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Test
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31.05.2018

Sony ECM-100U und ECM-100N Test

Kleinmembran-Kondensator-Mikrofone

Der 50.000-Hertz-Coup!

Die Marke Sony kennt jeder. Handys, Laptops, Kameras und viele andere Produkte aus dem sogenannten Consumer-Electronics-Bereich hat der japanische Hersteller im Programm. Dass man eine Pro-Audio-Entwicklungsabteilung nebst zugehöriger Fertigungsstätte betreibt, wissen hingegen nur studiophile Insider. Die beiden Mikrofone im Sortiment genießen zwar ein hohes Ansehen unter professionellen Anwendern, sind in Europa aber nur schwer zu bekommen. Eines dieser Modelle – das C800 Röhrenmikrofon – kostet zudem soviel wie ein Kleinwagen. Zur NAMM Show 2018 hat man nun drei nagelneue Schallwandler vorgestellt, welche nach dem Sony-eigenen „Hi-Res Audio“-Standard konzipiert wurden. Zum Test statteten uns zwei der Modelle, nämlich das Kugel-Mikro ECM-100N und das Nieren-Mikro ECM-100U, einen Besuch ab.Es gibt auch ein Hi-Res-Mikrofon mit umschaltbarer Charakteristik. Das Sony C-100 hatten wir schon getestet.

Hi-Res steht natürlich für High-Resolution, und man ist schnell geneigt, diese beiden Worte als übliche Marketingphrase abzutun. Wären da nicht die Datenblätter und Produktbeschreibungen, welche den Mikrofonen einen Frequenzgang bis hinauf zu 50.000 Hertz bescheinigen. Das ist jedoch noch nicht alles, denn die Übertragungskurve soll zudem weitgehend linear verlaufen. Maximaler Realismus und extrem schnell Transientenwiedergabe standen bei der Entwicklung im Lastenheft der Ingenieure. Kleinmembranstäbchen sind prädestiniert für die Aufnahme von Instrumenten. Daher habe ich die Testobjekte am Schlagzeug und an der Akustikgitarre auf Herz – Entschuldigung, Kugel – und Niere getestet.  

Details

Unscheinbar, kompakt und sehr gut verarbeitet

Äußerlich nahezu identisch präsentieren sich unsere beiden Testobjekte. Nur zwei Dinge deuten darauf hin, dass es sich technisch um ungleiche Zwillinge handelt. Da wäre zunächst der Buchstabe am Ende der Typenbezeichnung. N steht für Non-directional, also eine Kugelcharakteristik, U bedeutet Uni-directional, das Mikro „hört“ Nieren-förmig. Dies wiederum bedingt den einzigen optischen Unterschied, nämlich die typischen Schlitze im Kapselgehäuse. Zum Lieferumfang gehört – neben dem obligatorischen Papierkram – jeweils ein stabiles und sorgfältig verarbeitetes Transport-Etui, welches per Reißverschluss geöffnet und verschlossen wird. Neben dem Mikrofon finde ich noch einen Windschutz sowie eine einfache Halterung samt Verkleinerungsgewinde. Diese Gewinde geben übrigens einen ersten Vorgeschmack auf die exzellente Qualität. Denn statt schlichter, verchromter Standard-Versionen kommen hier aus dem Vollen gefräste, sehr handliche Exemplare aus Edelstahl zum Einsatz.

Die Schallwandler selbst könnten unscheinbarer kaum sein. Mit knappen zwei Zentimetern Durchmesser und 13 Zentimetern Länge fallen sie kompakter aus als viele andere Stäbchenmikrofone. Der schwarz lackierte Messingtubus beherbergt am vorderen Ende jeweils ein sich leicht verjüngendes Kapselgehäuse. Ein relativ grobmaschiges Metallgitter soll die Membran vor Außeneinwirkungen schützen. Unter diesem Gitter spannt sich allerdings noch ein wesentlich feineres Drahtgeflecht. Beide Mikrofone verfügen über einen einstufigen Low-Cut sowie über eine schaltbare Pegelabsenkung um minus zehn dB. Die entsprechenden Schieberegler sind versenkt im Gehäuse angebracht, um ein versehentliches Umschalten der Modi zu verhindern.

Hi-Res Audio: Beide Mikrofone können Ultraschall aufzeichnen

Anders als viele hochpreisige Konkurrenten sind die ECM-100-Mikros mit vorpolarisierten Kapseln ausgestattet. Im Gegensatz zu Echtkondensator-Varianten wird die zum Betrieb notwendige Spannung mithilfe einer polarisierten Folie direkt auf die Kondensatorplatte aufgebracht. Es handelt sich also um sogenannte Back-Electret-Mikrofone. Was früher als minderwertig galt, ist heute so ausgereift, dass auch nach langjähriger Nutzung kein Spannungsabfall auftritt. Die technischen Daten beider Testkandidaten lassen sorgfältig entwickelte Komponenten vermuten. Heraussticht allerdings der außergewöhnlich weite Frequenzbereich, der sich von 20 Hertz bis 50.000 Hertz erstreckt. „Super, endlich ein Mikrofon für Delfine, diese Käuferschicht wurde viel zu lange vernachlässigt!“, waren meine ersten Gedanken dazu. Denn der Mensch ist lediglich in der Lage, Frequenzen zwischen 20 und maximal 20.000 Hertz wahrzunehmen, alles andere ist dann also unsinnig, oder? Sony ist da anderer Ansicht, und die physikalischen Erkenntnisse aus der Audiotechnik geben den Konstrukteuren recht. Hier geht es nämlich nicht um das tatsächliche Hören extrem hoher Frequenzen, sondern vielmehr um die Fähigkeit der Technik, Transienten extrem schnell und zeitgenau zu übertragen. Der Kollege Nick Mavridis hat die Thematik im Test des neuen Sony C-100 Großmembran-Mikrofons eingehend beleuchtet.

Hier kommt dann auch das „Hi-Res Audio“-Format ins Spiel, dessen Ansatz ein extrem realistisches Klangbild sein soll. Weniger spektakulär, aber immer noch sehr amtlich geht es bei den restlichen Werten zu. So kann das Kugel-Mikro 145 dB SPL verdauen. Die Nierenversion kommt auf 142 dB. Mit aktiviertem -10-dB-Pad erhöht sich die Schalldruckresistenz entsprechend. Auch der Dynamikbereich kann sich mit 124 dB (ECM-100N) und 121 dB (ECM-100U) durchaus sehen lassen, eine Schoeps MK4 kommt hier auf 132 dB. Auffällig ist der ungewöhnlich tief ansetzende Low-Cut, welcher mit 30 Hertz offenbar nur dafür ausgelegt ist, tieffrequentes Rumpeln aus der Aufnahme fernzuhalten. Zur Begrenzung des Nahbesprechungseffektes beim Nieren-Mikro taugt er offensichtlich nicht.

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