Hersteller_Rupert_Neve
Test
2
01.12.2017

Rupert Neve Designs 535 Test

API-500-Kompressormodul

Diodenbrücke im 2245-Geiste

Alle sind ganz aufgeregt: bonedo bekommt eines der ersten 535-Kompressormodule von Rupert Neve Designs zum Test! Beim Vertrieb sind die wenigen Exemplare, die es gab, in kürzester Zeit vergriffen – es sieht ganz so aus, als sei der 535-Kompressor etwas ganz Besonderes. Das ist er, kann ich bestätigen. Kurz gesagt ist der 535 eine Weiterentwicklung des legendären 2254-Dynamikbegrenzers.

Details

Geschichtliches

Der Name Neve steht für Equipment mit Charakter - jene Geräte, von denen erzählt wird, dass sie nicht zu kopieren und durch nichts zu übertreffen sind. Als erstes fallen uns da geschichtsträchtige Module mit Namen wie 1073, 1084 oder 1061 ein, die ursprünglich Bestandteile großer Rundfunkpulte waren und nun im Rack für kleine Vermögen den Besitzer wechseln. Auf so ein Modul greift der Equipment-Gourmet zurück, wenn er Charakter wünscht, wenn es ruhig etwas geiler als die Wirklichkeit sein darf. Das war nicht immer so. Die alten Neve-Kisten färben den Klang, sie haben einen hohen Klirrfaktor, einen nicht sehr linearen Frequenzgang, die Verstärker reagieren vergleichsweise träge und der Rauschabstand ist bestenfalls in Ordnung, aber nicht exzellent. Im vordigitalen Zeitalter, als Klangtreue und Sauberkeit die wichtigsten Eigenschaften von Audiotechnik waren, galten diese Eigenschaften als schlecht. Und so hat auch Rupert Neve die Achtziger damit zugebracht, Geräte zu entwickeln, die unter dem Namen Focusrite verkauft wurden und heutzutage von einigen als eher farblos empfunden werden, eben weil sie so klangtreu sind.

Inzwischen schreiben wir aber das digitale Zeitalter und haben nicht mehr viel Begeisterung für rauscharme und klangtreue Dinge übrig, die gibt es schließlich fast umsonst. Gesucht sind genau diese Geräte, die verzerren, färben, verdichten: Sättigung, Klirrfaktor, Mojo. Dafür geben wir Geld aus. Aktuell tragen Rupert Neves Entwicklungen den Namen RND und sind nicht einfach Replikationen seiner Klassiker. Zwar stehen sie mit ihrem stilvoll färbenden Charakter ganz im Zeichen unserer vintageverliebten Zeit, allerdings sind sie stets auf dem neusten Stand der Technik realisiert, was sich unter anderem in einem sehr guten Rauschabstand niederschlägt.

Damals nun, als Herr Neve im britischen Örtchen Shelford während der 60er-Jahre die eingangs erwähnten Klassiker schuf, war darunter auch der Dynamikbegrenzer 2254. Das Besondere an diesem Begrenzer ist eine Schaltung, die, obwohl zu dieser Zeit bahnbrechend neu, von anderen Entwicklern nur kurz verfolgt und dann recht bald aufgegeben wurde. Neve entwickelte diese Schaltung weiter, wohl weil er eher seinen Ohren als seinen Messgeräten folgte.

Was ist drin?

Vor dem 2254 gebaute Kompressoren nutzten vor allem Röhren oder Fotozellen zur Regelung des Pegels, was entweder zu einer gewissen Färbung des Signals bis hin zu deutlichen Verzerrungen führen konnte oder im Regelverhalten relativ träge war. Nach der Entwicklung des bipolaren Halbleiters Ende der 40er-Jahre eröffneten sich gänzlich neue Möglichkeiten. Die ersten Dynamikbegrenzer, die sich diese Technik zunutze machten, waren auf Diodenbrücken, also hintereinandergeschalteten Dioden aufgebaut (Feldeffekttransistoren und die darauf basierenden spannungsgesteuerten Verstärker wurden erst später entwickelt). Eine Diode wird normalerweise dazu verwendet, Strom entweder in die eine oder andere Richtung zu blockieren - zwischen diesen Zuständen liegt aber ein Bereich, der im Diodenbrückenkompressor die Hauptrolle spielt.

Die Diodenbrückenschaltung macht sich zunutze, dass Dioden einen nichtlinearen Bereich in der Kennlinie aufweisen, nämlich dort, wo der Übergang von Sperr- auf Leitspannung liegt. Der Vorteil dieser Technik ist, dass die Regelung unerhört schnell ist, bei älteren Siemens-Modellen sogar so flink, dass es in ungünstigen Fällen hässliche Knackser gibt. Der Nachteil ist, dass der Bereich, in dem die Diodenkennlinie zweckentfremdet werden kann, sehr leise ist. Das Signal muss also erst stark reduziert und dann ebenso stark hochverstärkt werden, was Störgeräusche vergrößert. Die meisten Entwickler und Hersteller gaben diese Technik deshalb gern auf, als es möglich wurde, mit VCAs die Dynamik ebenfalls sehr flink zu regeln. Das scheint sinnvoll, wenn es darum geht, die Spezifikationen des Rundfunk-Pflichtenhefts einzuhalten, was Linearität und Störspannungsabstand betrifft. Wenn es um den reinen Klangcharakter geht, liegt auf der Hand, dass eine starke Aufholverstärkung durchaus positiv sein kann, wenn dazu ein guter Verstärker verfügbar ist. Und gute Verstärker, nun, die kann Neve ja: Im 2254 ist es ein 1272 Line Amp, der 60 dB aufholt. Es wäre nun sicherlich interessant, einen alten 2254 gegen den 535 zu hören. Allerdings weicht die Konstruktion des 535 in so vielen Punkten so deutlich von der des 2254 ab, dass es ohnehin leichtfertig wäre, von einem Nachbau zu sprechen: Die Ratio ist im Unterschied zum Vintage-Klassiker zusätzlich mit 8:1 einstellbar, der Threshold hat einen wesentlich größeren Regelbereich, die Regelzeiten sind gänzlich anders aufgeteilt, der 535 verfügt über ein Sidechainfilter und einen Blend-Regler. Das sind nur die äußerlichen Änderungen, im Inneren ist ebenfalls so manches anders, was sich unter anderem in einem erfreulich hohen Rauschabstand äußert. Lassen wir also die Frage nach dem Klassiker mal beiseite und betrachten den 535 ruhig als modernes und eigenständiges Gerät.

Was ist dran?

Im Grunde kann man sagen, dass der 535 eine 500er-Version der Kompressorsektion des Shelford Channel aus dem gleichen Hause darstellt. Die Einstellmöglichkeiten und die verwendete Technik sind identisch, wenn man davon absieht, dass die Stromversorgung naturgemäß anders gelöst ist und auch einzelne Details der Schaltung wegen der Anpassung an das 500er-Format vermutlich ein wenig abweichen.

Die Bedienelemente des 535 sind übersichtlich angeordnet und machen bis auf die wegen des Platzmangels recht kleinen Schalterchen einen sehr wertigen Eindruck, so wertig, wie das bei Ministeckmodulen eben möglich ist. Zuoberst findet sich die Möglichkeit, den Threshold zwischen -25 und +20 dB einzustellen. Das Poti ist wie alle Potis des Gerätes erfreulicherweise gerastert, was ein exaktes Recallen leicht macht. Darunter befinden sich der Ratio-Wahlschalter (1,5:1 - 2:1 - 3:1 - 4:1 - 6:1 - 8:1) und das Knöpfchen für den zuschaltbaren Lowcut im Sidechain. Das Release-Timing lässt sich in den Schritten Fast, Medium Fast, Medium, Medium Slow, Slow und Auto einstellen, wobei ein daneben liegender Schalter zusätzlich dazu dient, sowohl Attack als auch Release grundsätzlich zu beschleunigen. Etwas unterhalb dessen befindet sich der Link-Schalter zum gekoppelten Betrieb zweier Einheiten und einer der nach meinem Empfinden wichtigsten Regler des Gerätes: Blend. Hier lässt sich das prozessierte Signal direkt vor Ort mit dem unbehandelten mischen, was Parallelkompression auch ohne Pult zu einem Kinderspiel macht. Und gerade parallel, dazu komme ich später noch, macht der Kollege eine besonders gute Figur. Zu guter Letzt finden sich auf der Frontblende natürlich der Pegelsteller für den Aufholverstärker und Anzeigen für Input Level und Gain Reduction sowie ein On/Off-Knöpfchen.

Die einzige Funktion, die der 535 im Vergleich zum Shelford-Channel-Kompressor also nicht bietet, ist aus naheliegenden Gründen die Möglichkeit, ihn Pre- oder Post-EQ zu schalten.

1 / 3
.

Verwandte Artikel

AMS Neve 2264ALB Test

Neben Preamps und EQ gibt es von Neve auch einen Kompressor im API-500-Format. Logisch, dass wir diesen ebenfalls testen mussten!

Bettermaker 502P und 542 Test

Den bewährten Mastering-EQ Bettermaker 232P gibt es jetzt auch in Form von zwei Modulen im API-500er-Format: 502P und 542. Sind die beiden Teile besser als die Summe?

Warm Audio WA73-EQ Test

Warm Audio hat es wieder getan: Der WA73-EQ ist der Clone eines Neve 1073 – und natürlich deutlich günstiger!

User Kommentare