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09.09.2010

Shortcut: Kompressor-Basics

Tipps zur Dynamikbearbeitung

Neben dem EQ ist der Kompressor (gerne auch in englischer Schreibweise "Compressor" genannt) vielleicht das wichtigste und mächtigste Klangbearbeitungswerkzeug. Trotzdem haftet ihm immer der Ruf an, ein bisschen undurchschaubar zu sein, und mancher angehende Produzent fragt sich, was es mit geheimnisvollen Parametern wie "Ratio" oder "Threshold" auf sich hat. Dabei kann ein passend eingestellter Kompressor - offene Ohren und ein kleines bisschen Wissen vorausgesetzt - einen Track entscheidend voranbringen. Für die offenen Ohren musst du selber sorgen, die nötigen Basics für den erfolgreichen Einstieg erhältst du hier!

Und: Auch wenn es hier bei den Beispielen in erster Linie um Software-Plugins geht, finden sich die beschriebenen Parameter ebenfalls bei Hardware-Geräten, so dass du das erworbene Wissen auch jenseits der virtuellen Welt nutzen kannst.

1. Was macht der Kompressor überhaupt?

Der Kompressor dient dazu, die Dynamik eines Audiosignals einzuschränken – ganz vereinfacht gesagt: er macht laute Stellen in der Musik leiser und in der Folge auch leise Signale lauter, doch ganz der Reihe nach.

Man kann ihn sich wie einen automatischen Tontechniker vorstellen, der immer den Finger am Lautstärkefader hat und diesen Fader jedes Mal, wenn ein bestimmter Pegel erreicht wird, kurz zurückzieht. Gleich danach schiebt er ihn dann wieder in die  Ausgangsstellung zurück. Wie dieser Helfer arbeitet, kann man mit ein paar Parametern genau bestimmen und diese Parameter - beziehungsweise was sie mit dem Sound anstellen - nehmen wir gleich unter die Lupe.

Erst mal jedoch ein praktisches Beispiel. Hier hörst du Drums, Bass und zwei Gitarren auf einer kleinen Akkordfolge vor sich hingrooven. Ganz nett, aber insgesamt eher harmlos.

Jetzt schnappen wir uns die Gitarre auf der rechten Seite und komprimieren sie kräftig. Im folgenden Audiotrack hörst du sie solo, zweimal spielt sie ihr Riff normal, zweimal komprimiert.

Durch die komprimierten Spitzen können wir die Gitarre insgesamt lauter machen, ohne dass uns bei jedem Anschlag die Ohren wegfliegen. Dadurch werden die leiseren Parts besser hörbar, die Gitarre "stirbt" nicht mehr weg, sondern bleibt fast wie ein Keyboardsound stehen. Im kompletten Playback klingt das dann so:

Ein subtiler, aber schöner Effekt. Und weil wir gerade dabei sind komprimieren wir jetzt noch alle anderen Instrumente des Playbacks individuell nach Geschmack. Das kann dann zum Beispiel so klingen:

Du merkst, es tut sich was. Die Instrumente klingen unter anderem generell etwas knackiger, sind zudem etwas lauter geworden und gerade beim Schlagzeug hört man aber auch Hall und Raumanteile deutlicher in den Vordergrund treten, denn die Raumanteile sind ja im Verhältnis zum direkten Schlagzeugsound sehr leise, und da wir ja eben die leisen Signale nun lauter gemacht haben, ist der Raum nun natürlich...lauter.

Jetzt setzen wir noch einen drauf, komprimieren nicht nur die einzelnen Spuren, sondern zusätzlich die Summe, durch die alle Instrumente laufen und zwar nicht zu knapp. Das kann dann so klingen:

Wenn du das letzte Beispiel mit dem ersten vergleichst, hörst du einen drastischen Unterschied. Und dabei habe ich nichts gemacht, außer zu komprimieren. Keinen Equalizer, keine extra Effekte, keinen Lautstärkeregler angefasst. Durch Kompression kann man also eine Menge Sachen erreichen, das sollte jetzt klar sein. Ein einzelnes Instrument oder einen kompletten Mix wahlweise knackiger oder softer klingen lassen, leisere Passagen einer Gesangs oder Instrumental-Performance vor dem Verschwinden im Bandmix bewahren, die Gesamtlautstärke von Mixen deutlich anheben und vieles mehr.

Bevor wir uns nun näher mit diesem Effekt befassen, zum besseren Verständnis der Einstellmöglichkeiten hier noch ein kurzer Exkurs: Den Pegel eines Audiosignals beschreibt man in der Tontechnik in Dezibel, kurz dB. 0dB ist in der digitalen Welt der Vollausschlag, der größtmögliche Pegel, den du am Ausgang deiner jeweiligen Software verzerrungsfrei über deine Soundkarte wiedergeben kannst. Alle kleineren Pegel werden, von 0dB ausgehend, mit negativen dB-Werten beschrieben. Alles klar? Falls nicht, entspannt bleiben, die Sache wird gleich verständlicher!

2. Threshold, Ratio und Make-Up Gain

Ab welchem Pegel der Kompressor zupackt und das Signal zurückregelt, bestimmt der Threshold, auf Deutsch auch "Schwellenwert" genannt. Die Maximaleinstellung bei einem Kompressor-Plugin ist ein Threshold von 0dB. Liegt der höchste Pegel, welcher auf einer Audio-Spur erreicht wird, bei -6dB, dann wird ein derart eingestellter Kompressor also nie aktiv. Sollen Signalspitzen bearbeitet werden musst du auf dieser Spur einen Threshold kleiner -6 dB einstellen, -8dB oder -10dB etwa.

Damit sich hörbar etwas tut, gilt es aber noch an einem zweiten Parameter zu drehen:

Ratio (das "Kompressionsverhältnis") legt fest, wie stark der Kompressor ins Geschehen eingreift. Bei der Einstellung 1:1 tut sich nichts, das Ausgangsignal des Kompressors entspricht seinem Eingangssignal. Bei 2:1 z.B. wird ein Signal, das den Threshold um 4 dB überschreitet, halbiert. Am Ausgang des Kompressors kommt in diesem Fall ein Signal heraus, das nur noch 2 dB über dem Threshold liegt. Wenn du eine Ratio von 4:1 einstellst bleiben von den 4dB Pegelüberschreitung nur noch 1dB am Ausgang übrig. Rechenexempel hin oder her: lass deine Ohren entscheiden.

Wenn man die Spitzen komprimiert, wird das Signal insgesamt leiser. Um diesen Verlust auszugleichen, gibt es den Gain- oder Make-Up-Gain-Regler. Manchmal steht auch nur "Make Up", "Compensation" oder "Output" da, aber egal, wie der Parameter heißt, der Zweck ist immer der Gleiche: die Ausgangslautstärke des Kompressors wird angehoben, um die Signalspitzen wieder auf ein Maß zu bringen, das zum Rest der Musik passt. Gleichzeitig werden dadurch auch die leisen Stellen im Audiomaterial angehoben und besser hörbar, die Unterschiede zwischen lauten und leisen Stellen sind nun verringert, der Dynamikbereich ist eingeschränkt, eben komprimiert worden.

3. Und jetzt mal praktisch: Kompressor im Einsatz

Um dich mit dem Kompressor vertraut zu machen, kannst du so vorgehen:
Stelle Ratio erst mal auf 2:1, dreh dann den Threshold runter, bis Signalspitzen den Kompressor gelegentlich ansprechen lassen. Probier dann mit Ratio herum, bis dir das Resultat gefällt.

Als Faustregel: 2:1 oder noch softere Werte wie 1,5:1 sind für leichte Schlagzeug- und Vocal-Kompression geeignet. Mit 4:1 geht es schon mehr zur Sache, wenn z.B. der Rockbass schön gleichmäßig vor sich hinnageln oder der Sänger stärker "geplättet" werden soll. Für knackige Funk-Gitarren kann man auch gerne zu 6:1 greifen. Wie gesagt, das sind nur ganz grobe Faustregeln, dein Geschmack und der angestrebte Sound entscheiden. Überdies arbeiten Threshold und Ratio in Abhängigkeit voneinander.

Leg los und experimentiere! Dabei bekommst du auch optisch Rückmeldung, eine Anzeige namens "Gain Reduction" (oft steht schlicht "GR" da) zeigt, um wie viel dB die jeweilige Signalspitze abgesenkt wird. Du wirst schnell hören, dass man seine Musik relativ unauffällig komprimieren kann, wenn diese Anzeige über 3-4 dB nicht hinausschießt, dass es jenseits von 14-15 dB aber schon ganz schön platt oder gar gruselig klingen wird. Was nicht schlecht sein muss, manchmal will man ja genau das.

Im Folgenden kannst du dir das noch mal anhand der Drums aus unserem Beispielsong anhören.

4. Attack und Release

Neben Threshold und Ratio gibt es noch zwei weitere wichtige Parameter beim Kompressor, die etwas mit Zeit bzw. Geschwindigkeit zu tun haben. Um beim anfangs gebrauchten Bild vom "automatischen Tontechniker" zu bleiben: Attack bestimmt, wie schnell dieser auf das Überschreiten des Thresholds reagiert und den Lautstärkeregler zurückzieht. Release legt fest, wie flott er den Regler zurück auf die Ausgangsposition schiebt, wenn das Signal wieder unter den Threshold fällt. Eingestellt werden diese Werte in Millisekunden.

Möglichst kurze Attack-Zeiten werden gerne für Vocals genommen, bei Drums und anderen perkussiven Klängen kann hingegen z.B. ein längeres Attack sinnvoll sein, um die allerersten Impulse (im Fachchinesisch als "Transienten" bezeichnet) noch durchzulassen oder gar zu betonen. So bleibt der Sound knackig. Versuch es einfach mal - 20 Millisekunden Attack sind dafür ein praktikabler Ausgangswert.

Ebenfalls hörbar verbiegen kann den Sound die Release-Zeit. Kurze Zeiten lassen den Kompressor-Effekt deutlicher hervortreten, man hört ihn arbeiten, "pumpen" sagen Tontechniker dazu auch gerne, längere klingen im Allgemeinen unauffälliger. Einmal mehr gilt: Probieren geht über Studieren - was richtig ist, hängt ganz vom Ausgangsmaterial ab.

Auch hierzu noch mal ein paar Hörbeispiele anhand unserer Drums.

5. Weitere Parameter und der bunte Kompressor-Reigen

Abgesehen von den Standard-Parametern bieten viele Kompressoren noch weitere Regelmöglichkeiten, jeder Hersteller kocht da sein eigenes Süppchen, um sich von der Konkurrenz abzuheben. Zu den Extras, die dir da begegnen können, gehört die Hard/Soft-Knee Einstellung. Damit wird bestimmt, ob der Kompressor beim Überschreiten des Thresholds flott, sprich "hard" loslegt (oft die richtige Wahl für perkussive Sounds und Bässe) oder eben "soft" seine Arbeit aufnimmt (was sich bei Vocals im Allgemeinen besser macht).

Ein anderer möglicher Spezialparameter ist die Wahlmöglichkeit zwischen Peak- und RMS-Erkennung. Erstere Einstellung schnappt sich wirklich nur die Signalspitzen, RMS zieht dagegen den Durchschnittspegel eines größeren Musikabschnitts zur Steuerung der Kompression heran. Nicht so toll für Drums, aber manchmal eine gute Wahl für sehr sanfte Stimmkompression.Das sind wie gesagt nur zwei verbreitete Extras, es gibt je nach Hersteller noch etliche andere, bei denen dann der Blick ins Handbuch oder (mal wieder) das Ohren-Aufsperren weiterhilft.

Spezialparameter hin oder her, wenn du Threshold, Ratio, Attack und Release verstanden hast, kannst du Kompression gezielt und gewinnbringend einsetzen.  Und lass dich vom großen Plugin-Angebot nicht zu sehr beeindrucken: Ob virtuelle VCA-, Röhren- oder Opto-Kompressoren, diverse Nachbildungen von Hardware-Klassikern, sachlich nüchtern oder schön bunt, viele Parameter oder wenige (gelegentlich sind manche Einstellungen nämlich auch schon intern festgelegt und nicht änderbar): Wie du im Rahmen dieses Artikels schon das ein oder andere Mal gelesen hast, hör hin und entscheide situativ, was passt. Auch mit den mitgelieferten Kompressoren aktueller Sequencer kann man amtliche Ergebnisse erzielen. Alles, was du in diesem Workshop hörst, ist z.B. mit dem Standard-Kompressor aus Cubase 5 gemacht.

6. Sei kreativ - erlaubt ist was gefällt, auch beim Komprimieren!

Für jedes Beispiel technisch korrekter und geschmackvoller Kompression gibt es auch immer mindestens ein Gegenbeispiel, bei dem jemand zu sehr drastischen Einstellungen gegriffen hat und damit das Haus rockt. Schon ABBA haben seinerzeit durch kräftige Kompression besonders energetisch gewirkt und einen satten Sound abgeliefert, ganz zu schweigen von Daft Punk, die mit absolut brutaler Summenkompression, die pumpt, dass alles zu spät ist, in diesem Jahrtausend riesige Erfolge verbuchen konnten. Ein beliebter Trick für rockende Drumsounds ist auch, ein superhart komprimiertes Raumsignal zum normalen Drumsound hinzu zu geben. Also: erlaubt ist, was gefällt!

Hier hörst du die Drums zunächst ganz natürlich, dann mit dem hart komprimierten Raummikro dazugemischt, zum Schluss den Raumsound solo.

7. Manchmal ist die beste Funktion am Kompressor der Bypass-Knopf

Ja, Kompression macht Spaß, und es ist verführerisch, alles platt zu machen, um möglichst viel Druck und gleichmäßige Pegel zu haben. Hin und wieder geht jedoch nichts über eine naturbelassene, dynamische Performance. Darum trau dich, den Kompressor ab und an einfach mal aus zu lassen.

Viel Spaß und viel Erfolg!

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