Workshop
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13.06.2016

7 simple Tipps für erfolgreiches Vocal-Recording

Ganz locker zu guten Gesangsspuren

Ein kompakter Ideen-Workshop für Vocal-Aufnahmen

Mit den Vocals steht und fällt in den meisten Pop- und Rock-Songs der gesamte Auftritt eines Tracks. Umso ärgerlicher ist es deshalb, wenn der Gesang im Homestudio mehr schlecht als recht hingebogen wird. Dabei reichen schon wenige Überlegungen und ein paar einfache Strategien, um mit den eigenen Gesangsaufnahmen deutlich näher an die geliebten Profi-Produktionen heranzurücken. Und das muss nicht mal viel Geld kosten. Auch wenn einige dieser simplen Tipps banal klingen: In ihrer Summe sorgen sie für ein entspanntes Recording und guten Sound.

Tipp 1: Ganz, ganz genau – Vorbereitung ist alles

Wer „mal eben“ ein beliebiges Mikrofon anschließt, sich kurzerhand davor stellt und einfach drauflos trällert, muss sich nicht wundern, wenn seine Aufnahmen am Ende eher bescheiden klingen. Zu einer entspannten Gesangsaufnahme gehören ein Lead Sheet oder zumindest ein Textblatt und auch ein Notenständer, auf dem das Geschriebene/Gedruckte auf entsprechender Höhe gut ablesbar präsentiert wird. Denn raschelnde DIN-A4-Blätter haben schon so manche Aufnahme versaut. Am besten, ihr legt dem Sänger oder der Sängerin gleich noch einen Bleistift dazu, damit sie sich Notizen für Atmung, Phrasierungsbögen und andere Infos machen kann. Optimalerweise hat sich eure Sängerin natürlich schon im Vorfeld auf das Stück vorbereitet. Auf der Produktionsseite kann eine gute Vorbereitung auch bedeuten, rechtzeitig ein separates DAW-Projekt eigens für die Vocal-Recordings anzulegen. Dazu könnt ihr etwa die wichtigsten Stems eines Stückes exportieren und so für eine aufgeräumte Arbeitsumgebung und stabile Rechner-Performance sorgen. Wenn ihr wollt, könnt ihr in dieser separaten Projektdatei später auch das Vocal-Editing durchführen bevor ihr die fertig bearbeiteten Spuren als zusammenhängende Audiofiles in ein Mixtemplate importiert.

 

Tipp 2: In the Mood – Die richtige Stimmung zaubern

Doch bevor ihr euch an die Aufnahmen macht, gilt es noch die optimale Umgebung für die Künstler einzurichten. Klar, dabei fallen euch als erstes sicher die technischen Erfordernisse ein. Aber Halt! Das ist nur die halbe Miete. Einige Producer schwören darauf, die Beleuchtung zu dimmen, Sichtschutze aufzustellen, den Aufnahmeraum mit Tüchern auszuhängen und Getränke bereit zu stellen, wie den Lieblings-Kaffee, Wasser ohne Kohlensäure mit Zimmertemperatur oder auch ein paar kleine Süßigkeiten oder Knabbereien für zwischendurch anzubieten. Auch wenn all diese Sachen absolut rein garnichts mit Aufnahmetechnik zu tun haben, können sie dennoch die entscheidenden Punkte sein, um aus einer sonst mittelmäßigen eine richtig gute Performance zu machen. Und nicht zuletzt werdet ihr auch durch eure gute Vorbereitung locker an die Sache heran gehen können, was der Stimmung während der Aufnahme nur zuträglich sein kann. Wohlfühlen ist alles.

 

Tipp 3: Kontrast oder Verstärkung? – Mikrofonwahl

OK, sofern ihr nur ein einziges Mikrofon besitzt, habt ihr in diesem Punkt nicht viel Auswahl zur Verfügung. Das gleiche gilt für Preamps. Keine Frage: Ein ordentliches Setup reicht in den meisten Fällen für eine Home-Produktion aus. Sobald ihr euch aber ein wenig in euren Aufnahmesound und die klanglichen Unterschiede von Mikrofonen und Preamps reingefuchst habt, stehen euch aber vielleicht schon zwei oder mehrere Mikrofone oder Vorverstärker zur Verfügung. Dann habt ihr die Qual der Wahl, welche Kombination wohl die passende für den jeweiligen Sänger sein könnte. Wenn ihr Mikrofone als Werkzeug begreift, könnt ihr diejenigen mit gehypten Höhen für matte Stimmen einsetzen, dumpfe und bassigere Wandler dagegen für Stimmen mit aggressiveren Mittenanteilen. Auf diese Weise kontrastiert ihr mit der Mikrofonwahl den Sound der Vocals und sorgt so für einen ausgewogenen Stimmklang. Eine andere Strategie kann es sein, markante Elemente der Stimme hervorzuheben. So könnt ihr beispielsweise mittig-scharf klingenden Vocals mit einem die Mitten betonenden Mikrofon im Mix besonders durchsetzungsstark machen.

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Tipp 4: Chain Reaction – Strategien für die passende Signalkette

Das Gleiche gilt natürlich auch für die vorangehenden und nachfolgenden „Gerätschaften“. Angefangen von der Wahl des Raums, über die Wahl des Poppschutzes, bis hin zum passenden Preamp sowie der Auswahl von Kompressor und Equalizer zur Aufbereitung des Audiosignals, können zahlreiche Bausteine klanglichen Einfluss nehmen. Aber ganz egal worum es sich auch handelt. Ihr könnt stets zwischen Strategien wie Kontrastierung und/oder Verstärkung klanglicher Stimmeigenschaften und auch andere Konzepte wählen. Das Gleiche gilt für die Platzierung des Mikrofons im Raum, die Auswahl der Richtcharakteristik und die kleinenExtras wie Pad-Funktion oder Lowcut. Hinzuschalten oder nicht(?), ist dabei oft die Frage. Eine Strategie hilft euch bewusst an diese Entscheidungen heranzugehen und daraus für die Zukunft zu lernen. Einen Mini-Workshop von Mike Senior zu diesem Thema findet ihr hier: #Signalkette Lead-Vocals

Tipp 5: ’Cause we can do it in the mix! – Performance ist alles

Es ist ein Trugschluss, all das im Mix regeln zu wollen, was ihr nicht bei der Aufnahme einfangen konntet. Denn damit ihr etwas im Mix regeln könnt – richtig – muss es darin auch vorhanden sein. Und damit sind wir neben den üblichen Verdächtigen, die da Höhenanteile, Rauschen und Nebengeräusche heißen, auch beim Punkt Performance angekommen. Denn wenngleich ihr die oberen Frequenzen stets ein wenig pushen könnt, und mit Denoiser und Tiefpassfilter das Signal aufbereiten könnt: Fehlt der Peformance die passende Anmutung oder Credibility, kann der Sound eurer Vocals noch so 1A sein, dennoch werden sie nicht zünden. Ein guter Trick ist es, zunächst ein First Take aufzunehmen – also den Sänger alles in einem Rutsch durchsingen zu lassen. So bekommt ihr ein Gefühl dafür, wohin die Reise musikalisch geht und habt eine Blaupause für die grobe Stimmung, die der Gesang zu vermitteln versucht. Nun könnt ihr für einzelne Parts oder Passagen per Punch-In/Punch-Out nachträglich weitere Takes aufzeichnen. Dabei könnt ihr einen Plan verfolgen, wie dass ihr beispielsweise fünf mal eine Kopie des First Takes singen lasst, dann fünf besonders intensive performte Takes und zum Schluss noch fünf emotionaler dargebotene, entspanntere Takes aufnehmt. So habt ihr eine ausreichend gro0ße Auswahl verschiedener Vocal-Anmutungen vorliegen, aus denen ihr im Editing-Schritt locker eine variantenreiche Performance zaubern können.

Tipp 6: Feinarbeit, Kleinarbeit, Detailarbeit – Der Weg zum Glamour-Faktor

Nun geht es ans Eingemachte. Das Zusammenstellen eines finalen Comping-Tracks aus etlichen Takes kann schon mal mehrere Stunden in Anspruch nehmen. Je nachdem wie genau ihr es nehmt, könnt ihr komplette Songparts, separate musikalische Phrasen, einzelne gesungene Wörter oder sogar Silbe für Silbe vorgehen. Je kleiner die Einheiten sind, auf die ihr zurückgreift, desto schwieriger wird es jedoch, einen konsistenten Gesamtklang herbei zu zaubern. Mit etwas Übung werdet ihr es aber schaffen, sogar bis in die kleinsten Einheiten des Gesangs vorzudringen, ohne dabei den Blick für das große Ganze zu verlieren. So mancher Profi editiert mitunter einzelne Laute, Transienten oder Atemgeräusche, ohne dass der Zuhörer dies später bemerkt. Das manuelle Schneiden und Leisermachen von Zischlauten kann hier und da ebenso sinnvoll sein wie das Aufzeichnen detaillierter Automationsdaten und das sehr genaue Hinhören beim Durchführen von Tonhöhenkorrekturen oder dem Ausbessern von rhythmischen Ungenauigkeiten. Während euch für Letzteres spezielle Plugins große Teile der Feinarbeit abnehmen können (Stichwort VocAlign), ist es bei den Lead-Vocals dagegen oftmals empfehlenswert, Pitch-Korrekturen händisch durchzuführen. Einzelne sehr problematische Töne bekommt ihr eventuell in den Griff, indem ihr die Einschwing- und Ausschwingphasen dieser gesungenen Töne vom eigentlichen, „tragenden“ Ton per Schneidewerkzeug abtrennt und nur diesen verlängert, verkürzt oder seine Tonhöhe angleicht. Hier kann es sich wirklich lohnen, wenn ihr euch langsam herantastet. Mit zunehmender Erfahrung wird es euch besser und besser gelingen, gefahrlos in die Untiefen des Vocal-Editing hinabzusteigen und mit Reverb, Delay und Konsorten endlich das Sahnehäubchen auf das Signal zu setzen.

Tipp 7: Jetzt ist’s aber gut! – Ein Ende finden

Aber so viel Spaß uns allen die Arbeit am Audiomaterial auch macht (und so schön es ist einem Song immer wieder neue Facetten abzugewinnen), irgendwann muss jeder Track einmal fertig werden. Und gerade Gesangsaufnahmen und deren Bearbeitung können Unmengen an Zeit verschlingen. Je nachdem welchen Zielsound ihr vor Ohren habt, bekommt ihr vielleicht den Eindruck, dass euer Mix niemals fertig sein wird und es insbesondere bei den Vocals immer noch besser und besser ginge. Vor allem Sänger, die ihre eigenen Aufnahmen editieren, neigen nicht selten dazu mehr und mehr an eigentlich unwichtigen Details herumzuschrauben. Das ist der Punkt an dem ihr eurem Perfektionismus widerstehen solltet. Denn die allzu intensive Bearbeitung von Gesangsspuren führt in den allermeisten Fällen doch nur dazu, dass das Stimm-Material am Ende jeglicher Authentizität beraubt ist. Wenn ihr, statt im stillen Kämmerlein zu arbeiten, Freunde einladet und Edits und Mixes zu zweit bewerkstelligt, habt ihr nicht nur mehr Spaß, sondern könnt mit vier Ohren auch zu besseren Ergebnissen gelangen.

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