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Intransparenz, Monopolisierung, absurde Gebühren: Wie Ticketmaster die Live-Industrie zerstört – Eine Analyse

2009 fusionierten sich mit Ticketmaster und Live Nation zwei der größten Anbieter im Live-Entertainment Bereich. Die große Marktmacht wurde in Folge missbraucht, wodurch es zu höheren Ticketpreisen und sogar der Förderung vom Zweitmarkt kam. Die Kritik an der Marktsituation nimmt derzeit wieder an Fahrt auf, nachdem eine Aktivisten-Gruppe neue Vorwürfe erhebt.

© Claudio Schwarz

Die Live Nation Entertainment Inc. ist ein amerikanisches Unternehmen mit Sitz in Beverly Hills (Kalifornien). Die Firma verbucht einen Jahresumsatz von über 6 Mrd. US-Dollar (2021), hat 44.000 Mitarbeitern und verkauft jährlich über 500 Millionen Tickets. Damit ist Live Nation das weltweit führende Live-Entertainment-Unternehmen. Seit der Fusionierung 2009 mit Ticketmaster Entertainment hat Live Nation Entertainment eine riesige Marktmacht, die immer wieder in Frage gestellt wird. Aufgrund von unfairen Geschäftspraktiken, versteckten Gebühren und dem Missbrauch der Machtposition gibt es wieder Rufe nach einer Zerschlagung.

Das American Economic Liberties Project, eine gemeinnützige Organisation, die sich für eine Durchsetzung des Kartellrechts einsetzt, drängte das amerikanische Justizministerium am Mittwoch dazu, die Fusion zwischen Ticketmaster und Live Nation rückgängig zu machen. Als Begründung wurden unlautere Preisabsprachen sowie die Druckausübung auf Künstler und Veranstaltungsorte, die geforderten [schlechten] Konditionen zu akzeptieren, angegeben. Laut einem Schreiben, das ‘The Hollywood Reporter’ vorliegt, behauptet die Gruppe, dass der Live-Veranstaltungsriese weiterhin gegen die Bedingungen eines Vergleichs aus dem Jahr 2009 verstößt, mit dem der Deal damals genehmigt wurde.

“Die Marktmacht von Ticketmaster über Live-Veranstaltungen reißt Sport- und Musikfans mit und untergräbt die Lebendigkeit und Unabhängigkeit der Musikindustrie”, sagte Sarah Miller, Geschäftsführerin des American Economic Liberties Project. “Mit der neuen Führung des DOJ (Department of Justice), die sich der Durchsetzung der Kartellgesetze verschrieben hat, hilft unsere neue Kampagne, die Stimmen von Fans, Künstlern und anderen in der Musikbranche, die es satt haben, dem Monopol von Ticketmaster ausgeliefert zu sein, mit den Vollstreckern zu verbinden, die die Macht haben, es aufzuheben.”

Der stationäre Verkauf ist am aussterben © Robert Linder

Ticketmaster verstößt gegen Auflagen

Bei der Unternehmenszusammenführung 2009 genehmigten die Kartellbehörden das Geschäft unter bestimmten Bedingungen. Sie verlangten von Ticketmaster, dass es seine Tochtergesellschaft Paciolan an Comcast verkauft und seine Ticketing-Software an den Rivalen von Live Nation, AEG, lizenziert. Das neue Unternehmen durfte auch keine Bündelungen vornehmen oder Vergeltungsmaßnahmen gegen Veranstaltungsorte ergreifen, die mit anderen Kartenverkaufsdiensten zusammenarbeiten.

Das American Economic Liberties Project argumentiert, dass Live Nation gegen die Vereinbarung verstößt. Es verweist darauf, dass Künstler die die Dienste von Ticketmaster nutzen, nicht unabhängig bei der Wahl der Veranstaltungsorte sind.

“Live Nation nutzt seine Konzertpromotionsdienste im Wesentlichen, um Veranstaltungsorte davon abzuhalten, die wenigen Konkurrenten zu nutzen, die Ticketmaster noch hat”, heißt es in der Analyse der Gruppe. “Wenn sich ein Veranstaltungsort dafür entscheidet, diese Dienste nicht zu nutzen, rächt sich Live Nation, indem es den Veranstaltungsort effektiv boykottiert. Da Live Nation einen so großen Teil des Marktes für Konzertpromotion kontrolliert, kann die Möglichkeit, Künstler zu buchen, die einen Vertrag mit Live Nation haben, über das Überleben eines Veranstaltungsorts entscheiden.”

2019 merkte das DOJ an, dass Live Nation gegen die Bedingungen des Vergleichs verstoßen hatte. Es zwang Event-Locations dazu, Ticketmaster-Ticketdienste als Bedingung für die Aufnahme von Live Nation-Künstlern zu akzeptieren. Anderenfalls wurden mit Vergeltungsmaßnahmen gedroht.

Es gab auch eine Zeit vor Ticketmaster © Dylan Mullins

Ticketmaster profitiert durch Weiterverkauf von Tickets

Ticketmaster schneidet durch den Verkauf über Zweitbörsen großflächig mit. Es ist Teil des Geschäftsmodells und eine lukrative Einnahmequelle, da durch den Verkauf im Sekundärmarkt zweimal Gebühren eingestrichen werden können. Einerseits durch die Service Fee, andererseits durch die Resale-Fee. Dazu kommen noch weitere Gebühren, selbst wenn man die Tickets digital erhält oder selber ausdruckt. Daher liegt es sogar im Interesse von Ticketmaster, den Kartenschwarzhandel zu fördern.

Bei einer Messe gab ein Mitarbeiter von Ticketmaster zu, dass es ihrer Seite aus nicht sanktioniert wird, wenn von einer Person eine Vielzahl von Accounts erstellt wird (siehe Video von John Oliver). Ein lukratives Geschäftsmodell für sogenannte Scalper (englisch für Kartenschwarzhändler), die mit ihren Praktiken echten Fans oft die Chance nehmen ein Konzert zu besuchen und gleichzeitig die Preise in die Höhe treiben.

Das American Economic Liberties Project behauptet außerdem, dass Ticketmaster keine versteckten Gebühren erheben könnte, wenn es sich nicht um ein illegales Monopol handeln würde. Durch den Betrieb des sekundären Ticketmarkts namens Resale werden letztlich zweimal Gebühren erhoben. Beim Verkauf über Ticketmaster und bei Verkauf über Resale. Da es Ticketmaster Scalpern erlaubt eine unbegrenzte Anzahl an Accounts zu erstellen, können diese einen Großteil der Tickets aufkaufen und später überteuert anbieten. Win Win für Schwarzhändler und Ticketmaster, Lose Lose für den Rest.

“Ticketmaster hat einen Anreiz, die echten Verkäufe von Konzertbesuchern auf dem Primärmarkt zu minimieren, indem es entweder den Verkauf einschränkt oder den Kauf durch Scalper zulässt und dann von der Preisübertreibung auf dem Sekundärmarkt profitiert, wo die Verbraucher weitaus mehr bezahlen”, heißt es in der Analyse.

Eine faire Lösung liegt nicht im Interesse von Ticketmaster

Es gibt sogar eine einfache Lösung, um den fragwürdig Zweitmarkt einzudämmen: Die Abwicklung findet auf der gleichen Seite statt und die Ticketpreise behalten den Originalpreis. Pearl Jam konnte sich mit Ticketmaster sogar auf dieses Modell einigen, damit keine Fans überteuerte Eintrittspreise zahlen müssen. Das stets ausverkaufte Fusion Festival handhabt es genauso mit der eigenen Zweitmarkt-Ticketbörse. Bisher sind solche Geschichten allerdings die Ausnahme. Es ist daher zu Hoffen, dass mehr große Bands und Künstler aktiv gegen diese Machenschaften vorgehen und ihre eigene Machtposition nutzen, um fairere Preise für die eigenen Fans zu ermöglichen. Das liegt schließlich auch in ihrem eigenen Interesse.

Natürlich ist auch der Gesetzgeber gefragt, entsprechende Regularien für mehr Transparenz einzuführen. Die Ausweisung sämtlicher Gebühren sollte von Anfang an miteinbegriffen sein. Dies wird in einigen europäischen Ländern und Australien so gehandhabt, in den USA kommt die große Überraschung hingegen erst am Ende. John Oliver zeigt in seiner Recherche (siehe Video), dass die Gebühren zum Teil sogar höher sind, als die Tickets an sich. Bei einer Anhörung im Senat sagte der damalige CEO von Ticketmaster Irving Azoff, dass mit den “Service-Fees” Rabatte für Künstler, Promoter und Veranstaltungsorte finanziert werden. Das Problem: Seit der Fusionierung gehen Teile dieser Gebühren an Parteien, die Ticketmaster selbst gehören oder durch die der Ticketanbieter in weiterer Folge selbst profitiert.

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Musiker verkaufen für sie reservierte Tickets teuer weiter

Viele Tickets werden auch von Anfang an für Sponsoren und die Künstler reserviert. Falls diese Tickets nicht gebraucht werden, landen sie allerdings nicht in der normalen Ticketbörse, sondern am Zweitmarkt. Das zeigt eine Recherche von Dean Budnick, Autor von “Ticket Masters: The Rise of the Concert Industry and How the Public Got Scalped”. Metallica und Justin Bieber werden als Beispiele genannt.

Ein weiteres Problem: Viele Veranstaltungsorte haben Vereinbarungen mit Ticketmaster, dass an diesen Locations Veranstaltungen nur durch Ticketmaster abgewickelt werden dürfen. Bands die beispielsweiße im Barclays Center oder in der Crypto.com-Arena auftreten wollen, müssen also mit den entsprechenden vertraglichen Bindungen leben. Selbst Pearl Jam ist in den 90ern daran gescheitert ihre Tournee an vielen großen Veranstaltungsorten abzuhalten, da sie nicht mit den Bedingungen von Ticketmaster einverstanden waren. Pearl Jam sagte in Folge sogar vor dem Kongress aus. Gebracht hat das allerdings nichts, die Entwicklung ging weiter Richtung Monopolisierung.

5000 Dollar für ein Ticket für Bruce Springsteen

Die Diskussion kommt auch gerade zu einer Zeit, in denen Tickets für Live-Events sowieso schon stark am steigen sind. Bei bekannten Acts wie Helene Fischer, Adele oder Ed Sheeran fangen die billigsten Tickets bei 80 bis 100 Euro an, in den USA liegen die Preise sogar noch ein gutes Stück darüber. Für ein Konzert von Bruce Springsteen wurden Karten für 5000 Dollar verkauft.

Springsteens Manager verteidigte solche Preise als “marktüblich”. Das ist insofern interessant, weil ausgerechnet Springsteen 2009 die bevorstehende Fusion in einem offenen Brief kritisierte und sich bei Fans für die Erfahrungen entschuldigte, die Fans bei Ticketmaster gemacht hatten. Bei seiner Tour waren damals die Shows beinahe ausverkauft und die Fans wurden direkt auf die Ticket-Weiterverkaufsseite namens TicketsNow weitergeleitet, die Ticketmaster gehört. Dabei wurden die Ticket auf TicketsNow statt den maximalen 98 Dollar auf Ticketmaster um mehrere hunderte Dollar angeboten. In dem Brief zeigte sich Springsteen damals noch kämpferisch: “Wir werden uns auch in Zukunft dafür einsetzen, dass diese Praktiken auf unseren Touren dauerhaft unterbunden werden.” Viel gebracht hat es nicht, wenige Monate später kam es zum Unternehmenszusammenschluss und die Situation wurde bis heute noch schlechter.

Bei der Billboard Top 100 Power-Liste, dem jährlichen Ranking der mächtigsten Menschen im Musikbusiness, belegte Live Nation CEO Michael Rapino 2017 Platz 3 und 2018 Platz 1. Bei der Liste 2022 kam er auf Platz 21. © Live Nation

Ticketpreise steigen deutlich stärker als Inflation

Die Ticketpreise sind in den letzten Jahren sogar deutlich stärker als die Inflation gestiegen. 1996 kostete ein durchschnittliches Konzert-Ticket für eines der Top-100 Tourneen in Nordamerika im Schnitt 25,81 USD, 2021 lag der Preis bei 87.10 USD. 25 USD im Jahr 1996 entsprechen allerdings einer Kaufkraft von 43 USD im Jahr 2021, also genau der Hälfte. In diesen Fällen sind allerdings nicht einmal die Aufschläge hinzugerechnet, die beim Kauf in einem Sekundärmarkt gezahlt werden müssen und die 2022 noch einmal stark gestiegenen Preise. Nicht nur das, aktuell testet Ticketmaster nach dem Vorbild von Hotels und Airlines ein “dynamisches Preissystem”. Bei erhöhter Nachfrage auf bestimmte Preiskategorien oder ganze Konzerte werden die Karten automatisch teurer. Ein Modell das Ökonomen zwar mit Angebot/Nachfrage rechtfertigen würden, aber nur zeigt, wie entfernt Teile der Musikindustrie von der Mitte der Gesellschaft sind.

Ticketmaster selber sagt dazu: “In einigen Fällen werden für Veranstaltungen auf unserer Plattform Tickets zu Marktpreisen angeboten, so dass sich die Preise für Tickets und Gebühren im Laufe der Zeit je nach Nachfrage anpassen können. Dies ist vergleichbar mit dem Verkauf von Flugtickets und Hotelzimmern und wird gemeinhin als ‘Dynamic Pricing’ bezeichnet.” Als Pro-Argument für die dynamische Preisgestaltung wird genannt, dass dadurch dem Zweitmarkt geschadet wird. Schließlich können die Scalper damit nicht mit fixen Margen rechnen, da sich die originalen Preise ändern können.

Mark Hoppus von Blink 182 reagierte auf Nachrichten von Fans, die sich über unterschiedliche Preise beschwerten: “Damit wollen wir Schwarzhändler abschrecken. Wir versuchen, euch die bestmögliche Show zum bestmöglichen Preis zu bieten.” Die Blink 182-Tour wird übrigens von Live Nation “produziert”. Alle geplanten Veranstaltungsorte in den USA haben Kooperationen mit dem Unternehmen.

Blink 182 bei Auftritt 2016 © Ralph Arvesen 

Sind dynamische Preise also das bessere System? Vermutlich nur für Ticketmaster. Bei dem alten System gab es auch viele Fälle, in denen Tickets auf anderen Plattformen zu niedrigeren Preisen angeboten wurden. Schließlich ist die Nachfrage nicht immer überwältigend und so konnten sich Fans Tickets deutlich unter dem Normalpreis sichern. Jetzt müssen aber alle hohe Preise zahlen.

Ticketmaster hat zu viele Daten

In einer Reportage von VICE wird über die Praktiken von bei der Preisgestaltung von Ticketmaster berichtet. Demnach werden die Ticketpreise an folgenden Faktoren berechnet: historische Ticketverkaufsleistung einer Band an einem bestimmten Veranstaltungsort (und landesweit), historische Leistung auf dem Sekundärmarkt, Ticketverkaufsleistung ähnlicher Künstler, Anzahl der Shows in einem bestimmten Markt, Leistung während des Vorverkaufs usw., die dann während des Vorverkaufs auf der Grundlage der Geschwindigkeit der Ticketsuche und der Durchverkaufsraten angepasst werden können. Hier wird der Vorteil der Monopolstellung noch einmal deutlich. Mit den notwendigen Daten lassen sich Preise mit maximalem Gewinn verkaufen.

Letztlich hat sich Live Nation Entertainment in eine gefährlich machtvolle Situation gebracht. Durch Verträge mit Veranstaltungsorten gibt es direkten Einfluss auf Tourneen von Musikern, die eigenen Plattformen profitieren von einander, ohne dass die Nutzer etwas ahnen und Schwarzhändler werden nicht bekämpft, sondern sogar aktiv gefördert. Letztlich profitiert ein Unternehmen mit Milliardenumsatz durch das fragwürdige Geschäftsmodell am meisten, während Fans und auch Künstler wenige Alternativen haben, dem System zu entkommen.

Es wurde eine Petition gestartet, damit sich das Justizministerium mit dem Fall Ticketmaster beschäftigt.

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von Mathias Walter

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