Software
Test
10
19.02.2018

Praxis

Europa

Mit Europa verbindet Propellerhead virtuell-analoge Synthese mit Wavetables, Physical Modelling und einer ausgiebigen Modulationssektion. Herzstück des Ganzen sind die drei Engines, die jeweils über einen Oszillator, zwei sogenannte Modifier, einen Spectral Filter, Harmonics und Unison verfügen. Die Oszillatoren können diverse Wellenformen, aber auch Tables erhalten, die sich mit einem Shape-Regler stufenlos ineinander überblenden lassen. Um den Shape-Regler ständig in Bewegung zu halten, lässt er sich mit diversen Modulationsquellen verbinden: Vier Envelopes, drei LFOs und die üblichen Verdächtigen Aftertouch, Mod Wheel Key und sogar Random stehen bereit, um die Wellen zu formen. Viele Envelope-Presets stehen zur Verfügung und auch eigene lassen sich zeichnen – sehr flexibel.

Mit den beiden Modifier pro Engine lässt sich der Grundsound mit 30 Formen modifizieren, was die Wellenform extrem verändern kann. Der Spektralfilter, verfügt über 15 Filtermodelle, unter denen sich auch die Comb+- befinden, die bereits Thor zu außergewöhnlichen Klängen verholfen haben. Auch die Filter sind durch die Modulationsquellen bei Bedarf immer in Bewegung. Für jede Engine stehen sieben Algorithmen bereit, um den Klang mit Obertönen anzureichern. Im Unison-Modul lässt sich jede Engine wie im Video zu sehen mit weiteren 7 Unisono-Voices verbreitern, was neben gleicher Tonhöhe auch mit Fourth, Fifth, Octave down und Phase Shifting möglich ist.

Alle drei Engines werden im mittleren Teil der Bedienoberfläche zusammengeführt. Sie lassen sich in der Lautstärke und dem Panorama mischen und in einen globalen Filter leiten, welcher – ihr ahnt es bereits – wiederum modulierbar ist. Zu guter Letzt geht es in eine globale Lautstärkenhüllkurve. Zusätzlich verfügt Europa über eine Effektsektion mit Phaser, Distortion, Equalizer, Delay, Kompressor und Reverb. Als wäre das alles nicht schon umfangreich genug, kommt noch eine Matrix hinzu, in der acht Slots bereitstehen, mit denen sich die Modulationsgeschichte nochmals vertiefen lässt. 

Dem Feature-Umfang entsprechend ist der Klang des Synthesizers sehr facettenreich. Die Presets zeigen, dass er für einen Wavetablesynth einen warmen Charakter besitzt. Vor allem aber sorgt der Synth durch die vielen Modulationen für lebendige, dynamische Klänge. Sequentielle oder Arpeggio-mäßige Sounds hat er durch fehlenden Sequenzer/Arpeggio von sich aus nicht auf Lager. Das hindert natürlich niemanden daran, eine Arpeggio- oder Alligator-Komponente bzw. einen der Player zu verbinden.

Grain

Wie der Name bereits vermuten lässt, basiert Grain auf Granularsynthese. Das bedeutet, dass er Samples als Ausgangspunkt der Klangerzeugung nutzt. Allerdings ist dies nicht zu verwechseln mit gewöhnlichen Samples, die ein Sample (vereinfacht ausgedrückt) lediglich abspielen. Vielmehr wird ein importiertes Sample in sogenannte „Grains“ zerlegt. Diese sind kurze Klangfragmente, die direkt hintereinander abgespielt das Ausgangssample ergeben. Das Ganze lässt sich mit einem Film vergleichen, der in Wirklichkeit aus aufeinanderfolgend abgespielten Bildern besteht. Das Zerlegen eines Samples in Einzelteile hat den Vorteil, dass Tonhöhen beim schnelleren Abspielen in gleicher Tonhöhe wiedergegeben werden können. Daher macht man sich beispielsweise beim Timestretching die Granularsynthese zunutze. Bei Granularsynths wie Grain ist auch Umgekehrtes der Fall: Das Sample bzw. die Einzelteile werden auch bei anderer Tonlage in der gleichen Geschwindigkeit abgespielt. Eine gute Basis zur Erzeugung neuer Klänge basierend auf einem Sample.

Grain kommt mit vielen Presets, die bereits Samples an Bord haben, doch auch eigene Samples lassen sich wie im Video zu sehen importieren – ein neues Werkzeug für Klangtüftler also. Im Display lässt sich das Sample in einer Art Player abspielen. Geschwindigkeit, Jitter und Motion sind dabei änderbar. Mit Letzterem lässt sich einstellen, wie das Sample abgespielt werden soll und welcher Teil bei gehaltener Note als Loop abgespielt wird. Direkt darunter befindet sich der Oszillator, in dem sich bestimmen lässt, mit welcher der vier Methoden aus den Grains ein Klang erzeugt werden soll. Mit dem „Tape“ werden die Grains ähnlich einem Sampler lediglich abgespielt. Im Long-Grain-Modus lässt sich die Länge, Panorama-Position und Weiteres bestimmen. Im Modus Grain Oscillator lassen sich zusätzlich die Formanten und Abstände der Grains bearbeiten. Mit Spectral Grains lassen sich Frequenzanteile und Obertöne bearbeiten. Der Grain Oszillator verfügt zudem noch über Tonhöhen-Parameter wie Oktave, Semitones und Tune. Ein weiterer Oszillator erzeugt sechs typische Wellenformen, die sich mit den Grains koppeln lassen. Beide Oszillatoren lassen sich daraufhin in eine Filtersektion und eine Lautstärkenhüllkurve leiten.

Damit auch Modulierungen und weitere Routings nicht zu kurz kommen, verfügt der Grain über die gleiche Envelope- und Matrix-Sektion wie Europa. Hat man die Routings von einem Synth verstanden, kommt man mit dem zweiten auch sofort zurecht. Grain ist also ein mächtiges Sounddesigner-Tool mit vielen Möglichkeiten, jedes Sample komplett zu verfremden. Wenn man ein Preset lädt, eigene Samples importiert und an ein paar Parametern schraubt, kann man mal in Grains Sounddesign-Welt versinken.  

Humana, Pangea und Klang

Die drei Sampler-Instrumente wurden in Zusammenarbeit mit der Sampleschmiede Soundiron hergestellt und erweitern Reasons Soundlibrary mit erstklassigen Sounds. So unterschiedlich die drei auch klingen, haben sie doch eins gemeinsam: ein einheitliches Bedienkonzept! Jeder der drei Klangerzeuger bietet einen Sound-Slot, in den sich die Klänge laden und mit Sample Start, Oktave, Semitones und Fine justieren lassen. In der Filter-Sektion sind LP, HP, BP und Comb inklusive ADSR-Hüllkurve für Filter und Lautstärke verfügbar. Zum Veredeln der Klänge stehen Delay und Reverb bereit. Positiv fällt auf, dass sich alle Instrumente weit über den echten Tonumfang hinaus spielen lassen, was ich schon bei so mancher Sample-Library vermisst habe.

Humana liefert die typischen AHHs und OHHs, die neben Legato- auch Staccato-Samples bereithalten. Dabei sind männliche und weibliche Stimmen verfügbar. Neben den Ensembles gibt es auch Solostimmen, bei denen zwischen Bass, Tenor, Altor und Soprano ausgewählt werden kann. Humana überzeugt mit einem authentischen Grundsound. Beim Programmieren stößt man allerdings an die Grenzen der Authentizität: Leider ist das Legato nämlich kein „echtes“ Legato; spielt man aufeinander folgende gebundene Noten, werden dennoch dieselben Samples (inklusive Unterbrechung) getriggert, schade. Das können viele aktuelle Libraries besser. Dadurch, dass die neuen Sampler-Instrumente ohne Glide auskommen, lässt sich das auch nicht künstlich nachholen. Im Vergleich zu Samples aus der alten Factory-Library klingen die Ergebnisse aber dennoch lebhafter. 

Pangea kommt mit Weltmusik-Instrumenten, die schon für recht außergewöhnliche Klänge sorgen. Darunter „Bizarr Sitar“, „Harp Guitar“ und „Kinderklavier“. Das Sampler-Instrument eignet sich weniger für die Brot-und-Butter-Jobs beim Arrangieren, sondern vielmehr dazu, um einer Produktion speziellere Akzente zu verleihen.

Das Sampler-Instrument „Klang“ ist auf ungewöhnliche Malletsounds spezialisiert. Hier finden sich „Music Box“, das klanglich einem automatisierten Glockenspiel gleichkommt, und weitere Exoten, etwa die Klänge eines Weinglases. Allesamt sind sie aber in der Tonhöhe spielbar. Die „Klang-Klänge“ finden sicherlich nicht in jeder Produktion ihren Platz, laden aber zum Experimentieren ein. Bell-Sounds lassen sich beispielsweise in Trap und Co. gerne einbauen. Warum also nicht auch eine „Music Box“?

Das letzte Sampler-Instrument im Bunde ist Radical Piano, das es bisher nur als Rack-Extension gab. Es kommt mit drei gesampelten Pianos: Home Grand, Deluxe Grand und Upright. Es bietet viele Möglichkeiten den Grundsound an die eigenen Vorstellungen anzupassen. Die Mikrofonierung lässt sich für jedes Piano zwischen Vintage-Mono, Ambience, Flow, Jazz und Close Mics einstellen. Hinzu kommen viele Charakter-Settings und auch das Dynamikverhalten lässt sich justieren. Abgerundet wird das Radical Piano von einer internen Effekt-Sektion bestehend aus EQ, Reverb und Kompressor. Im Vergleich zur Standard Library ist der Klang eine wahre Bereicherung für Reason. Es ist qualitativ in etwa mit dem „Reason Pianos Refill“ vergleichbar und bietet mehr Eingriffsmöglichkeiten in den Grundsound.

Lohnt sich das Update?

Wer noch auf Reason 9 oder älter unterwegs ist, sollte allein schon wegen des VST-Supports ein Update in Erwägung ziehen, schließlich bietet der riesige Markt namhafter Plug-in-Hersteller viele nützliche VST-Effekte und -Instrumente, die Reason nahezu endlos erweitern lassen. Reason führte aber auch all die Jahre als mehr oder weniger geschlossenes System zu guten Ergebnissen, was auf die modulare CV-Konnektivität und umfangreiche Klangerzeuger wie Thor und Co. zurückzuführen ist. Das All-in-One-Konzept wird mit Version 10 sinnig fortgeführt. Die Frage ist nur, ob man die neuen Features benötigt. Wer auf seine eigene Sample- und Looplibrary schwört und keinen Nachschub braucht, kann darauf verzichten. Selbiges gilt für Vocal-Ensembles und Weltinstrumente. Radical Piano und Synchronous gibt es zwar auch einzeln im Shop, sie kosten zusammen allerdings so viel wie ein Upgrade einer älteren Version. Wer diese beiden ohnehin kaufen wollte, sollte also besser updaten.

Zum Abschluss dieses Reviews habe ich ein kleines Arrangement erstellt, das ausschließlich aus den neuen Synths, Drums und Sampler-Instrumenten der neuen Version besteht. Daran ist gut zu erkennen, dass die Weltinstrumente sogar in Trap und Co. ihren Platz finden können. Der Kreativität sind schließlich keine Grenzen gesetzt …

 

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