Gitarre
Test
1
19.06.2013

Praxis

Viele Gitarristen sind gezwungen, für ihren Job eine ganze Menge Sounds bereitzuhalten und dafür jede Menge Equipment mit auf die Bühne zu schleppen. Zum Beispiel der Gitarrist der Rockband, der die Sounds des letzten Albums, das im Studio mit vielen unterschiedlichen Verstärkern eingespielt wurde, auch auf der Bühne relativ originalgetreu reproduzieren möchte. Oder die Coverband, die von ihrem Saitenmann erwartet, dass er die authentischen Sounds der Hits aus den letzten vier (und mehr) Jahrzehnten im Gepäck hat. Möchte man alles richtig machen, müsste man schon für diese beiden Situationen mehrere Amps und Boxen auf die Bühne schleppen, was aus diversen Gründen kaum machbar ist. Und genau hier kommt der kompakte Kemper Profiling Amplifier PowerRack als Geheimwaffe ins Spiel. Wer vorher im Studio Profile der benutzten Amps mit spezieller Mikrofonierung erstellt hat, kann beim Gig problemlos über diese Sounds verfügen - das Ganze sogar in Zimmerlautstärke, wenn es sein muss. Das ist bei einem 100 Watt Marshall, der erst bei ohrenbetäubendem Lärm richtig zu zerren beginnt, nicht möglich. Profile vom Marshall Plexi Um einen vernünftigen Vergleich zu erhalten, habe ich meinen Marshall Plexi genommen und ein studiogerechtes Profil mit dem Kemper Profiling Amplifier PowerRack erstellt. Der Profiling-Vorgang funktioniert bestens und nach gut einer Minute und etwas Feinjustierung ist der Marshall in der Kiste. Die Signalkette sieht dabei folgendermaßen aus: Der Marshall SLP100 läuft über eine Vintage 4x12 Box mit Greenback-Speakern. Die werden von einem Neumann TLM103 Mikrofon abgenommen, danach geht es in einen Neve Preamp (neutrale Klangeinstellung) und von dort in den Kemper.

Jetzt werden die Sounds verglichen und ihr hört neben dem Original-Amp unterschiedliche Einstellungen des Marshall-Profils aus dem Kemper Profiling Amplifier PowerRack. Der hat in seiner Stack-Sektion die Möglichkeit, das Cabinet und den EQ des Amp-Profils gesondert zu schalten. Wenn wir den Kemper nun an eine Gitarrenbox anschließen, sollte dort das Cabinet ausgeschaltet sein, denn sonst hätte man die Lautsprecherbox samt Mikrofonierung doppelt im Signalweg. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass bei manchen Ampsimulationen diese doppelte Gitarrenbox mitunter nicht schlecht klingt, daher habe ich auch diese Variante mit aufgenommen. Hier sind die unterschiedlichen Einstellungen/Konfigurationen:

Original Marshall Les Paul - Marshall Plexi - 4x12 Box - Mikrofon - Preamp
Profile 1 Les Paul - Kemper Amp (EQ on / Cabinet on) - Marshall 4x12 - Mikrofon - Preamp
Profile 2 Les Paul - Kemper Amp (EQ on / Cabinet off) - Marshall 4x12 - Mikrofon - Preamp
Profile 3 Les Paul - Kemper Amp (EQ off / Cabinet off) - Marshall 4x12 - Mikrofon - Preamp
Profile 4 Les Paul - Kemper Amp (EQ on / Cabinet on / direkt aus dem Master Out)- Preamp

Die Sounds über die Gitarrenbox kommen dem Original leider nicht ganz so nah. Auch die Versionen (Profile 2 und 3), bei denen das Cabinet ausgeschaltet ist, sind eine Ecke vom ursprünglichen Sound entfernt. Mir fehlen hier eindeutig die durchsetzungsfähigen Mitten, die irgendwo auf dem Weg verlorengegangen sind. Das letzte Beispiel, bei dem ich den Kemper Profiling Amplifier PowerRack ohne Box direkt an den Preamp geschnallt habe, klingt dagegen durchweg authentisch und kommt dem Marshall sehr nah. Man hat glücklicherweise für den Monitor-Out einen getrennt regelbaren Master-EQ (Bass, Middle, Treble, Presence), sodass man die fehlenden Mitten hereindrehen oder auch den Klang auf eine andere Lautsprecherbox besser abstimmen kann. Prinzipiell würde man in der Livesituation so verfahren, dass der Mixer das direkte Signal aus dem Master Out (mit Cabinet Simulation) bekommt, und auf der Bühne spielt man mit einer Gitarrenbox, die über den Monitor Out gespeist wird und keine Cabinet-Simulation erhält. Das lässt sich im Output-Menü aktivieren, indem man auf ´Monitor Cab Off´ schaltet. Natürlich ist das generelle Spielgefühl in dieser Situation nicht unerheblich und es stellt sich die Frage, ob die Kombination von Amp-Profil, Transistorendstufe und Gitarrenbox das Ansprechverhalten des Originals so weit simulieren kann, dass der Gitarrist sich auf der Bühne wohlfühlt und zu Höchstleistungen animiert wird.

Dynamische Ansprache

Hierzu muss aber gesagt werden, dass die Ansprüche an das dynamische Reaktionsverhalten bei jedem Gitarristen unterschiedlich sind. Wer viel im HiGain-Bereich unterwegs ist, dem kann das relativ egal sein, denn hier muss es zerren und sägen, und die Lautstärke spielt eine große Rolle. Bei den Crunch- und Mid-Gain Freunden aus der Vintage-Ecke sieht das generell anders aus, denn dort wird der Verzerrungsgrad gerne über den Anschlag geregelt. Der Amp steht normalerweise auf mittlerer Zerre und bei sachter Saitenbetätigung sollte ein nahezu unverzerrter Ton das Resultat sein. Für diese Spielart ist der Marshall Plexi ein guter Kandidat, bei entsprechender Zerrgrad-Einstellung und leichtem Anschlag mit den Fingern bleibt der Ton clean, bei härterer Betätigung nimmt die Verzerrung entsprechend zu. Das Ganze ist sehr fein aufgelöst und der Amp greift jede dynamische Veränderung auf und gibt sie gnadenlos an die Box weiter. Das sollte der Kemper Profiling Amplifier PowerRack natürlich ebenfalls auf bzw. im Kasten haben.

Hier sind die Resultate: Der Marshall über die 4x12 Box mit Mikrofon abgenommen.

Der Kemper Profiling Amplifier PowerRack (Cabinet Off) über die 4x12 Box, ebenfalls mit dem Mikrofon abgenommen.

Der Kemper Profiling Amplifier PowerRack (Cabinet On) aus dem Master Out direkt in den Recording-Preamp.

Prinzipiell ist die dynamische Ansprache gut rekonstruiert. Beim Fingeranschlag ist der Ton etwas weicher, dann wird er heller, wenn mit dem Pick angeschlagen wird, und nimmt auch an Verzerrung entsprechend zu, wenn man härter anschlägt. Aber auch dabei bleibt der Sound über die Box etwas schwächer und ist nicht so klar wie das Original oder das Signal aus dem Master-Out, und dafür gibt es prinzipiell zwei Erklärungen: Der Kemper Profiling Amplifier PowerRack muss den Klanganteil des Cabinets vom Amp trennen. Beim Profiling wird aber ein Gesamtgebilde "aufgenommen". Dabei geht etwas an Klangqualität im Vergleich zum gesamten Profil verloren, weil die Box nicht hundertprozentig genau herausgerechnet werden kann und es ergibt sich ein Soundunterschied, auch wenn man wieder über die gleiche Box spielt. Außerdem verhält sich eine digitale Transistorendstufe, wie sie hier zum Einsatz kommt, in Ansprache und Klang anders als ein Röhrenamp. Man hat zwar die Möglichkeit, beim Kemper Profiling Amplifier PowerRack einen Power-Amp Boost hinzuzufügen, der auch das Kompressionsverhalten der Röhrenendstufe simuliert, aber das Klangergebnis wird dadurch nur minimal verändert. Ich habe jetzt noch einmal einen weiteren Anlauf genommen und den Kemper Profiling Amplifier PowerRack aus dem Monitor Out (ohne Endstufe) an eine Röhrenendstufe und die 4x12 Box gehängt, und siehe da, das Klangergebnis wird besser, vor allem in Sachen Spielgefühl, und der Druck nimmt dabei wesentlich zu.

Zugegeben, in so einem Test bewegt man sich naturgemäß im Erbsenzählermodus und viele Gitarristen sind bei Weitem nicht so pingelig. Zumal diese feinen Nuancen für manche Musikrichtungen kaum eine Bedeutung haben. Eine andere Möglichkeit wäre natürlich, den Kemper an eine Fullrange-Box anzuschließen und das komplette Profil mit Cabinet abzufeuern. Das bringt in der Regel einen satten Sound und gute Dynamik, aber man ist natürlich von der Güte der Box abhängig und das kann schwierig für Gitarrensounds werden, denn viele Hochtöner sorgen für extremen Sägesound. Aber einen Versuch wäre auch das wert.

Für den Einsatz im Bühnenbetrieb sollte man sich auf jeden Fall noch einen Fußschalter zulegen, um die Rigs (gesicherte Amp-Profile mit Effekten) umzuschalten. Schön wäre eine spezielle Fußleiste des Herstellers, die genau auf die Möglichkeiten des Amps abgestimmt ist. Wer weiß, vielleicht kommt sie noch. Jetzt muss man erst einmal mit den MIDI-Schaltfunktionen (bis zu 128 Rigs können mit der entsprechenden MIDI-Nummer aufgerufen werden) und den beiden Standard-Fußschalteranschlüssen (zuweisbare Funktionen, z.B. Ein- und Ausschalten von Effekten) vorliebnehmen. Die Leistung des Verstärkers ist absolut bühnentauglich, obwohl man vor den hohen Angaben keinen allzu großen Respekt haben sollte. Im 16-Ohm-Modus bei 300 Watt war der Kemper Profiling Amplifier PowerRack voll aufgedreht in etwa so laut wie der Marshall mit Volume auf 10 Uhr. Aber da muss man die Kirche im Dorf lassen, das reicht vollkommen aus! Der Vorteil des Kemper Profiling Amplifier PowerRack ist nämlich, dass er den Marshall-Sound auch leise produzieren kann, der Plexi selbst ohne Powersoak nicht.

2 / 3
.

Verwandte Artikel

User Kommentare