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Test
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31.03.2017

sE Electronics X1 S Studio Bundle Test

Großmembran-Kondensatormikrofon mit Nierencharakteristik

Guter Klang muss teuer sein? Nein!

Die Zahl unterschiedlicher Großmembranmikrofone, die ich bislang gehört habe, ist mittlerweile deutlich dreistellig. Da ist es nicht verwunderlich, wenn sich eine gewisse Abgeklärtheit breitmacht, wenn es darum geht, erneut einen Kondenser zu testen, der wie das sE Electronics X1 S mit 1“-Kapsel mit fester Nierencharakteristik daherkommt und in erster Linie dadurch auffällt, recht preiswert zu sein. „X1 S“ scheint also die logische Weiterführung der bisherigen X1-Mikrofone (X1, X1 A, X1 T, X1 USB, X1 D und X1 R) des Herstellers zu sein, der dafür bekannt ist, ordentliche, aber preiswerte Mikros anzubieten und der erste Entwickler des Reflexionsschirms zu sein.

Details

X1 S: unprätentiös

Auf der Suche nach einem Mikrofon, das optisch Eindruck schindet? Da ist das sE Electronics X1 S sicher nicht das richtige. Wie alle X1 – korrigiere: wie alle sE-Mikrofone kommt auch das X1 S in einem Gehäuse, was robust und praktikabel ist. Bei den Reglern hat man offenbar nachgebessert, ein Kritikpunkt an manchen X1-Mikros tritt hier in den Hintergrund, denn die Schaltfunktionen laufen beim Testgerät sauberer und besitzen eine eindeutigere Rückmeldung. Beim Korb vertraut man auf die althergebrachte Kombination von Drahtgeflecht und feinerem Mesh im Inneren, das Metallgehäuse hat eine ordentliche Verarbeitung und Oberflächenbehandlung genossen, mehr aber auch nicht. Luxusklassen-Spaltmaße und feinste Finishes müsste man bezahlen. Ausgewiesenes Ziel bei der Entwicklung des X1 S war aber, ein besonders gut klingendes Mikrofon zu entwickeln, kein besonders gut aussehendes. Ich muss gestehen, ich liebe toll aussehende Mikrofone, sie haben auch eine nicht zu vernachlässigende Wirkung auf Kunden, doch geht es nun mal in erster Linie um den Klang.  

Kapsel: Made in China.

Haaaaalt: Bevor jetzt irgendjemand zum Schmähgesang anhebt, soll doch etwas klargestellt werden. Das Unternehmen sE kauft nicht irgendwelche Kapseln in einer der wenigen OEM-Fabriken in China ein, modifiziert sie vielleicht noch, packt sie in ein Gehäuse und pappt ein eigenes Logo darauf. SE Electronics betreiben ihre eigene Fertigung in ihrer eigenen, kleinen Fabrik. Und diese befindet sich in Shanghai. Unter anderem in Kalifornien findet die Entwicklung statt. Die Echtkondensatorkapsel mit der vorderseitigen Mittenkontaktierung wurde also eigens für das X1 S erdacht. Das Kapselgehäuse besteht aus Messing, nicht aus Plastik, die Membran ist verschraubt. Die rückseitige Membranfläche schwingt frei und ist auch nicht randkontaktiert, wodurch klar ist, dass das sE nicht umschaltbar ist. Weil die hintere Membran mit der Backplate-Konstruktion jedoch die Schalllaufzeit verzögert, ergibt sich die Richtcharakteristik Niere.  

Hohe Pegel werden verzerrungsarm verarbeitet

Über SMD-Technik streiten sich die Geister, auch wenn die Größe von Bauteilen noch keine Aussage in irgendeine Richtung rechtfertigt. In jedem Fall werden die Kleinstbauteile des trafolosen Mikrofons dafür genutzt, das Rauschen minimal zu halten. 9 dB(A) sind ein hervorragender Wert, der nur von einigen Mikros erreicht wird. Das Rode NT1A erreicht angeblich 5 dB(A), das deutlich teurere Neumann TLM 103 7 dB(A). Für alle gilt aber: Das ist „wenig genug“, erst zweistellige Werte ab etwa 15 oder 20 dB(A) können in manchen Situationen eine erhöhte Aufmerksamkeit bei der Nutzung notwendig machen. Was die Dynamik betrifft, zählt natürlich auch das andere Ende. Schon ohne Vordämpfung beträgt der Anteil von Verzerrungsprodukten am Gesamtsignal erst bei 140 dB(SPL) ein halbes Prozent. Mit einem zweistufigen Pad erreicht man Werte von 160 dB(SPL). Das ist für ein Mikrofon dieser Preisregion enorm. Das trafolose X1 S liefert 30mV/Pa, wodurch man auch bei leiseren Quellen keine Probleme bekommt, wenn mit einfachen Audiointerface-Preamps gearbeitet wird – diese haben ja manchmal deutlich unter 60 dB Gain!

Allrounderqualitäten statt vorgeschneiderter Sound

Beim Frequenzgang hat man den Trend, besonders der Stimme schmeichelnde Mikrofone anzubieten, nicht mitgemacht. Der Pegelfrequenzgang zeigt zwar einen winzigen Boost im zweistelligen Kilohertzbereich, doch dient dieser sowieso eher dazu, die tendenziell eher dumpfen Großmembraner etwas aufzufrischen und eine höhere Signalbandbreite zu ermöglichen. Eine Delle im Präsenzbereich bleibt aus, der Bereich bis zum Tiefbass hinunter bleibt linear. Wenn es Aufstellung, Signal oder Geschmack notwendig machen, kann dort begrenzt werden. Wahlweise ein bei 80 oder 160 Hz greifendes Hochpassfilter steht zur Verfügung. Die tonale Ausrichtung macht gemeinsam mit den Pads und den Filtern deutlich, dass bei der Entwicklung nicht nur ein Vocal- oder Podcast-Mikrofon das Ziel war, sondern ein richtendes Allround-Mikro. Das geglättete Standard-Polardiagramm, das den Unterlagen beiliegt, bescheinigt dem X1 S ein recht stabiles Pattern, das erst ab dem zweistelligen Kilohertzbereich deutlich Hypernierencharakteristiken zeigt und auch im Bass seine Richtwirkung lange beibehält anstatt kugelig zu werden. Ob das in der Praxis Bestand hat?

Nur das Mikro, oder darf es etwas mehr sein?

Erhältlich ist das sE Electronics X1 S in drei Ausbaustufen. Dabei bleibt das Mikro selbst natürlich gleich, nur das Zubehör unterscheidet sich. Die preiswerteste Variante, das nackte Mikrofon mit einfachem Stativadapter, geht für unter 200 Euro über die Ladentheke. Das ist in Anbetracht der Tatsache, dass es sich um eine Eigenentwicklung handelt, durchaus ein Kampfpreis. sE halten die Vertriebswege kurz und arbeiten nach eigener Aussage mit geringen Margen. Wer ein wenig mehr Geld in die Hand nimmt, bekommt Spinne und Poppfilter dazu, das große Paket beinhaltet den RF-X Relexion Filter.

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