Gitarre Vocals_Effektgeräte
Test
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27.01.2010

Praxis

Zunächst schließe ich meine Abhöre und ein dynamisches Mikrofon an und stelle den richtigen Mikrofonpegel ein. Dazu halte ich den Taster Reverb lange gedrückt und singe dann - auf Kommando des Displays - ein paar Sekunden mit der maximalen Lautstärke, in der ich zu singen gedenke. Und das war’s auch schon. Der Pegel wurde automatisch erkannt und festgelegt und bei meiner folgenden Session hatte ich keinerlei Probleme mit Übersteuerungen. Wer möchte, der kann im Edit-Menü auch manuell den Mic-Eingangspegel nachregeln. Zunächst wende ich mich „Tone“ zu und spiele mit den Parametern von Kompressor, Gate, De-Esser, EQ und Gate herum. Etwas Vorkenntnis oder das Erlernen dieser Effekte gehört sicherlich dazu, aber soviel falsch machen kann man hier nicht, besonders dann, wenn man die gut funktionierende, automatische Anpassung (adaptive) wählt. Sicherlich werden einige fortgeschrittenen Studio-Cracks bei solch „liebloser Konsumentenausrichtung“ mit den Augen rollen. Aber ich behaupte, dass solche Vereinfachungen für den Sänger auf der Bühne oder auch im Proberaum die Benutzung eines so komplexen Instrumentes wie das VoiceLive2 meist erst möglich machen. Und überhaupt: Es ist doch schön, wenn man sich voll und ganz auf seine Sangeskünste konzentrieren kann und die Maschine ihren Job macht.

Klanglich macht der digitale Kanalzug „Tone“ seine Arbeit sehr gut und verhilft zu einem deutlich verbesserten Gesangssound. Das wird insbesondere dann deutlich, wenn man ihn einfach mal zum Vergleich bypasst. Der EQ klingt neutral und hochwertig, wie man es von Produkten aus dem Hause TC kennt, Gate und De-Esser arbeiten weitgehend unauffällig und sehr effektiv, der Kompressor macht das, was er soll: lauter und präsenter. Das Mikro ist angeschlossen und der Kanalzug ist auf die Bearbeitung meiner Stimme optimal vorbereitet. Ich probiere einige der zahlreichen Voreinstellungen, die ich mit den Preset Up/Down-Knöpfen aufrufe. Je nach Programm höre ich mich entweder als Teil eines Gospelchors, einer Boygroup oder Countryband, als Radiosprecher mit sexy tiefer Stimme, oder – nicht weniger sexy - wie ein Elvis-Imitator aus dem Küchenradio. Auf Anhieb erklingen Unisono-Chöre oder passende Harmoniestimmen in Terzen und Quarten: Dur-Akkorde. VoiceLive2 verwendet dabei das Analyseverfahren “Auto Input Sense“.

Um bestimmte Harmoniestimmen zu erzeugen, hat man die Möglichkeit, eine Gitarre oder ein MIDI-Keyboard anzuschließen, eine bestimmte Skala auszusuchen oder einen kompletten Audiomix in den Aux-Eingang hineinzuleiten. Ich nehme zunächst ein MIDI-Keyboard zuhilfe und jamme etwas über eine berühmte A-Cappella Hymne. Hier meine Annäherung an einen Klassiker:

In den Audiobeispielen zwei bis vier habe ich ein paar Effekte ausprobiert, die man in den Prozessoren von „Mod“ und FX“ findet. Im Beispiel vier habe ich die Programme während des Einsingens weitergeschaltet, die Ladezeiten sind, wie man hören kann, sehr kurz. Besonders die Megafon-, Distortion- und Hardtune-Effekte des Prozessors „FX“ gefielen mir sehr gut. Aber unter µMOD findet man einige gute dezentere Chorus- und Flangertypen, Auto-Panning, RotorFX sowie metallisch klingende bis robotartige Verfremdungen. Effekte können auf die Leadstimme wie auf die Chorstimmen angewandt und mannigfaltig editiert werden. Hier tut sich eine regelrechte Spielwiese auf und auch anspruchsvolle Soundvorstellungen können hier gut umgesetzt werden. Wie eingangs schon erwähnt: Ein Vocoder, ein Kaoss-Pad oder ein artifizieller Vocal-Transformer ist das VoiceLive2 nicht.

VoiceLive2 analysiert Gitarrenakkorde, einen kompletten Instrumentalmix oder ein MIDI-Signal in Bezug auf Tonhöhe und Tongeschlecht (Dur oder Moll). Akkordumkehrungen sind in den meisten Modi egal, wichtig ist nur, dass man Grundton und Terz verwendet. Daraus bildet VoiceLive2 eine Begleitung aus passenden Intervallen wie Terzen und Quarten. Je nach Programmeinstellung werden dabei mehr höher oder tiefer angelegte Stimmen errechnet, auf Wunsch auch in bestimmten Intervallabständen wie Terzen oder Oktaven. Vier eigenständige Harmoniestimmen plus Dopplung kann VoiceLive2 erzeugen, wenn man die MIDI Notes Modi wählt, sogar acht. Dazu gleich mehr. Spielt man nur einen Ton, interpretiert VoiceLive2 diesen als Grundton und erzeugt dazu einen Dur-Akkord. „Humanize“ heißt ein wichtiger Parameter in den Einstellungen des Harmony-Prozessors. Er sorgt mit leichten Verstimmungen und Verzögerungen für einen realistischeren, natürlicheren Klang, so weit das eben möglich ist. Perfekt ist es halt nur, wenn es nicht ganz perfekt ist ...

 

Bei dem oben beschriebenen Verfahren werden also nicht real erklingende Töne auf die Stimmen des VoiceLive2 übertragen, sondern gemäß den Programmeinstellungen passende Harmonietöne um die Leadstimme herumgebaut. Das Erzeugen von Harmoniestimmen mit Quartvorhalten, Septimen, Nonen und alterierten Akkorden ist auf diesem Wege so gut wie nicht möglich. Wohl aber mit dem Modus „MIDI Notes“,  den man unter Edit-Menü-> „Harmony“->„Natural Play“ anwählt. Nun erzeugt VoiceLive2 genau die Stimmen, die man mit einem MIDI-Keyboard vorgibt. Bis zu acht eigenständige Stimmen sind auf diese Weise möglich, allerdings ohne Doppelungen.

 

Als Nächstes kommt meine E-Gitarre zum Einsatz. Ich verkabele sie mit dem Gitarreneingang an der Rückseite und teste, ob der Harmonizer hier genau so zuverlässig arbeitet wie bei der MIDI-Variante. Sofern ich sauber spiele und meine Gitarre gut gestimmt ist, funktioniert das einwandfrei. Mir fällt dabei auf, dass ich mein Gitarrenspiel nun mehr auf die Gesangsharmonien abstimmen muss, auch rhythmisch. Denn oft macht der Gesang synkopische Vorzieher, wo die Gitarre die gerade Zählzeit betont. Das klingt im Zusammenspiel mit den Harmoniestimmen jedoch nur bedingt gut, weil sie ihren Akkord dann auch erst auf der geraden Zählzeit ändern. Andererseits kann man diesen Umstand auch begrüßen, weil die Chorstimmen nicht immer so an der Leadstimme „kleben“ und mehr der Eindruck entsteht, ein „unabhängiger Backgroundchor“ ist hier am Werke. Also beides gut.
Ganz allgemein verhält sich das VoiceLive2 sehr entgegenkommend, alles ist übersichtlich und die Edeltretmine weiß auch meinem Tastsinn zu gefallen. Man kann schnell loslegen und erzielt schnell brauchbare Ergebnisse. So muss ich selten ins etwas mickrig geratene Manual schauen. Bis man das VoiceLive2 jedoch wirklich ganz beherrscht, ist einige Eingewöhnungszeit nötig. Denn dieses Gerät kann sehr viel!

Info: Für Februar 2010 ist ein Update des Betriebsystem mit vielen Verbesserungen und Erweiterungen angekündigt. http://www.tc-helicon.com

 

Und dann wäre da ja noch der Effektprozessor für die Gitarre des Sängers. Hier einige Audiobeispiele, die ich mit einer E-Gitarre und einer Akustikgitarre (mit Humbucker im Schalloch) aufgenommen habe.

Eines der Features des VoiceLive2 ist die Harmonieerkennung aus einem Instrumentalmix. Das ist sensationell, das gab es bisher noch nicht in einer „Tretmine“! Dass ein Prozessor aus einem MIDI-Signal Harmonien erzeugen kann, finde ich gar nicht so weit hergeholt ... aber ob das wirklich mit einem Audio-Playback funktioniert, darauf war ich vor dem Test sehr gespannt.
 
Bei Harmonieanalyse per Audiosignal sollte man sein Playback jedoch gut auf diesen Zweck abstimmen. Schwierig sind zu „jazzige“ Akkorde oder viele sich überlagernde Stimmen, verzerrte Klänge und selbstredend natürlich auch Parts, in denen nur Bass und Schlagzeug zu hören sind. Sie können zu Fehlinterpretationen des Harmonizers führen. Auch das Timing, also auf welcher Zählzeit die Akkorde im Playback erklingen, ist wichtig! Am besten funktionieren sparsame und aufgeräumte, brillant klingende Mixe mit möglichst wenig verzerrten Sounds und wenig „Hall-Soße“.

 

Gesangs-Session mit Achim Degen
Für eine weitere Studiosession konnte ich Achim Degen gewinnen, ehemals Sänger der Gruppe Six Was Nine, die in den 90er Jahren mit „Drop Dead Beautiful“ einen großen Hit hatte. Ich habe für diese Session ein paar Instrumentals vorbereitet und Achim hat mir mit einem Shure SM7B ein paar Takes eingesungen. Alles live, alles eine Stimme, keine Recording-Tricks.

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