Hersteller_MicrotechGefell
Test
2
04.03.2014

Microtech Gefell M 221 Test

Kleinmembran-Kondensatormikrofon

Messmikrofon-Derivat

Die Neumann-Nachfolgefirma Microtech Gefell hat das Druckempfängermikrofon M 221 zum umfangreichen Test der Kleinmembraner hier bei bonedo beigesteuert. Gefell hat, anders als Neumann, eine beachtliche Erfahrung in der Herstellung von Messmikrofonen, was bei dem Bau von Kugeln für die Tontechnikanwendung gerade recht kommt. 

Was viele Tontechniker nicht wissen: Microtech Gefell stellt eine Reihe Empfänger für die Messtechnik her, darunter auch Klimasonden und Erschütterungssensoren. Nun soll ein Druckempfängermikrofon wie das M 221 aber musikalischen Ansprüchen genügen anstatt nur vermeintlich kalte, leblose und nüchterne Aufgaben zu erledigen. Ist das überhaupt ein Widerspruch? Unabhängig von der Antwort auf diese Frage: Was leistet die Top-Kugel von Microtech Gefell?

Details

Beliebte Kapsel

Dass ich diesen Testbericht des Microtech Gefell M 221 mit Messtechnik beginne, hat natürlich einen guten Grund, denn an Möglichkeiten, ein Review über ein Gefell zu starten, bietet das Unternehmen aus Thüringen wahrlich mehr als ausreichend. Es ist die Kapsel, die sowohl im phantomgespeisten M 221 zum Einsatz kommt als auch am konstant stromgespeisten Messmikrofon MM 210: die MK 221, welche ganz offensichtlich auch namensgebend für das M 221 ist. Genau dieses Modell wird auch von der High-End-Mikrofonschmiede Josephson in Santa Cruz für die C617-Mikros verbaut – und das, obwohl Josephson selbst hervorragende Kapseln baut, ja mehr noch: Josephson stellt selbst sogar OEM-Kapseln für andere Hersteller her! Das spricht natürlich alleine schon für die Qualität der MK 221. Microtech ist nicht das einzige Unternehmen, in dem messtechnisch und tontechnisch-musikalisch genutzte Mikrofonkapseln gleichermaßen genutzt werden: Ein bekanntes Beispiel ist der Messgerätehersteller Brüel & Kjær, der vor zwanzig Jahren in verschiedene Unternehmen gesplittet wurde. Die Kapseln der Brüel & Kjær Sound and Vibration Measurement A/S kommen in den Mikrofonen der Danish Pro Audio – kurz DPA – zum Einsatz. Wer in Gefell eine Werksbesichtigung machen kann, der hat vielleicht die Chance zu erkennen, wie penibel dort gearbeitet wird. Jedes der kleinen Löcher in der 221-Schutzkappe wird unter einer Lupe von Hand absolut perfekt nachgefeilt, um ein akustisch einwandfreies System zu erhalten. Zudem wird eine solche Kapsel nicht einfach hergestellt und verkauft, sondern einem langen Temperierungsverfahren unterzogen und immer wieder ausführlich getestet. Gute Voraussetzungen also!

Frequenzgang und Polardiagramm

Der kleine „Fingerhut“ ist mit einem Standardgewinde auf dem Korpus befestigt, in seinem Inneren arbeitet eine Halbzoll-Nickelmembran. Durch die kleine Baugröße der Kapsel und den schlanken Body des gesamten Mikrofons, in erster Linie aber durch sehr gutes Design, ist das M 221 bis hinauf zu 2 kHz eine ideale Kugel und wird nur langsam und sehr gleichmäßig zu den hohen Frequenzen hin richtend – wie es jeder Druckempfänger tut. Bei 16 kHz beträgt die Rückwärtsdämpfung dann 10 dB. Auf der Achse gemessen, wird der Standardfrequenzgang im Kilohertzbereich leicht wellig mit einer vorsichtigen Beule im Air-Band – der Toleranzschlauch bleibt über das menschliche Hörspektrum hier 2 dB klein. Ein leichter Abfall ist zur 20kHz-Marke festzustellen, Richtung Infraschall bleibt die Kurve konstant. Die Elektronik mischt sich nicht weiter ein (der Frequenzgang von Messmikro MM 210 und M 221 ist in den Unterlagen identisch), sodass die notwendige Kapillaröffnung zum Ausgleich atmosphärischer Druckänderungen die untere Grenzfrequenz definiert. Bei der MK 221 liegt diese bei 3,5 Hz, also weit unterhalb der tiefsten Pfeifen im Pedalwerk einer Kirchenorgel (und unter der Grenzfrequenz der in der Tontechnik eingesetzten Digitalwandler und der Sinnhaftigkeit musikalischer Geschehnisse sowieso). Das System ist freifeldentzerrt, also nicht mit einer zusätzlichen Höhenanhebung ausgestattet.

Hoher Feldbetriebsübertragungsfaktor

Erstaunlich hoch ist der Übertragungsfaktor des Mikrofons: 50 mV/Pa sind ein Wert, den viele Großmembran-Kondensatormikrofone nicht erreichen. Hier haben wir ein Ergebnis aus der Messtechnik, denn dort beträgt die Polarisationsspannung der Kondensatorkapsel meist 200 Volt, wohingegen bei Studiomikrofonen 60 bis 80 Volt genutzt werden. Am transformatorlosen Ausgang des Druckempfänger-Mikros liegt der offenbar ordentlich gehöroptimierte Störgeräuschpegel bei 15 dB(A) (CCIR sind 28 dB), dies ist angesichts des Übertragungsfaktors und der 0,5%-THD-Marke von 136 dB(SPL) ein wirklich sehr guter Wert. Aber wer hätte auch etwas anderes erwartet? Die Ausgangsimpedanz des MG M 221 liegt deutlich unter den meist verlangten 200 Ohm, mit 100 Ohm sind also auch längere Kabel an den meisten Preamps unproblematisch – das ist nicht unwichtig bei der Arbeit in großen Räumen wie Konzerthallen und Kirchen.

Äußerlichkeiten

Mit 123 Gramm ist das Kugelmikrofon kein Schwergewicht, mit 17 Zentimetern Länge und 21 Millimetern Durchmesser am Fuß auch nicht sonderlich groß. Das Gefell M 221 ist wie die passende Mikrofonhalterung MH93.1 vernickelt. Diese Oberfläche ist, anders als übliche Vernickelung, unter Beimischung von feinen Kohlepartikeln dunkler, aber trotzdem empfindlich und löst bei manchen Menschen Kontaktallergien aus. Microtech Gefell allerdings überzieht diese Schicht mit eine hauchdünnen Schutzschicht, um beide Problematiken zu minimieren. Dem Praxisteil vorwegnehmen kann ich an dieser Stelle, dass auch das M 221 absolut hervorragend gefertigt ist, es scheint nichts mit noch so kleinem Makel das Werk im Saale-Orla-Kreis zu verlassen. Baulich ist das an der Gleichmäßigkeit der Oberfläche, der Lasergravur und den Gewinden zu erkennen. Mehr “Deutsche Wertarbeit” ist wohl kaum möglich, das M 221 ist eines der Aushängeschilder dafür.

1 / 3
.

Verwandte Artikel

User Kommentare