Gitarre Hersteller_TC_Electronic
Test
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29.04.2013

Praxis

Schon ohne Effektierung zeigt der Preamp seine Zähne. Unter Studiobedingungen bin ich nicht so erbaut vom Klang der Helicon VoiceTones und ihrer Derivate, allerdings ist er im Live-Betrieb vor allem eines: durchsetzungsfähig! Und das ist natürlich gut! Vergleicht man jedoch mit hochwertigen Studio-Preamps, ist schon klar, dass der Mic Pre des Harmony Singer vor allem bezüglich der Transparenz ein wenig hinten anstehen muss. Auch hochwertige Live-Konsolen verfügen im Regelfall über klarere und natürlichere Vorverstärker.

Der Tone-Button bringt ordentlich Bewegung ins Spiel. An den zugrundeliegenden Algorithmen scheint nicht allzu viel geändert worden zu sein, zwar tritt eine deutliche Verbesserung ein, doch nicht alle Stimmen werden in allen Situationen dadurch ihre ideale Bearbeitung erfahren, das ist nur zu logisch. Der Engineer vorne am Pult hätte weitaus mehr Möglichkeiten. Im Zweifel muß man ausprobieren, ob die Bearbeitung der eigenen Stimme und ihrer Aufgabe im Gefüge des Bandsounds generell geeignet ist und ob sie spezifisch zu P.A. und Raum passt. Wenn der Tontechniker hinter dem Pult den Kopf schüttelt und herüberruft "Lass das bitte aus, das ist hier eher eine Verschlimmbesserung!", dann sollte man seinem Urteil ruhig glauben schenken und nicht antworten "Das mache ich aber immer so!". Aber natürlich hat man bei Helicon nicht wild einfach irgendwelche Parameter eingestellt: Das De-Essing, besonders aber die (dem Klangergebnis nach zu urteilen) verwendete Multiband-Compression und die anderen Bearbeitungsschritte sind erstaunlich ausgewogen, wenn man bedenkt, dass sie wirklich nur ein- und ausgeschaltet werden können! Und noch etwas sind sie: schnell! Eine AD/DA-Wandlung mit Insert-Processing ohne nennenswerte Latenz bei vernünftiger Qualität hinzubekommen, das ist schon ein kleines Kunststück!

Ebenfalls erstaunlich flott geht es bei der Generierung der Harmoniestimmen zur Sache. Sogar die Analyse des Gitarrensignals ist schnell genug – und sicher. Es  bleibt natürlich die generelle Problematik, dass vor allem bei Pickings oftmals einige Zählzeiten ins Land gehen, bis die Lage etwa der oberen Terz deutlich wird. In die Zukunft sehen kann nun mal kein Prozessor.

Natürlich klingen die generierten Stimmen, wenn man sie einzeln mit kritischem Ohr abhört, ein kleines bisschen clean und starr. Schließlich haben wir 2013 und nicht 2031. Ich muss unweigerlich an Alben von Bon Iver denken (die aber leider mit gesungenen Chören besser klingen würden). Doch im Bandkontext ist alles in bester Ordnung, wenn man den Zumischpegel unter Kontrolle hält – erst recht live. Obwohl: Das Klischee besagt ja, dass Gitarristen mit der Pegelkontrolle so ihre Problemchen haben können. Aber das ist ja nur ein Klischee.

Die erstellten Intervalle sind mit maximal einer Sexte nicht gerade riesig, vor allem der oftmals eher problematische Bereich der höheren Chorstimmen ist durch die Verwendung einer Quinte nicht zu weit vom Original entfernt. Dafür, dass man keinerlei Parameter einstellen kann, ist die Soundqualität absolut ordentlich. Es gibt kaum Irritationen, nervöse Sprünge lassen sich im Zaum halten, wenn man "mit dem Effekt" zu spielen lernt. Einfach drauflosspielen, singen und auf die Technik vertrauen geht am ehesten mit einer einzelnen Quintschichtung, vielleicht noch mit darunterliegender Quart. Doch auch hier sollte man vorsichtig sein, sich nicht mit dem gesungenen Grundton auf die Septime eines Septakkord oder dergleichen zu setzen, wenn man mit dem eigenen Instrument diesen Akkord nicht vollständig spielt – sondern nur die Terz und Quint davon beispielsweise – dann sind wir harmonisch schnell bei ganz harter Kost. Aber wenn man Songs ein paar mal mit dem TC Helicon Harmony Singer gespielt hat und auf derartige Probleme geachtet hat, sollte alles kein Problem sein.

Die Reverbs sind ganz nach Art des Hauses deutlich gezeichnet, doch wurden die Erstreflektionen offenbar etwas zurückgefahren, um nicht zu sehr in das Direktsignal hineinzustechen. Dadurch erhält man einen nicht zu stark färbenden und irritierenden Reverb-Effekt, der seine Aufgabe – das Verbinden der Signale und das"Auskleiden" sehr gut erfüllt. Allerdings sind die Nachhallfahnen auch nicht so dicht wie bei großen Prozessoren und ein wenig mehr "grainy". Schade ist natürlich, dass es so gut wie keine Einstellmöglichkeiten gibt – das könnte nach meinem Geschmack gerne etwas seriöser gelöst worden sein. Auch wenn der Platz recht beengt ist – eine Plate hätte ich mir noch gewünscht!

Was mir immer ein wenig Bauchschmerzen bereitet, ist die Tatsache, dass der Engineer im Livebetrieb mit dem Signal leben muss, dass ihm die Kiste unter dem Fuß und der Kontrolle des Gitarristen ausgibt. Sind die Chöre zu laut oder das Signal durch zu viel Reverb zu matschig, hat er keinerlei Handhabe, das zu verändern, wenn der Gig einmal im Rollen ist. Auf die Bühne rennen und ein (ihm vielleicht unbekanntes) Gerät in den Parametern zu verändern, das ist auch keine Lösung. Der Engineer fängt meist mit seiner Arbeit da an, wo das Instrument aufhört. Und ein Harmony Singer ist zweifelsohne Bestandteil des individuellen Setups. Soll dieses Setup bezüglich der Einstellungen ein wenig ausgefuchster sein, sollte man sich übrigens überlegen, ein wenig mehr Geld in die Hand zu nehmen und auch mehr Zeit für Einstellungen und Einarbeitung zu investiere: Bei TC Helicon gibt es auch bezahlbare umfangreichere Effektgeräte. Vielleicht kann man ja andersherum auf den einen oder anderen Bestandteil des Harmony Singers verzichten? Dann tut es vielleicht eine Stompbox aus der VoiceTone-Single-Serie. Das H1 ("Harmony") und das R1 ("Reverb") fallen mir da als erstes ein.

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