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29.10.2019

Studiostandards: Mic-Preamps

Die beliebtesten Mikrofon-Vorverstärker

Preamp-Classics

Fast alle Mikrofon-Signale müssen mit einem Preamp vorverstärkt werden. Manche Vorverstärkerschaltungen, wie sie in Smartphones, Computern und auch billiger Audio-Hardware zum Einsatz kommen, kosten nur wenige Cent, in den Online-Shops findet ihr aber auch einkanalige Vorverstärker, die für hohe vierstellige Geldbeträge gehandelt werden. Und manches alte Preamp-Schätzchen wechselt ebenfalls für erstaunlich viel Geld den Besitzer.

Der Einfluss von Mic-Preamps auf den Sound ist sehr unterschiedlich. Je nach verwendetem Mikrofontyp, vor allem aber je nach Qualität, Ausgangsimpedanz und Übertragungsfaktor des Mikrofons, und natürlich Beschaffenheit des Signals sind die Auswirkungen mehr oder weniger hoch. Und – das darf man nicht vergessen – manche klanglichen Eigenheiten machen sich erst dann bemerkbar, wenn mehrere Signale in den Genuss der Verstärkung kommen – wie es etwa bei Mischpult-Preamps der Fall ist.

Siemens / Maihak / Telefunken / AEG / TAB V72 und V76

Schon in den Zwanzigerjahren wurde der Grundstein für die Entwicklung zu einem der beliebtesten Preamps gelegt, dem V72, die Herstellung dieses Typs begann aber erst in den frühen Nachkriegsjahren. Der Kassetteneinschub wurde im Broadcast und für Klassikaufnahmen verwendet und in sehr hoher Zahl gefertigt. Das Design des mit nur sehr geringer und feststehender (!) Verstärkung von 34 dB arbeitenden Röhren-Mikrofonvorverstärkers wurde immer wieder verändert, erweitert und an spezielle Notwendigkeiten angepasst. Zwei EF804-Pentoden, aber natürlich auch die Übertrager sind maßgeblich für den erstaunlich lebendigen, griffigen Sound mit seinen deutlichen, aber nie zu spitzen Höhen verantwortlich. Die Amps werden bei zunehmender Zerrung sehr groß, mächtig und dick.

In der REDD.17- und REDD-37-Konsole der Abbey-Road-Studios (Fotostrecke) kamen Preamps der V72er-Reihe zum Einsatz – sogar für das Talkback-Mikrofon! Der V76 ist im Prinzip ein „vierröhriger“ V72, der auch mehr Verstärkung bietet – er zählt bei vielen Engineers als der heilige Gral unter den Röhren-Mikrofonvorverstärkern.

So, und jetzt müsst ihr ganz stark sein: Die „altmodische, längst überholte Technik“ wurde nicht selten verschenkt oder verschrottet. Wer ein Rack mit V76ern aus einem Abrisscontainer gefischt hat, kann also froh sein, denn wer heute einen V72 oder sogar V76 kaufen will, muss viel Geld bezahlen. Korrigiere: SEHR viel Geld. Man muss zudem bedenken, dass die Kassetteneinschübe natürlich nicht per se mit heutiger Technik lauffähig sind, sondern „gerackt“ werden müssen. Sonic World und Neue Heimat sind Beispiele für Custom-Racks, in denen die Module mit korrekter Spannungsversorgung, modernen Anschlüssen und Regelmöglichkeiten versehen werden können. Außerdem leiden einige Bauteile sehr mit der Zeit und müssen ersetzt werden. 

Wirklich „billig“ wird man an V-Preamps also nicht drankommen, obwohl es einige Unternehmen gibt, die sich mehr oder weniger an den Vorverstärker-Klassikern orientieren. Triton Audio aus den Niederlanden bieten den recht preiswerten D20 in verschiedenen Varianten an, eine geniale Lösung ist auch der REDD.47 von Chandler, eine Reissue der in der Abbey Road modifizierten V72-Preamps. Preiswert? Nein. Aber toll, wie der Testbericht zeigte.

RCA OP-6

Die Deutschen haben früher mit Kondensatormikrofonen gearbeitet, die Amerikaner mit Bändchen. Das ist natürlich etwas zu sehr vereinfachend, stimmt aber im Kern. Ribbons bieten sehr wenig Output und müssen kraftvoll hochverstärkt werden – ein Grund, weshalb viele Preamps als Tauchspulen- und Bändchen-Preamps alleine aufgrund des Gains ausfallen, das gilt für besonders viele von denen, die in Standard-Audio-Interfaces verbaut sind. RCA, der Mikrofonhersteller, den längst das Zeitliche gesegnet hat, hatte mit dem OP-6 einen mobilen Röhrenpreamp mit fast 90 dB Gain und griffigem, dreidimensionalem Klangbild im Programm, der besonders in der Folk- und Countryszene der USA sehr gefragt ist. Von Retro Instruments gibt es ein authentisches Re-Issue. Allerdings legt man für den Spaß auch 3500 Tacken auf den Tisch. Viel Geld für einen Single Channel Preamp…

Universal Audio 610

Sound-Basis des von Bill Putnam entwickelten Röhrenmischpults 610 war der Preamp. Heute ist der 610 in verschiedenen Varianten von Universal Audio verfügbar, am preiswertesten als „Solo“ im Desktop-Format für etwa 1000 Euro. 610er-Sound, damals wie heute, ist vor allem dafür bekannt, wirklich charaktervoll und dick zu sein. Das kann absolut genial sein und Signale fett, groß und – ich benutze das Klischeeadjektiv: amerikanisch machen. Doch Vorsicht: für manche Aufgaben ist das deutlich zu viel - etwa in der Kombination mit stark färbenden (Tube-)Mikros und Kompressoren wird man sich meist eine vorsichtigere Vorverstärkung wünschen. Eine recht preiswerte Möglichkeit, dem 610er-Sound nahezukommen ist, wenn man UAs Apollo-Interfaces neuerer Generation verwendet. Mit „Unison“-Preamps bekommt man diesen charaktervollen Klang gut hin und hat „nebenbei“ noch ein Interface und DSP-Power.

 

Tube-Tech MP-1A

Die Historie der Tube-Tech-Preamps beginnt spät (für ein Röhrengerät), nämlich in den 1980ern in Dänemark. Der MP-1A ist ein zweikanaliger Push-Pull-Preamp im 19“/2HE-Gehäuse, der für ein zwar griffiges, aber sehr aufgeräumtes und klares Klangbild und seine verhaltene Signalveredelung besonders auf Konsonanten abgöttisch geliebt wird (zum Beispiel von mir). Mit bald 4000 Euro war der Stereo-Preamp alles andere als günstig, wird aber in dieser Form seit zwei Jahren nicht mehr hergestellt. Der MP-2A, hier im Test und im Direktvergleich mit dem MP-1A, ist jedoch ein würdiger Nachfolger. Wie bei eigentlich allen Tube-Preamps muss man leider darauf hinweisen, dass es wirklich empfehlenswerte Budget-Alternativen im Grunde nicht gibt. 

Neve 1073

Ohne Röhren kommen die Preamps aus, die Rupert Neve entwickelt hat. Neben 1051, 1066 und 1081 ist es vor allem der 1970 erschienene 1073, vor dem die Toningenieure dieser Welt niederknien. Als hervorragender Compagnon für ein Neumann U 47 oder auch ein Shure SM7B gehandelt, werden 1073 und die späteren Derivate und Nachbauten besonders dort eingesetzt, wo es auf kernige, durchsetzungsfähige Mitten und sämige Höhen ankommt – Neve-Signale klingen direkt „teuer“ und werden besonders im Rock-/Pop-Sektor gerne eingesetzt. 1073 beginnen recht früh, zu zerren, allerdings sehr gut steuerbar und damit klanglich sehr angenehm.

AMS Neve bietet heute das 500er-Modul 1073LB für etwa 1000 Euro an, aber auch viele 19“-/Desktop-Varianten sowie die originale Preamp-/EQ-Kombination im speziellen Rackformat (dann allerdings für das gut Dreifache des Preises!). Hersteller wie BAE aus Großbritannien oder Heritage Audio aus Spanien haben sich dem „Cloning“ verschrieben und machen diesen Job hervorragend: Ich benutze von Heritage den `73 Preamp und EQ und bin nachhaltig begeistert. Wer Budget-Alternativen sucht, sollte sich bei Golden Age Project (Pre-73DLX, Pre-73 Premier) und Black Lion Audio (B173 – hier ist der Test)  umsehen sowie den Fredenstein V.A.S. anhören. Trotz anderen Gain-Stagings und preiswerten Übertragern, ist man klanglich durchaus in der Nähe – aber preislich in sehr vertretbaren Gefilden.

Focusrite ISA 110

Rupert Neves heutiges Unternehmen Rupert Neve Designs (RND) baut verschiedene flexible Preamps, bei denen per „Silk“-Schalter oder Regler das Feedback und somit die Körnigkeit geregelt werden kann. Die Preamps sind spitze, doch viele, die sich einen starken Soundstempel erwarten, werden eher enttäuscht. Ähnlich ist es bei einer anderen Firma, in der Sir Rupert Neve seine Finger im Spiel hatte: Focusrite. Heute vor allem als Hersteller von Audio-Interfaces bekannt, kommt von Focusrite ein Preamp-Design, das bis heute für einen musikalischen und detaillierten Sound steht, der sich aber nicht sehr in den Vordergrund spielt, nämlich der ISA 110. Typisch für Neve mit Coarse Gain und Fine Gain ausgestattet und hoher Maximalverstärkung, ist das in den legendären Focusrite Studio Consoles (von denen es nur zehn Stück gibt, hier ein Bericht) verbaute Design als eigenständiger Vorverstärker beliebt und verbreitet. Im ISA Two, dem Red 1 500 und vielen anderen Produkten des Unternehmens findet man Vorverstärker mit dem klassischen ff-Aufbau. Schön: Das gibt es auch für recht wenig Geld.

API 312 / 512c

Die transistorisierten API-Preamps bauen auf dem bekannten Operationsverstärker 2520 auf und gelten als "Punchmaster": Auch Signale, die enorm hoch verstärkt werden müssen, können ohne Verzerrung nach vorne gebracht werden. Und dieses "Vorne" ist buchstäblich gemeint, denn durch ihren etwas mittigen und präsenten Klang setzen sich Signale schon vor einer Bearbeitung sehr gut durch. Diese Eigenschaften machen den Vorverstärker zum Lieblingsamp vieler Rock- und Metal-Toningenieure, für Vocals (gerne mit dynamischen Mikros), aber auch für Gitarren und Drum-Signale. Aber selbstverständlich ist er auch in vielen anderen Recording-Situationen gut aufgehoben, so sind auch manche Eagles- und Prince-Alben über eine API-Konsole aufgenommen. API hat übrigens wie die meisten Hersteller mit dem Bau kompletter Mischpulte begonnen - in einem Modulformat, das heute als System 500 wachsende Anhängerschaft findet (hier Grundlagen und unser riesiger Testmarathon). Für ebendieses Kassettensystem gibt es Nachbauten des API-Amps, etwa von Warm Audio (WA 12 500). Das Original, der API 512c, ist aber auch heute noch verfügbar und kostet unter 1000 Euro – natürlich gibt es ein bonedo-Review zu diesem Preamplifier. 

Solid State Logic: SSL-4000-Preamps

Vielleicht hat der ein oder andere Leser beim Lesen gedacht „Wann kommt eigentlich endlich SSL?“ Nun: Jetzt. SSL-Preamps zählen zu den klareren, cleanen und sehr detaillierten, aber dennoch durchsetzungsfähigen Vorverstärkern. Die Transistorpreamps werden für ihre Vielseitigkeit geschätzt - mit ihnen "verbaut" man sich nie bei der Aufnahme spätere Bearbeitungsmöglichkeiten. Einen wirklichen Charakter kann man den Verstärkern nicht zuordnen, am ehesten denen der Mischpulte der 4000er-Serie – und auch dann nur minimale "Knackigkeit". SSL bietet seine aktuellen VHD-Preamps in verschiedenen Geräten an, mittlerweile gibt es sogar ein Modul für das 500er-System von API.

George Massenburg Labs GML 8302 & 8304, Forssell SMP-2, Grace Design m201 & m801 und andere High-Performance Clean-Amps

Wenn es um das letzte Quäntchen Detailliertheit, eine unveränderte Verstärkung auch steilster Transienten und dementsprechend klarer Darstellung von Positions- und Rauminformationen im Stereobild geht, dann müssen echte Hochleistungs-Preamps her. GML und einige andere Hersteller haben sich dem Bau möglichst idealer Verstärker verschrieben. Ideal bedeutet hier, dass der Preamp möglichst nichts anderes tut, als das äußerst pegelschwache Signal des Mikrofons auf Line-Level zu hieven. Jegliche Änderung im Pegelfrequenzgang, Phasenfrequenzgang, Hinzufügen von Rauschen, Verzerrungen oder sonstige Einschränkungen sollen dabei vermieden werden. Das gelingt den genannten Unternehmen mit ihren Preamps auch sehr gut. Allerdings sollte man wissen, dass so etwas nicht umsonst zu haben ist – pro Kanal ist man auch bei mehrkanaligen Amps meist mit etwa eintausend Euro dabei. Preiswerte Alternativen sind beispielsweise die Mic-Pres von True Systems, Sonum und der Fredenstein HD, der ein tatsächlich hervorragendes Preis-Leistungsverhältnis besitzt.

Honorable Mentions

Ich möchte nicht verschweigen, dass es weitere, durchaus interessante Preamps gibt. Unter den jüngeren ist besonders der gerne für E-Gitarren genutzte Germanium-Preamp von Chandler zu nennen, ein weicher Transistorverstärker, welcher bei Bedarf mit dem Feedback-Regler reichlich dreckig werden kann. Aber auch abseits davon sind Trident, Helios, SPL, Avalon, Maselec, RME und noch viele andere Firmen Hersteller von Preamps, die eine hohe Verbreitung hatten oder haben. Außerdem kann es durchaus klangliche Unterschiede bei fast gleichen Systemen geben, je nach Baujahr und Zustand.

Mikrofon-Vorverstärker schreiben keine Hits

Preamps können Signalen das gewisse Etwas mitgeben, dafür sorgen, dass man manche Eigenschaft von Raum, Instrument, Mikrofon und Performance überhaupt erst mitbekommt. Ein teurer Preamp alleine macht aber trotzdem nichts weiter, als ein Signal zu verstärken. Niemand singt deswegen gerade, kein Gitarrensolo verursacht Gänsehaut, kein Groove geht dadurch in die Beine. Werkzeuge sind Werkzeuge. Es ist auch wenig sinnvoll, ein sehr preiswertes Mikrofon mit einem teuren Preamp zu verstärken, von der Arbeit mit manchen dynamischen Mikros mal abgesehen. Eher das Gegenteil ist aber zu finden, denn ein teures Röhren-Kondensatormikrofon kann seine Stärken vor allem dann ausspielen, wenn es mit einem guten Vorverstärker betrieben wird. Und einem passenden Kabel. Und einem Wandler. Und entsprechender akustischer Umgebung. Und, und, und...

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