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04.01.2018

Korg Kaoss Pad: Praxistipps und eine Hommage an ein Effektgerät

Über zehn Jahre hat das Kaoss Pad 3 mittlerweile auf dem Buckel und es ist – abgesehen von dem Plus-Update – in unveränderter Form erhältlich. Erstaunlich für eine Branche, in der die Schlagzahl bei Produktneuheiten erfahrungsgemäß extrem hoch ist. Ein Blick auf den Second-Hand-Markt verrät zudem, dass das gute Stück offenbar sehr werthaltig ist, denn der Gebrauchtmarktpreis liegt – wenn überhaupt mal ein KP3 angeboten wird – im Schnitt gerade einmal 100 Euro unter dem Neupreis. Es muss also irgendwas mit der handlichen Effektkiste auf sich haben, was sie auch heute noch zu einer unverzichtbaren Anspielstation bei den Live-Setups vieler Künstler macht – darunter Namen wie Beardyman, Jon Hopkins und Modeselektor. 

Tatsächlich datiert die Geburt des Kaoss Pads auf das Jahr 1999 – da nämlich erschien die erste Version des Performance-Effektgeräts, dessen Parameter sich durch Fingerkontakt mit dem berührungsempfindlichen XY-Pad steuern lassen. Version 1 und 2 waren noch in graue Gehäuse gepackt und das visuelle Feedback des Pads beschränkte sich auf die Intensitäts- und Farbänderung der durch den milchigen Kunststoff durchscheinenden LEDs. Entsprechend durchwachsen war auch die Reaktion der Kundschaft, die nicht so recht wusste, ob es sich nun um einen einfachen DJ-Effekt oder ein ernstzunehmendes Musikgerät handelt.

Das änderte sich schlagartig mit Erscheinen des Kaoss Pad 3 (kurz: KP3) im Jahr 2006. Plötzlich blickte der Anwender auf eine geheimnisvolle Matrix aus acht mal acht roten Blöcken, deren Lumineszenz nicht mehr so – im Wortsinn - durchschaubar war, wie bei den Vorgängern. Im Gegenteil: ja nach Lichtsituation, wirken die Felder geradezu dreidimensional. Faktisch ist das auch so, denn die lichtgebende LED-Matrix sitzt weit unterhalb der eigentlichen Touch-Oberfläche und bewirkt so die optische Tiefe. Zudem markiert ein Lichtkreuz die aktuell mit dem Finger überfahrene Position und wenn man gerade nicht auf dem Touchpad rumfuhrwerkt, schaltet das KP3 in eine unterhaltsame Lichtshow, die auf der Bühne immer gut aussieht.

Überhaupt war das KP3 ein Gerät, zu dem man auch als ernsthafter Performer auf Anhieb Vertrauen entwickeln konnte: Dank seines massiven Aluminium-Druckgussgehäuse brachte es der bullige Effektor auf stattliche 1,3 Kilo. Er wirkte plötzlich nicht mehr wie ein Gadget, sondern wie ein ernsthaftes Arbeitsgerät. Und das trifft es, denn das KP3 ist nicht nur eine extrem variantenreiche Effektschleuder, sondern auch ein MIDI-Controller und Performance-Sampler/Looper in Personalunion. Und alleine schon als vierspurige Loopstation kann man mit dem Kaoss Pad bereits einiges anstellen.

Primär waren es aber die klanglich und funktional ausgezeichneten Effekte, die viele Musiker und Produzenten – auch und gerade aus dem elektronischen Umfeld - auf Anhieb ins Herz geschlossen haben.

Egal ob nun Granular-Delay-Gekruschel, Formant-Filter-Delay oder heftiges Loop-Gestotter – es sind nur wenige Drehungen am Programm-Encoder und man findet unter den 128 Werks-Presets garantiert eines, das so klingt, als ob es schon immer zu dem Track gehört hätte. Hier mal Schnelldurchlauf acht meiner (vielen) Favoriten:

Kaoss Pad Tipps

1. Sync

Ein extrem hilfreiches Feature des KP3 ist die Möglichkeit, es zum Knecht eines externen MIDI-Clock-Signals zu machen. Das funktioniert in der Praxis blendend und gibt einem beim Livespielen und bei Studioproduktionen die Sicherheit, dass jeder Effekt sich immer brav im Tempo des aktuellen Tracks bewegt, was besonders bei Loop- und Delay-Effekten von Vorteil ist. Dazu wechselt man einfach via Shift+MIDI Filter (Taste 4) in die MIDI-Konfiguration und stellt den Eintrag „Clock“ von „internal“ (int) auf extern (ext).

2. Loop 1-Takt-Zentrum markieren

Eine wirkliche Waffe in der DJ-Booth, genauso wie bei Live-Acts, sind die dreizehn Looper-Variationen - mal mit Delay, mal mit Flanger, mal mit Bitcrusher oder auch Rückwärts. Dabei gilt: Desto weiter der Finger nach links rutscht, umso kürzer das Loop.

Ganz am linken Rand sind die Loops so kurz, dass sie schon tonal werden (was auch ein großartiger Effekt ist). Ich habe es beim Live-Spielen und gerade, wenn ich nur einen einaktigen „Stotterer“ haben wollte, manchmal als etwas unberechenbar empfunden, zu wissen, an welcher Stelle in der Mitte des Pads ich nun zugreifen soll. Der simple Workaround: Einfach mit dem Finger zu der Stelle fahren, wo der Looper exakt eintaktig läuft und sich die Schnittpunkte der X- und Y-Achse am Rand mit zwei Klebepunkten (manche machen das auch mit weißem Lackstift) markieren.

 

3. KP3 als MIDI-Controller für Effekt-Chains in Ableton Live

Zugegeben: Die Zeit ist auch am Kaoss Pad nicht spurlos vorüber gegangen und es gibt sicherlich den einen oder anderen Effekt in der DAW, der in seiner Komplexität oder speziellen Klanglichkeit über das hinausgeht, was der kleine Korg zu leisten vermag. In meinem Fall war es so, dass ich mir – damit das Bühnenbild symmetrisch ist – zum KP3 für kleines Geld noch einen „Kaossilator Pro“ dazu kaufte, wobei ich schnell erkennen musste, dass die klanglichen Ergebnisse, die ich damit erzielen konnte, jetzt nicht unbedingt eine Bereicherung für meinen dubbig-verfrickelten Elektronik-Sound waren.

Was also tun? Nun: Freundlicherweise geben Kaossilator und Pad die Finger-Position innerhalb der X- und Y-Achse als MIDI-CC-Wert aus. Ja, sogar der Umstand „ob“ man gerade drückt oder nicht (Z-Achse) wird übermittelt. Nun bietet „Ableton Live“ ja die großartige Funktion der „Effect-Chains“: Gewissermaßen ein Container in den man beliebige andere Effekte packen und zwischen denen sich über den MIDI-steuerbaren Parameter „Chain-Selector“ umschalten lässt.

Das gibt einem die Möglichkeit, mit dem Kaoss Pad (oder Kaossilator) in der X-Achse zwischen bis zu acht Effekten umzuschalten und mit der Y-Achse den Macro-Regler zu steuern (der dann natürlich auf mehrere Parameter innerhalb der selektierten Effekt-Chain wirken kann). Wichtig beim Anlernen im MIDI-Learn-Modus: Wenn man die X- oder Y-Achse zuweist, den Learn-Modus vor dem Abheben des Fingers wieder verlassen, denn sonst ist das letzte Kommando, was Ableton sich „merkt“ die Z-Achse.

Das sind die vom Kaoss Pad übermittelten CC-Werte und ihre Entsprechung in Ableton. Natürlich muss die Fernsteuerung aktiviert sind. Dann gilt es lediglich noch die Parameter anzulernen.

Fazit

Es gäbe noch viel über das Kaoss Pad 3 zu sagen – etwa, dass viele Musiker ihre ganz eigenen „Moves“ auf der Touch-Oberfläche entwickeln, denn jeder Effekt hat eine ganz eigene Dynamik in der er „gespielt werden will“. Oder, dass die kleine Effektbox – auch 10 Jahre nach ihrem Erscheinen – immer noch ein Hingucker beim Live-Spielen ist und ich nach Konzerten regelmäßig gefragt werde, was ich denn mit diesem interessant blinkenden „Ding“ da mache.

Vor allen Dingen ist und bleibt es das Zusammenspiel aus den Effekte mit der unmittelbaren Modulation über das Touchpad, die das Kaoss Pad 3 - auch heute noch - zu einem absolut lohnenswerten Kauf machen. Denn im Grunde genommen ist es bis heute auch alternativlos geblieben: Es gibt – selbst wenn ich auf die ganzen tollen iPad-Apps schaue - einfach kein Gerät und keinen Controller, mit dem man so schnell zu musikalisch brauchbaren Ergebnissen kommt. Selbst im Studio. Dort habe ich auch heute noch das KP3 ständig eingesteckt, um damit Einzelspuren oder Gruppen (manchmal sogar die Summe) zu bearbeiten. Denn bis ich in meiner DAW den richtigen Effekt geladen und einen Controller entsprechend zugewiesen habe, um ihn dynamisch zu steuern, habe ich mit dem Kaoss Pad 3 schon eine komplette Effekt-Session abgefeuert und aufgenommen aus der ich mir dann die besten Takes zurechtschneiden kann.

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