Recording
Workshop
2
15.09.2020

Praxis

Aufgabenbeschreibung

„Raum in Raum“ steht in meiner raumakustischen Laufbahn schon lange auf dem Wunschzettel. In vielen Studios habe ich bisher nur die Akustik und kaum den Schallschutz verbessert. Das fehlende Objekt und die fehlende Kohle haben mich auch privat bisher abgehalten – und einen Neukunden mit einem Testballon zu beglücken hielt ich für gewagt.

Doch wie es der Zufall will, sorgten bösartige Immobilienspekulanten dafür, dass ich mein Berliner Studio kurzfristig verlassen musste und nach einem neuen Anwesen Ausschau halten durfte – und das alles im Anfangsstadium des Lockdowns. Was ich damit sagen will: Es musste schnell gehen und es konnte nicht „perfekt, perfekt“ werden – aber als Fallstudie soll uns das nun Folgende genügen. 

Raum in Raum mit Trockenbau

Wie in den Details bereits angesprochen, war der alles ins Rollen bringende Anstoß folgendes Video vom amerikanischen Hersteller Texsa und seiner Tecsound-Folie

Das Video spricht für sich und zeigt eine interessante Alternative zu all den Overkill-Bauanleitungen, die man sonst so findet. Eine wirklich interessante Foto-Dokumentation mit einem gegensätzlichen „All-In-Ansatz“ findet man aber beispielsweise bei Amsterdam Mastering – wobei man mit jedem Bild auch förmlich die Euros dahinfließen sieht …

Mein Studio, die Ausgangslage


Wer hat, der kann – Zeit und Geld waren für mich jedoch deutlich begrenzter als bei Amsterdam Mastering. Auch die Zeiten, in denen man sich Gewerbeflächen in Berlin herauspicken konnte, sind längst vorbei. Die Auswahl war in Anbetracht der beginnen Coronakrise und meinem Zeitdruck nicht sonderlich groß. 

Zum Glück fand ich kurzfristig doch jemanden, der eine großflächige Lagerfläche gepachtet hatte und mit Trennwänden entsprechende „Studioflächen“ bereits abgegrenzt hatte. Jeder Raum ist dort von einem 75 mm dicken Alu-Ständerwerk umgeben, das von beiden Seiten doppelt beplankt wurde, also viermal Gipskarton und etwas Glaswolle dazwischen.

Zwischen einzelnen Studio-Parteien gab es außerdem doppeltes Ständerwerk und doppelt Glaswolle, der Estrich dazwischen wurde geschlitzt. Konkret waren es also somit 125 mm Wand zu den Gängen und 200 mm Wand zu den Nachbarn. Außenwände wurden nicht isoliert. Damit kann man arbeiten, zumal es keine Proberäume waren und eigentlich keine Bands nebenan spielen sollten.

Nun proben aber ausgerechnet meine Nachbarn regelmäßig in voller Besetzung und mit ordentlich lautem Schlagzeug sowie reichlich aufgedrehten Amps. Vor Baubeginn war klar: Hier muss was passieren und zwar ziemlich schnell. Schließlich hatte ich für den Rohbau nur 10 Tage Zeit, dann stand der Umzug des gesamten Equipments an! 

Wir haben uns zunächst auf eine weitere Vorsatzschale mit 50 mm Dämmung und einseitiger, doppelter Beplankung geeinigt. Es wurde leiser, aber ich hörte trotzdem ziemlich klar alle Instrumente heraus. Ungenügend, möchte man meinen.

Texsa Tecsound aka Dinaphon M6001/5,3

Damit hatte ich aber schon gerechnet und vorsorglich aus der Schweiz von Keller-Lärmschutz Dinaphon M 6001/5,3 bestellt – eine synthetische Schwerdämpfunsfolie auf Polymerbasis, visco-elastisch und bitumenfrei. Nur 5,3 mm dick und trotzdem massive 10 kg/m² schwer!

Wir entsinnen uns: Masse ist dein Freund. Und diese Folie ist extrem schwer, dünn und gut zu verarbeiten – aber nicht ganz günstig. Auf den Anbieter Keller Lärmschutz AG bin ich aber nicht einfach so gestoßen, sondern erst über Umwege habe ich von diesem erfahren. 

Es ist nämlich so, dass es Tecsound von Texsa in Europa gar nicht mal so wirklich gib. Wenn, dann wird nur in Kleinstmengen im Car-HiFi-Bereich verkauft, und das dann sehr teuer. In Deutschland konnte ich jedenfalls keinen Händler ausfindig machen. Keller in der Schweiz sowie eine weitere französische Firma wurden mir auf Anfrage offiziell von dem Amis als Anlaufstation in Europa genannt.

Da „Switzerdütsch“ näher am Deutschen ist und ich Kommunikationsprobleme vermeiden wollte, habe ich mich kurzerhand für Keller entschieden und möchte an dieser Stelle noch einmal explizit für die erstklassige und fixe Beratung durch Kurt Graf danken. Der war von meinem Vorhaben zunächst überrascht, konzentrierte sich die Firma doch hauptsächlich auf industriellen Lärmschutz.

Was man nicht unterschätzen sollte, ist der Aufwand des Imports. Und so kamen zu den rund 500 Euro für meine 22 m² Folie mit einem Gesamtgewicht von rund einer Viertel-Tonne noch einmal 300 Euro Transportkosten sowie Einfuhrzoll (6,5 %), Mehrwertsteuer (19 %) und Zollbearbeitungsgebühren hinzu. Alles in allem rund 1100 Euro für Folie für eine 20qm Wand in einseitiger Ausführung!

Zugegebenermaßen relativieren sich die Transportkosten bei größeren Mengen. Trotzdem: Einseitiger Vollausbau meines Studios hätte allein für Folie hätte rund 5000 Euro bedeutet. Also vier Wände, Decke, Fußboden, bei 48 qm Grundfläche und 4m Deckenhöhe gleich 210 qm Gesamtfläche sowie über 2 Tonnen zusätzliches Gewicht – bei nur einmal einseitig folieren!

Im Gegensatz zu stinkender und klebriger Bitumenfolie lässt sich Dinaphon – abgesehen vom Gewicht – einfach verarbeiten und ist auch absolut geruchsneutral. Die Folie hat außerdem bereits eine Klebeseite und ist bei jeder Temperatur elastisch. Schneiden lässt sie sich ebenfalls einwandfrei und meine Vorsatzschale war im Nu damit tapeziert.

In dem Tecsound-Video wird empfohlen, die Folie überlappend zu kleben, was Quatsch ist, da die Folie sauber in 1,2 m² großen Platten geschnitten ist und man sie so ohne Probleme auf Stoß verkleben kann. Immer schön von oben nach unten und an den Wandecken etwas überlappend. Anschließend habe ich noch ein weiteres mal Gipskarton aufgeschraubt, das ich unten auf die überstehende Folie aufgesetzt habe – und war vom Ergebnis „überrascht“.

Zwischenstand

Überrascht darüber, dass man die Nachbar-Band noch immer relativ klar hörte – wenn nun auch deutlich leiser. Das "restliche" Problem war aber eindeutiger zu lokalisieren, denn die Emissionen gingen kaum mehr von der behandelten Wand aus. Viel mehr war nun klar zu hören, dass sich die Emissionen vom nebenan über über die geteilte Außenwand, den Boden und vor allem über die Decke einschlichen, welche von massiven Stahlträgern, die sich durch das gesamte Gebäude zogen, getragen wurde.

So ernüchternd das Ergebnis für den ersten Moment auch scheinen mag, es war dennoch klar: die Wand-Konstruktion mit Folie funktioniert, der Rest tut es nur eben noch nicht. Bereits beim Verkleben viel auf, das die folierte Wand viel besser in sich dämpfte, was Freunde des gepflegten Tiefbasses schätzen sollten. Das „Umpf“ der Wand, wenn man kräftig auf sie klopfte, war fast vollständig verschwunden.

Wie geht´s nun weiter?

Ein „normales“ Abhängen der Decke kam für mich nicht in Frage, da ich die Akustik im Raum selbst noch optimieren wollte und mir die gute Deckenhöhe von fast 4 m nicht verbauen wollte. Eine Vorwand an die Decke plus zusätzliche Akustikmodule wären nicht nur aufwendig und teuer geworden, sondern auch bei Ausführung durch einen Laien-Handwerker wie mich, sicherlich statisch ein wenig gefährlich geworden.  

Schlussendlich haben ich Querbalken aus Holz und Ständerprofil gezogen und dahinter 350 mm Klemmfilz, verpackt in Folie, flächendeckend untergebracht und anschließend die Decke mit Stoff bespannt. An alle Wände kamen ziemlich viele hohe Plattenabsorber und zwischen diese Klemmfilz, mit und ohne Folie, bespannt mit Stoff. An die Stahlträger selbst konnte wir keine Schalung mehr bauen.

An die restlichen nackten Wände der Front habe ich außerdem den Rest der Folie geklebt und diese mit Pappelsperrholzplatten verschraubt, die auch noch vom Bau der Plattenabsorber übrig waren. Selbst dadurch wurde die Schallübertragung mittels Körperschall vom Nachbar-Studio unterbunden, schließlich teilen wir uns ja die Außenwand. Positiver Nebeneffekt: Optisch wirkte das Studio nun wie aus einem Guss mit seiner gebeizten Holzvertäfelung!

Alles in allem haben meine Maßnahmen eine gute Isolation gegenüber meinen Nachbarn erbracht. Die Band ist zwar noch immer zu hören, aber nun bedeutend leiser und so für mich nicht mehr störend. Der nächste Schritt wäre die Isolation des Bodens – aber wie sagt man so schön: Man soll die Kirche im Dorf lassen. Ich bin jedenfalls jetzt sehr zufrieden mit meinem Ergebnis! 

Zwischenfazit

Rückwirkend betrachtet denke ich, man hätte sich die zusätzliche, dritte Trennwand sparen können. Und besser die bestehende Trennwand auf beiden Seiten zusätzlich beplankt hätte (3P/4P) sowie zusätzlich Dinaphon dazschengeklemmt hätte. Allerdings hatte ich zum Bauzeitpunkt nur auf meine Seite der Wand Zugriff gehabt – wat willst also machen ?! 

Die Transportkosten der Folie relativieren sich damit, wenn man schlauer und großzügiger plant. Will sagen: Meine dritte Wand hat mich für Trockenbau und Ständerwerk allein ca. 700 Euro gekostet, nicht richtig viel gebracht und dabei trotzdem 10 cm Raum gefressen. Folie auf beiden Seiten hätte das Doppelte gekostet, weniger Kopfschmerzen bereitet und auch nur 1 cm Wand gekostet …

Gekostet hat mich der gesamte Akustik-Ausbau für mein ca. 48 m² großes Studio übrigens 4500 Euro netto Materialwert, aufgeschlüsselt sieht das in etwa so aus:

  • 800 Euro netto für die Folie
  • 700 Euro für die Vorwand
  • 1500 Euro für das Holz aller Akustik-Module
  • 500 Euro für Stoff
  • rund 1000 Euro für Glaswolle, Kleinkram und jede Menge Winkel und Schrauben

Die Arbeitsstunden habe ich nicht explizit mitgezählt, man kann aber davon ausgehen, dass das Ganze zu zweit in etwa 1,5 Monaten „fulltime“ machbar ist, also ungefähr 700 Mannstunden. 

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