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13.12.2013

Workshop Musikproduktion am Rechner - Mixen in der DAW #1

Big Picture Levels und Gain Staging verstehen

In unserer neuen Reihe "Mixen in der DAW" möchten wir uns den Besonderheiten von Audioproduktionen widmen, die nahezu vollständig "In the Box" (ITB) stattfinden. Auch wenn zahlreiche Software versucht, weitgehend Feel und Look von Outboard-Gear zu vermitteln, gibt es auf der einen Seite entscheidende Unterschiede für das Arbeiten in beiden "Welten" - und auf der anderen Seite sind manche Zusammenhänge doch wieder näher als gedacht.

Verschiedene Probleme und Verquickungen dieser Art werden wir deshalb praxisnah aufgreifen. Dabei ist keiner der vorgestellten Tipps als eisernes Gesetz oder auch nur als Richtlinie zu verstehen. Stattdessen soll ein Einblick in die besonderen Bedingungen von DAW-Produktionen vermittelt werden. Wenn dann noch Workflow und/oder Klangergebnis davon profitieren, optimal! Deshalb noch der ausdrückliche Hinweis: Bei den meisten Tipps ist es am besten, selbst auszuprobieren, wie sich das Arbeiten mit den vorgeschlagenen Hinweisen "anfühlt" und - vor allem natürlich - wie das Resultat klingt.

Das Problem – Eine Summe geringer Verzerrungen

Wir starten mit einer Folge über die Level- und Metering-Praxis von ITB-Produktionen. Der Titel „Big Picture Levels“ gibt bereits einen ersten Hinweis darauf, warum das wichtig sein könnte. Was sich auf den ersten Blick wenig spektakulär liest/anhört, wird in Internetforen heiß diskutiert und zieht dort etliche argumentative »Grabenkämpfe« nach sich. Wer in diese spannende Auseinandersetzung einsteigen möchte, wird zum Beispiel unter folgendem Link fündig: www.gearslutz.com/board/so-much-gear-so-little-time/463010-reason-most-itb-mixes-don-t-sound-good-analog-mixes-restored.html

Im Kern geht es bei dieser Diskussion darum, dass DAW-Produktionen aus dem Homerecordingbereich in etlichen Dimensionen oftmals weniger »groß« wirken als professionelle Studio-Produktionen. Das betrifft beispielsweise das Dynamikverhalten oder die empfundene »Räumlichkeit« und »Tiefe«. Aber auch die »klangliche Ausgewogenheit« der Signale im Frequenzbild oder die »Reinheit« von Signalen kann ins Auge bzw. »ins Ohr« fallen. Einer der Gründe: Nicht wenige solcher weniger gut klingender ITB-Produktionen addieren zahlreiche geringfügige Verzerrungen in den Einzelsignalen zu einem Klangbild, das für qualitätsverwöhnte HiFi-Ohren einfach nicht »sauber« und »teuer« genug klingt. Durch diese »platten« und »matten« Signale wirken die Ergebnisse dann nur wenig »plastisch« und klanglich einfach nicht »dreidimensional«. Eine Reihe subjektiver Eindrücke, die die wahrgenommene Soundqualität beachtlich beeinträchtigen können.
Um uns auf den Weg zu machen, zukünftig ein klanglich »großes Bild« zu zeichnen, schauen wir uns deshalb in dieser Folge zunächst eine spezielle Aussteuerungspraxis an: Gain Staging. Diese Arbeitstechnik ermöglicht es uns, zu einer exzellenten Signalqualität zu gelangen, die (optimalerweise) weitgehend frei von ungewollten Signalverzerrungen ist.

dB ist nicht dB

Doch bevor wir uns der praktischen Seite der »Big Picture Levels« widmen, sollten wir uns noch klar machen, was die zentralen Begriffe in den nachfolgenden Abschnitten überhaupt bedeuten. Dafür schlagen wir zunächst einen kleinen Pfad durch das Unterholz technischer Bezeichnungen und unterscheiden verschiedene Typen von Dezibel-Angaben (dB). Für die Diskussion um analoge und digitale Aussteuerungen konzentrieren wir uns dabei auf zwei Einheiten: Zum einen auf den Spannungspegel in dBu (Decibel unspecified) und zum anderen auf den digitalen Aussteuerungspegel in dBFS (Decibel Fullscale). Auf die Einheit dBu (manchmal auch dBVU) stößt man bei der Arbeit mit Outboard-Equipment. Auf die Einheit dBFS trifft man dagegen beim Metering mit digitalem Equipment, insbesondere in DAWs.
Den Technikfreaks unter euch wird bereits klar sein: Eine allgemeingültige Umrechnung beider Einheiten ist nicht möglich. Schließlich handelt es sich bei Angaben in dBu um per Voltmeter gemessene Effektivwerte eines (analogen) Spannungspegels und bei Angaben in dBFS um die Binärzahlen einer Spitzenwertskala. Während Angaben in dBu quasi Mittelwerte angeben (nah am RMS-Wert), werden mittels dBFS Spitzenwerte (Peaks) gemessen.

Falls es jetzt noch nicht Klick“ gemacht haben sollte, ist das kein Problem. Hier ein Praxisbeispiel, das die Zusammenhänge verdeutlicht: Schauen wir einmal ins Handbuch eines Audio-Interfaces. Für das RME Fireface 800 gibt der Hersteller beispielsweise +19 dBu als höchsten Ausgangspegel an, sofern die „Hi Gain“-Funktion des Audio-Interfaces aktiviert ist. 

•    Wählt man also als Referenzpegel „Hi Gain“, so folgt daraus am Ausgang des Audio-Interfaces ein maximaler Effektivwert von +19 dBu.
•    Wird am Audio-Interface für den Ausgangspegel dagegen der Studiostandard von +4 dBu gewählt, so beträgt der höchste Ausgangspegel noch +13 dBu.
•    Wird aber als Ausgangspegel der Line /Consumer-Pegel von -10 dBV (= -7,78 dBu) gewählt, so beträgt der höchste Ausgangspegel nur noch +2 dBV (= +4,22 dBu).

Die Ausgangsanzeige der DAW zeigt in allen Fällen jedoch für den höchsten dBu-Ausgangspegel stets einen Wert von 0 dBFS an(!). Dieses Beispiel macht deutlich, dass eine allgemeingültige wechselseitige Umrechnung von dBFS in dBu wenig sinnvoll ist. Was aber möglich ist, ist eine relative Einschätzung der Werte beider Einheiten zueinander. Ausschlaggebend dafür ist dann das jeweils verwendete Equipment. Da ist es schon eine feine Sache, dass Profi-Equipment für den Audiobereich in der Regel für einen Betrieb bei +4 dBu kalibriert ist, denn daraus lassen sich zumindest sinnvolle Empfehlungen ableiten.

VU-Meter vs. RMS-Meter

Der Einfachheit halber gehen wir hier davon aus, dass sowohl VU-Meter als auch RMS-Meter den Mittelwert eines Audiosignalpegels anzeigen – wenngleich es sich bei einem VU-Meter eigentlich nur um einen „Quasimittelwertmesser“ handelt. Nur bei einer reinen Sinusschwingung zeigen beide Geräte definitiv das Gleiche an, nicht jedoch bei anderen Musik- oder Sprachsignalen. Und auch die zugrunde liegenden Skalen beider Geräte sind verschieden: Die Anzeige eines VU-Meters ist in der Regel logarithmisch, die eines RMS-Meters linear skaliert.

Da es mit seiner Skala und der (virtuellen) Trägheit seiner Nadelanzeige Eigenschaften des menschlichen Gehörs nachempfindet, vermittelt das VU-Meter einen guten Eindruck von der Lautheit und den Lautheitsverhältnissen des Audiomaterials. Deshalb ist es denkbar, beim Gain Staging ein kalibriertes VU-Meter einzusetzen, bei denen der Referenzpegel frei justiert werden kann (etwa die Freeware-Plugins Mono Channel von Sleepy-Time Records oder das PSP VintageMeter). Doch empfehle ich für das Gain Staging dennoch das hierfür genauere RMS-Meter, um auf der »sicheren Seite« zu sein. Gain Staging?

Was ist Gain Staging?

Gain Staging ist eine Mix-Technik, bei der der Master-Fader während des gesamten Abmischens weitestgehend auf der Nullstellung (Unity Gain) verbleibt und stattdessen die Eingangspegel der Einzel- und Gruppenkanäle so geregelt werden, dass eine Übersteuerung des Masterkanals verhindert wird. Denn überschreitet der Spitzenpegel eines digitalen Audiosignals den Wert von 0 dBFS, kommt es zur digitalen Übersteuerung (Clipping). Resultat ist ein kratziger Sound, da das übersteuerte digitale Signal nicht mehr »smooth« (nämlich angemessen interpoliert) analog rückgewandelt werden kann. Zugleich werden durch das Gain Staging die Signalpegel der Einzelkanäle auf »konservativem« Niveau gehalten.

Was sich zuerst einmal unspektakulär liest/anhört, führt in der Praxis zu beeindruckenden Resultaten hinsichtlich Workflow und Klang eines Mixes: Einzelsignale und Gesamtmix klingen im Ergebnis natürlich und brillant und sind weitgehend frei von ungewollten Verzerrungen.

Resümee

Wer bis hierhin mitgelesen hat, dem kann ich nur gratulieren: Jetzt ist das technische Grundverständnis da, um die praktischen Tipps des zweiten Workshop-Teils locker nachvollziehen zu können. Wir haben festgestellt, dass wir die Einheiten dBu und dBFS auseinander halten müssen. Und wir haben auch gesehen, warum beide Pegel in einem Verhältnis zueinander stehen, das von der Kalibrierung des Equipments abhängt. Außerdem haben wir mit dem RMS-Meter noch das passende Tool gefunden, mit dem wir uns auf den Weg machen können, einen Mix zu erarbeiten, der »sauber« klingt und ordentlich Dynamik und Tiefe aufweist. Und wir wissen auch schon, wie wir das erreichen wollen: Durch konsequentes Vermeiden auch noch so geringster Verzerrungen.

 

 

 

Ausblick

In der nächsten Folge wird es endlich praktisch. Dann setzen wir all diese Punkte in einem Mixprojekt in die Tat um.

 

 

Download-Tipps

PSP VintageMeter. VU-Meter (VST). Freeware. URL: http://www.pspaudioware.com/plugins/tools_and_meters/psp_vintagemeter/ [Stand: 16.11.2012].

Sleepy-Time Records Mono Channel / Stereo Channel. VU-Meter / Gain-Control (VST). Freeware. URL: http://sleepytimerecords.com/audioplugins [Stand: 16.11.2012].

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