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23.04.2018

Warum USB-Mikrofone schlechter sind als klassische XLR-Mikros

Oft lohnt die Anschaffung eines „echten“ Mikrofons und eines Audio-Interfaces mehr als die eines Podcast-Mikros

Wenn Sprache oder Gesang mit dem Computer oder dem Tablet in guter Qualität aufgenommen werden sollen, sei es für Podcasts, Let's-Plays, Video-Nachvertonungen oder eben doch das Recording für die Band, dann landet man schnell bei USB-Mikros. Sicher gibt es einige Vorteile der Plug'n'Play-Mikros, doch es gibt auch eine Reihe gravierender Nachteile. Und auf genau diesen will ich einmal herumreiten – denn nicht alles, was aktuell und praktisch ist, ist automatisch besser.

Was ein USB-Mikrofon von der althergebrachten, normalen Lösung unterscheidet

Ein USB-Mikrofon erscheint demjenigen, der sich zuvor nie mit der Materie befasst hat, einfach und logisch, die eigentlich althergebrachte technische Lösung dagegen unnötig kompliziert. Klar: Wenn ich eine Tastatur habe, die die Information über meinen Tastendruck direkt über USB an den Computer kabelt, dann kann das ein USB-Mikrofon mit dem, was ich sage oder singe, wohl genauso tun. Stimmt – und wird ja auch so gemacht.

Das „normale“ Mikrofon wird über ein XLR-Kabel mit einem Mikrofonvorverstärker verbunden. In manchen Fällen muss man dem Mikrofon eine Spannung bereitstellen, damit es funktioniert. Hinter diesem Mikrofonvorverstärker besitzt das Signal sogenanntes „Line Level“ und kann an andere Geräte geschickt werden oder an Analog-digital-Wandler, bzw. Audio-Interfaces mit entsprechenden Analogeingängen. Viele Audio-Interfaces besitzen heute eingebaute Mikrofonvorverstärker.

Der auch heute noch übliche Anschluss an den Computer erfolgt über USB, in manchen Fällen auch andere Schnittstellen. Ein USB-Mikrofon ist quasi alles in einem Gehäuse. Die Mikrofonkapsel, die Schall in Spannung umsetzt, eventuelle Mikrofonelektronik, Mikrofonvorverstärkung, AD-Wandlung und Interfacing für den Computer sind dabei in einer praktischen Kiste untergebracht, die auf dem Mikrofonstativ Platz findet und nur per USB angeschlossen werden muss.

Praktikabilität von Podcast-/USB-Mikrofonen: Ja wirklich? 

Eines der Hauptargumente für den Kauf eine USB-Mikrofons ist die Praktikabilität. Man hat nur ein Gerät, das alles liefert, steckt es ein und kann loslegen. Wer schon einmal die oft fummelige Bedienung auf der Vorderseite, Rückseite oder Seite (oder sogar Kombinationen davon!) eines USB-Mikrofons durchführen musste, der weiß, dass das nicht unbedingt ein Ergonomievorteil ist. Weil ein externes Audiointerface auch beim Sprechen oder Singen im Blick und Zugriff sein kann, ist das für den Workflow häufig angenehmer. Außerdem gibt es bei jedem mir bekannten Mikro starke Körperschallübertragungen, wenn man nur mal eben das Kopfhörerlevel ändern will.

Das Monitoring mit USB-Mikrofonen – oft suboptimal

Es gibt USB-Mikros, bei denen ist ein Monitoring sehr rudimentär oder gar nicht vorgesehen. In diesen Fällen gibt es keine direkte Kontrolle. Zwar ist es in den meisten Aufnahmeprogrammen, die eine halbwegs professionelle Signalflussstruktur mit sich bringen, möglich, das eingehende Signal über Kopfhörer wieder auszugeben. Dieser kann ja bei fast allen Computern und Tablets direkt angeschlossen werden. Allerdings liegen dann AD- und DA-Wandler, diverse Bearbeitungsschritte und Buffer in diesem Signalweg.

Durch dieses „Software-Monitoring“ kommt das Signal dann mit wahrnehmbarer Verspätung („Latenz“) auf den Kopfhörer, was ein Sprechen oder Singen schwierig bis unmöglich macht. Und klar: Will man singen, tut man das meist zu einer Playbackspur, um rhythmisch und tonal richtig zu liegen. Gibt es diese Möglichkeit nicht durch das USB-Mikrofon, wird es mit Musikaufnahmen meistens Essig, denn alle denkbaren Workarounds sind doch sehr wenig zufriedenstellend.  

Weitere Probleme des Monitorings: Es ist auf Kopfhörer beschränkt – und dazu noch auf einen einzigen. Will jemand als Engineer mithören oder ebenfalls sprechen oder singen und vielleicht eine andere Mischung haben, dann geht das nicht. Was auch ein Problem ist: Will man jemanden Aufnehmen und dabei über Monitorboxen hören, wird es auch kompliziert, weil die Struktur von USB-Mikros das nicht vorsieht – die aktueller Audio-Interfaces jedoch fast immer.

Klangqualität von USB-Mikrofonen

In der Theorie gibt es kaum etwas am Konzept des USB-Mikrofons zu bemängeln, was den Unterschied in der Soundqualität zu klassischen Mikrofonen angeht. Ob die Vorverstärkung und die AD-Wandlung nun in einer externen Kiste geschieht oder direkt im Mikrofon, ist schließlich herzlich egal. Dass das alles auf engstem Raum und mit nur wenig Stromverbrauch geschehen kann, ist auch kein treffendes Argument, denn beispielsweise das Preamp-Wandlersystem HAPI – Kostenpunkt über 6.000 Euro – ist ebenfalls ganz schön klein und verbraucht 30 Watt für 16 Kanäle. Und es klingt unfassbar gut.

Häufig steht aber die Preisgestaltung eines USB-Mikros sehr im Vordergrund, weshalb im Zweifel eher mittelmäßige Preamp- und Wandlerstufen verbaut werden. Das kann man teilweise deutlich hören. Manchmal werden sogar sehr alte, technisch überholte Bauteile verwendet, die teilweise sogar nur mit 16 Bit statt mit den heute üblichen 24 wandeln.

Und damit zeigen sich quasi schon die nächste Probleme: Vorverstärkung und digitale Auflösung! Um einen AD-Wandler sinnvoll auszunutzen, muss das Mikrofonsignal per „Gain“ durch einen Mikrofonvorverstärker auf ein so hohes Level gebracht werden, dass es einerseits einen hohen Abstand zu Rauschen und Quantisierungsverzerrungen hat, andererseits nicht über das maximal darstellbare Level hinausschießt, was äußerst unangenehmer Verzerrungen („Clipping“) zur Folge hat. Besitzt ein USB-Mikro diese Möglichkeit nicht, wird man entweder ein fix und aus „Sicherheitsgründen“ viel zu gering ausgesteuertes Signal haben oder kann lautere Quellen nicht aufnehmen. Oder beides.

Tontechnische Arbeit wird eingeschränkt, Entwicklung behindert

Das sind harte Worte in der Absatzüberschrift, aber sie sind treffend: Der Tontechniker kann aus Equipmentkombinationen auswählen, indem er sich überlegt, welches Mikrofon mit welchem Preamp dem Aufnahmezweck am besten gerecht wird. Gut: Wer gerade ein erstes Mikrofon und ein kleines Audio-Interface mit eingebautem Preamp sein Eigen nennt, der kann das auch nicht. Aber der kann erweitern!

Wenn das Geld da ist, wird vielleicht in einen charaktervollen Vorverstärker investiert (wie den Fredenstein V.A.S.) oder einen kleinen Channelstrip, ein API-Series-500-Modul. Oder es wird ein weiteres Mikrofon dazu gekauft, weil festgestellt wird, dass das Großmembran-Gesangsmikrofon manchmal einem Tauchspulenmikrofon wie dem EV RE20 oder dem Shure SM7B doch unterlegen ist. Oder das kleine Budget-Audio-Interface wird ausgetauscht, weil man ein neueres, besseres anschafft, eines mit DSP-Funktionen (wie das UA Apollo) oder einfach mehr Ein- und Ausgänge benötigt. Auch blöd: Da hat man mit einem USB-Mikro vielleicht einen Schallwandler, der passend ist, aber dieser ist einkanalig. Eine Stereo-Atmo damit aufnehmen, Akustikgitarre an Steg und Korpus mikrofonieren? Vielleicht sogar mal ein wenig zusätzliches Equipment leihen oder kaufen, um ein Drumkit oder eine komplette Musikgruppe aufzunehmen? Das geht fast nicht, die möglichen Ansätze, etwa die Verwendung eines „Aggregated Device“ unter Mac OS sind nicht wirklich zufriedenstellend. Etwas abwechseln, ausprobieren oder upgraden? Mit USB-Mikrofonen ist das oft nahezu unmöglich und das spricht dagegen, sie überhaupt erst anzuschaffen.  

Zukunftssicherheit und Nachhaltigkeit

Versucht im Jahre 2038 mal, ein USB-Mikro in Betrieb zu nehmen. Mit einem Schoeps Colette wird euch das wahrscheinlich noch recht problemlos gelingen. Es ist schon davon auszugehen, dass der USB-Standard durchaus noch ein paar Jahre überlebt. Allerdings sind auch aktuelle Standards irgendwann obsolet. Das kann jeder nachvollziehen, der beispielsweise den Midiman Portman 4x4 anschließen will. Das 1996 auf den Markt gekommene Gerät war eines der timingstabilsten und problemlosesten MIDI-Interfaces, aber für den „Druckerport“ von PCs entwickelt.

3,5“-Disketten und viele andere Beispiele mehr machen klar: Jede Technik hat nur eine gewisse Lebensdauer. Dass ein XLR-Anschluss und Mikrofonvorverstärker irgendwann gänzlich aus der Welt verschwinden, erscheint unwahrscheinlich. Selbst wenn sich Formate ändern, wie von Tuchel- auf XLR-Buchsen- und Stecker: Adapter kann man umlöten oder entsprechende Kabel kaufen. Dass eines Tages die Armee an weltweit verfügbaren Mikrofonvorverstärkern verschwindet, erscheint nicht plausibel. Wer drückt schon einen Tube-Tech MP-2A oder einen UA 610 in die Tonne, weil es mittlerweile USB-Mikros gibt? Und auch der professionelle AES42-Standard für digitale Mikrofone und die ins Haus stehende Verbreitung von Audio-over-Ethernet werden sehr wahrscheinlich nicht die Ära einläuten, in der ein Neumann U 87 im Schrank bleibt oder direkt in die Studiovitrine oder an die Wand kommt.

Die Felder Investitionssicherheit und Nachhaltigkeit sprechen also eindeutig gegen USB-Mikros. Und was ist im Falle eines Defekts an einer Stelle im USB-Mikrofon? „Nur kurz nutzen, neu kaufen statt zu reparieren“ machen wir schon bei Smartphones (sowie Haushalts- und Küchengeräten und mittlerweile ja sogar Autos!) viel zu häufig …

Fazit

Es erscheint also sinnvoll, sich genau zu überlegen, ob man nicht ein, zwei Kisten und Kabel mehr auf dem Schreibtisch und im Rucksack hat und wahrscheinlich den einen oder anderen Geldschein mehr in die Hand nimmt. Ich will hier niemandem pauschal abraten, doch sind dies Argumente, die einen im Zweifel doch eher vom Kauf des All-in-one-wunschlos-glücklich-Pakets abhalten und zu klassischeren Lösungen greifen lassen. Es gibt natürlich auch Alternativen und Zwischenlösungen. Eine sinnvolle sehe ich in den Mic-Plugs wie dem Shure X2U, das sind quasi „USB-Mikrofone ohne Mikrofon“.

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