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Test
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05.12.2011

DETAILS


Allgemeines

Bei mittlerweile fünf erhältlichen SDX-Paketen möchten wir euch als kleine Orientierungshilfe zunächst einen Überblick zum Grundkonzept hinter der Software und zu den anderen Libraries für den Superior Drummer geben. Bevor wir uns die Roots SDX näher betrachten, werfen wir also noch einmal einen kurzen Blick auf The New York Studios Vol. 1 (Core-Library), The New York Studios Vol. 2, The Metal Foundry, Custom & Vintage und Music City USA.


Im Falle der Core-Library des Superior Drummer potenziert sich die Anzahl der einzelnen Samples für jedes Instrument im Drumset über verschiedene Spielweisen, Anschlagstärken und Übersprechungen in eine ganze Armada von Mikrofonen so weit, dass am Ende, schlicht gesagt, ein überdimensionaler Berg an Audiodaten steht. Zum gesteigerten Anwenderglück wird all das von der stabilen Engine sehr übersichtlich verwaltet. Dieses grundlegende Konzept, das sich an einem höchstmöglichen Realitätsgrad bei der Simulation natürlicher Drums orientiert und dafür einen ebenfalls vergleichsweise hohen Ressourcenbedarf anmeldet, gilt auch für die Erweiterungen – in der Handhabung entstehen also keine prinzipiellen Unterschiede.

Anders ist das natürlich beim Sound. Wer mit dem Kauf von einer oder mehreren Erweiterungen liebäugelt, wird möglicherweise auch planen, diese untereinander zu kombinieren, so dass sie sich gegenseitig zu einem allumfassenden Super-Drumset im Raumschiff-Format ergänzen. Dazu gilt es, einen wichtigen Punkt zu beachten: Was den Klang angeht, orientiert sich die komplette Superior-Familie insgesamt eher an Vielfalt statt an Einheitlichkeit.

Genauer: Die Drums der Core-Library und der fünf Erweiterungen wurden alle in verschiedenen Studios aufgenommen, und dabei kamen ganz unterschiedliche Mikrofon-Konfigurationen zum Einsatz. So wurden die Instrumente der Core-Library beispielsweise zusätzlich von einem trashigen Bullet-Mikrofon eingefangen, die Custom & Vintage SDX bietet einen vorkomprimierten Raum, und um die Snaredrums der Metal Foundry reihten sich im Studio sage und schreibe fünf Close-Mics. Dies wirkt sich neben dem letztendlichen Klang auch direkt auf den Mixer in der Software aus, der für jedes verwendete Mikrofon einen eigenen Kanal in petto hat. Trotz solcher grundlegenden Unterschiede macht die Engine eine Integration von Trommeln aus anderen Erweiterungen über die sogenannten X-Drums möglich. Da dies aus den genannten Gründen nicht immer sinnvoll sein muss, ist die Software aber nicht dazu ausgelegt, solche Neukombinationen in die Extreme zu treiben. Das Prinzip der X-Drums und vieles mehr wird in unserem ausführlichen Testbericht zum Superior Drummer 2 erklärt.

Bevor es nun richtig mit dem Test losgeht, bekommt ihr ein MIDI-File zu hören, das ohne viel Drehen und Schrauben durch die Standard-Presets der Core-Library und der verschiedenen Erweiterungen gejagt wurde. Schon hier wird deutlich, dass sich die vier SDX-Pakete zum Teil durch sehr unterschiedliche klangliche Eigenschaften auszeichnen.

Klang- und Stil-Philosophie
Die Roots SDX ging also aus dem Vorsatz hervor, eine Jazz-Library für den Superior Drummer zu kreieren. Dazu stellen sich zunächst einmal zwei Fragen: Was macht einen klassischen Jazz-Drumsound eigentlich aus, und welche Anwendungsgebiete gibt es dafür?

In Bezug auf den Klang regiert im klassischen Jazz vor allem die Natürlichkeit. Eine Snare Drum wird in der Regel nicht von Kompressoren plattgebügelt und so hochpoliert, dass sie dem Hörer förmlich ins Gesicht springt. Eine Bass Drum hat nur selten den Sub-Bass Anteil, der moderne Pop-Produktionen auszeichnet, und oftmals wird sie sogar vielmehr wie ein weiteres großes Tom behandelt (wie z.B. im Bebop und seinen Abkömmlingen). Die Stimmungen von Toms und Bassdrum sind tendenziell eher hoch, Ride-Becken verzichten bewusst auf einen perlenden „Ping“, und insgesamt scheut sich ein klassischer Jazz-Sound nicht vor singenden Obertönen, sondern verlangt oft sogar nach ihnen, um einen möglichst offenen und dynamischen Charakter zu erlangen.

So viel zu den archetypischen Klangeigenschaften. Aber was fängt man damit nun an? Es gibt wohl kein anderes musikalisches Genre, in dem das Wort „Personalstil“ für Instrumentalisten so groß geschrieben wird wie im Jazz. Die Musik entsteht zumeist aus dem Moment, Musiker gehen spontan aufeinander ein, fassen Ideen auf und entwickeln sie weiter oder kontrapunktieren sie in ihren Improvisationen, und all dies tun sie auf höchst individuelle Weise. Der Musiker selbst und seine musikalische Ausdrucksweise sind dabei mindestens genauso wichtig wie das Stück, das gespielt wird, und natürlich gehört auch der persönliche Sound zu den Facetten einer eigenständigen Klangsprache. Dass in einem solchen musikalischen Kosmos relativ wenig Platz für Drumsamples aus der Dose ist, die dabei auch noch so tun, als wären sie echt, versteht sich eigentlich von selbst. Unter Puristen wird oft schon der bloße Gedanke, eine Jazz-Platte mit Sample-Drums aufzunehmen, als unerhörter Frevel gelten. Eine reine Jazz-Library wäre also höchstwahrscheinlich dazu verdammt, ihre Anwendung hauptsächlich in zweckorientierten Produktionen von jazzigen Weihnachts-Jingles, Soundtracks zu Mafia-Games oder in den traurigeren Fällen sogar von Fahrstuhlmusik zu finden. Diese Problematik hat Toontrack offenbar erkannt und dementsprechend das Feld bedeutend weiter gefasst.

Bigger Than Ever
Die Roots SDX ist die bislang umfangreichste Erweiterung für den Superior Drummer und wurde aufgrund des hohen Datenvolumens von ca. 64 GB in zwei - separat und im Bundle-erhältliche - Parts von etwa 36 GB (Sticks) bzw. 28 GB (Brushes, Rods & Mallets) veröffentlicht. Die Untertitel „Sticks“ und „Brushes, Rods & Mallets“ sind äußerst bezeichnend und beziehen sich auf die Art der Stöcke, mit denen die Trommeln eingespielt wurden. Im leicht vergünstigten Bundle-Angebot erhält man also, gemessen am Speicherumfang, fast das Doppelte der Metal Foundry SDX, die selbst wiederum ein Vielfaches der anderen Erweiterungen auf die Datenwaage bringt. Verglichen mit der Jazz EZX für den EZdrummer beinhaltet die Roots SDX sogar etwa das 85-fache an Samples.

Für das Recording der Library verschlug es das Toontrack-Team ein weiteres Mal nach Nashville, wo auch schon die Drum-Sounds für die Music City USA SDX aufgenommen wurden. Die musikalische Metropole und Hauptstadt der Country-Music im Norden von Tennessee ist bekanntlich ein echter Kulminationspunkt von außergewöhnlich vielen Plattenfirmen und Tonstudios. Der Aufnahmeort der Wahl war diesmal das vergleichsweise junge Blackbird Studio, das 2002 gegründet wurde und sich seitdem eine ansehnliche Klientenliste erarbeiten konnte. Um ein Zentrum der Jazz-Geschichte handelt es sich hier zwar nicht, das verwendete Equipment hat aber trotzdem das Zeug, den audiophilen Musikliebhaber in Ehrfurcht schaudern zu lassen.

Als Herz der Studiotechnik kam ein Neve 8078 Pult zum Einsatz, das seinen Dienst lange Zeit in den geschichtsträchtigen Motown Studios verrichtete und später Privateigentum von keinem Geringeren als Donald Fagen war – seines Zeichens Sänger und Keyboarder der Band Steely Dan. Neben den internen Preamps wurde unter anderem ein RCA OP-6 verwendet, der aussieht wie ein Funkgerät aus dem zweiten Weltkrieg und mindestens genauso alt ist, aber garantiert besser klingt. In Bezug auf die verwendeten Mikrofone fällt auf, dass neben den üblichen Verdächtigen, wie dem Shure SM57, oder gängigen Vintage-Schätzen, wie dem Neumann U47, verhältnismäßig viele Bändchenmikrofone zum Einsatz kamen, die für Natürlichkeit und ein sehr gutes Impulsverhalten bekannt sind und in den letzten Jahren eine echte Wiedergeburt erlebt haben.

Die Stöcke bzw. Besen, Hot-Rods und Mallets schwang Roy “Futureman” Wooten, den der ein oder andere vielleicht von der Fusion-Formation Béla Fleck and the Flecktones kennt, bei der er auf der Bühne oft mit seiner selbst entworfenen Drumitar, einer äußerst merkwürdigen Mischung aus Keyboard, Gitarre und Drum-Pad zu sehen ist. Bei der Aufnahme bediente er aber natürlich die klassischen Varianten des Drumsets, und laut Toontrack bemühte er sich dabei, jeden einzelnen Schlag als Teil eines größeren musikalischen Flusses zu sehen.

Aufgenommen wurden drei Kits aus den Häusern Pearl, Ludwig (auch in abgedämpfter Form) und Gretsch. Zugang zu einer so extrem umfangreichen Rüstkammer wie in der Metal Foundry SDX erhält man hier also nicht. Die Kits verfügen über jeweils zwei bis maximal vier Toms und können weiterhin mit einigen zusätzlich gesampelten Trommeln kombiniert werden, die nicht zur Standardausstattung gehören. So finden sich beispielsweise ein einzelnes 16“ Tom von Slingerland und eine gigantische 28“ Marching Bass Drum von Camco, die echte Vintage-Gefühle weckt.

Auch die Anzahl von Snare Drums und Becken ist vergleichsweise überschaubar. Die Quantität der enthaltenen Sounds ist in der Library also (vor allem gemessen am vereinnahmten Speicherplatz) gar nicht so hoch, wie man es erwarten könnte. Ob dies für eine andererseits hohe Qualität spricht, werden wir im Praxis-Teil des Tests herausfinden.

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