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25.05.2017

142. AES Convention 2017 in Berlin

Die Speerspitze der Audiobranche

Die Audio Engineering Society ist der weltumspannende Verband der Tonschaffenden. Darunter befinden sich Recording Engineers aus allen Bereichen, aber auch Broadcaster und viele mehr. Ihr kennt die Abkürzung „AES“ sicherlich von dem einen oder anderen Format, bekannt ist die Digitalübertragung AES/EBU. Das hat einen Grund: Die AES ist normgebend, kanalisiert und bündelt Entwicklungen, das AESSC (AES Standards Committee) ist beispielsweise verantwortlich für viele derartige Abmachungen.

Die Convention ist eine Zusammenkunft der Mitglieder und findet immer an unterschiedlichen Orten statt. Die nächste Convention findet beispielsweise im Oktober dieses Jahres in New York statt, doch dazwischen werden immer auch kleinere Konferenzen zu Spezialthemen abgehalten, etwa zu forensischer Tontechnik oder Car Acoustics.   

Zunächst scheint die Convention vielleicht unspektakulär: Sie findet nicht auf großen Messegeländen statt, sondern in einem Tagungshotel – das war dieses Jahr das Maritim in Berlin, gegenüber der Gedenkstätte des Deutschen Widerstands unweit des Verteidigungsmuseums im für seine Architektur weltbekannten Shell-Haus.

Neben der zugegebenermaßen nicht besonders umfangreichen Ausstellungsfläche sind es die Fachvorträge und Demo-Rooms, die das mehrtägige Zusammentreffen so interessant machen – und so wichtig für die Branche. Entwicklungen, die sich in Software und Hardware manifestieren, sind zu einem sicher beträchtlichen Teil auf einer AES Convention vorgestellt und diskutiert worden. Kurz: Der Puls der Audiowelt, er schlägt hier, so gut wie alle neuen Entwicklungen lassen sich hier ablesen.

Viele Universitäten und private Forschungseinrichtungen stellten auf der 142. Convention verschiedene Themen vor. Ein ganz großes Thema ist beispielsweise Audio-over-IP, wo sich mit AES67 immer mehr ein formatübergreifender Standard verbreitet, der Dante, Ravenna, AVB und andere Protokolle auf einem hohen Niveau miteinander verheiraten kann. Game-Audio und Immersion/3D sind Dinge, die immer größere Verbreitung finden und daher in aller Munde sind. Natürlich lässt sich an manchen Vorträgen auch ablesen, welche Produkt- oder Firmenphilosophie propagiert wird, was aber nur natürlich und nicht zu kritisieren ist. „The Acoustic Design of Minimum Diffraction Coaxial Loudspeakers with Integrated Waveguides“ beispielsweise ist von Genelec-Mitarbeitern vorgestellt worden, logisch und nachvollziehbar. Es geht oft sehr weit in die Tiefe, bei „Full-Sphere Binaural Sound Source Localization Maximum-Likelihood Estimation of Interaural Parameter“ oder „Acoustic Room Modelling Using a Spherical camera for Reverberant Spatial Audio Objects“ etwa. Aber es gab auch für (Fast-)Laien verständliche Vorträge, zum Thema Mikrofone und ihre Richtcharakteristika beispielsweise.

Auf Vorträgen und bei Gesprächen erfährt man ja immer wieder interessante Dinge, die gerne mal absurd wirken. Ich beispielsweise wusste nicht, dass ein alter amerikanischer Mikrofonhersteller im Laufzeitglied-Labyrinth hinter dem Empfänger Wolle von schottischen Highland-Rindern verwendet hatte. Durch die sehr unterschiedliche Qualität des Naturstoffs klang aber wohl jedes Mikrofon anders, zum Teil sogar sehr deutlich. Das Remake des Mikrofons ist aber nun tatsächlich „vegan“!

Und auch das eine oder andere Produkt konnte auf der Ausstellung zum ersten Mal bestaunt und ausprobiert werden. Und hier werden Dinge in frühen Entwicklungsphasen gezeigt, bei denen man nach einem kurzen Blick auf das Presseschild freundlich gebeten wird, noch nicht darüber zu berichten. Ich konnte einige Dinge aber schon sehen und ausprobieren – langweilig wird es in nächster Zeit auch auf dem Audiomarkt nicht, so viel darf ich verraten.  

Neuigkeiten und andere interessante Produkte:


Josephson-Hingucker und ein interessant aufgebauter Wandler

Josephson-Mikrofone kennt wohl jeder, der in den vergangenen Jahren mit offenen Augen über die Pro Light & Sound gegangen ist. Ein Eyecatcher sondergleichen ist nämlich immer das riesige C700S mit dem sehr offenen Korb, welches mit drei Kapseln nicht nur die Herstellung von Patterns per Druckempfänger (Kugel) und Druckgradientenempfänger erster Ordnung (Acht) ermöglicht, sondern durch seine querliegende Acht auch MS-Stereo und durch etwas aufwändigere Matritzierung auch Surround-Aufnahmen ermöglicht. Zu sehen waren auch das C715 und das C716. Letzteres ist ein Großmembranmikrofon mit reiner Nierenkapsel, das 715 erlaubt die mechanische Verstellung des Laufzeitglieds. Damit lässt sich stufenlos das Pattern von Niere bis Kugel einstellen. Damit ist das Mikrofon eines der wenigen Mikros mit dieser einfachen und logischen Art der Umschaltung – und das einzige mit großer Membran: Schoeps und Shure nutzen ähnliche Verfahren, aber eben mit Kleinmembranern. Im Schaltzustand Kugel ist das Josephson C715 damit eines der wenigen Großmembran-Druckempfängermikrofone, gemeinsam mit dem DPA 4041SP. Großes Interesse geweckt hat auf dem Stand des deutschen Vertriebs Adebar Acoustics das C725. Es nutzt die gleiche Kapsel wie das C716, ist aber ein Röhrenmikrofon.  

Am gleichen Stand wurde das Wandlersystem mit dem etwas ungelenken Namen „Arfi“ gezeigt. Dies ist eine Abkürzung für „Artistic Fidelitiy“, der Wandler wird vom kleinen Hersteller Acousense angeboten. Auffällig ist, dass das 19“-Gehäuse zweigeteilt zu sein scheint. Dies liegt daran, dass zunächst im kompakteren 19“-Format geplant wurde, aber viele Kunden den Wunsch nach einer 19“-Lösung geäußert haben. Der eigentliche Wandler liegt daher links, rechts ist das Netzteil, das bis zu vier A/D- oder D/A-Wandler mit Spannung versorgen kann. Um Einstreuungsproblematiken zu umgehen, wurde ein hoher Aufwand betrieben, und weil es so gut funktioniert hat, hat man das Konzept der beiden Gehäuse beibehalten – die Spannungsversorgung verlässt daher das Netzteil tatsächlich über ein Kabel an der einen Seite des Arfi und speist den eigentlichen Wandler über eine Buchse an der anderen Seite. Laut Vertrieb hat der Hersteller einen enormen Aufwand betrieben, den man auch hört, weshalb sich der Wandler selbst vor den teuersten Systemen nicht verstecken müsse. 

Viele Lautsprecher, massig Wandler und Interfaces

Lautsprecherhersteller waren viele mit eigenen Ständen auf der 142. AES Convention vertreten. Genelec beispielsweise zeigten ihre Koaxialsysteme, Amphion fielen aus der Ferne mit ihren weißen Waveguides und aus der Nähe mit ausgewogenem Klang auf, HEDD zeigten ihren Type 20 und die neue AoIP-Karte. Adam waren mit ihrem neuen S3H und den vertikal auszurichtenden Modellen vor Ort, PSI zeigten unter anderem ihren neuen Sub und natürlich den aktiven Breitbandabsorber AVAA. Der bulgarische Hersteller Antelope Audio erweitert sein Portfolio wie am Fließband und war unter anderem mit Goliath HD, Orion Studio HD und weiteren Gerätschaften vor Ort.

Lawo mc² 96 Grand Audio Production Console

Eine Europapremiere war die Vorstellung der mc²96 Grand Audio Production Console von Lawo. Dieses Mischpultsystem ist spezialisiert auf die Nutzung von Audio-over-IP-Systemen (Dante, Ravenna, SMPTE 2110 und AES67) und kommt mit einer Bedieneinheit unterschiedlicher Größenordnungen. Auffälligstes Merkmal sind nicht die großen Touchscreens, sondern die farbig gestalteten Bedienelemente und die vielen kleinen TFTs, die in den Channels und der Mastereinheit verbaut sind. Diese können beispielsweise Piktogramme oder Text für die in auf diesem Kanalzug liegenden Signale zeigen, aber auch Videos wiedergeben – was in großen kombinierten Produktionsumgebungen von Vorteil ist. Lustig war das Gespräch zwischen einem Presenter und einem jungen Studenten, der nach der maximal möglichen Anzahl Inputs gefragt hat. Die Zahl „Achttausend“ kam dem Lawo-Mitarbeiter nicht ohne Grinsen über die Lippen.

In jedem Fall zeigt sich, dass die AES Convention eine qualitativ hervorragende Veranstaltung für die Audiobranche ist. Wer wissen will, was "ganz vorne" passiert, der muss hier hin.

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