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30.03.2020

Stephan Emig Buch "5 Wege zu mehr Musikalität" Review

Schlagzeug-Lehrbuch mit kreativen Übungen

Inspiration, Intention, Interaktion, Improvisation und Innere Einstellung: Das sind „5 Wege zu mehr Musikalität“, die der Hannoveraner Schlagzeuger und Percussionist Stephan Emig in seinem gleichnamigen Buch vorstellt. Die handliche Lektüre richtet sich nicht an Drummer, „die technische Perfektion als höchstes Gut des Schlagzeugspielens ansehen“, sondern an diejenigen, die neue Inspirationsquellen suchen, ihre Kreativität ausleben und weiterentwickeln möchten, um schließlich ihren musikalischen Ausdruck kontinuierlich zu stärken.

Wer Stephan schon einmal auf der Bühne erlebt hat, dem wird nicht entgangen sein, dass er ein großer Freund der Improvisation und des kreativen, musikalischen Drummings ist. Den Input für seine Herangehensweise an Musik und das Schlagzeug an sich holte sich Stephan unter anderem bei seinen Lehrern Ralph Humphrey, Mike Packer, Dirk Rosenbaum, Joe Porcaro und Mike Shapiro. Neben seiner Arbeit als Schlagzeuger, Percussionist und Ableton-Operator blickt er selbst mittlerweile auf jahrelange Unterrichtserfahrungen als gefragter Workshop- und Hochschuldozent zurück. Nun war es an der Zeit, die bewährten Unterrichtskonzepte und Erfahrungen in Form von „5 Wege zu mehr Musikalität“ zu bündeln. Was Stephans Buch so einzigartig macht und was es mit dem Hashtag #head2heart auf sich hat, erfahrt ihr in diesem Review.

Details

Konzept und Inhalt

Was das handliche Taschenbuch auf den ersten Blick von gewohnter Schlagzeugliteratur unterscheidet, ist vor allem der bewusste Verzicht auf Noten - richtig, in diesem Buch ist nicht ein einziges Notenbeispiel zu finden! Wer nun meint, es handele sich bei „5 Wege zu mehr Musikalität“ demnach um eine reine Leselektüre, der irrt sich jedoch gewaltig. Nun ja, sicherlich lässt sich der „Leitfaden für Schlagzeuger“ (so der Untertitel) auch wunderbar bei einer Tasse Tee schmökern, nicht zuletzt dank Stephans stets lebhaft und nie zu verkopft gehaltenen Schreibstils, der sich durch alle Textpassagen zieht. Zudem wirken die vielen Zitate aus den Interviews mit verschiedenen Musikern, die Stephan in Vorbereitung auf dieses Buch führte, sehr erfrischend und geben dem Leser inspirierende Leitsätze mit auf den Weg.

Lesebuch und Workbook

Im Kern möchte „5 Wege zu mehr Musikalität“ jedoch vor allem dazu motivieren, selbst aktiv zu werden, und das nicht unbedingt nur am eigenen Instrument. Dazu hat Stephan 41 „Worksheets“ entworfen, die jeweils dazu dienen sollen, die inhaltlichen Teilabschnitte des Buches auf praktischer und mentaler Ebene zu vertiefen. Neben vielen Ideen für die Übeeinheiten am Instrument findet man hier unter anderem auch kollektive Übungen zu bandspezifischen Themen sowie solche, die sich verstärkt auf der mentalen Ebene abspielen. Was jedoch alle Übungen aus diesem Buch gemein haben, ist die Intention, die Aufmerksamkeit vom Kopf zum Herz zu lenken, was der Hashtag „#head2heart“ meint, den Stephan im Zuge der Buchveröffentlichung etabliert hat.

Alle Worksheets sind, zusätzlich zum Lesebuch, in dem mitgelieferten Workbook zu finden, einem Ringbuch im DIN-A4-Format, das es sehr komfortabel macht, die einzelnen Worksheets zu vervielfältigen, um sie immer wieder benutzen und neu ausfüllen zu können. Die Übungen bieten nicht zuletzt durch den bewussten Verzicht auf Notenbeispiele einen schier unendlichen Interpretationsspielraum. So kann jeder, egal ob Anfänger, Fortgeschrittener oder Profi, die einzelnen Übungen und Ideen an sein momentanes Können anpassen und somit auch immer wieder neu für sich entdecken und weiterentwickeln.

Die fünf Wege

Inhaltlich ist das Buch in fünf Kapitel (die „5 Wege“) aufgeteilt, die zwar thematisch untrennbar miteinander zusammenhängen und aufeinander aufbauen, jedoch nicht zwingend hierarchisch von A bis Z abgearbeitet werden müssen, wobei Stephan dies für das erste Kennenlernen des Buches empfiehlt. Die fünf Wege sind:

Weg 1: Inspiration - Einfache Methoden, den eigenen Horizont zu erweitern

Das erste Kapitel „Inspiration“ befasst sich zunächst mit verschiedenen Ansätzen, den musikalischen Horizont zu erweitern. Neben der grundsätzlichen Klärung des Begriffs „Inspiration“ geht Stephan unter anderem auf das „Copy and Paste“-Konzept ein, ein bekanntes Prinzip, um von anderen Musikern zu lernen. Ihm geht es dabei jedoch nicht unbedingt um das Nachspielen bestimmter Grooves oder Fill-ins, sondern vielmehr darum, sich mit der Physis, dem Spielgefühl, den Bewegungen und der Soundästhetik eines bestimmten Musikers auseinanderzusetzen. Die Frage nach dem „Wie“ und nicht nach dem „Was“ sei entscheidend, ein Leitsatz, der sich übrigens wie ein roter Faden durch alle Kapitel des Buches zieht.

Weg 2: Intention - Dem eigenen Spiel mehr musikalischen Ausdruck verleihen

Das zweite Kapitel „Intention“ behandelt den eigenen musikalischen Ausdruck und wie sich dieser vergrößern lässt, angefangen bei der Frage „Warum spiele ich mein Instrument?“. Einer ausdrucksstarken Performance gehen entsprechende Übeeinheiten voraus, für die Stephan viele praktische Aufgaben und Denkanstöße bereithält, um das bestmögliche und musikalisch reichhaltigste Ergebnis aus der Zeit im Proberaum herauszuholen und eben nicht in den „Etüdenmodus“ zu fallen – ein Zustand, der laut Stephan das Gegenteil zum „bewussten Üben“ und zum Musikmachen darstellt.

Weg 3: Interaktion - Die Sinne schärfen für das Zusammenspiel in einer Band

Im dritten Kapitel „Interaktion“ geht es daraufhin verstärkt um das Zusammenspiel in der Band und darum, wie dieses verbessert werden kann. Unter anderem spricht Stephan an dieser Stelle auch das Thema „Cues geben“ an und hält hier konkrete Aufgaben für die ganze Band bereit.

Weg 4: Improvisation - Mithilfe praxisnaher Übungen das eigene Vokabular vergrößern

Dass Improvisation und Solieren „nichts mit Sport zu tun“ haben, bespricht Stephan im vierten Kapitel „Improvisation“, das auf die vielen Vorteile eingeht, die sich durch improvisiertes Spielen am Instrument ergeben und darüber aufklärt, wie stark man davon profitieren kann, wenn man das Thema Improvisation in seinen regelmäßigen Übeplan integriert. Im Mittelpunkt dieses Kapitels steht unter anderem die „Ultimate Orchestration Method“, hinter der sich ein umfassendes Übekonzept verbirgt, auf das Stephan wiederum in Form eines e-books detailliert eingeht, das über seine Website www.stephanemig.de neben vielen weiterem Zusatzmaterial kostenlos heruntergeladen werden kann.

Stephan spielt ein freies Solo:

Weg 5: Innere Einstellung - Richtiges Mindset, um nicht nur ein besserer Musiker, sondern auch ein achtsamerer Mensch zu werden

Das letzte, laut Stephan wichtigste Kapitel „Innere Einstellung“ steht ganz im Zeichen des Begriffs „Mindset“. Stephan stellt hier einige Denkanstöße und Übungen vor, die dabei helfen sollen, die richtige Einstellung zu finden, um „nicht nur ein besserer Musiker, sondern auch ein achtsamerer Mensch zu werden“. Da erscheint es nur konsequent, dass das letzte Worksheet eine Anleitung zu einer Meditation ist. Um sich einige Schlagworte und Leitsätze aus dem Buch nachhaltig immer wieder vergegenwärtigen zu können, liegt dem Buch ein Poster bei, das zur Inspiration dienen soll.

Stephan über sein Buch "5 Wege zu mehr Musikalität“:

Fazit

Wenn ein vielbeschäftigter Musiker wie Stephan Emig es fertigbringt, ein so prall gefülltes, gut durchdachtes und nicht zuletzt graphisch toll umgesetztes Werk wie „5 Wege zu mehr Musikalität“ zusammenzustellen, zeugt das nicht nur von einem sehr guten Zeitmanagement, sondern vor allem von großer Hingabe und intensiver Auseinandersetzung mit der Thematik. Der von ihm im Zuge der Bucherscheinung etablierte Hashtag #head2heart lässt dabei auf die grundsätzliche Intention der Lektüre schließen: die Aufmerksamkeit vom Kopf zum Herz zu lenken.

Mit „5 Wege zu mehr Musikalität“ setzt Stephan auf den ganzheitlichen Ansatz, indem er uns eine schier unendliche Fülle an spannenden Übungen, Anregungen, Tipps und Leitsätzen aufzeigt, die nicht nur die Kreativität und den musikalischen Ausdruck nachhaltig fördern und stärken, sondern darüber hinaus auch dabei helfen können, sich als Mensch und Musiker auf mentaler Ebene weiterzuentwickeln. Dabei bietet der konsequente Verzicht auf konkrete Notenbeispiele jedem die Möglichkeit, die Übungen an das individuelle Können am Instrument anzupassen. Auch wenn Stephan sein Buch als „Leitfaden für Schlagzeuger“ betitelt, ist es sicherlich nicht zwingend nur für die trommelnde Zunft interessant, da sich die fünf Wege Inspiration, Intention, Interaktion, Improvisation und Innere Einstellung im Grunde auf allgemeingültige Aspekte des Musikmachens beziehen.

Vielleicht wird die Fülle an Material und Input sowie das Ausbleiben konkreter Notenbeispiele den einen oder anderen im ersten Moment verunsichern, und sicherlich erfordert dieses Buch etwas mehr Aufmerksamkeit und Hingabe als manch andere Lektüre am Markt. Ist man jedoch erst einmal im Flow der „5 Wege zu mehr Musikalität“ angekommen, lassen diese einen sicher nicht so schnell wieder los, nicht zuletzt, weil alle Übungen den Spaß am Musikmachen an die erste Stelle setzen. Klare Kaufempfehlung!

  • Pro
  • ganzheitlicher Ansatz
  • individuell anpassbarer Schwierigkeitsgrad
  • praktische sowie mentale Übungen
  • graphisch übersichtlich und zeitlos gestaltet
  • inklusive Workbook und Poster
  • Notenkenntnisse nicht zwingend erforderlich
  • Contra
  • keins
  • Spezifikationen
  • Bezeichnung: Stephan Emig - 5 Wege zu mehr Musikalität
  • Leitfaden: 202 Seiten
  • Workbook: 70 Seiten
  • Sprache: deutsch
  • Verkaufspreis (April 2020): EUR 29,90
  • Website: www.stephanemig.de

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