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23.11.2017

5 elektronische Alben mit nur einem Synthesizer

Elektronische Musik mal anders produziert

Reduktion zugunsten der Musik

Das durchschnittliche Studio für elektronische Musik ist ein Sammelsurium an Hardware: Rack an Rack mit Synthesizern, Drum Machines, Sequenzern, Effekten und allen Arten von - für Außenstehende völlig unergründlich - Blackboxen - einem Gewirr von Kabeln und blinkenden Lichtern. Die Dinge sind im digitalen Zeitalter schlanker geworden, aber das "Packrat"-Verhalten ist vorherrschend; virtuelle Studios wie Ableton und Logic mit ihren endlosen Arrays aus Synthesizern und Plug-ins, fördern diese noch mehr. Aber in letzter Zeit haben viele elektronische Musiker einen reduzierten Ansatz gewählt, um die Stärken und Eigenheiten ihrer Lieblingssynthies hervorzuheben.

Obwohl sie sich auch Instrumente wie Schlagzeug und E-Bass zunutze machten, produzierten Mount Kimbie das letzte Album "Love What Survives", hauptsächlich mit nur zwei Synthesizern, den beiden Rentnern Korg MS-20 und dem Korg Delta.

Mount Kimbie - Blue Train Lines aus dem Album "Love What Survives", feat. King Krule. (Video: Mount Kimbie)

Nathan Fake sagt, dass "99,9 Prozent" der Synthparts auf seinem letzten Album "Providence" mit dem Korg Prophecy aufgenommen wurden, einer Reliquie der 1990er Jahre mit einer unschönen Plastikhülle, aber einem vollen, prächtigen Sound.

Nathan Fake - Degreelessness aus Album Providence, feat. Prurient (Video: Nathan Fake)

Der italienische Künstler Modula hat ein neues Album für Edinburghs Firecracker-Label produziert, das fast ausschließlich auf der Yamaha PSS 780 basiert. Nur die Drums wurden mit anderen Maschinen aufgenommen.

Modula - A2 für Firecracker Recordings (Video: Firecracker Recordings)

Und Aphex Twin machte aufmerksam mit einem Track, der hauptsächlich mit dem späten monophon-analogen Korg Monologue Synthesizer aufgenommen wurde. Das Ergebnis, "korg funk 5", hat in gut drei Monaten mehr als eine Viertelmillion Aufrufe erreicht und sich schnell als die wohl populärste Hardware-Demo der Welt herausgestellt.

Aphex Twin's "korg funk 5" (Video: Aphex Twin)

Es muss etwas in der Luft liegen, denn in letzter Zeit haben einige Musiker den Impuls noch einmal wahrgenommen und ganze Alben mit nur einem einzigen Instrument aufgenommen. Mit kreativen Strategien ist es ein Kinderspiel: Constraints sind wunderbare kreative Sprungbretter zu bisher ungeahnten Methoden und Workarounds. Neue Wege zu gehen ist immer ein Ansporn für neue Taten.

Hörbeispiele ...

... zu 5 elektronische Alben mit nur einem Synthesizer.

Simon Haydo - "The Illusion of an Alternative Choice" verwendet KORG MS-20

Cloudface - "Variations" verwendet Korg Mono/Poly

Space

Benjamin Brunn - "Pieces from a Small Corner of Paradise" verwendet Korg Poly-800 mkII

Benjamin Brunn - "Midnight Fantasies of a Wantless Peacock" verwendet Clavia Nord Modular G1, Clavia Nord Modular G2

Satoshi & Makoto - "CZ5000: Sounds & Sequences" verwendet Casio CZ-5000

FAZIT

Warum verwendet man eigentlich unterschiedliche Synthies innerhalb der Produktion? Der dahinterstehende Grundgedanke ist doch der, dass sich durch verschiedene Klangerzeuger und deren individuelle Stärken ein optimaler Gesamtsound erreichen lässt. Ist es das Wert Gedanken und viel Zeit zu opfern, um einen Titel oder gar ein Album mit nur einem Synthesizer zu generieren?

Wer eine Marke setzen will und sich nicht (mehr) mit Alltäglichem zufriedenstellen lässt, der beginnt individuelle Wege zu gehen. Diese Wege kennen keine Grenzen.

Aus meiner Sicht hat dieser zunächst doch einschränkend wirkende Gedanke einen sehr hohen Wert, da man sich a) damit auseinandersetzen muss, es zu erreichen, die benötigten Sounds mit nur einem Synthesizer zu erhalten, b) ausgiebig mit der technischen Struktur des verwendeten Synthesizers befasst und dabei lernt zu programmieren. 

Ich spreche hier nicht von einem modernen Preset-Synthesizer, der Sounds aller Instrumentalfamilien ad hoc abrufbar zum Besten gibt. Gemeint ist ein echter Synthesizer analoger oder digitaler Struktur, bei dem man sich nur auf die gebotenen klassischen Wellenformen und deren Klangformung reduziert. Wer eine moderne Workstation besitzt, vergisst einmal alle gebotenen Sektionen, wie z. B. Drums sowie die Emulationen realer Instrumente und befasst sich ausschließlich mit der Synthesizersektion. Das alles fördert die eigene Fantasie und eine vielleicht verloren geglaubte Kreativität. 

Obendrein inspiriert man sich selbst durch neue (eigene) Ideen, die im Gesamtprozess viel mehr bewirken, als vorher gedacht und bringen das gesteckte Ziel alles selber gemacht zu haben in greifbare Nähe. Das Ergebnis kann dadurch wieder zu einem neuen Startpunkt für weitere kreative Projekte werden.

Inspiration ist das Wichtigste, was man als Musiker erhalten kann. Wer sich jetzt angesprochen fühlt, kann sich den ausführlichen Originalartikel "5 Excellent Electronic Albums Made With a Single Synthesizer" einmal genüsslich zu Gemüte führen. Hier gibt es neben weiteren Musiktiteln zu dem Thema auch Erklärungen, wie die Musik produziert wurde, wie sie klingt und was aus dieser Produktionsweise gelernt wurde.

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