Software
Test
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16.12.2014

Sugar Bytes Egoist Test

Virtuelle Groove-Maschine

Wer hat Angst vorm Slice-Wolf?

Die Berliner Software-Schmiede Sugar Bytes hat sich mit innovativen Produkten wie dem Effekt-Sequencer Effectrix, dem Basssynthesizer Cyclop oder auch dem WOW-Filter in der Musiker- und Remixer-Gemeinde bereits einen guten Namen gemacht. Nun präsentieren sie uns mit Egoist ihren neusten Streich. Bei dieser Software handelt es sich um eine virtuelle Groovebox mit integriertem Groove-Slicer, der zuvor in Stücke geschnittene Loops via Step-Sequencer rearrangiert. In gewohnter Sugar-Bytes-Manier hält dieses virtuelle Instrument eine Menge Tricks zur Sound- und Beat-Bearbeitung bereit. So lassen sich beispielsweise die einzelnen Sequencer-Schritte per „Randomizer“ im Zufallsprinzip anordnen, auch ein Reverse-Betrieb einzelner Abschnitte ist möglich. Außerdem verfügt die Software über eine Drum-Maschine mit 1000 verschieden Sounds sowie einen Bassline-Synth mit drei verschiedenen Filtertypen. Für eine Investitionssumme von knapp 100 Euro bekommt man auch gleich noch einen vollwertigen Song-Sequencer mitgeliefert. Egoist lässt sich standalone und als Plugin verwenden.

Das ist schon eine stattliche Feature-Liste, die wie Musik in meinen Ohren klingt. Doch es stellt sich mir auch die Frage, für wen die Anschaffung denn interessant sein könnte und was die Software in der Produktion oder während einer Performance zu leisten vermag. Die Klärung folgt auf dem Fuß.

Details

Mein Test erfolgt auf einem iMac mit 2,4 GHz Core2Duo Prozessor und 4 GB Arbeitsspeicher unter Mac OS X 10.8.5. Auf der Sugar-Bytes-Website lade ich mir durch die Eingabe meiner E-Mail-Adresse und der Seriennummer eine aktuelle Vollversion (1.0.4) der Egoist-Software herunter, aufgeteilt in das Hauptprogramm (Dateigröße circa 43 MB) und die dazugehörige Sound-Library (Dateigröße circa 660 MB). Ein Doppelklick auf die Installationsdatei startet den Vorgang: Zunächst einmal wird geprüft, ob mein Rechner die Grundvoraussetzungen für die Installation erfüllt. Nachdem mein Computer diese Hürde genommen hat, kommen die üblichen Schritte: Lizenzbedingungen zustimmen, Installationstyp bestimmen, Plug-in Format (VST, AU, RTAS und AAX) auswählen und nach ein paar Minuten ist die Prozedur erledigt. Dann banne ich auch gleich die dazugehörige Klangbibliothek auf meinen Computer und starte im Anschluss den Rechner neu. Ich klicke auf das Egoist-Icon in meinem Programmordner und nach gut sieben Sekunden ist die Software (Standalone-Betrieb) einsatzbereit. Echt flott, da kann man nicht meckern.

Benutzeroberfläche

Um einen ersten Überblick zu gewinnen, verwende ich die Software zunächst im Standalone-Modus. In den Voreinstellungen wähle ich mein Motu 828 MKII als Audio/MIDI-Interface aus. Die Egoist-Bedienoberfläche ist in vier verschiedene Hauptbereiche unterteilt:

  • Egoist (Settings)
  • Effects
  • Bass & Beat
  • Slicer

Bei „Egoist“ handelt es sich um ein Menü mit diversen zusätzlichen Voreinstellungen. Hier finde ich unter anderem eine Tonhöhenkorrektur für den Slicer (+/-100 Cent), den Basssynthesizer (+/-100 Cent) und den Master-Output (Bass und Slicer zusammen). Diese ist ebenfalls um +/-100 Cents veränderbar. Bei der Max-Out-Funktion handelt es sich um einen praktischen und erstaunlich gut klingenden Maximierer, der den Pegel des Ausgangsmaterials durch eine entsprechende Limiter/Kompressor-Einheit auf 0dB anhebt und begrenzt. Ich würde diese Einheit zwar eher nicht in einer professionellen Musikproduktion verwenden, doch wer den Egoist live einsetzten möchte, kann seinen Sound auf einfache und sehr effektive weise „fetter“ klingen lassen.

MIDI-Einstellungen werden ebenfalls in dieser Sektion festgelegt. Die Clock-Source bestimmt, wie die Software gestartet und gestoppt wird. Es gibt drei Einstellungen:

  • Internal: Start per MIDI-Note, immer von Beginn (außer bei Legato)
  • External: Start per MIDI-Note ab aktueller Song-Position
  • External & Host Start: Playback wird zur Host-DAW synchronisiert.

Mit „CC Map“ lassen sich außerdem Continuous Controller MIDI-Mappings laden und abspeichern. Und die Funktion „CC Preset Isolate“ sorgt auf Wunsch dafür, dass Veränderungen der Continuous Controller (MIDI-Learn) nicht in den Presets abgespeichert werden.

Slicer, Wellenformanzeige & Co

Das Herzstück und „Kreativzentrum“ des Egoisten ist ohne Zweifel der Slicer. Hier können Klangfetzen und Audiofiles geladen und „durch den Wolf gedreht“ werden. Die mitgelieferte Library stellt mir insgesamt 350 Samples in 16 verschiedenen Ordnern zur Verfügung. Das Angebot an „zerstückelbaren“ Sounds ist vielfältig und von guter Qualität. Von Piano-Loops über Synths und Akustik-Schlagzeug bis zu Percussion-Schleifen ist alles dabei. Ich konnte mich am Egoist so einige Stunden ausführlich „austoben“, ohne dass ich dafür eigenes Klangmaterial benötigt hätte. Aber selbstverständlich kann die Software auch externes Audiomaterial verarbeiten:

Über die Funktion „Load Sample“ importiert Egoist auf Wunsch Audiomaterial in den Formaten Wav, Aiff, und MP3. Im oberen Teil des Fensters sind zwei Wellenformdarstellungen der verwendeten Datei zu sehen. In der oberen Anzeige lässt sich ein Abschnitt des betreffenden Sounds auswählen, aus dem dann die Slices erstellt werden. Diese sind in der unteren, größeren Anzeige visualisiert. Die Erstellung der 3 bis 16 Sample-Versatzstücke erfolgt anhand der erkannten Transienten. Zur Konfiguration gibt es den Empfindlichkeitsregler „Sensitivity“, der sich stufenlos zwischen 0 und 100 Prozent justieren lässt. Alternativ darf ich die Sample-Stücke auch mit einem Zufallsgenerator positionieren. Die Startpunkte der Sample-Slices können außerdem manuell ausrichtet werden. Das geht sehr intuitiv von der Hand.

Die Tonhöhe des gesamten Samples lässt sich praktischerweise um +/-24 Halbtöne verschieben und die Länge der wiedergegebenen Slices ist mit dem Length-Regler von 0 und 100 Prozent variierbar. Mit dem Envelope Slider kann ich außerdem auf simple und effektive Art und Weise die Decay- und Hold-Zeit der Slices stufenlos verändern. Der Parameter „Max Out“ dient zur Verringerung der Lautstärkeunterschiede zwischen den einzelnen Scheibchen. Selbstverständlich lässt sich das Sample mit dem Vorhör-Button auch in seiner ursprünglichen, vollständigen Form wiedergeben. Auch die einzelnen Slices und das Klangmaterial, das sich „hinter“ den Slices befindet, sind abrufbar.

Step-Sequencer

Mit dem dazugehörigen Step-Sequencer lassen sich die einzelnen Slices spielerisch und mühelos arrangieren. Eine Art Schieberegler bestimmt, welche Sample-Versatzstücke auf den 16 Steps wiedergegeben werden. Die Bearbeitungsmöglichkeiten des Step-Sequencers sind wirklich sehr vielfällig. So lassen sich einzelne Schritte stummschalten oder die Abspielrichtungen auf Wunsch umkehren. Ebenfalls veränderbar sind die Lautstärken sowie die Attack- und die Decay-Zeiten der einzelnen Steps. Die Tonhöhen der Sequencer-Schritte können auf Wunsch um bis zu zwölf Halbtöne angehoben oder abgesenkt werden. Ferner kennt die Laufrichtung und Abfolge des Step-Sequencers vier verschiedenen Modi, beispielsweise vorwärts oder rückwärts. Ein stetiger Wechsel (vor und zurück) und ein Abspielen nach dem Zufallsprinzip sind ebenfalls möglich. Besonders die letztgenannte Option sorgt für sehr interessante Rhythmen und Klangfolgen, die auf „konventionelle“ Weise wahrscheinlich so nie entstehen würden. Außerdem ist es möglich, die Anordnung der einzelnen Sequencer-Schritte mithilfe entsprechender Buttons schrittweise vor- oder zurückzusetzen und zu verschieben. Ein schrittweises, kollektives „Auf- und Abbewegen“ der Step-Parameter ist kein Problem. Diverse Copy-Paste-Optionen stehen hier ebenfalls zu Auswahl. Und was die ganze Angelegenheit noch spannender macht, ist die Tatsache, dass der Slice-Sequencer aus vier zum größten Teil separat konfigurierbaren Sektionen besteht (Slices/Direction, Pitch, Attack/Decay und Level).

Basssynthesizer und Drum-Maschine (Bass/Beat)

Der Bass/Beat-Bereich offeriert mir, die mit dem Slicer erstellten Grooves mit einer Bassspur und einem Beat-Programming zu unterlegen. Beide Instrumente lassen sich mit den dazugehörigen Step-Sequencern arrangieren. Der Basssynthesizer verfügt über Rechteck und Sägezahn als Klangerzeuger sowie über drei Lowpass-Filter mit unterschiedlicher Charakteristik (303, Moog und MS-20). Dazu bietet Egoist diverse Tuning-Optionen, wie Regler für Cutoff-Frequenz, Resonanz, Modulations-Amount, Decay/LFO-Rate, Drive und Amp-Decay. In der Rootnote-Sektion des Synthies wird der Ausgangston festgelegt. Als Arbeitsgrundlage gibt es 16 verschiedene, gut klingende Factory-Presets und die Möglichkeit, eigene Voreinstellungen abzuspeichern. Ähnlich wie im Slicer werden die Basstöne mithilfe eines dazugehörigen Step-Sequencers arrangiert. Die Noten lassen sich in verschiedenen Längen sowie als Glide-Noten einfügen. Die Tonhöhen der verschiedenen Steps sind um +/-12 Halbtöne veränderbar. Auch hier finde ich verschiedene Abspielrichtungs- und Copy-Paste-Optionen. Der Step-Sequencer der Software ist zwar recht rudimentär aufgebaut, aber gerade deswegen kommt man mit ihm auch schnell zum Ziel: ein brauchbares und groovendes Bass-Fundament nämlich. Außerdem liefert der Basssynthesizer einen druckvollen und warmen Sound, der einer Software in dieser Preisklasse mehr als gerecht wird.

Drums

Um die Grooves des Slicers und des Basssynthesizers mit einem Schlagzeug zu unterlegen, verwende ich die Beat-Sektion des Egoisten. Hier stehen mir 15 unterschiedliche Drum-Kits mit jeweils 32 Sets zur Verfügung. Die angebotenen Sounds/Kits sind sehr vielfältig (Akustik Drums, Drum-Machines, Percussions ...) und haben einen grundsoliden Klang. Zur Verfügung stehen Kicks, Snare Drums sowie Open und Closed HiHats. Der Egoist-typische Step-Sequencer der Beat-Sektion bietet drei Tracks, entsprechend der drei verschiedenen Sound-Arten (Kick, Snare und HiHat). Sehr gut gefällt mir, dass sich die unterschiedlichen Sounds und Drum-Kits beliebig miteinander kombinieren lassen. Die Lautstärken unterschiedlicher Klänge (Kick, Snare, HiHat) in der virtuellen Beat-Maschine lassen sich getrennt voneinander justieren. Außerdem sind diese drei Sounds unabhängig voneinander stimmbar. Ein stufenlos veränderbarer Attenuate-Regler bestimmt das Maß der Akzentuierung der leiseren Schlagzeugklänge. Der Ausgangs-Level der Beat-Sektion lässt sich mit dem Max-Out-Regler abgleichen.

Beat Step-Sequencer

Die Drum Sounds lassen sich in 16 Steps arrangieren. Kicks und Snares sind dabei in jeweils zwei verschiedene Anschlagsmodi (normal laut und leise) verfügbar. Seitens der HiHat gibt es vier unterschiedliche Sound-Optionen:

  • Closed HiHat (normale Lautstärke)
  • Closed HiHat (leise)
  • Open HiHat (normale Lautstärke)
  • Open HiHat (leise)

Auch der Step-Sequencer der Drums bietet die bereits erwähnten Werkzeuge, doch mit nur drei verschiedenen Typen von Schlagzeugklängen (keine Crashs, Toms) und nur zwei Lautstärkevariationen (laut/leise) ist die Drum-Abteilung des Egoisten als eher rudimentär anzusehen. Dennoch ist es erstaunlich, wieviel „Groove“ man dieser virtuellen „Beatbox“ entlocken kann. Das liegt nicht zuletzt an der guten, bis 99 Prozent einstellbaren Swing-Funktion. Aber hört selbst:

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