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16.02.2018

5 Gründe, warum Endorsements uncool sind

Willst du Musiker oder Marken-Botschafter werden?

Die Kolumne

Wir Drummer sind in der Regel als gute Teamplayer bekannt. Da ist der Wunsch, Teil eines Ganzen zu sein, einer Community anzugehören oder einfach anderen Menschen zu gefallen, ganz natürlich. Jetzt warst du ein paar Jahre richtig fleißig, bist vielleicht schon der „beste“ Drummer in deiner Gegend, aber wie soll es jetzt weitergehen? Irgendwie muss man der Welt doch zeigen, dass man da ist und dass man wer ist! Klar, man könnte einfach versuchen, richtig gute Musik zu machen und damit Aufmerksamkeit zu erregen. Aber das ist gar nicht so einfach, denn es gibt doch so viele andere tolle Musiker da draußen… 

1) Deine Identität als Musiker verkommt ein bisschen zur Litfaßsäule

Was liegt da näher, als sich erst einmal um ein Endorsement zu bewerben. Das haben schließlich alle richtig angesagten Schlagzeuger. Und das klappt bestimmt auch bei dir. Vielleicht nicht gleich bei den großen Meinls oder Zildjians dieser Welt, aber irgendein kleiner oder mittelgroßer Vertrieb wird dich mit einem Rabatt-Deal ins Boot holen, (oder hast du ernsthaft geglaubt, du bekommst die Sachen geschenkt?) und dann kann es losgehen! Ein erster Schritt auf der großen Karriereleiter ist getan. Du klebst dir allerlei Sticker und Logos auf deine Bassdrum-Felle, deine Website hat jetzt eine amtliche Equipment-Auflistung, und auf Instagram kannst du jetzt in regelmäßigen Abständen deine neuesten Errungenschaften in die Kamera halten, deine Buddies markieren und deinen Marken für ihren „geilen Support“ danken. 

Obwohl du, wenn man ehrlich ist, eigentlich nur von zu Hause etwas billiger einkaufst und auch nur aus einem begrenzten Sortiment auswählen kannst. Aber hey, du kannst der Welt stetig zeigen: „Es läuft bei mir, hier passiert richtig was!“ 

Und für euch beide ist es eine Win-Win-Situation: Du kannst dein Gear Acquisition Syndrome mit ständig neuem Equipment füttern und bekommst dafür noch Aufmerksamkeit und Lob von deinen virtuellen Freunden. Der Vertrieb wird ein paar mehr Instrumente los und bekommt von dir dafür ordentlich kostenlose Werbung, und Letzteres nicht zu knapp. 

2) In deiner Band interessiert es keinen

Du fährst zu jedem Gig weiterhin mit dem eigenen Auto, musst alles selbst auf- und abbauen, und der internationale Support für Auslands-Gigs, für die du die Endorsements im Hinterkopf natürlich fest eingeplant hast, liegt immer noch in weiter Ferne. Und irgendwie scheint es im „Real Life“ erschreckend wenig Interesse an deiner neuen Zugehörigkeit zu geben. Dein Bassist sagt auch noch abschätzige Dinge wie: „Die alte Snare klang aber schöner.“ Der Rest der Kapelle bekommt von deinem neuen Status überhaupt nichts mit. Bei eurem nächsten Gig wartest du sehnsüchtig darauf, dass dich wenigstens die Drummer der anderen Bands mit Komplimenten überhäufen.

3) Andere spielen angesagtes Equipment, aber du darfst es nur heimlich machen 

Du bist mit deinen neuen Trommeln und Becken total zufrieden, hast alles andere verkauft, um dir die neuen Sachen leisten zu können und hast jetzt deinen neuen Sound gefunden. Glückwunsch, dann brauchst du ab hier nicht mehr weiterzulesen. Aber was ist, wenn du einer dieser unheilbar Kranken bist, die ständig neues Equipment brauchen, die dafür bereit sind, über alle Dispo-Grenzen hinaus zu gehen? An allen Ecken und Enden tauchen deine Kollegen bei dir mit dem neusten heißen Scheiß auf, im Internet prasseln Fotos und Videos von der gerade angesagtesten Marke ungehemmt auf dich ein. Gewissensbisse beginnen dich zu plagen. Du darfst es eigentlich nicht, du hast es ja versprochen und unterschrieben. Außerdem wäre das doch illoyal gegenüber deinen Marken, oder? Jetzt einfach so ein geiles Becken zu kaufen, auf dem dann allerdings das falsche Logo steht…

4) Der Ernstfall steht an … und verpufft

Endlich ist der Tag gekommen, deine Band hat eine kleine Support-Tour im europäischen Ausland gebucht, jetzt wird es allerhöchste Zeit, die Früchte deiner Endorsement-Arbeit einzuholen. Nur blöd, dass dein Ansprechpartner beim Vertrieb gerade im Urlaub ist, als Antwort trudeln nur Auto Response Mails in dein Postfach. Du greifst zum Hörer und rufst in der Firma an. Allerdings scheint dich in der Company sonst keiner wirklich zu kennen und kann dir auch keine Instrumente für deine Tour organisieren. Irgendwie wird dir schlagartig bewusst, dass du doch noch nicht bei den ganz Großen mitspielst. Du organisierst dir ein Backline Kit, klebst wieder deine Sticker aufs Fell und bedankst dich hinterher natürlich auf Instagram für den Support. Gehört sich ja schließlich so.

5) Was war noch mal „Mein Sound“?

Klar, Sound-Suche ist nicht nur langwierig, sondern auch sehr kostenintensiv. Viele von euch werden genau wissen, wovon ich schreibe. Der Geschmack bildet sich schließlich mit den Jahren weiter, dafür kann man unzählige Drumsets, Snares und Becken für zigtausende Euros erwerben und wieder veräußern. Aber das lohnt sich! (rede ich mir zumindest immer wieder ein). Gerade wenn man knapp bei Kasse ist und sich an seinem bestehenden Equipment schon etwas satt gehört hat, kann ein Endorsement die vermeintlich schnellste Abkürzung sein. Wäre nur blöd, wenn sich die neue Ausstattung nach ein paar Monaten nicht mehr als der Sound der Träume entpuppt, sondern gerade mal für eine kurze und kompromissbehaftete Abwechslung im Musiker-Alltag gereicht hat. Also lieber mehr trommeln und öfter auch mal aus der virtuellen Filterblase aussteigen. :-)

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