Punkrock-Experience auf der Bühne. Ansonsten gibt es noch einen absurden Moment, an den ich denken muss: Wir haben einmal Support für Udo Lindenberg gemacht, aber nicht als Vorband, sondern wir haben einen Song in seinem Set mit ihm gespielt. Dabei haben wir einfach die Instrumente und Verstärker seiner Band benutzt. Dann stand ich also da und hatte einen Fünfsaiter mit einem Indianer-/Hippie-Gurt um, der Bass wirklich megahoch hing. Normalerweise hängt der Bass bei mir immer total tief, und so habe ich mich verdammt unwohl gefühlt! Es war natürlich schön, mit Udo Lindenberg spielen zu können, aber die Freude wurde dann doch nicht wenig getrübt. In den ersten von Alkohol getränkten Jahren von 2008 bis 2009 haben wir nicht wirklich geil gespielt, muss ich im Nachhinein gestehen. An dieser Stelle möchte ich mich auch kurz dafür entschuldigen, dass wir damals weit davon entfernt waren, die tighteste Band zu sein, und zudem auch noch permanent betrunken aufgetreten sind. Das würde ich so heute nicht mehr machen!

Da fällt mir übrigens ein Youtube-Tipp ein: „Jennifer Rostock betrunken im Ulmer Eden“. In dem Clip kann man gut sehen, wie man es eigentlich nicht machen sollte, denn immerhin kommen zu den Gigs viele Leute, die Geld für eine gute Show bezahlen! Zwei, drei Bier trinken ist ja okay, aber bitte nicht nach jedem Song einen Jägermeister! Dafür, dass wir damals noch nicht so lange zusammengespielt haben, waren die Bühnen schlicht noch etwas zu groß. Aber es war trotzdem immer witzig und hatte zweifellos Unterhaltungswert, auch wenn es musikalisch nicht gerade wie aus dem Lehrbuch geklungen hat. 

8) Was ist deine Lieblingsbeschäftigung auf Tour?

Ich nehme auf jede Tour ein Buch mit, von dem ich aber niemals eine einzige Seite lese. Ich muss gestehen, dass ich hoffnungslos internetsüchtig bin, also vertreibe ich mir meine Zeit auf Facebook oder gucke dumme Youtube-Videos. Ich versuche möglichst viel vom Tag zu verschlafen, denn man hat einfach nichts zu tun, wenn man früh wach ist. Unser Gitarrist guckt sich immer die Stadt an – ich mache das aber nie! Ich bleibe einfach beim Internet. In jedem Backstage-Bereich hängen immer alle Musiker direkt am Laptop oder am Handy. Jeder Musiker, der etwas Anderes behauptet, ist ein Heuchler! (lacht)

9) Was würdest du verändern, wenn du im Musikbusiness das Sagen hättest?

Da bin ich mir nicht so sicher, ich bin auch nicht der große Business-Hater. Das Musikbusiness-Konstrukt funktioniert an sich noch immer irgendwie. Ich fände es schön, monetär gesehen, wenn sich die Waagschale mehr in Richtung der Künstler anstatt der Labels neigen würde. Die Leute denken immer, wir hatten doch Videos, die bei MTV liefen – dann müsse man es doch geschafft haben. Aber es ist tatsächlich gar nicht so! 

Man muss touren wie ein Idiot, damit man seine Miete zahlen kann. Ich jammere natürlich auf hohem Niveau. Es ist auch nichts gegen das Business, sondern eher die Meckerei des kleinen Mannes. Ich finde es schade, dass es derzeit keine richtige Indie-Kultur mehr gibt. Indie-Labels gehen kaputt! Vielleicht braucht man auf Dauer gar keine Labels mehr, denn die Bands können heutzutage im Grunde fast alles selbst machen. Die durch das Internet bedingte Entwicklung ist dabei durchaus positiv zu sehen, denn jede Band kann sich selber vermarkten und hat damit prinzipiell auch die Möglichkeiten, sich gut aufzustellen.

Und: Das Internet wird niemals einen echten Konzertbesuch ersetzen können. Letztendlich zählt, was du live machst! Solange Leute auf die Konzerte kommen, verdienst du auch deine Kohle. Man sollte als Band den Großteil der Verantwortung für sich selbst übernehmen. Es liegt heutzutage ganz viel beim Künstler... was du machst und was du aus dir machen lässt! 

10) Welchen Rat würdest du jungen Musikern geben?

Was heißt das denn eigentlich: Profi werden? Für eine Karriere als seelenloser Instrumentenzombie würde ich wahrscheinlich zu einem Besuch der Popakademie raten, um viel zu netzwerken. Aber wenn du mit deiner eigenen Band etwas reißen willst, ist das wahrscheinlich das Letzte, was du tun solltest. Viele junge Musiker spielen Muggen mit irgendwelchen Stars und haben gleichzeitig eine eigene Band mit ähnlich ambitionierten Leuten.

Es wird leider sehr oft „Kompromissmusik“ gemacht, bei der man möglichst schnell möglichst viel Erfolg haben will. Was dabei herumkommt, ist keine ehrliche Musik mehr, sondern zu viel Konsens, der einem eingetrichtert wird. Man muss wegkommen von diesen Grundanleitungen, wie man Hits schreibt. Wenn du mit deinen Kumpels im Keller mit einer Kiste Bier stehst und Musik machst, weil du einfach richtig sauer bist auf das System, deine Freundin, die Bullen, was auch immer... Ich glaube, dabei kommt am Ende mehr heraus, als wenn man sagt: „Wir brauchen unbedingt einen Hit!“ Hits gibt es genug! Ich persönlich finde Wut oder Herzschmerz als Antrieb immer gut.

Es kommt auch nicht drauf an, wie gut deine Mitmusiker sind, sondern dass du mit deinen Leuten einfach cool bist. Es gibt Bands, die gehen drei Monate lang auf Tour und können sich danach nicht mehr sehen! Bei uns ist das anders: Spätestens drei Tage nach der Tour treffen wir uns wieder in der Kneipe. Man sollte ein Haufen Freunde sein, die einfach Bock haben, zusammen unterwegs zu sein! Man sollte eher wie eine Familie sein, nicht bloß ein Haufen zusammengewürfelter guter Musiker!

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