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Test
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02.04.2019

Praxis

Die Techniken und Mikropositionen

Grundfrage und Grundproblem eines Chor-VST ist natürlich immer: Wie löst man die Sache mit dem Text? Denn in der Regel singt ein Chor die meiste Zeit ja einen Text. Das Ergebnis sind dann meist Liegetöne auf sämtlichen Vokalen und Summen. Der Choreinsatz bleibt dadurch notwendigerweise auf Flächen beschränkt. Dieses Grundproblem stellt sich auch dem EWC und er löst es auf folgende Weise: Wenn man sich schon auf Flächen beschränken muss, dann sollten wenigstens Angebotsumfang und Klang stimmen. Beides ist hier der Fall. Der EWC bietet 170 Techniken, darunter viele, die ich noch nirgendwo anders gefunden, geschweige denn, gehört habe. Zu nennen wären u. a. hauchige Mmhs und Ohs, dynamisch anschwellende Flächen, d. h. Flächen, in denen episodisch zwischen zwei Lauten gewechselt wird, sowie mikrotonale Bendings und Cluster. Alle Presets klingen erstklassig. Besonders angenehm finde ich, dass die Besetzung mit 22 Vokalisten eher einem Kammerchor entspricht. So ist die Ausgangslage angenehm schlank und lässt sich bei Bedarf durch Dopplungen und verschiedene Mikropositionen problemlos andicken.

Die dreizehn Mikrofone

Stickpunkt Mikropositionen: Die dreizehn Spots, die sich auch alle per CC-Befehl steuern lassen, ermöglichen eine unendliche Zahl von räumlichen Möglichkeiten. Die Standards Close, Tree und Ambient sind natürlich mit dabei, genauso wie Spots für die vier Stimmen oder etwa ein Mikro auf der Galerie. Da geht wirklich eine Menge. Auffällig finde ich, dass sich die Mirkopositionen zwar klanglich voneinander unterscheiden, die Unterschiede allerdings nicht übermäßig krass ausfallen. Der Eindruck, den ich hatte, während ich das Instrument durchgesehen habe, bestätigt sich hier weiter. Der EWC ist kein Instrument, das zur radikalen Klangverformung konzipiert wurde, es wird also nicht hybrid oder sounddesignig. Man bekommt „natürliche“ Möglichkeiten zur Klanggestaltung, diese allerdings in sehr guter Qualität.

FX und Stereospread

Um den Chorsound jenseits von Raumsignalen zu gestalten, stellt der EWC noch einen Stereospread zur Verfügung, der hervorragend klingt und tatsächlich für deutliche Unterschiede im Klang sorgt. Im Audiobeispiel durchfahre ich den Effekt von sehr eng bis sehr weit, damit ihr das ganze Spektrum deutlich hören könnt. Die vier Effekte Reverb, Tightness, Vibrato und Release, die sich bequem mit dem Knob regeln lassen, sind technikgebunden. Das heißt, nicht bei jeder Technik steht jeder Effekt zur Verfügung. Reverb geht immer, Vibrato hingegen findet sich z. B. nur bei langen Tönen, während Tightness nur bei kurzen geht. 

In den Audiobeispielen findet ihr jeweils Reverb und Vibrato auch einmal komplett von null auf hundert und zurück. Für mein Empfinden arbeiten die Effekte außerordentlich subtil, weshalb ich sie eher als Werkzeuge zum Feinschliff des Sounds betrachten würde und weniger als Effekt.

Das EVO Grid

Das EVO Grid ist ein eigenständiges Instrument und funktioniert, wie bereits erwähnt, als ein Steckfeld, um verschiedene Abschnitte einer Klaviatur mit unterschiedlichen Techniken zu belegen. Man kann entweder munter selber kombinieren, oder, was ich noch wesentlich interessanter finde, zwischen verschiedenen Randomise-Parametern wählen: entweder eine Kombination aus allen Kategorien, verschiedene Techniken innerhalb einer Kategorie (simple, dynamic, episodic, etc.), eine Kombination aus den jeweils im Fenster sichtbaren Kategorien oder eine schrittweise Veränderung der Steckplätze. Das EVO Grid eignet sich somit als sehr benutzerfreundlicher Lieferant einzig- und eigenartiger Flächen. Für mich war es die helle Freude einen absolut konventionellen Chorsatz zu programmieren und dann solange durch die verschiedenen Parameter zu steppen, bis etwas Interessantes passiert, was nicht allzu lange gedauert hat. Das Ergebnis waren stets Flächen jenseits meiner Vorstellungskraft. Von daher ist das EVO Grid für mich der interessanteste Part des EWC, zumal ich den Chor ja so oder so „nur“ für Flächen verwenden würde. Je interessanter und eigenständiger diese sind, umso mehr kann ich den Chor featuren. Die beiden nur im EVO Grid vorhandenen FX, Delay und Tape Saturation, machen einen soliden Job. Beide sind jedoch für mein Empfinden so nüchtern in ihren Klangeigenschaften, dass ich mich gegen ein Audiobeispiel entschlossen habe. Falls ihr wirklich ein Delay oder Saturation auf dem Chor haben wollt, empfehle ich ein externes Plug-in, das Farbe und Charakter mitbringt.

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