Test
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07.08.2018

Praxis

Richtwirkungsverwirrung

Stufenloses Tube-/Solid-State-Blending, Rauschen unter 0 dB, Stereoaufnahme und Digitalinterface – Lewitt ist findig darin, seinen Mics Besonderheiten mitzugeben, die sich im Vergleich mit vermeintlich normaleren Mikros in der Aufmerksamkeit potenzieller Käufer in die erste Reihe drängeln. Was man davon nun wirklich benötigt, steht auf einem anderen Blatt.

Und so male ich mir ein Meeting bei Lewitt zur Planung des LCT 441 Flex mit folgendem Dialog aus:

– „Das 441 ist in der Entwicklung bislang sehr positiv. Es klingt gut, ist technisch sehr vernünftig und wird nicht zu teuer. Wir müssen ihm aber aus Marketinggründen noch einen ,Unique Selling Point‘ mitgeben. Etwas, das nicht viel kostet, aber auffällig ist. Irgendwelche Vorschläge?“

„Pattern einstellen per iPhone-App!“

– „Hm, ok …“

„Ein Laserpointer zum Ausrichten!“

– „Wozu um alles in der Welt das denn? … Oh, das gibt’s sogar schon.“

„Einfach die Nierenpatterns auch für die Rückseite einstellbar machen!“

– „Ja, schon besser!“

Liebe Leser, ihr ahnt meine Frage: Was soll das? Ich meine, schließlich kann ich „nach hinten zeigende Richtpatterns“ auch dadurch erzeugen, dass ich das Mikrofon einfach um 180 Grad drehe. Die resultierende Polarität kann ich an eigentlich jedem Preamp mit Hilfe des kleinen Schalters (im Volksmund „Phasendreher“) einstellen. Gut, das 441 lässt sich im installierten Zustand nicht so einfach in der elastischen Halterung drehen und nicht immer „zeigt“ das Bedienfeld in die passende Richtung. Aber mit der Elektronik eine mechanische Hürde zu umgehen ist selten der Königsweg. Verständlich wäre es, die Einstellung fernsteuern zu können, wenn die Dinger über dem Drumset oder sonstwo hängen. Ich würde mich eher freuen, wenn die Frontseite eines Lewitt-Großmembranmikros „fail safe“ und für alle User sofort erkennbar wäre. Das würde zumindest den Papierstreifen auf jedem originalverpackten Lewitt-GMK-Mikro unnötig machen. Und wenn ich mir ein weiteres Statement erlauben darf: Ich finde die Pattern-Zufallsfunktion ziemlich albern und eines Profiwerkzeugs ziemlich unwürdig. Mag sein, dass das jemand spaßig findet. Das Lewitt 640 TS will ich als mögliche Alternative nennen, denn wie beim Microtech Gefell UM 930 twin und dem Sennheiser MKH800 TWIN ist hier eine getrennte Signalführung möglich – und damit eine nachträgliche Einstellung der Richtcharakteristik (und sogar Automationen etc.).

Richtcharakteristik, die Zweite!

Das Thema Richtcharakteristik erscheint jetzt erschöpfend behandelt, nicht? Nein, da wäre noch etwas, was aber jedes Mikrofon betrifft: die Konsistenz der Patterns. Sicher, wem es auf einen möglichst stabilen Frequenzgang aus allen Richtungen ankommt, der kauft möglichst kein Großmembranmikrofon – und erst recht kein umschaltbares. Neben der für Doppelmembrankonstruktionen typischen eher schwachen generellen Off-Axis-Ausblendung von Niere und Acht und der Tendenz zum Achterpattern bei hohen Frequenzen der Kugel, gibt es eigentlich keine besonderen Auffälligkeiten. Die Niere ist bis 90 und 270 Grad recht konstant, lediglich das Frequenzband ab 10 kHz richtet etwas stärker. Einige Zacken im polaren Frequenzgang können übersprechende Signale und Reflexionen etwas verfärben, aber all das ist schlichtweg normal für ein Mikrofon dieser Bauart.  

Patternumschaltung für Soundnuancen

Die verschiedenen Richtwirkungen bieten unterschiedliche Tonalitäten besonders der Präsenzen und – natürlich – Bassdarstellungen bei naher Besprechung. Die Acht klingt bei axialer Besprechung sehr „kernig“, die Kugel eher luftig und die Niere crisp-kristallin. Besonders die sicher viel benutzte Niere ist sehr modern. Die zusätzlichen Flex-Richtcharakteristika ohne Änderung der Einsprechrichtung zu benutzen, verbietet sich in den meisten Fällen, da einmal der Direktschallanteil dadurch zu klein wird, aber auch aus dynamischen Gründen.

Grobdynamik und Feindynamik

Das Zauberwort Dynamik ist gefallen. Ein Feld, in dem Lewitt-Mikrofone punkten können. Sicher ist das 441 Flex nicht so dermaßen flüsterleise wie das Subzero, aber mit 7 dB(A) in Nierencharakteristik ist man schon in Bereichen, die vor zwei Jahrzehnten für Mikrofone dieser Bauform unmöglich erschienen. Ich meine mich zu erinnern, dass das Neumann TLM 103 von 1997 das erste Mikro war, das diesen Wert erreichte, aber das war auch kein umschaltbares. Spektral ausreichend ausgewogen und im Zeitverlauf homogen ist das Rauschen, sodass es sich bei Hörbarwerdung durch (zu) viel Headroom, hohe Schalldynamik oder einfach extremen Kompressoreinsatz nicht direkt negativ bemerkbar macht. Und auch EQing verträgt das Lewitt bis zu einem hohen Maße im gesamten Frequenzbereich.

Schnell ist das Lewitt LCT 441 Flex, ganz besonders bei axialer Besprechung. Rauschanteile von geriebenen oder gehauchten Konsonanten werden schön texturiert dargestellt, vielleicht etwas gehypt. T- und S-Laute springen quasi aus dem Material heraus. Nicht schlecht für ein Mikrofon dieser Preisklasse!

Das gilt wie gesagt bei frontaler Besprechung. Für Vocals ist das nicht so schlimm: Ein wenig verrundende Reflexionen abseits der Hauptschallquelle können nicht schaden. Bei bleedenden Nachbarinstrumenten mit hohem Pegel muss man jedoch natürlich eine Klangänderung in Kauf nehmen.  

Plopp ok, Nahbesprechung gut

Die Ploppempfindlichkeit des Mikrofons selbst ist ok, wenngleich ich dem Metallfilter ein handelsübliches Konstrukt vorziehe. Bei naher Besprechung lassen sich die zusätzlichen Bassanteile durch den Proximity-Effekt gut über den Abstand steuern, es gibt keine abrupten Änderungen. Auch klingt die Anhebung natürlich und satt, nie wirklich sonor oder wie eine externe Klangkomponente. Und Lewitts Aussagen in den Unterlagen kann ich absolut beipflichten: Die verschiedenen Richtcharakteristika erlauben eine klare Steuerung des Klangcharakters auch und gerade bei geringem Abstand. Das ist allerdings auch bei vielen anderen umschaltbaren Mikrofonen der Fall.  

Two for the drums

Wir hatten ein Pärchen der Lewitt LCT 441 Flex bekommen, da hat es sich angeboten, dass unser Autor Max Gebhardt sie sich über das Drumkit hängt. Vor allem als einzelnes Front-of-Kit macht ein 441 Flex eine gute Figur. Und ganz generell: Wer einen modern und frisch klingenden Allrounder sucht, ist mit dem Mikrofon sicher gut bedient, wenngleich ich auch bei Overheads und an Amps ein Hochpassfilter vermisse. Ein Pad scheint kaum nötig.

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