Hersteller_Korg
Test
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04.03.2015

ARP Odyssey Test

Analoger Synthesizer

Die Auferstehung

Der 1972 erschienene ARP Odyssey gehört zu den Giganten unter den analogen Synthesizern und wird oft in einem Atemzug mit dem Minimoog genannt. Nun hat Korg den Klassiker in Zusammenarbeit mit dem damals an der Entwicklung beteiligten Ingenieur David Friend neu aufgelegt, genauso konsequent, wie der Hersteller es bereits mit dem MS20 aus eigenem Hause getan hat. Der neue Odyssey wurde auf der NAMM Show 2015 offiziell vorgestellt und muss nun im bonedo-Test zeigen, was er kann.

Wie sich das Blatt doch wenden kann: Noch vor wenigen Jahren galt die digitale Emulation der analogen Schaltkreise als der Weg der Zukunft und es erschien unwahrscheinlich, dass man von einem der großen Hersteller noch einmal einen echten analogen Synthesizer sehen würde. Analog war eine Sache kleiner, hochpreisiger Nischen-Produzenten. Doch es kommt ja bekanntlich immer alles anders als man denkt, und so erscheint derzeit ein erschwinglicher analoger Synthesizer nach dem anderen. Gerade Korg ist in diesem Segment sehr aktiv, nachdem man den Taschen-Synthesizer Monotron quasi als Versuchsballon gestartet hatte und wohl selbst etwas überrascht vom eigenen Erfolg war. (Hier geht's zu unserem Interview mit dem Entwickler Tatsuya Takahashi.) Bisheriger Höhepunkt dieser Entwicklung war die Neuauflage des MS20 in leicht verkleinerter Form als MS-20 mini, bei der Korg – anders, als wohl viele erwartet hatten – auf „Verschlimmbesserungen“ verzichtete und lediglich mit einigen zusätzlichen Anschlussmöglichkeiten für eine zeitgemäße Vernetzbarkeit sorgte. Nun hat sich Korgs Analog-Team mit David Friend zusammen getan, um mit dem ARP Odyssey ein weiteres Sahnestück der Synthesizergeschichte möglichst authentisch in die Gegenwart zu holen. Mit einem Verkaufspreis von knapp 1000 Euro kostet der neue Odyssey einen Bruchteil dessen, was man auf dem überhitzten Gebrauchtmarkt für ein funktionierendes Originalexemplar hinblättern muss. Dazu ist er neu, hat Garantie und wurde – wie der MS-20 mini – behutsam um einige zeitgemäße Details ergänzt. Wenn der Sound stimmt, dürften also selbst Puristen in Zukunft von Zweifeln geplagt werden, ob die zusätzlichen Tausender für einen Original-Odyssey noch gerechtfertigt sind. Wir haben getestet, was im neuen Odyssey steckt.

Details

Äußerlichkeiten

Der ARP Odyssey kommt in einem schicken, schwarzen Hartschalenkoffer, auf dem in einer Ecke fast unscheinbar das ARP-Logo prangt. Die Zugabe der edlen Schatulle finde ich ausgesprochen löblich. Der Koffer ist innen so ausgekleidet, dass der Odyssey wirklich ganz genau hinein passt und nicht hin und her wackelt. An der Seite befinden sich Fächer für das Netzteil und ein paar Kabel. Sehr schön – auch wenn der Koffer nach ein paar Wochen im Tourbus sicher nicht mehr so schön glänzen wird wie bei unserem Testgerät. Wer wirklich viel auf Tour ist, wird vielleicht trotzdem in ein Heavy-Duty-Flightcase investieren wollen.

Ich befreie den Odyssey aus dem Koffer und stelle fest: Das Ding fühlt sich gut an! Das Panel ist aus Metall, Boden und Seitenteile aus stabilem, dickem Kunststoff. Die Oberfläche ist übersät mit den typischen Fadern und Schiebeschaltern, die ebenfalls einen guten Eindruck machen und sofort zum Schrauben einladen. Der Neue orientiert sich am Design eines Odyssey Rev. III (Produktionszeitraum: 1978-1981). Die beiden früheren Farbvarianten des Originals werden zum Verkaufsstart als Limited Editions ebenfalls erhältlich sein, inklusive der entsprechenden Details (Faderkappen etc.).

Wie der MS-20 mini wurde der Odyssey im Vergleich zum historischen Vorbild um 14 Prozent geschrumpft, und zwar auch die Tastatur. Das macht den Synthesizer handlicher, aber die Minitasten werden nicht unbedingt jedem gefallen. Mir persönlich macht es nichts aus, zumal die Tastatur überraschend gut zu spielen ist und sich gut anfühlt. Von der Größe einmal abgesehen, ist wirklich fast alles genau so wie beim Original, mit ein paar Ergänzungen, die den Odyssey fit für die heutige Zeit machen.

Anschlüsse

Fangen wir bei den Anschlüssen an, wo einige Neuheiten zu verzeichnen sind: Es gibt sowohl einen MIDI-In als auch einen USB-MIDI-Anschluss, sodass sich der Synthesizer aus einer DAW ansteuern lässt. Darüber hinaus besitzt der Odyssey wie das Original CV/Gate In/Out und Trigger In/Out, wodurch auch einer Vernetzung mit anderem analogen Equipment nichts im Wege steht. Zum Beispiel lässt er sich damit in ein analoges Setup aus MS-20 mini, Monotribe, volca-Serie und dem neuen SQ-1 Stepsequencer integrieren, versteht sich aber auch mit Vintage-Instrumenten und modularen Systemen. Zusätzlich zum Klinken-Audioausgang gibt es einen symmetrischen Output mit einer XLR-Buchse. Ein Kopfhöreranschluss mit Lautstärkeregler, ein Audioeingang und Pedalanschlüsse für Portamento und ein Expressionpedal zur Filtersteuerung sind ebenfalls vorhanden. Die PEDAL-Buchse arbeitet zugleich als zweiter CV-Eingang, über den sich die Frequenz von Oszillator 2 und/oder der Filter-Cutoff steuern lassen. Das ist vor allem in Verbindung mit einem analogen Sequencer wie dem SQ-1 interessant. Zwei kurze Patchkabel liegen dem Synthesizer bei: eines mit Miniklinkensteckern zur Verwendung der CV/Gate/Trigger-Buchsen und eines mit großen Klinkensteckern zur Verbindung der PEDAL-Buchse mit dem SQ-1.

Bedienfeld und Klangerzeugung

Das Bedienfeld gleicht dem des Originals fast bis zum letzten Schalter, mit ganz wenigen Ergänzungen. Es besteht größtenteils aus Schiebereglern und Schiebeschaltern. Alles arbeitet vollständig analog, wodurch die Regler keine MIDI-Daten senden können und andersherum auch keine MIDI-Steuerung von Parametern möglich ist. Speicherplätze gibt es auch nicht – was man sieht, ist was man hört. Das Problem, dass Reglerstellungen nicht mit gespeicherten Werten übereinstimmen, gibt es daher beim Odyssey nicht.

Ganz links findet man die typischen Druckknöpfe für Pitchbend und Modulation. Der Modulation-Button sorgt für ein Vibrato, indem die Frequenz beider Oszillatoren von der Sinusschwingung des LFO beeinflusst wird, unabhängig davon, was bei den Oszillatoren in Sachen Frequenzmodulation ansonsten eingestellt ist. Diese Druckknöpfe finde ich recht schwierig zu kontrollieren, sie waren schon beim Vorbild gewöhnungsbedürftig. Die üblichen Räder wären hier praktikabler, aber eben nicht original. Darüber gibt es einen Slider für die Portamento-Zeit und einen Schalter, mit dem man den Odyssey um zwei Oktaven nach unten oder oben transponieren kann. Auch hier haben die Entwickler sich genau ans Original gehalten – eine Transposition um eine Oktave ist nicht möglich. Ganz oben findet man auf der linken Seite einen Schalter, mit dem man den Rauschgenerator zwischen weißem und rosa Rauschen umschalten kann.

Weiter rechts folgen nun die Oszillatoren. Der Odyssey besitzt deren zwei, die jeweils Sägezahn- und Pulsschwingungen liefern und über PWM und Sync verfügen. Die Stimmung lässt sich jeweils mit zwei Schiebereglern (COARSE und FINE) regulieren, wobei es gar nicht so einfach ist, beide VCOs exakt gleich zu stimmen. Auch das ist genau wie beim Original. Da hier nichts gerastert oder sonst wie „musikalisch“ skaliert ist, muss man sich ganz auf sein Gehör (oder ein Stimmgerät) verlassen, insbesondere, wenn man den Odyssey zu anderen Instrumenten stimmen möchte.  

Der Odyssey ist zweifach paraphon bzw. duophon, wie zum Beispiel auch der Moog Sub 37. Wenn man zwei Noten gleichzeitig auf der Tastatur spielt, übernimmt jeder Oszillator eine der beiden Stimmen. Der Rest der Klangerzeugung – Filter, Amp, Hüllkurven – ist jedoch nur einmal vorhanden, weshalb man nicht von einem polyphonen Synthesizer sprechen kann. VCO 1 kann auch als zweiter LFO genutzt werden und besitzt dafür die Möglichkeit, die Frequenz per Schalter in den LF-Bereich abzusenken. Gleichzeitig wird dadurch seine Kopplung an die Tastatur aufgehoben.

Mit den Schaltern im unteren Bereich wählt man die Modulationsquellen für die Frequenz- und Pulsbreitenmodulationen aus. Zur Frequenzmodulation können der LFO, Sample&Hold sowie die ADSR-Hüllkurve zum Einsatz kommen. Die Pulsbreite lässt sich manuell einstellen und per LFO oder Hüllkurve modulieren.

Eine Abteilung weiter rechts findet man oben den LFO, dessen Frequenz mit einem Schieberegler justiert und von einer im Gehäuse verborgenen, durch den Faderschlitz scheinenden LED angezeigt wird. Darunter befindet sich der Sample&Hold-Mixer. Diese Funktion lässt sich beim Odyssey genauer einstellen als bei den meisten anderen Synthesizern, indem man die Eingangssignale für Sample&Hold auswählen und in ihrer Stärke regeln kann. Als Eingangssignale stehen Puls oder Sägezahn von VCO 1 und Pulse von VCO 2 oder Rauschen zur Verfügung. Eine „Output Lag“-Funktion zum Glätten gibt es auch. S&H kann vom LFO oder von der Tastatur getriggert werden.

Rechts davon ist im unteren Bereich der Mixer angeordnet. Mit drei Schaltern wählt man zwischen Noise und Ringmodulator sowie jeweils zwischen Sägezahn und Puls für die beiden VCOs. Die Auswahl der Schwingungsformen erfolgt also nicht bei den Oszillatoren, sondern im Mixer. Die drei darüber liegenden Fader regeln jeweils die Lautstärke.

Im Signalweg folgt nun das Filter, das im oberen Bereich dieser Sektion eingestellt wird. Neben den beiden Slidern für Cutoff und Resonanz befindet sich hier ein Schalter, den es beim Original noch nicht gab: Beim neuen Odyssey kann man zwischen den drei Filtervarianten wählen, die der Synthesizer in seiner neunjährigen Bauzeit durchlief. Der erste Odyssey besaß ein 12dB-Filter, während Rev. II und Rev. III verschiedene Versionen eines 24dB-Filters aufwiesen. Bei der Neuauflage hat man alle drei Varianten zur Verfügung, die sich deutlich im Sound und vor allem im Resonanzverhalten unterscheiden. Alle drei Filter lassen sich mühelos in Eigenschwingung versetzen und klingen, wie ich finde, ausgezeichnet.

Die Modulation der Cutoff-Frequenz lässt sich mit den je drei Reglern und Schaltern rechts vom Mixer einstellen. Mit den Switches wählt man zwischen Keyboard CV (Keytracking) und dem Output des S&H-Mixers, zwischen S&H und der LFO-Sinusschwingung sowie zwischen den beiden Hüllkurven und stellt die Intensität jeweils mit dem Slider ein. Insbesondere die Möglichkeit, den Ausgang des S&H-Mixers zur Filtermodulation einzusetzen, ist für viele interessante Sounds gut.

Außer dem Tiefpassfilter gibt es noch ein einfaches Hochpass ohne Resonanz. Danach geht's ab in den VCA, der mit einer weiteren Modifikation gegenüber dem Original aufwartet. Der neue Odyssey hat einen Drive-Schalter, mit dem sich eine leichte Sättigung aktivieren lässt. Das klingt so (off/on):

Zur Regelung des VCA-Outputs und damit der Ausgangslautstärke des Synths gibt es zwei Slider: Der obere (neben dem Drive-Switch) öffnet den VCA unabhängig von der Hüllkurve. Wenn die Oszillatoren im Mixer aufgedreht sind, hört man also einen Dauerton. Diese Option bietet sich bei der Verwendung der Repeat-Funktion an und ist auch interessant, um ein externes Audiosignal kontinuierlich durch den Odyssey zu schleusen, ohne die VCA-Hüllkurve triggern zu müssen. Der untere Regler steuert demgegenüber die VCA-Modulation mit einer der beiden Hüllkurven, zwischen denen man mit dem darunter liegenden Schalter wählen kann.

Die Envelopes liegen rechts davon und bilden den Abschluss der Oberfläche. Der Odyssey besitzt zwei Hüllkurven: eine ADSR-Variante und eine einfache Attack-Release-Version. Beide lassen sich von der Tastatur oder vom LFO triggern (LFO Repeat), was für beide Envelopes jeweils mit einem Schalter eingestellt werden kann. Mit dem mittleren Switch wählt man zwischen "Keyboard Repeat" (die Repeat-Funktion ist so lange aktiv, wie man eine Taste drückt) und "Auto Repeat" (Repeat ist unabhängig vom Keyboard Gate und läuft auch ohne gedrückte Tasten). Durch die Repeat-Funktionen werden rhythmische Klangverläufe möglich. Außerdem können die Envelopes von einem extern zugeführten Trigger/Gate-Impuls ausgelöst werden.

Halten wir also fest: Die Klangerzeugung und das Bedienfeld des neuen Odyssey sind weitestgehend identisch mit denen des Vorbilds. Die einzigen Ausnahmen sind die wählbaren Filterschaltungen und der Drive-Switch – beides behutsame Verbesserungen, die die Möglichkeiten erweitern, ohne den Charakter des Synthesizers zu verändern. Die Modulationsmöglichkeiten sind erfreulich umfangreich, obwohl der Synthesizer so kompakt ist.

Übrigens besitzt der neue Odyssey wie das Vorbild einige mit Gummistöpseln verschlossene Bohrungen, durch die man die darunter liegenden Trimpotis zur Kalibrierung erreichen kann. Daran zu schrauben ist aber wirklich nur etwas für Experten und verwegene „Circuit Bender“ – wer nicht genau weiß, was er tut, sollte das lieber bleiben lassen.  

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