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Test
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04.02.2015

Slate Pro Audio Dragon Test

FET-Kompressor

Außen pfui, innen hui!

Steven Slate ist ein echter Hans Dampf in allen Gassen: Machte er sich früher vor allem einen Namen mit seinen wirklich ausgezeichnet guten Mixen und „Drumsounds“ für Bands wie AC/DC, Green Day, Led Zeppelin, Metallica und die Red Hot Chilli Peppers, evolvierte er vor ein paar Jahren direkt zum Drumlibrary-Lieferanten und Software-Experten, welcher mit einer Range von äußerst interessanten Plug-In-Produkten von sich Reden machte. 

Hierzu zählen unter anderem auch die VMR, VTM und der FG-X , vermarktet unter dem Label Slate Digital. Doch das scheint dem umtriebigen L.A.-Cowboy noch immer nicht zu genügen, und so erweiterte er sein Porfolio nun auch noch um Hardware. Den Anfang machte dabei unser heutiger Testkandidat, ein 1176-Clone, gefolgt von einem Fox QuadTone Mic-Pre und dem riesigen Touchscreen-Controller Raven.

Details

Der Slate Pro Audio Dragon ist ein innovativer FET Mono-Kompressor, welcher die  Vorzüge eines „Urei 1176“ mit etwas Schaltungsdesign eines „Neve 1073“ sowie einigen weiteren Besonderheiten, die in Richtung „Empirical Labs Distressor“ gehen, kombiniert. Entwickelt hat das Ganze Tim Caswell (Studio Electronics und Caswell Amplification), doch immer der Reihe nach! 

Äußerlichkeiten

Das zwei HE hohe 19-Zoll Gerät steckt zunächst in einem einfach gehaltenen Stahlblech-Gehäuse, ist ca. 23 cm tief und wiegt in etwa 5,5 kg. Ein- und Ausgang sind beide Trafo-symmetriert, wobei hier ein Altran C4330 am Eingang und ein Altran C4000 am Ausgang zum Einsatz kommen. Die Ausgangsstufe ist selbstverständlich in Class-A angelegt (2N3055).

Die schwarze Front ist vollgepfropft mit vielen Potis, einigen Drehschaltern und so manchem Kippschalter. Außerdem gibt es ein schniekes, großes und orange beleuchtetes VU-Meter zu bestaunen. Alle Poti- und Drehschalter-Kappen sind aus Metall gefertigt und mit einer eindeutigen weißen Markierung versehen. So richtig „aufgeräumt“ empfinde ich das Layout allerdings nicht, dennoch lässt es sich gut bedienen.

Je nach Lichteinstrahlung entdeckt man außerdem eine zusätzliche UV-Lackierung, welche einen Tribal-artigen Drachen auf die Front „zaubert“. Schön ist das nicht wirklich, und leider auch nicht ganz so praktisch, da so - je nach Studiobeleuchtung – die Beschriftung aufgrund von Reflexionen teilweise nicht zu erkennen ist. Das haptisch-visuelle Erlebnis lässt für meinen Geschmack und für die Zweitausend-Euro-Liga generell etwas zu wünschen übrig, und so möchte ich folgenden klugen Spruch loswerden: Ein Industriedesigner hätte dieser Produktentwicklung sicherlich nicht schlecht gestanden. Schwamm drüber. Was wirklich zählt, sind ja noch immer die inneren Werte, ähm der Sound! Soviel vorweg: Klanglich ist der Slate das krasse Gegenteil von seiner Optik: Und damit „richtig geil“.

Innere Werte – Der Kompressor im Detail

Schauen wir uns doch aber vorher noch den Signalfluss - und damit auch die Bedienelemente  - einmal etwas genauer an: Los geht es mit dem INPUT-Poti links und dem BYPASS-Kippschalter darunter. Wie bei allen Zwei-Wege-Kippschaltern am Gerät steht die rechte Position für „Ein“, auf Links-Anschlag ist der Kompressor in diesem Fall also aktiv. Eine eindeutigere Beschriftung hätte sicherlich nicht geschadet, allerdings wird man sich das Ganze nach einer Weile auch durchaus merken können. Weiterhin regelt das INPUT-Poti den Eingangs-Gain und funktioniert damit in alter 1176-Manier auch als Threshold. Je härter man hier reinlangt, desto härter komprimiert die Kiste also.

Das ist natürlich auch von der Ratio abhängig, welche hier als COMPRESSION bezeichnet wird und mittels Drehschalter folgende sechs Einstellungen zulässt: 0 (=1:1), 2:1, 4:1, 8:1, 12:1 und 20:1. Die „Null“ ist insofern nützlich, falls man die restlichen Klanggestaltungselemente auch mal ohne Kompressor nutzen möchte. Der SQUASH-Kippschalter darunter soll hingegen in etwa den „1176 All-Buttons-In“-Mode simulieren. Meiner Einschätzung nach hat diese Schaltung aber einen leicht anderen Charakter zu bieten, wobei sich hier allerdings das Experimentieren in Verbindung mit den vielen weiteren Ratios anbietet. Der alte Urei hatte „mit allen Knöppen reingedrückt“ nämlich nur einen Wert so um die 15:1 zu bieten. 

Weiter geht es mit den ATTACK- und RELEASE-Reglern, welche laut den Spezifikationen in etwa von 20 µs bis zu 800 µs (Attack) bzw. von 50 ms bis 1,1 s (Release) einstellbar sind. In klassischer 1176-Manier ist also auch diese Kiste „knackig-zackig“ und ultra-schnell. 

Wer hart komprimiert, muss natürlich irgendwann auch wieder Pegel aufholen, was sich im Allgemeinen Make-Up-Gain schimpft, hier aber schlicht mit OUTPUT bezeichnet wird. Darunter sitzt ein LINK-Schalter, um den internen Sidechain von einer weiteren Einheit zum Zwecke der Stereoverknüpfung nutzen zu können. Für einen klassischen Mono-Kompressor, den ich also eher selten – vor allem preislich - im Stereo-Bus beheimatet sehe, ein nettes Add-On, aber sicherlich nicht kriegsentscheidend. Logischerweise findet sich rückseitig deshalb auch noch ein Link-I/O auf großer Klinke ein.

Sechsfach Highpass im Detektorweg

Daran anschließend findet sich ein sechsstufiger Hi-Pass-Drehschalter für den internen Sidechain, sodass der Detektor-Weg weniger stark auf Bass-lastiges Material anspringt und der Kompressor in der Konsequenz -  selbst bei höherer Verdichtung - weniger „pumpt“. Meiner Meinung nach ist es allein dieses Detail wert, sich für einen Slate Dragon anstatt für einen Universal Audio 1176 zu entscheiden. 

Simpler EQ

Weiter im Programm: Neben dem ganzen Kompressor-Gedöns gibt es außerdem drei weitere Kippschalter, welche den grundsätzlichen Charakter der Schaltung EQ-mäßig beeinflussen. SHEEN soll dabei den Höhen-Boost einer „LA-2A Kompression“ faken, BITE hingegen bietet einen kräftigeren Boost der oberen Mitten und BOOM wiederum legt eine deutliche Betonung auf die Sub-Bässe. Das hören wir uns im Praxis-Teil aber auch noch einmal genauer an. Für das Erste sollen folgende Bilder reichen.

Vintage Compression und Tape-Saturation

Der VINTAGE-Kippschalter hingegen geht über einen einfachen EQ hinaus und liefert einen kräftigeren, etwas aggressiveren Kompressions-Sound, der sich klanglich auch in Abhängigkeit von Attack und Release ändert. Je nach anliegendem Musikmaterial sind die Auswirkungen aller Schalter-Funktionen übrigens deutlich zu hören, was vor allem Rocker freut, die drastische Klangveränderungen und keine Homöopathie erwarten. Das Gleiche gilt dabei auch für den vierstufigen SATURATE-Drehschalter, der in Verbindung mit dem OUTPUT beherzt „Tape-artige“ Obertöne und Sättigungen hinzufügt, sprich Overdrive für die Durchsetzungsfähigkeit im Mix erzeugt. Das konnte man beim „1176“ nur durch das Verhältnis von Input zu Output simulieren, was hier aber eben auch unabhängig von der Kompression geschehen kann. Pluspunkt für den Slate. 

Dry/Wet-Funktion

Außerdem wurde auch noch eine Mix-Sektion angedacht, die es ermöglicht, das komprimierte Signal mit dem „trockenen“, sprich unbearbeiteten Signal zu mischen. Dieser alte „New-York-Compression“ genannte Trick hält mittlerweile in vielen neueren Kompressor-Designs Einzug, wird am Slate entsprechend genauso gern gesehen. Ein zusätzlicher Kippschalter ermöglicht es dabei, den Parallel-Schaltkreis außerdem komplett aus dem Signal zu nehmen. Etwas unschön ist es dabei nur, dass es von der Potiposition „Mix=Wet“ zur Schalterposition „Mix=Off“ einen doch nicht ganz unbedeutenden Pegelabfall zu vermelden gibt. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: In diesem Preissegment ist das natürlich nicht ganz so „geil“.

Fette Nadelanzeige

Last but not least finden wir auf der Front noch das bereits angesprochene VU-Meter  sowie zwei weitere dazugehörige Ansichts-Umschalter in Form von gewohnten Kippschaltern. Die Nadelanzeige ist dabei schön groß sowie orange Hintergrund-beleuchtet. Mittels METER GR/OUT-Schalter kann die Anzeige von der aktuellen Gain-Reduction zum Ausgangspegel umgeschaltet werden. Außerdem kann mit dem „+4  +12“-Schalter die Empfindlichkeit der Anzeige gedämpft werden, um sie bei heftig ausscherender Nadel nicht zu beschädigen. Grundsätzlich eine gute Idee, allerdings funktioniert das bei aktiviertem SQUASH und anzuzeigender Gain-Reduction nicht ganz so richtig, sodass man in diesem Fall besser auf „Out-Level“ umschaltet, um die heftig an den rechten Rand „kloppende“ Nadel vor sich selbst zu schützten.

Anschlüsse

Meine Damen und Herren, kommen wir nun langsam zum Ende unserer Rundreise und damit klassisch-römisch zur Rückseite. Hier gibt es grundsätzlich keine Überraschungen zu vermelden: Eingang, Ausgang, Sidechain, Strom - fertig! Ungewöhnlich, aber nicht weiter störend, ist der Umstand, dass der Sidechain bzw. Link I/O mit zwei Klinken-Buchsen ausgestattet ist. Damit sollten sich also auch mehr als zwei Einheiten linken lassen, falls jemand Ambitionen hegt, 5.1 zu komprimieren. Die Hauptanschlüsse sind mit XLR und TRS ausgestattet, was „Old-Schooler“ durchaus freuen sollte. Ich hätte die drei Euro dafür lieber gespart und in einen repräsentativeren Hauptschalter investiert, welcher durch seine Front-seitige Applikation durchaus ins Auge fällt. Der Kaltgeräte-Anschluss inklusive Voltage-Selector und obligatorischem Sicherungsfach befindet sich hingegen selbstverständlich auf der Rückseite. Das Testgerät war übrigens auf 220 V geeicht und gönnte sich in etwa 18 Watt. Die theoretischen Fakten wären geklärt, auf zur Praxis!

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