Feature
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08.01.2009

Kolumne: Daniel Wants To Talk To You About Your Future! #2

Schweinerock – Von der Schlachtbank ins Musikbusiness?

TEIL 2

Mein Alltag besteht im Schnitt aus mindestens 4 Stunden quatschen: Telefon, Email, Auge-in-Auge – irgendwie scheint mein Leben nur aus Sabbeln zu bestehen. Es geht um Ideen, Wünsche und Zusagen - oft habe ich aber auch einfach das Gefühl, dass die Jungs sonst niemanden zum Quatschen haben. Viele meiner Musiker nennen mich deshalb auch „Vaddi“ – nett irgendwie.

Es geht eigentlich immer um dasselbe – wie am Fließband: Tschick-tschack und wieder von vorn. Bands haben fast immer ähnliche Fragen: „Was macht ihr an Werbung?“, „Was denkst Du wird unser Album verkaufen?“, „Haben wir überhaupt eine Chance mit unserer Musik?“... Und meine Antworten sind dann dementsprechend ...“Wir geben unser Bestes!“, „Platten verkaufen ist nur einer der Wege mit Eurer Musik Knete zu verdienen!“, und „Sonst würde ich ja wohl kaum mit Dir verhandeln?!“. Immer wieder. Aber manchmal gibt es auch Abwechslung. Sternstunden, die einen in unendliche Weiten vordringen lassen, wo noch kein Mensch zuvor gewesen ist. Und so jemand sollte Mario sein. (Name vom Autor geändert - Ähnlichkeiten mit unwirklich lebenden Personen aber nicht ganz zufällig.)

„Hallo. Vier Jahre schaffe ich jetzt schon im Fleischgroßmarkt. 12-14 Stunden täglich – ich hab’ einfach die Schnauze voll halbe Schweine zu schleppen.“
Aha. Schon die Einleitung versprach großes Kino.
Meine Neugier war geweckt: „Ok, das macht Sinn – da hätte ich auch keinen Bock drauf. Aber sag mal, warum rufst Du mich denn eigentlich an? Und wer bist Du überhaupt?“
„Ja, ich bin der Mario – ich arbeite in der Schlachterei nebenan. Ihr seid doch in diesem neuen roten Haus, oder?“ Unser Büro im Karostar ist tatsächlich eingefasst von einem Live-Club, einem Musikgeschäft, der U-Bahn – und Hamburgs größten Fleischmarkt auf der vierten Seite. Da musste er also her sein.
„Ja, das stimmt.“, antwortete ich.
„Ich hab keinen Bock mehr auf Schlachterei, und weil mir sonst nix anderes eingefallen ist, dachte ich halt – ich hör’ gern Musik!“, erklärte sich Mario.

‚Ich kann nix – also will ich in die Musikbranche’
, diese Aussage ist sogar für mich Neuland. Abgefahren. Ich bin es ja schon gewohnt, dass Leute behaupten, sie spielten Gitarre wie Steve Vai, schrieben Songs wie Nickelback oder sängen wie Christina Aguilera - aber das... War das jetzt ein Scherzanruf, oder schlimmer– oh Graus - womöglich ernst gemeint...?

„Sag mal Mario, was willst Du denn bei uns machen?“, fragte ich Mario, nachdem ich wieder Luft bekam. „Ja, so genau weiß ich das auch nicht... mit Bands abhängen, mit auf Tour gehen vielleicht...“, meinte Mario.

„Tja, Mario – auf Tour gehen wollen ja alle. Aber Du musst doch ‘ne Ahnung haben, wo die Reise für Dich hingehen soll?“ „Tja, so Tourmanager wäre schon geil. Tagsüber die Kohle kassieren und abends mit den Bands geil Party machen!?“ – Aha!!! Das hatten wir doch schon mal. Wenn ich einen Euro für jeden bekommen würde, der meint „Tourmanager“ wäre gleichzusetzen mit „Chef am Bierfass“, herrlich – ich bräuchte nie mehr Platten zu verkaufen...

Ich kramte also tief  in meiner unerschöpflichen Trickkiste weiser Sprüche:
„Mario, die Tourmanager sind eigentlich die meiste Zeit im Büro um die Touren vorzubereiten, oder auf Tournee damit beschäftigt im Produktionsbüro Abrechnungen zu machen usw...“, schwallte ihm meine geballte Lebenserfahrung entgegen. „Und meistens sind sie auch noch die Spielverderber – entweder müssen sie den Veranstaltern das Geld wegnehmen oder der Band den Alkohol. Warst Du denn schon mal mit selbst auf Tour?“ Auch wenn das Bewerbungsgespräch für mich eigentlich schon abgeschlossen war, konnte uns „Vaddi“ mal wieder nicht anders, als sich interessiert zu geben.


„Also Büro und Tippen und so ist ja nicht so meins, aber ich könnte ja sonst auch die Verstärker schleppen.“ Tss, wenn nix mehr hilft – Stagehand oder Busfahrer geht immer, meinen die Leute. „Wenn das Leute für eine Firma vor Ort machen, nennt sich so was Stagehand. In Hamburg ist das z.B. ink4Live oder 3C. Die Bands haben sonst meistens selbst eigene Leute für ihren Kram dabei – die heissen dann Backliner. Sind aber oft Freunde oder Kumpels die selbst in einer Band spielen“. Ich versuchte, wirklich hilfreich zu sein ...

„ ...oder ich werd’ Musiker: Ich hatte früher mal ein paar Gitarrenstunden. Du scheinst ja ein ganz cooler Typ zu sein. Du könntest dann unsere CDs verkaufen.“

Nun war es raus: Musiker! Mario meinte es wirklich gut mit mir!

“Bist Du denn bereit, täglich 12-14 Stunden in Deine Musik zu investieren?“, fragte ich Mario. „Du hast mir erzählt, dass Du teilweise 12-14 Stunden im Schlachthof arbeitest – würdest Du denn auch 12-14 Stunden am Tag Gitarre üben wollen?“ Hiermit schien ich Mario überrascht zu haben, denn das Gespräch endete ziemlich abrupt: “Ähh, ich glaube, du hast mir hier ’ne ganze Menge zum Nachdenken gegeben – und ich werde mir Deine Worte mal ordentlich zu Herzen nehmen...“

 



Mario war also der Gedanke bisher noch nicht gekommen, dass Profimusiker ein echter Knochenjob ist. Ohne extremen Einsatz, gibt es keine Chance auf Erfolg. Die meisten Bands proben vielleicht zweimal die Woche für 2 Stunden – und treten hin und wieder auf. Also ca. 4-5 Stunden pro Woche Arbeit für die Musikkarriere. Wo kommt das eigentlich her, dass Leute von dem zeitlichen „Investment“ eines nettes Hobbys, das Einkommen eines 40-Stunden-Jobs erwarten? Die Bands die wirklich erfolgreich sind (und damit meine ich auch finanziell), schaffen dies, weil sie auch wirklich viel dafür arbeiten. Erfolg hat was mit Einstellung und Einsatz zutun. Tägliche Proben, Songs schreiben, Fanpflege, Myspace posten, Shows booken, Homepage bearbeiten, Newsletter schreiben...


Doch trotzdem wird lieber im Proberaum Bier getrunken und über den ausbleibenden Erfolg lamentiert.


Unsere international erfolgreichste Band, spielt im Jahr 250 Shows, bearbeitet Interviewanfragen immer sofort, zieht sich auch für die kleinste Show immer die gute Klamotte an und verbringt ihren Urlaub lieber im Proberaum als auf Malle. Ach ja, und Backstage wird die MySpace Seite gepflegt! Pouyan, Keyboarder unserer Band Scary Kids (www.myspace.com/scarykids) sagte mal zu mir: „Daniel, we are on tour for 13 months now. Our only break from touring was the time it took to record the new album. I guess, this is what you gotta do, if you wanna rock’n’roll!“


Wenn beim Musik machen noch Fleisch am Knochen dran sein soll, gibt es im Großmarkt garantiert eher was geschenkt ...


Bis demnächst auf der Welle Wahnsinn!!!

D.
Labelboss

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