Hersteller_Korg
Test
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31.01.2014

Praxis

Erster Eindruck

Nach dem Einschalten braucht man zunächst etwas Geduld: Das Hochfahren unseres (mit der Musikant-Erweiterung ausgestatteten) Testkandidaten dauert über zwei Minuten! In einer stressigen Live-Situation kann das zu einer echten Nervenprobe werden. An gewisse Ladezeiten hat man sich ja spätestens seit dem KRONOS gewöhnt, aber zwei Minuten empfinde ich doch als grenzwertig, vor allem bei einem Bühneninstrument. Stromkabel gut sichern!

Nach dieser Zwangspause ist das Pa900 einsatzbereit. Und was da aus den Lautsprechern kommt, weiß zu überzeugen. Die Speaker klingen satt, rund und druckvoll und bleiben auch bei hohen Lautstärken klar und verzerrungsfrei. Zu Monitorzwecken wird man in der Regel keine weiteren Boxen benötigen, und auch für eine kleinere Chorprobe ist man mit den eingebauten Lautsprechern schon ganz gut ausgerüstet.

Sounds

Auch das erste Durchklicken durch die über 1100 Sounds ist eine erfreuliche Angelegenheit. Viele Klänge verfügen über die RX- („Real Experience“) und DNC2- („Defined Nuance Control“) Technologien, wodurch sich – je nach Sound – spezielle Spielweisen und Artikulationen über den Joystick, die drei dafür vorgesehenen Taster, Aftertouch und/oder Velocity abrufen lassen bzw. an bestimmten Stellen automatisch eingefügt werden. Bis man im Kopf hat, bei welchem Sound welche Klangfacette wo zu finden ist, vergeht etwas Zeit und die Handhabung erfordert etwas Übung, aber wenn man sich mit diesen Sounds intensiv auseinandersetzt, wird eine wesentlich lebendigere Performance möglich.

Das Grand Piano RX entstammt dem großen Bruder Pa3x und ist mit Saiten- und Pedalresonanzen sowie Release-Samples ausgestattet (die sich aber nicht weiter beeinflussen lassen). Ganz im Sinne eines multifunktionalen Entertainer-Keyboards handelt es sich dabei um einen gefälligen, unkomplizierten Pianosound, der in vielen Stilistiken eine gute Figur macht. Natürlich sind auch die üblichen Abwandlungen wie Rock Piano, Bright Piano und Layer wie Piano+Strings in großer Zahl vorhanden.

Auch bei den E-Pianos finden sich zahlreiche brauchbare Sounds, zum Teil bereits mit typischen Effekten wie Amp-Simulationen, Tremolo oder Phaser versehen. Mit den derzeit besten Rhodes- und Wurlitzer-Klonen kann das Pa900 zwar nicht mithalten, aber im Vergleich mit den direkten Keyboard-Konkurrenten braucht es sich nicht zu verstecken – eher im Gegenteil.

Im Orgelbereich gibt es viel Auswahl. Den Anfang macht eine Drawbar-Simulation, die über den Touchscreen editiert wird. Damit kann man sich einen individuellen Orgelsound inklusive Leslie-Effekt basteln und ihn in Echtzeit verändern. Echtes Hammond-Feeling kommt dennoch nicht auf, weil die Bedienung über den Bildschirm etwas hakelig ist und sich immer nur ein Zugriegel zur Zeit bewegen lässt. Aber die Orgel klingt gut und dürfte für typische Entertainer-Situationen absolut ausreichen. Die Leslie-Geschwindigkeit wird normalerweise über den Joystick gewählt, lässt sich aber auch einem der programmierbaren Taster zuweisen. Schön hätte ich noch den direkten Zugriff auf einen Overdrive-Effekt aus der Drawbar-Displayseite gefunden. 

Die übrigen Orgeln sind Sample-basiert und lassen sich folglich nicht so detailliert bearbeiten. Aber die Auswahl ist groß und auch hier gibt es zahlreiche sehr brauchbare Klänge. Gut gelungen finde ich auch die in großer Zahl vorhandenen Kirchenorgeln, Akkordeons und – überraschenderweise – sogar die Mundharmonikas, die besonders von der DNC-Technik profitieren.

In den Kategorien Streicher und Bläser hält das Pa900 eine große Auswahl natürlicher, gut spielbarer Klänge bereit, mit denen man alle Stilistiken des Entertainer-Alltags abdecken kann. Vor allem bei den Bläsern lohnt es, sich mit den Möglichkeiten der DNC-Artikulationen auseinanderzusetzen, wenn man diese Sounds möglichst authentisch spielen möchte. 

Gitarrensounds auf einem Keyboard sind ja immer eine heikle Angelegenheit, und das ist beim Pa900 nicht anders. Die akustischen Sounds gefallen mir ganz gut, zumal man hier oft die Möglichkeit hat, Slides oder Harmonics per DNC einzubauen. Schwieriger wird es allerdings bei den verzerrten E-Gitarren, die größtenteils etwas kratzig, nasal und künstlich klingen und gegenüber dem übrigen Soundangebot des Keyboards für meinen Geschmack etwas abfallen. Und weil gerade die Gitarren eine entscheidende Rolle bei der Klangqualität bestimmter Styles spielen, wirkt sich das leider auch auf einige Rhythmen, vor allem aus dem Rockbereich, negativ aus. In diesem speziellen Segment habe ich den Eindruck, dass die Konkurrenz etwas weiter ist.

Synthesizersounds und Pads sind in großer Zahl vorhanden – erfreulicherweise auch etliche, die sich speziell für die Performance aktueller Hits eignen. 

Alle Sounds mit Ausnahme der Drawbar-Orgel lassen sich mit einer ausgewachsenen Synthesizer-Sektion bearbeiten, die von resonanzfähigen Filtern über Hüllkurven und LFOs bis hin zu vielseitigen Modulationsmöglichkeiten alles enthält, was man für die individuelle Anpassung braucht. Hier kann man auch recht schnell und unkompliziert Modulationen über den Joystick oder einen anderen Controller definieren.

Styles

Mit über 400 Styles ist das Pa900 für die meisten Musikstile gerüstet. Die Rhythmen sind mit viel Liebe zum Detail programmiert und klingen fast alle hervorragend. Druckvolle, lebendige Drums, stilsichere Arrangements und eine gut abgestimmte Mischung sorgen für einen insgesamt exzellenten Arranger-Sound. Ein paar Abstriche muss man bei Rock-Styles mit verzerrten Gitarren machen, die einfach immer noch recht künstlich wirken. Auch in Sachen Bläsern habe ich schon Keyboards gehört, bei denen das authentischer klang. Insgesamt ist das Angebot an Styles aber genauso hochwertig wie vielseitig.

Auf Audio-Styles mit Drumspuren aus echten Audio-Aufnahmen, wie der Konkurrent Yamaha sie im PSR-S950 in dieser Klasse erstmals anbietet, muss man beim Pa900 bisher verzichten. Allerdings gibt es die Möglichkeit, eigene Samples und Loops in User-Styles zu verwenden (dazu gleich mehr). Mit etwas Feintuning und Editierarbeit kann man sich also eigene „Audio-Styles“ basteln.

Die Styles machen Spaß, eignen sich für die meisten Stile, die im Entertainer-Alltag so vorkommen, und wirken inspirierend. Wenn doch mal nicht das Richtige dabei ist, kann man Styles in allen Details bearbeiten, verändern und anpassen oder komplett selbst erstellen. Sehr praktisch ist der „Chord Sequencer“, mit dem man auch während eines Songs spontan eine Akkordfolge aufzeichnen und in einer Schleife wiederholen kann.

Allerdings empfinde ich die Korg-Begleitautomatik als vergleichsweise zickig, wenn man Fill-Ins nicht ganz exakt startet. Drückt man ein Fill etwas zu spät oder „gerade eben noch so“, was in einer Performance ja doch öfter mal vorkommt – nicht selten muss man ja auf der „1“ mit derselben Hand noch den Akkord spielen – so kann es passieren, dass der Arranger versucht, Noten „nachzuholen“. Direkt beim Drücken setzen dann zum Beispiel Bläser oder eine Bassnote ein und wirken rhythmisch fehl am Platz, wie es auch in einigen der folgenden Beispiele zu hören ist (z.B. „Pop Hit Ballad“ beim Wechsel von der ersten zur zweiten Variation). Es gibt Keyboards, die in solchen Situationen gutmütiger reagieren. 

Sampling

Das Pa900 verfügt über eine für ein Mittelklasse-Keyboard bemerkenswert umfangreiche Sampling-Funktion. Man kann Samples in den Formaten WAV, AIFF, SoundFont sowie KMP und KSF (Korgs eigene Trinity-/Triton-Formate) von einem USB-Stick laden und im Pa900 auf verschiedene Weisen verwenden. Leider ist es aber nicht möglich, Signale vom Audio- bzw. Mikrofoneingang selbst zu sampeln. Schade – damit hätte man in Verbindung mit den Möglichkeiten der Sampling-Sektion richtig Spaß haben können!

Samples lassen sich trimmen, normalisieren und loopen. Man kann Multisamples importieren oder selbst erstellen und sich eigene Sounds oder individuelle Drumkits basteln. Außerdem gibt es eine Slice-Funktion zum automatischen Zerschneiden von Drumloops, die sich dann mitsamt eines gleichzeitig erzeugten MIDI-Grooves in eigenen Styles verwenden oder zu Drumkits zusammenstellen lassen. Auf diese Weise kann man Styles mit lebendigen (oder sogar selbst getrommelten) Grooves anreichern und das Fehlen von Audio-basierten Rhythmen etwas kompensieren. Das Ganze braucht etwas Einarbeitungszeit, aber so flexibles Sampling ist in einem Keyboard dieser Preisklasse meines Wissens einzigartig. Auf Wunsch kann man das Pa900 auf diese Weise mit individuellen Sounds füttern und ist nicht beschränkt auf das werksseitige oder kommerziell erhältliche Angebot.

In den folgenden Soundbeispielen ersetze ich den Drumgroove eines Styles durch einen Sample-Loop. Im ersten Beispiel ist der Original-Style zu hören. Im zweiten Beispiel hört man erst den kompletten Loop und dann einige vom Pa900 daraus erzeugte Slices. Im dritten Beispiel treten diese Samples an die Stelle des Style-Drumtracks. Durch das automatische Zerschneiden des Loops in Einzelsamples bleibt der Style im Tempo veränderbar, ohne dass Timestretching-Artefakte auftreten. Mit dieser Fähigkeit ist das Pa900 im Prinzip für Audio-basierte Style-Drumspuren vorbereitet und in vielerlei Hinsicht sogar flexibler als die direkte Konkurrenz, weil die Funktion offen liegt und auf eigenes Material angewendet werden kann. Lediglich die entsprechenden Werks-Styles fehlen bislang – wer weiß, vielleicht kommen die ja noch.

MIDI-/Audio-Player

Die beiden identischen Song-Player des Pa900 können MIDI-, KAR- oder MP3-Dateien laden. Bei entsprechend ausgestatteten Files ist die Anzeige von Liedtexten und/oder Noten auf dem Display oder einem externen Bildschirm möglich. Mit dem Crossfader kann man wie ein DJ zwischen den beiden Playern überblenden, sodass man den nächsten Titel im jeweils anderen Player laden und vorbereiten kann, schon während ein Song läuft. Was allerdings nicht geht, ist die Überblendung zwischen Song-Player und Styles, wie sie etwa beim neuen Yamaha Tyros5 möglich ist. Aber das braucht man wohl auch nur in Spezialfällen.

Die Handhabung von MIDI- und Audiodateien im gleichen Player ist elegant gelöst. Beide Datentypen erscheinen beim Laden in der selben Liste und verhalten sich im Player (mit den Format-typischen Besonderheiten) soweit es geht identisch. Bei MIDI-Files erreicht man schnell das Menü, in dem man Spuren stummschalten, Sounds ändern und auf Klangparameter wie Attack, Decay und Cutoff zugreifen kann. Das geht bei MP3s natürlich nicht, aber man kann direkt in der Player-Ansicht das Tempo in einem Bereich von ±30% anpassen. Auch transponieren lassen sich MIDI- (unbegrenzt) und Audiodateien (bis +5/-6 Halbtöne), wobei man hierfür leider die globale Transpose-Funktion bemühen muss – die Transposition lässt sich nicht für jeden Player einzeln einstellen. Das ist unpraktisch, denn so wirkt sich die Transposition stets auch auf die Datei im anderen Player aus. Die Vocal Remover-Funktion muss einem der programmierbaren Taster zugewiesen werden, um sie benutzen zu können, und führt zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Manchmal klappt es ganz gut, meist eher weniger. Also ist das eher etwas für den Notfall.

Dank des Crossfaders und einiger durchdachter Details ist für eine flüssige Bühnenperformance gesorgt. Man kann beide Player schon im Style-Modus mit Songs bestücken, sodass beim Wechsel in den Song-Modus alles vorbereitet ist. Andersherum kann man auch im Song-Modus einen Style auswählen, der dann beim Wechsel zurück in den Style-Modus sofort bereitsteht. Die Jukebox-Funktion ermöglicht das Anlegen von Playlists.

Das Hantieren mit zwei Playern und Crossfader macht Spaß und lässt tatsächlich ein bisschen DJ-Feeling aufkommen. Leider fehlt aber ein Feature, das in diesem Zusammenhang praktisch wäre und irgendwie auch nahe liegt: Richtig edel wäre es, den Kopfhörerausgang vom Main Out entkoppeln und zum Vorhören des jeweils „stummen“ Players verwenden zu können, denn dafür gibt es leider keine Möglichkeit. Von diesem nicht ganz zu Ende gedachten Umstand einmal abgesehen, habe ich an der Player-Sektion des Pa900 überhaupt nichts auszusetzen – es handelt sich um sehr flexible MIDI-/Audio-Player, mit denen man für fast alle Situationen gut gerüstet ist. Für alles andere gibt es schließlich hauptberufliche DJs.

Sequencer und Aufnahmefunktionen

Als Entertainer-„Workstation“ bietet das Pa900 einen ausgewachsenen 16-Track-Sequencer zur Aufzeichnung eigener Songs. An den Komfort und den Funktionsumfang eines computergestützen Sequencers reicht er natürlich nicht ganz heran, aber alle wichtigen Werkzeuge (verschieben, kopieren, quantisieren, Velocity skalieren etc.) bis hin zur Bearbeitung einzelner Noten und Controllerevents in der Eventliste stehen zur Verfügung. Mit den beiden Backing Sequence-Modi können auch Style-Begleitungen aufgezeichnet bzw. offline programmiert werden.

Auch eine Audioaufnahmefunktion gehört heute zur Standardausstattung, und das Pa900 gibt sich keine Blöße. Der integrierte MP3-Recorder zeichnet alles auf, was auf dem Keyboard passiert, also auch das Eingangssignal vom Mikrofon- bzw. Audioeingang und alle Effekte. So kann man schnell und einfach Ideen festhalten oder Demos erstellen, ohne zusätzliches Equipment zu benötigen. Eine Aufzeichnung als unkomprimierte WAV-Datei ist allerdings leider nicht möglich.

Erweiterung „Musikant“

Unser Testgerät war mit der optional erhältlichen Sound- und Style-Erweiterung „Musikant“ ausgestattet. Die microSD-Karte enthält 200 Styles und 500 Songbook-Einträge speziell für den deutschsprachigen Entertainer-Markt. Darunter sind zahlreiche Rhythmen, die sich an beliebten Stimmungs-Hits, Evergreens und Schlagern orientieren. Hinzu kommen 160 User-Sounds und neun Drum-Kits, die ebenfalls auf die Bedürfnisse der hiesigen Bierzelt- und Festsaal-Unterhaltung ausgerichtet sind. Von Après-Ski-Ballerman-Hits und Alpenglühen über Shanties und Oldies bis hin zur Italo-Schnulze ist man damit für alles gerüstet, was sich der Brautvater stark angeheitert um drei Uhr morgens wünschen könnte. In den nächsten Soundbeispielen hört ihr einige Styles der optionalen Musikant-Erweiterung.

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