Hersteller_Sony
Test
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22.02.2012

PRAXIS

Wenn man das Aufnahmegerät in die Hand nimmt und zum ersten Mal damit arbeiten möchte, gilt es zunächst auszukundschaften, wo sich überall Bedienelemente verstecken. Ich habe das Gefühl, dass man es sich bei Sony zum Ziel gesetzt hat, jede mögliche Fläche des D50 mit Buchsen, Tastern und Schiebeschaltern zu bevölkern, was auch leider fast gelungen ist. Sogar auf der Rückseite findet man zwei Schalter! Nicht, dass ich hier falsch verstanden werde: Wie beim iPhone dem Design zuliebe die Bedienbarkeit zu opfern, finde ich negativ. Im Gegenteil ist es sogar sehr löblich, dass etwas Ähnliches wie eine One-Knob-Per-Function-Philosophie beim PCM-D50 Anwendung gefunden hat – nur leider in wirklich unangenehmer Ausartung: Die so wichtigen Bereiche Navigation und Laufwerksfunktionen müssen sich Tasten teilen, während andere (“Divide” und “A-B” zum Beispiel!) eigene Hardware spendiert bekommen. So muss man in der Anfangszeit das Gerät ständig drehen und wenden, um dann mit proprietären Marketing-Abkürzungen wie “DPC” abgespeist zu werden. Wirklich – es wirkt hier, als hätte jeder Sony-Ingenieur einen Knopf entwerfen und seine Position auf dem Gehäuse selbst bestimmen dürfen. Kein Witz: Ich zähle fünf verschiedene Schalter- und Taster-Designs! Das ist in etwa vergleichbar mit einer Speisekarte mit sieben verschiedenen Schriftarten pro Seite!

Wie heißt es so schön: Man gewöhnt sich an alles! Und tatsächlich: Hat man erst einmal das zunächst recht krude anmutende Bedienkonzept verinnerlicht und entsprechende haptische/motorische Automatismen entwickelt, fluppt die Bedienung sehr gut und macht sogar Spaß. Die Softwarestruktur ist sogar sehr logisch aufgebaut, die Dateistruktur und die File-Benennung sofort verständlich, sogar nach der Teilung von Tracks. Das ist wichtig, denn schließlich möchte man am Rechner nicht noch in den Tiefen irgendwelcher Ordner herumprokeln müssen. Wirklich zu schätzen gelernt habe ich die Informationspolitik des kleinen Recorders, denn über seinen Screen erfährt man immer alles, was es zu erfahren gibt. Ist etwa der Limiter aktiviert, zeigt die Anzeige “LIM” an, mit Zeiten, Settings, Pegeln, Batterieladezustand, File- und Ordnernamen und dergleichen ist es nicht viel anders. Ich halte fest: Der Sony PCM-D50 ist kein Gerät, welches von einem großen, möglicherweise technisch etwas unbedarften Personenkreis genutzt werden kann, sondern empfiehlt sich eher demjenigen, der willens ist, sich zumindest eine kleine Weile damit auseinanderzusetzen. Der eigentliche Nutzen hängt aber verständlicherweise von anderen Qualitäten ab, daher kommt jetzt der Soundcheck.

Klanglich kann das Sony-Recorderchen richtig auftrumpfen! Meine Güte, jetzt weiß ich, wofür all der Entwickler-Hirnschmalz verwendet wurde – denn die Ergonomie der Bedienelemente war es offenkundig nicht. Doch schön der Reihe nach. Mein erstes Versuchstier ist gar kein Tier, sondern eine Straßenkreuzung in Köln-Nippes. Atmoaufnahmen haben immer eine sehr hohe Aussagekraft, da man oft ein enormes Frequenzgemisch vorfindet. In diesem Fall lassen das tiefe Brummen und dichte Rauschen vorbeifahrender Autos, aber auch allerhand Transientenreichtum erkennen, wie es um die Recording-Chain bestellt ist. Offenbar befinden sich hinter den Metallkappen keine billigst eingekauften Mikrofonkäpselchen, sondern durchaus professionelle Schallwandler, denn auch im Höhenbereich ist der Klang fein, unschmierig, schnell und präzise aufgelöst. Ob dem Frequenzgang analog oder digital auf die Sprünge geholfen wird oder nicht, ist nur Spekulation, aber das Ergebnis zählt – und es stimmt! Damit das Stereoverfahren in XY funktioniert, müssen Druckgradientenempfänger zum Einsatz kommen. Im absoluten Tiefenbereich erinnert der Klang aber sogar etwas an Druckempfänger. Ich kann nur wiederholen: Der Sound ist super! Ein solch guter Klang benötigt nicht nur Werte, mit denen man angeben kann (wie “96 kHz” und “24 Bit”), sondern neben guten Kapseln eine ordentliche analoge Stufe und einen vernünftigen Wandler. All das ist offenkundig implementiert und erfüllt nebenbei auch noch die wesentlichen Anforderungen an den mobilen Einsatz – kleine Bauform und wenig Strom verbrauchend. Auch bei spontanen Sessions oder Proberaummitschnitten macht das Gerät natürlich eine gute Figur – selbst wenn es einfach auf dem Tisch liegt.

Dass die beiden Kapseln schwenkbar sind, ist natürlich nett, doch macht zumindest unter den theoretischen Gesichtspunkten die XY-Aufstellung brutal mehr Sinn als mit geringem Abstand zueinander irgendwie auseinandergewinkelte Membranorte. Die Verschiebbarkeit hätte die Flexibilität weiter erhöht und wäre professionellen Ansprüchen viel besser gerecht geworden, wenn stattdessen der Öffnungswinkel des XY hätte variiert werden können. So ist man leider auf einen Winkel beschränkt, was zur Folge hat, dass der Aufnahmewinkel immer der gleiche bleibt. Somit ist man je nach Ausdehnung des aufzunehmenden Klangkörpers auf einen Abstand festgelegt (mit den daraus resultierenden Nachteilen) oder muss in Kauf nehmen, dass das Stereobild zu klein oder zu breit ist. Außerdem ist es natürlich so, dass ein echtes XY in jedem Fall genau übereinanderliegende Membranen haben müsste… Sony ist jedoch nicht alleine mit der Problematik, dass derartige Zusammenhänge eben nicht einfach zu vermitteln sind. Aufgrund der Unwissenheit vieler User kann es daher sein, dass der eine oder andere die Mikros mit gutem Vorsatz einfach nur ein Stückchen auseinanderbewegt. Was dadurch entsteht, ist eine eklige Mischform aus verschiedenen Stereotechniken, die kaum in der Lage ist, gute Ergebnisse zu erzielen. Außer in Ausnahmefällen würde ich aus den eben genannten Gründen auch generell von der Verwendung des “Wide”-Modus und paralleler Kapselausrichtung abraten.

Positiv unterstreichen möchte ich übrigens noch die Funktion des Hochpassfilters und auch des Limiters, welcher ja oftmals fast mehr Schaden anrichtet als zu retten. Bei 24 Bit Quantisierung und der exzellenten analogen Kette vor dem Wandler darf man jedoch auch beim Headroom großzügig sein, um nicht mit Pegelüberraschungen Aufnahmen zu ruinieren – auch der beste Limiter hat seine Grenzen. Während man bei vielen anderen Recordern dieser Gattung schon etwas vorsichtig sein muss oder bei sehr preiswerten Ausführungen sogar Angst davor haben muss, sein Signal nachher im Rauschen suchen zu müssen, kann man beim Sony auch einfach mal schön gering auspegeln. Und auch hohe Pegel kann der Japaner verkraften: Ich habe den PCM-D50 beispielsweise mit Pad und Gain auf Minimum unter die Snare gestellt und es ordentlich krachen lassen – kein Problem!

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