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09.04.2020

PA-System zu klein? Das kann man beim Gig tun, wenn die Beschallungsanlage unterdimensioniert ist

FoH-Praxistipp: Wie man der unterdimensionierten PA-Anlage beim Konzert mehr dB entlocken kann

PA-Anlage zu klein? Wie man einer unterdimensionierten Beschallungsanlage beim Konzert entgegenwirkt. Du stehst am Mischpult, der Summenausgang clippt und die Band ist dennoch kaum zu hören? Wie man der PA-Anlage dennoch einige dB mehr an Headroom entlocken kann, zeigt euch dieser Workshop.

Wer in seiner Rolle als Audiodienstleister aufgeht, für den ist das Lesen von Technical Ridern/Bühnenanweisungen obligatorisch. Ich kenne die Sachlage von beiden Seiten. Mal stelle ich eine PA laut Rider für eine Veranstaltung zur Verfügung, an anderen Tagen mische ich eine Band auf einem Event, wo ein örtlicher PA-Dienstleister eine PA laut meinem Rider zur Verfügung gestellt hat.

In der Praxis ist das Ganze nicht immer konfliktfrei. Was ihr tun könnt, falls die PA zu klein für den Gig ist oder die örtlichen Behörden eine massive Lautstärkebegrenzung auferlegt haben, behandeln wir in diesem Workshop.

1. Sag, was du brauchst!

Stichwort: Technical Rider. Es wäre schön, wenn stets das geliefert würde, was man optiert. Leider gibt es zahlreiche Gründe, warum das in der Praxis nicht immer der Fall ist. Dennoch sollte man möglichst genau definieren, welche PA man benötigt und ein, zwei Sätze verlieren, warum man gerade die gewünschte Kombination benötigt.

In vielen Ridern lese ich die Standard-Formulierung: „Der Veranstalter stellt eine der Örtlichkeit angemessene, professionelle PA.“

Wer bereits einige Jahre im Rock ’n’ Roll Zirkus unterwegs ist, der ist immer wieder erstaunt, was manche Veranstalter unter einer professionellen PA verstehen. Daher habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, bei neuen Veranstaltungen und Technikpartnern anzurufen, um mich vorab über die Gegebenheiten zu informieren (Hallengröße, etwaige SPL-Limits usw.).

Die zweite Frage gilt dem PA-System. Welche PA steht dort und vor allem wie viel? Bei manchen Veranstaltungen (Festival, Stadtfest) muss man in der Regel mit dem Vorlieb nehmen, was dort steht. Immerhin weiß man nach einem Anruf, worauf man sich einlässt.

Wenn man von der Papierform her eine Unterversorgung erkennt, sollte man das offen ansprechen. Im Rider sollte man zudem darauf hinweisen, dass die Band vielleicht lauten Rock mit viel Drehmoment spielt, dementsprechend lautstark auf der Bühne agiert und man daher eine potente Anlage benötigt. Ist der Verleiher erfahren, wird er zum Selbstschutz genügend Material aufstellen.

Den Anfängerfehler „Ich stelle nur das, was auch bezahlt wird“, sollte man als Verleiher nicht begehen. Wird das Material aufgrund seiner Unterdimensionierung krass misshandelt, tut man sich keinen großen Gefallen. Lieber etwas mehr aufstellen, das entspannt spielt, als ein Festival der Limiter mit spektakulärem Pappentod-Finale.

2. Mischen auf Sparflamme

Egal wie sehr man sich auch bemüht, es kommt der Tag, wo man als Tontechniker versuchen muss, seine Band über eine hoffnungslos unterdimensionierten PA hörbar zu machen. Jugendheim, Privat-Party, Low Budget Stadtfest – you name it.

Ein typischer Fall liegt bei mir schon über einige Jahre zurück. Der Veranstalter rechnete mit 400 Zuhörern auf einem kleinen Stadtfest Open Air. Ein befreundeter örtlicher Dienstleister stellte pro Seite zwei 18-Zoll-Subwoofer und ein 2x 12/1,4-Zoll-Topteil. Für die angedachte Menge an Publikum durchaus in Ordnung. Allerdings standen geschätzte 1.500 Personen vor der Bühne, von denen die meisten tatsächlich auch die Band hören wollten.

Flucht war keine Option. Zusammen mit dem bereits traumatisieren PA-Verleiher versuchten wir, das Beste aus der Situation zu machen. Mit folgenden Maßnahmen wurde es zwar auch kein großer Rave, aber wir konnten sicherstellen, dass deutlich mehr Leute die Band hören konnten.

3. PA optimieren

Fakt: Die auf den 18-Zoll-Subs gestackten Topteile standen einfach zu niedrig, um den Platz akustisch auszuleuchten. Tipp Nummer 1 ist daher, die PA so gut wie möglich auf die Publikumsfläche auszurichten. Mit dem kooperativen Kollegen einigte ich mich auf folgende Änderungen. Die vier 18-Zoll-Subwoofer wanderten als Monocluster mittig vor die Bühne und die Topteile auf massive Lautsprecherstative. Mein Glück, dass die Tops mit Hochständerflanschen ausgestattet waren und unter 30 kg wogen. Daher haben wir sie ein ganzes Stück höher bekommen, was mehr Reichweite erzeugte.

Jetzt galt es, den maximalen Pegel aus der PA zu prügeln, ohne die Betriebssicherheit zu gefährden. Gefährdet war durch unsere Umstellung die Topteil-Abdeckung in den ersten Reihen. Vom Hochton der Topteile war dort nicht mehr viel zu hören. Da die Band nur zwei Floor-Monitore benötigte, übernahmen zwei Monitore den Job als Infill für die ersten Reihen.

4. Elektroakustische Optimierung

Je nach Musikstil wird zwischen 70-90 % der verfügbaren Endstufenleistung im Bassbereich verbraten. Daher habe ich zunächst am Speaker-Controller für etwas Entlastung gesorgt.

Das Hersteller-Preset sah einen Low-Cut bei 35 Hz mit 18 dB Butterworth-Filter vor. Im Rahmen der freiwilligen Selbstkontrolle setzte ich den Low-Cut auf 45 Hz. Für eine Rockband ein gangbarer Kompromiss, denn der Tiefbassbereich ist besonders leistungshungrig.

Die nächste Amtshandlung bestand darin, die Bässe über einen Aux-Weg anstatt über die Mischpultsumme anzusteuern. Somit gelangen ausschließlich Signale in die Subwoofer, die man über den Aux-Weg hinzu gibt. Bassdrum, Bass, Floor-Tom – das ist alles.

Nahbesprochene Gesangsmikrofone, Stand-Toms und tiefer gestimmte Gitarren verfügen durchaus über valides Subwoofer Frequenzmaterial, was ich aber bewusst durch diese Ansteuerung ausgesiebt habe.

Die Topteile wurden ebenfalls über den Speaker-Controller entlastet. Deren Low-Cut wanderte von 80 Hz auf 105 Hz. Messtechnisch nicht ideal, aber diese kleinen Tweaks summieren sich, damit man der PA einige dB mehr entlocken kann, ohne die Treiber zu gefährden.

5. Ressourcenschonend mixen

Dieser Tipp half mir zwar nicht auf dem Stadtfest Open Air, wo jedes Signal über die PA verstärkt werden muss. Daher richtet sich Punkt 5 an die Kollegen, die in einem Club eine zu kleine PA vorfinden. Hier kann es sinnvoll sein, die vorhandene Backline bewusst in das Soundkonzept einzubinden.

Wie bereits gesagt, der größte Teil der Endstufenleistung wird für den Bassbereich gebraucht. Verfügt der Bassist deiner Band über einen potenten Bassverstärker, dann sollte der Bass (Instrument) überwiegend über den Amp verstärkt werden. Das erzeugt automatisch mehr Headroom für die Bassdrum. Oft ist auch ein Kompromiss zielführend. Das Bass-Signal erhält ein Low-Cut bis 100 Hz und dafür ein wenig Wärme mit EQ-Anhebungen bei 250-350 Hz und 800 Hz. Dadurch fällt es kaum auf, dass über die PA kaum richtige tiefe Frequenzen wiedergegeben werden. Womit wir beim letzten, aber ebenfalls wichtigen Punkt angekommen sind.

6. Mixtricks für unterdimensionierte PAs und SPL-Limits

Fakt ist: Die vorangegangenen Tipps helfen, aber den größten Einfluss habt ihr selbst. Die Art, wie ihr euren Mix anlegt, ist entscheidend. Es gibt zwei Stellschrauben, mit deren Hilfe sich der verwertbare Output erhöhen lässt. Das ist auf der einen Seite ein möglichst Ressourcen schonender Mix und auf der anderen eine gezielte Dynamikbearbeitung.

Ich mische überwiegend Rockbands und meine Vorstellung für einen passenden Sound ist es, den Mix so groß und fett wie möglich aufzublasen. Das geht allerdings nur mit einer entsprechend dimensionierten PA mit massivem Headroom. Also das genaue Gegenteil, was uns im Problemfall erwartet.

Ist die PA unterdimensioniert, dann hilft es, den Mix wie einen Jazz- oder Klassikmix anlegen. Man entsorgt über den EQ die störenden Frequenzen und versucht im Bassbereich massive Anhebungen zu vermeiden.

Aber eine Rockband ist kein Kammerorchester, weshalb wir auf manche gezielte EQ-Anhebungen nur sehr ungerne verzichten. Also was tun? „Low-Cut auf alles“ ist eine valide Sofortmaßnahme. Wir entschlacken den Bassbereich in jedem Kanal so gut es geht, ohne den Band-Sound völlig zu kastrieren. 

Das Signal mit der schlechtesten Ökobilanz ist die Bassdrum. Hier schalten wir Plug-in- und Hardware-Inserts wie Waves Low Air oder dbx Subharmonic Synthesizer auf Bypass und setzen einen Low-Cut bis 40 Hz. Wenn ein wenig Schub für den Sound unabdingbar ist, dann hilft es, die Boost-Frequenz anzuheben (siehe Screenshots).

Zielführend ist, die Anhebung (EQ-Filtergüte) eher schmal (Q2) statt breit (Q1) durchzuführen. Grundsätzlich klingen breitbandige Anhebungen musikalischer, sie verbrauchen aber viel Energie.

7. Das dynamische Duo Kompressor & Limiter

Hilfe kommt aus der Dynamic-Abteilung und zwar ausfolgendem Grund. Jede PA wird über eine Art Speaker-Management verwaltet, entweder Aktivboxen mit eingebauten DSPs oder über einen 19-Zoll PA-Controller. Überschreitet der Eingangspegel die Limiter-Thresholds, wird der Pegel begrenzt und die PA wird nicht mehr lauter. Ihr hab sicherlich schon festgestellt, dass ein DJ deutlich mehr Krach aus einer identischen PA bekommt als eine Live-Band. Der Grund ist, dass die Dynamik der Band deutlich größer ist als die einer hart gemasterten Partymukke mit 6 dB Rest-Headroom.

Durch die höhere Dynamik des Live-Signals werden die PA-Limiter früher angesprochen und die Lautstärke früher begrenzt. Ziel in unserem Live-Mix muss sein, die gröbsten Lautstärke-Peaks abzufangen, um die Grundlautstärke anheben zu können. Das funktioniert bei Live-Musik nur bis zu einem gewissen Grad.

Durch exzessiven Kompressor/Limiter-Einsatz werden unerwünschte Nebengeräusch lauter, der Klang wird härter und es können Verzerrungen auftreten. Die Dosis macht das Gift. Daher starten wir mit den Kompressor-Einstellungen in den Kanälen. Statt der live-üblichen 3:1 oder 4:1 Ratios nutzen wir 5:1 oder 6:1 Einstellungen. Reicht das für eine hörbare Dynamik-Verkleinerung noch nicht aus, versuchen wir es mit einem Kompressor in der Summe. Um perkussive Signale wie Bassdrum und Snare nicht ganz abzuwürgen, komprimieren wir mit einer Attack-Einstellung von 20 ms, Release 100 ms, Ratio 1:2.5, 3 dB Gain-Reduction. 

Reicht das immer noch nicht, um die Band im ganzen Publikumsbereich hörbar zu machen, schalten wir nach dem Kompressor einen Limiter (z. B. Waves L2) in die Summe. Dieser killt hart, aber herzlich die letzten prominenten Peaks im Mix und beschert euch bestimmt noch mal 3-4 dB Headroom.

Disclaimer: Live-Musik lebt von ihrer großen Dynamik. Die hier vorgestellten Tipps sind nur als Nothilfe zu verstehen, wenn man die Band schlichtweg wegen zu geringer Lautstärke nicht rüberkommt oder wenn eine Lautstärkebegrenzungen die Arbeit erschwert. Letztere kann man durch die genannten Kompressor/Limiter-Einstellungen bis zu einem gewissen Grad aushebeln. Ich wünsche euch stets 3 dB unverzerrtem Headroom. 

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