Hersteller_JoeMeek
Test
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14.06.2013

JoeMeek OneQ 2 Test

Channelstrip

„Fass mich an! Fass mich an!“

Wer oder was ist JoeMeek? Diese Frage stellen sich wohl Recording-Freunde, wenn sie das erste Mal auf diesen Equipment-Hersteller treffen. Macht man sich ein wenig schlau, so stellt sich heraus, dass sich hinter dem Namen ein britischer Musikproduzent verbirgt, der in den 50er Jahren nicht nur für zahlreiche Top50-Hits verantwortlich gezeichnet hat, sondern auch ein echter Soundtüftler war. Geradezu »visionär« waren zwei der Trademark-Produktionstechniken des als exzentrisch geltenden Briten: eine stark separierte Aufnahmetechnik und auch der kreative, klanggestaltende Einsatz von Kompressoren. Die gleichnamige Audio-Firma JoeMeek verweist nicht nur mit ihrem Namen auf diesen Sound-Pionier, sondern stellt auch Audio-Equipment her, dass stets ein gewisses Retro-Flair aufweist und selbstbewusst »ein wenig anders« klingen möchte. Seit 1993 produziert JoeMeek so Equipment im Mid-Budget-Bereich, das in zahlreiche professionelle Tonstudios Einzug gehalten hat.

Eine Tradition, die man sich auf die Fahnen schreibt, verpflichtet natürlich. Und gerade aufgrund der von JoeMeek transportierten Querverweise des Andersseins und des Exzentrischen, können wir gespannt sein, wie »innovativ« und wie »retro« die neuste einkanalige Auflage der Channelstrip-Reihe des amerikanischen Herstellers tatsächlich daherkommt. Schließlich bewegt sich der quietschgrüne Kanalzug OneQ 2 im oberen mittleren Preissegment. Da darf der Kunde schon Einiges erwarten. Um den Praxistest richtig einschätzen zu können, werfen wir vorab aber einen Blick auf die Gerätedetails.

Details

Mit dem OneQ 2 bietet JoeMeek die nunmehr zweite Auflage seines einkanaligen Channelstrips. Neu hinzugekommen sind neben einem hochwertigen Cinemag-Transformer auch Burr Brown-Audioverstärker, ein nunmehr vergrößerter Headroom und ein geringerer Stromverbrauch. Dabei steht nicht nur die Studioanwendung, sondern auch der Live-Einsatz auf dem möglichen Einsatzplan des zwei Höheneinheiten umfassenden Gerätes. Wie es sich für einen vollwertigen Kanalzug gehört, bietet der OneQ 2 neben einer Vorverstärker-Sektion auch einen Kompressor, einen Equalizer und einige weitere Möglichkeiten zur Signalbearbeitung, die wir uns noch genauer anschauen werden.

Zuvor aber ein Wort zum wirklich überraschenden Lieferumfang. Mit dem JoeMeek JM37-DP enthält eine begrenzte Anzahl von Auslieferungen des Channelstrips als Gratisbeigabe zusätzlich ein Großmembran-Kondensatormikrofon, das über Nieren- und Kugelcharakteristik sowie eine Pad-Funtion verfügt. Außerdem ist dem OneQ 2 noch eine passende Stativhalterung sowie ein Poppschutz für das Mikrofon beigelegt. Wenn man bedenkt, dass allein das JM37-DP schon einen Straßenpreis von rund 160,- € hat, holt man sich zum Einkaufspreis eines Kanalzugs mit diesem Package ein vollständiges Startersetup ins Haus, mit dem sofort losgelegt werden kann. Doch weiter mit dem eigentlichen Objekt unseres Interesses…

Der Preamp-Bereich des OneQ 2 kann mit Mikrofon-, Instrumenten- und Line-Signalen gefüttert werden. Für die Umschaltung zwischen den dafür zur Verfügung stehenden XLR- und Klinkenbuchsen sorgt ein frontseitig angebrachter „Line“-Schalter. Entsprechende symmetrische Mikrofoneingänge inklusive Phantomspannung bietet das Gerät sowohl auf der Front- wie auch auf der Rückseite - auch das ist lobenswert. Während sich die Linebuchse an der Gerätehinterseite befindet, können Instrumente direkt an der Front eingestöpselt werden, der rückseitige Line-Eingang wird dann automatisch unterbrochen. Schön zu sehen, dass der Hersteller hier die Praxis in den Vordergrund gestellt hat.

Das Mikrofonsignal profitiert permanent vom Klangeinfluss des Cinemag-Transformers -  dieser muss für Line- und Instrumentensignale hinzugeschaltet werden. Ist diese Funktion deaktiviert, werden die Signale entsprechender Klangquellen mit einem eher »neutraleren« Klang aufbereitet, als dies beim Mikrofoneingang der Fall ist. Neben einer Pad-Funktion zum Absenken des Eingangspegels um 20 dB hält der OneQ 2 außerdem ein Hochpassfilter mit einer Eckfrequenz bei 80 Hz und einen Phasenumkehrschalter bereit. Eine „Peak“-LED zeigt ein bevorstehendes Übersteuern der Eingangsstufe an, indem sie bereits bei Erreichen eines um 6 dB geringeren Signalpegels rechtzeitig aufleuchtet. Zum Ablesen des Signalpegels steht in der Mitte des Gerätes ein großzügig ausgelegtes VU-Meter bereit. Wie die Frontplatte des OneQ 2, so ist auch die Scheibe des VU-Meters leicht gewölbt. Im Zusammenspiel mit der ovalen Fensterform des Ableseinstruments ergibt sich so eine wirklich ansprechende Optik, die gefällt. Das VU-Meter kann wahlweise die Level des Eingangs- oder Ausgangssignals oder auch das Maß der Pegelreduktion des nachgeschalteten Kompressors anzeigen. Die bis 60 dB reichende Regelung der Eingangsverstärkung verspricht auch für leisere Signale ausreichende Power. Verstärkungen größer als 48 dB dürften jedoch in der Regel nicht empfehlenswert sein, da andernfalls das mit -128 dBu geringe Eigenrauschen des Gerätes dennoch zu hören sein kann. Diesen Zusammenhang werden wir im weiteren Verlauf dieses Tests natürlich auch praktisch prüfen.

Über die an der Rückseite angebrachte „Insert“-Buchse kann mittels Y-Kabel weitere externe Hardware in den Channelstrip eingeschliffen werden. Dies geschieht hinter der Eingangsstufe und vor Kompressor und Equalizer. So könnte beispielsweise der internen Signalbearbeitung bei Gesangsaufnahmen ein Limiter vorgeschaltet werden, um Signalspitzen abzufangen. Der interne Kompressor kann dann ganz entspannt für eine insgesamt ausgewogenere Signaldynamik sorgen.

Kein Kanalzug ist heutzutage vollständig, wenn er nicht auch einen Kompressor bietet. Die optoelektronische Kompressorausführung des OneQ 2 ist dabei vor allem auf Signale zugeschnitten, die von der »weichen« Arbeitsweise eines solchen Designs profitieren (beispielsweise Gesang). Der Kompressorbereich bietet alle erforderlichen Regelmöglichkeiten. Das eigentliche Highlight ist aber die spezielle Ausführung des Opto-Kompressors, die sich dem Hersteller zufolge an einer von Joe Meek in den 60er Jahren entwickelten Bauweise orientiert - das soll für druckvollen Sound sorgen. Auch dieses Feature setzen wir deshalb auf unsere Liste für den Praxischeck.

Die Kompressorsektion bietet die Möglichkeit zum Eingriff in den Signalfluss. So lässt sich der Kompressor bei Bedarf auch hinter den Equalizer schalten. Über die „Comp Link“-Funktion können außerdem die Kompressoren zweier gekoppelter OneQ 2 verbunden werden. Ein Channelstrip fungiert dann als Master und überträgt seine Kompressoreinstellungen automatisch auf das sich im Slave-Modus befindende Gerät. Der jeweilige Link-Status kann auf der Gehäuserückseite per Button gewählt werden. Etwas überraschend wirkt die Bezeichnung „Slope“ (engl. für Steilheit) statt „Ratio“ für die Wahl des Kompressionsgrades. Der Begriff ‚Slope’ ist mir bisher ausschließlich bei Hoch- und Tiefpassfiltern begegnet. Nimmt man es ganz genau, dann ist der ‚Slope’-Begriff beim OneQ 2 allein schon deshalb unpassend gewählt, da mit steigendem Kompressionsverhältnis die Flankensteilheit der Kompressorkennlinie im Verhältnis zur Horizontalen abnimmt und nicht etwa zunimmt. Logisch zu Ende gedacht müsste ein „Slope“-Regler deshalb geringere Kompressionsverhältnisse bewirken, je weiter man in aufdreht. Das ist beim JoeMeek-Channelstrip jedoch nicht der Fall. Wie gesagt: Wenn man es ganz genau nimmt. Auf Funktion und Sound des Kompressors wird sich dieser Beschriftungs-Fauxpas definitiv nicht auswirken.

Die nächste Stufe der Signalbearbeitung bildet der geräteinterne Vierband-Equalizer, der vom Hersteller pfiffigerweise als „Meequalizer“ bezeichnet wird. Er ermöglicht die Anhebung/Absenkung gewählter Frequenzen um +/- 15 dB. Die Eckfrequenz des unteren Kuhschwanzfilters kann zwischen 80 und 120 Hz umgeschaltet werden, wodurch auch solches »Mulmen« nachträglich abgeschwächt werden kann, das gegebenenfalls das Hochpassfilter der Eingangsstufe unbeschadet passiert hat. Die Glockenkurvenfilter der Mittenbänder arbeiten mit einer Filtergüte von 0,9 (Bandbreite von etwa 1,6 Oktaven) und knüpfen mit ihren wählbaren Scheitelfrequenzen von 120 Hz bis 2 kHz und 600 Hz bis 10 kHz nahtlos an. Sie werden durch ein Shelf-Filter abgerundet, dessen Eckfrequenz wahlweise bei 7 oder 14 kHz liegt. So können mithilfe des „Meequalizers“ typische Frequenzbereiche bearbeitet werden, die für »Wummern«, »Wärme«, Zischlaute, Obertöne, »Glanz« und »Luftigkeit« zuständig sind.Mithilfe der Enhancer-Sektion kann dem Signal weiterhin zu einem klareren Klang und mehr Präsenz verholfen werden - dies wird durch das Hinzufügen zusätzlicher Obertöne realisiert. Per „Range“-Poti kann dabei für diese zusätzlichen Obertöne die untere Bezugsfrequenz festgelegt werden. Der Bereich ist dabei mit einer Spannweite von 800 Hz bis 16 kHz sehr großzügig angelegt. Durch Verringern der Enhancer-Güte (mittels „Q“-Regler) ist es außerdem möglich, den gewählten Frequenzbereich des Enhancers zu betonen. Das Verhältnis zwischen unbearbeitetem Signal und Obertönen wird stufenlos mithilfe des „Effect“-Reglers justiert.Die letzte Bearbeitungsmöglichkeit bietet der geräteeigene De-Esser des OneQ 2, dessen Centerfrequenz frei zwischen 2 und 10 kHz eingestellt werden kann. Sehr funktional ist auch die „Listen“-Funktion, die eine sehr exakte Justierung der Arbeitsfrequenz des De-Essers ermöglicht. Wann immer der De-Esser einsetzt, wird dies durch eine LED angezeigt.Frontseitig wird das Bild durch eine 10 dB leistende Ausgangsregelung und zwei Status-LEDs abgerundet, die zum einen das Übersteuern der Ausgangsstufe anzeigen, zum anderen auf die Synchronisation des Gerätes mit einer externen Clock hinweisen. Wie bitte? Externe Clock? Ja, tatsächlich. Was bisher nicht zur Sprache kam ist der Umstand, dass der One Q2 ein vollwertiges digitales Interface mitbringt. Dieses arbeitet wahlweise mit einer internen Samplefrequenz von 44,1 bis 96 kHz und weist mit AES/EBU-XLR-Buchse, SPDIF-Ausgang und Lichtleiterbuchse alle gängigen Anschlussmöglichkeiten zum Abgreifen des digitalen Ausgangssignals auf. Wordclock-Ein- und Ausgänge runden das (digitale) Bild anschlusstechnisch ab. Zeitgleich zum über die Preamp-Sektion eingespeisten (Mono)Signal des OneQ 2 kann ein weiteres Monosignal digital gewandelt werden, das über einen analogen Klinkeneingang auf der Geräterückseite hinzugefügt wird. Wenngleich ich mir beim besten Willen kein Aufnahmeszenario vorstellen kann, bei dem dies praktisch sinnvoll genutzt werden könnte. Aber: Was man hat, das hat man…

Ausgangsseitig kann das vom OneQ 2 bearbeitete Signal analog wahlweise im +4 dBu-Studiostandard mittels XLR-Buchse oder per Klinkenbuchse weitergegeben werden. Bei Letzterer kann per Buttonwahl außerdem der Referenzpegel des geführten Signals auf den Consumerstandard von -10 dBV verringert werden. Der OneQ 2 hat also eine ganze Menge Features an Board, denen es im nachfolgenden Praxistest auf den Zahn zu fühlen gilt.

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